Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2026

Zeitalter des Schattens

30.05.2026. Nach dem offenen Brief schießen die Theaterkritiker zurück: Legt eure Gehälter offen und verpflichtet euch zu transparenter und gerechter Entlohnung, ruft die Welt den Intendanten zu. Angesichts des Klimawandels überlegt die FAS, ob Licht, Luft und Sonne im Städtebau bald schattigen Landschaften weichen werden. Die taz lernt in Dresden den Plattenbau im Westen kennen. Die FAS weiß: In Ost und West machte man es sich in Richard Lamperts Känguruh-Stuhl bequem. Die FR atmet in Wiesbaden durch mit den farbenprächtigen Bildern von Wolfgang Hollegha. Und Welt und FAZ verabschieden die Toten Hosen.

Allerlei Halleffekte

29.05.2026. Wie steht's denn an euren Häusern mit der Frauenquote, fragen Nora Hertlein-Hull, Leiterin des Theatertreffens, und Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele, in der FAZ jene Theaterleiter, die den offenen Brief unterzeichnet haben. Deplatforming funktioniert nicht, verteidigt Milo Rau im Tagesspiegel seine Einladung von Peter Thiel zu den Wiener Festwochen. Während Nastassja Kinski seit Jahren versucht, eine kindliche Nacktszene aus einem Film von Wim Wenders entfernen zu lassen, bekommt der heute den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises, ärgert sich die SZ. Die Musikkritiker verreißen das neue Album von Paul McCartney: Kantenloses Klangverbrechen, schimpft die FAZ.

Erhebliche Bereiche des Unheimlichen

28.05.2026. Viel Blut und aufgespießte Haut konnten die Kritiker bei Florentina Holzingers "Pfingstfestspielen" auf Schloss Prinzendorf sehen: die Zeit zuckt die Achseln, die SZ ist schon beeindruckt von der "unerschütterlichen Amazonenhaftigkeit". Außerdem bestaunt die Zeit im Vitra Museum die "rasanten" Möbel des Designers Verner Panton. Das Van Magazin wird mit Gustav Mahler ins Kosmische gewuppt.

Ein theatrales Missverständnis

27.05.2026. Sonny Rollins ist tot. Die Feuilletons trauern um einen Jazzmusiker, der in seiner Musik, so die SZ, nach einer tieferen Wahrheit schürfte. Die FAZ taucht in Venedig in KI-generierte Mittelalter-Fantasien ein. Ein offener Brief gegen die Aussetzung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen ist im Umlauf - die nachtkritik ist skeptisch. Der Tagesspiegel feiert das Frühlingslicht im Berliner Hauptbahnhof.

Miasma aus Dschungeltönen

26.05.2026. Die Filmkritik ist uneins über die Goldene Palme für Cristian Mungius Film "Fjord": Beklemmend gut, findet die SZ, zu konservativ, meint die FR. Über den Hauptpreis für Sandra Wollners "Everytime" im Nebenwettbewerb "Un certain regard" freuen sich indes alle. Sebastian Nüblings Inszenierung von "Wunde Stadt" über den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt ist ein gelungener Versuch, Worte für Unsagbares zu finden, findet die nachtkritik. Die FAZ singt Miles Davis zum Hundertsten eine Hymne. Der Guardian tanzt in Margate durch die psychedelischen karibischen Landschaften von Hulda Guzman.

Ekstase, ist es das?

23.05.2026. Quo vadis, Kunst? Die Filmindustrie versucht sich auf die Verheißungen und Drohungen durch KI vorzubereiten, nimmt die Welt aus Cannes mit. Die FAS hört die Zukunft der Musik: Phonk, modulare Reizeinheiten für möglichst viele digitale Situationen. Die Welt bestaunt in der Londoner Zurbaran-Ausstellung ein Wunderwerk der Inwendigkeit. Die Theaterkritiker feiern im Hamburger Schauspielhaus das Stück der Stunde: Erich Kästners Weimarroman "Fabian", in der Adaption von Dušan David Pařízek.

Privat, ungeschützt, posenlos

22.05.2026. Emmanuel Marres Film "Notre Salut" über einen Opportunisten in der Vichy-Zeit hätte die Goldene Palme verdient, meint critic.de: Nur leider ist er nicht konsensfähig genug. Die taz findet in Dortmund Momente der Schönheit im Müll. Im VAN-Interview hofft die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, dass ukrainische Musik irgendwann ins Standardrepertoire deutscher Orchester gelangt. Und die FAZ beglückwünscht Norbert Gstrein zum Siegfried-Lenz-Preis, wünscht ihm aber andere Deuter.

Isoliert im eigenen Kopf

21.05.2026. Mit Andrei Swjaginzews "Minotaur" könnte ausgerechnet der Film eines Russen über den Ukraine-Krieg die Goldene Palme gewinnen, wundert sich der Tagesspiegel. Die FR sucht indes vergeblich Meisterwerke in Cannes. Die SZ huldigt in Warschau der Malerin und Frauenrechtlerin Maria Jarema, die in kubistischen Werken die Massenmorde der deutschen Besatzer verarbeitete. Darf Literatur auf KI zurückgreifen? Ja, denn wo ist der Unterschied zur Google-Recherche, fragt die Zeit. Außerdem applaudiert die Zeit dem Theater Magdeburg, das mit bis zu 90 Prozent Auslastung der AfD trotzt.

Endlose Anmut

20.05.2026. Die Filmkritik ist weiterhin aus dem Häuschen über Sandra Wollners Cannes-Film "Everytime": critic.de erklärt den Film bereits jetzt zum Meisterwerk des Festivals. Die Welt träumt dank AFF Architekten von brutalistischen Schulen. In Venedig tut die russische Kunst derzeit friedfertig, so monopol, in St. Petersburg dagegen feuert eine martialische Propagandaaustellung aus allen Rohren. Olga Tokarcuk erklärt der polnischen Website My Company, weshalb sie KI für ein nützliches Tool beim Schreiben hält. 

Das ist mindestens Futur II

19.05.2026. Zwischenbilanz in Cannes: Als Kritikerliebling lässt sich Ryusuke Hamaguchis "All of a Sudden" ausmachen, der dem Filmdienst nicht nur dank Fußmassagen-Orgien Glücksgefühle beschert. Sandra Wollners Trauer-Drama "Everytime" mit Birgit Minichmayr hätte im Wettbewerb laufen sollen, findet der Standard. Die taz findet beim Kunstfestival "Various others" in München Exiquisites, Queeres und "Subversion in zartrosé-greigem Pastell". Singen und tanzen reicht nicht als Qualifikation, ruft die FAZ verzweifelt angesichts der deutschen ESC-Kandidaten der letzten Jahre. 

Erfreulich lustig und sinnlos

18.05.2026. Erfreulich sinnlos ist der bulgarische ESC-Song "Bangaranga" der bulgarischen Sängerin Darina Yotova, freuen sich die Kritiker. Und selbst die Israelfreunde sind irgendwie froh, dass Israel nur auf den zweiten Platz kam. Die Kritiker genießen auch Olga Neuwirths Liquid-Gender-Veroperung von Virginia Woolfs "Orlando" in Berlin. Auf der Croisette ist die FR beeindruckt von László Nemes' Film über den Résistance-Chef Jean Moulin, den er noch auf klassischem Filmmaterial gedreht hat. Der Perlentaucher stellt die französische Autorin Catherine Guérard vor.

Menschliche Kopiermaschine

16.05.2026. Die Filmkritiker folgen Kôji Fukada in Cannes angetan in einen kleinen Ort an der japanischen Westküste. In der FAZ wehrt sich Steffen Martus gegen Maxim Billers Vorwürfe, dass in seiner Literaturgeschichte kaum jüdische Autoren vorkämen. Selbst das Schillern von frisch Erbrochenem in der Sonne kann verzaubern, wenn Marc Brandenburg zeichnet, staunt die SZ in der Berlinischen Galerie. In der nachtkritik verrät der designierte Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal, wie er dort künftig über das Ende der Demokratie nachdenken wird. In Wien schätzt man es ganz und gar nicht, wenn Ersan Mondtag aus Bizets indigenen Perlentauchern zeitgenössische Textilarbeiter macht, weiß die nachtkritik außerdem. 

Entspannt Richtung Abgrund

15.05.2026. In Cannes lief der stark erwartete Film "L'Abandon", der die Geschichte Samuel Patys erzählt - mit großer Genauigkeit, so Franceinfo. Die Filmkritiker applaudieren außerdem Paweł Pawlikowski, der die Manns durchs kriegszerstörte Deutschland reisen lässt. Die taz erklärt der propalästinensischen Protestszene nochmal den Unterschied zwischen der Teilnahme Israels und Russlands beim Eurovision Song Contest. Die FAZ bewundert in Nürnberg einmal mehr, wie Olaf Metzel Gewaltgeschichte in starke Formen verwandelt. Der Standard verabschiedet mit Valie Export eine Ikone der feministischen Avantgarde.

Im Grunde ist egal, was passiert

13.05.2026. Viele große Namen in Cannes - aber der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele, Pierre Salvadoris "La Vénus électrique" ist eine Pleite, findet die Zeit. Die stürzt sich außerdem mit dem neuen Ikkimel-Album "Poppstar" mit Volldampf in die Fotzenrap-Debatte. Die SZ verteidigt Maxim Biller nach dessen Zeit-Polemik: der Literaturwissenschaftler Steffen Martus habe tatsächlich einen blinden Fleck, wenn es um Texte jüdischer Autoren geht. Çağla Ilk, die neue Intendantin des Gorki-Theaters, stellt ihr Programm vor - viel Kunst, wenig klassische Bühnenstücke, lernt der Tagesspiegel

Wer lächelt überhaupt noch, zumal auf Deutsch?

12.05.2026. Die Linke lehnt jede Debatte über Islam und Islamismus ab, um ihre Wähler nicht zu verprellen, ärgert sich Boualem Sansal in der taz. Die Filmkritiker blicken aufgeregt auf die Filmfestspiele in Cannes, wo sich die Crème de la Crème des internationalen Autorenkinos versammelt, aber Netflix weiterhin ausgeschlossen bleibt. Die SZ verliert sich in Duisburg in der konkreten Leere von Anish Kapoor. Merz steht für "Kommerz, Schmerz, ausmerzen" lernt die NZZ von Kurt Schwitters in Bern. Die SZ begegnet außerdem dem Geist von Hildegard Knef im neuen Song von Sophia Kennedy.

Nicht ganz Herr in diesem Haus

11.05.2026. Die Kritiker reiben sich nach dem Aufwachen aus Sebastian Hartmanns Inszenierung von Wolfram Lotz' "Träume in Europa" verwirrt die Augen. Laibach stellt mit dem neuen Album "Musick" drängende Fragen, was KI-Musik angeht, findet die SZ. Der Tagesspiegel nimmt im Haus am Lützowplatz Anteil am Schicksal der jüdischen Mutter der Künstlerin Barbara Loftus. Annemarie Jacirs Film "Palästina 36" ist ziemlich geschichtsrevisionistisch, findet der Tagesspiegel. Joe Laschet wünscht sich in der NZZ mehr Stil im Bundestag.

Barfuß über splitternde Flaschen

09.05.2026. Die taz ist verblüfft über den Zynismus, der in den Biennale-Pavillons von USA und Russland vorherrscht: "They don't give a shit". Critic.de verliebt sich bei der Valerio Zurlini-Retrospektive im Kino Arsenal in Berlin nochmal frisch in Alain Delon. Die Nachtkritik trifft in Calixto Bieitos Inszenierung von Benjamín Labatuts Stück "Maniac" die Frauen um den Mathematiker John von Neumann, der die Atombombe mitentwickelte. Ein neuer Schlingensief ist Milo Rau leider nicht, konstatiert backstage classical

Das System hat kein Außerhalb mehr

08.05.2026. Die Gewinnerin der Biennale in Venedig dürfte bereits feststehen, glaubt die SZ, nachdem Florentina Holzinger den österreichischen Pavillon mit Urin geflutet hat. Die Welt schaut sich lieber abseits der Biennale die gigantischen Zeichnungen goldener Helden an, die Georg Baselitz im Angesicht des Todes schuf. Artechock erinnert sich dank Lana Dahars Essayfilm "Do You Love Me?" an den Libanon der Vergangenheit. Die FAZ blickt entsetzt auf die Liste der progressiven Gebäude, die Trump am liebsten abreißen würde. 

Verflüchtigung des Alltäglichsten

07.05.2026. Die Zeit atmet auf: Zumindest künstlerisch wird bei der Biennale in Venedig auf Aktivismus verzichtet, dafür gibt's viel Busen. Und endlich spielt auch die DDR im deutschen Pavillon eine Rolle, freuen sich SZ und Welt. In der taz entdeckt die Literaturwissenschaftlerin Franziska Haug Spuren von Queerness in der Literatur der DDR. Geradezu infam findet es der Tagesspiegel, wenn James Vanderbilt in seinem Film "Nürnberg" versucht, die Nazis auf einer ganz menschlichen Ebene zu verstehen. Die taz sieht hier hingegen Hannah Arendts Gedanken ins Bild gesetzt. Und die SZ erinnert: Mode muss nicht praktisch sein.

Allein mit meinem Team

06.05.2026. Die Venedig-Biennale steht vor der Tür, mit russischer Beteiligung - am Ende könnte Wladimir Putin der große Gewinner sein, fürchtet die FAZ. Der israelische Künstler Belu-Simion Fainaru erzählt im Welt-Interview, wie er und sein Team von den anderen Künstlern geschnitten werden.  Ebenfalls die FAZ schwärmt von Igor Zelićs geheimnisvollen Film "Opera", der auf den Kurzfilmtagen Oberhausen gleich mehrere Preise abräumte. Der Tagesspiegel lässt sich in Berlin von einem Konzert des Pianisten Grigory Sokolov verzaubern.

Am Kind vorbei ins Nichts

05.05.2026. Die FAZ und Hollywood rufen durch den Ausschluss von digital generierten Schauspielern und Drehbüchern bei den Oscars zum Kampf gegen KI auf. Die taz bewundert in Aschaffenburg eine aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw gerettete Madonna. BR Klassik deckt geheime Absprachen hinter der umstrittenen GEMA-Reform auf. Die Welt erfreut sich an Evgeny Titovs blutiger und französischer Adaption der Donizetti-Oper "Lucia di Lammermoor" in Paris. 

Die Beschwernisse des Körpers

04.05.2026. Die NZZ wandert auf dem schmalen Grad zwischen Aufklärung, Voyeurismus und Machtfragen, wenn es um die Darstellung von Sexarbeit in Filmen geht. Die FAZ fürchtet, dass es mit der anstehenden GEMA-Reform ungemütlich wird für E-Musik. Absolute Ekstase erleben die Kritiker beim Rosalía-Konzert in Berlin. Die FAZ vertieft sich in Anne Truitts monochrome Bilder und langweilt sich in Philippe Quesnes "Spooky Paradise". Das Berliner Theatertreffen geht los und die Welt ist schon mal überzeugt von der Eröffnungsrede des Intendanten Matthias Pees.

Es beginnt eine gedankliche Autolyse

02.05.2026. Die Jury der Biennale von Venedig ist zurückgetreten, FAZ und Welt weinen ihr keine Träne nach. In der FAS, die einen Biennale-Schwerpunkt hat, erzählt Florentina Holzinger, was sie für den österreichischen Pavillon geplant hat. Wenig originell findet die Welt James Vanderbilts Film "Nürnberg", aber Russell Crowe als Hermann Göring ist toll. Die SZ feiert den Schauspieler Thomas Schmauser, der beim Theatertreffen als explosiver Mephisto bewundert werden kann. Welt und taz unterhalten sich mit dem Regisseur Sebastian Hartmann, der mit gleich zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen wurde.