Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
April 2026
30.04.2026. Viel Wirbel um die Biennale in Venedig: Die SZ sichtet geleakte Mails, die zeigen, wie lange Russlands Teilnahme schon geplant wurde. Die FAZ ärgert sich, dass die Jury Künstler in Sippenhaft für ihre Regierungschefs nimmt. Und auf ZeitOnline fragt der rumänisch-jüdische Künstler Belu-Simion Fainaru: Was ist eigentlich mit China, Saudi-Arabien oder Iran? Die NZZ blickt aufgeregt auf die literarischen Entdeckungen aus Tschechien, die die Frankfurter Buchmesse präsentieren wird. Der Guardian vergisst in der großen Zurbarán-Schau in London die Grenze zwischen Bild und Betrachter. Und der Perlentaucher bewundert die Archaik der Bilder in Markus Schreiners "Rose".
29.04.2026. In Leipzig wird der Opernkomponist Albert Lortzing wiederentdeckt - seine "Regina" feiert die FAZ als eine veritable Volksoper. Ebenfalls in der FAZ wirft die Schriftstellerin Angela Steidele dem Regisseur Markus Schleinzer vor, mit seinem auf der Berlinale gefeierten Film "Rose" Geschichtsfälschung zu betreiben. Aktivismustheater à la Correctiv verträgt sich schlecht mit dem Hochsubventionsbetrieb aktueller Bühnenkunst, findet die Welt. KI wird nicht nur Popmusik, sondern auch deren Rezeption verändern, vermutet die NZZ. In Frankreich reißen die Diskussionen um Boualem Sansal nicht ab.
28.04.2026. Die Jury in Venedig verkündet, weder Israel noch Russland zu berücksichtigen: Die Welt ärgert sich, dass sich ein ästhetisches Urteilsgremium zum politischen Akteur aufschwingt. Die FR bewundert in Aschaffenburg die geretteten Schätze des Kiewer Khanenko Museums. Junge Autorinnen haben es auf dem Buchmarkt heute leichter als ältere Männer, glaubt der Freitag. Im Tagesspiegel erzählt Kent Nagano, wie er in Leonard Bernsteins selten gespieltem Ballett "The Dybbuk" die Dämonen tanzen lässt. Und die FAZ staunt in Aachen, wie gut Ingeborg Bachmanns "Malina" auf der Bühne funktioniert.
27.04.2026. Johan Simons bringt am Schauspielhaus Bochum Wassili Grossmans großen Roman "Leben und Schicksal" auf die Bühne - die Kritiker sind beeindruckt und mitgerissen. Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch passen gut zusammen, staunt die taz im Dresdner Albertinum. Bei der deutschen Erstaufführung von Beat Furrers neuem Klavierkonzert erlebt die FAZ Musik als "Kraftakt". Die NZZ setzt sich mit dem Hype um das kanadische Mikrotonal-Musik-Duo Angine de Poitrine auseinander. Und deutsche Medien haben kaum beachtet, dass Kamel Daoud vom algerischen Regime in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.
25.04.2026. Mateja Koležnik schickt die "Drei Schwestern" mit einer Handvoll Soldaten am BE in einen Bunker, während oben der Krieg vorbereitet wird: So gegenwartsdurchlässig klang Tschechow schon lange nicht mehr, ruft der Tagesspiegel. In der FAS erklärt der pritzkerpreisgekrönte burkinische Architekt Francis Kéré, was afrikanische Architektur auszeichnet. Die Welt lauscht beim Literaturfestival "Litglow" dem erstaunlich kontrollierten Hildesheim-Sound. Die SZ staunt, wie gut Ringo Starr singen kann. Der Tagesspiegel feiert Herbert Blomstedt, der mit 98 Jahren einen hinreißenden Bruckner dirigierte.
24.04.2026. Die FR bewundert in Frankfurt die Werke von Fritz Scholder, der schon in den Sechzigern mit seinen Bilder von Indigenen aneckte. Wer zum Boykott von Literatur aufruft, schadet in allererster Linie der Kunst, ruft Etgar Keret in der SZ. Löst die Trennung von E- und U-Musik auf, rät der Filmkomponist Anselm Kreuzer auf Backstage Classical. Die NZZ ist genervt vom immer gleichen Haltungstheater gegen rechts, der Guardian von einer Turnerpreis-Liste mit den immer gleichen Positionen. Und die FAZ findet es geschmacklos, Frida-Kahlo-Wellness-Wohneinheiten für 1,6 Millionen Dollar anzubieten.
23.04.2026. Le Point kann es nicht fassen: Kamel Daoud wurde vom algerischen Regime zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er es wagte, über das Schwarze Jahrzehnt zu sprechen, während tausende Terroristen durch das gleiche Gesetz freigesprochen wurden. Nach Orbans Abwahl setzen sich Ungarns Filmemacher für eine neue Ära ein, die wieder unabhängige Gremien über die Filmförderung entscheiden lässt. Los Angeles mausert sich zur neuen Kunstmetropole, staunt die Zeit. Die FAZ bewundert den Neubau V&A East Museums, der nach Röntgenaufnahmen von Balenciaga-Kleidern entworfen wurde. Und die Welt lernt Bernini als Erfinder des barocken Rom kennen.
22.04.2026. Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic "Michael" beschäftigt die Feuilletons. Dass der Film das Leben des Stars als Heiligenvita erzählt und die Missbrauchsvorwürfe ausspart, gefällt der FAZ gar nicht. Laut SZ ist "Michael" obendrein zum Einschlafen langweilig. Einhellige Zustimmung findet hingegen eine Berliner Ausstellung zu Bauhaus-Fotografinnen, der Tagesspiegel zeichnet nach, wie die Künstlerinnen um ihre Bildrechte kämpfen mussten. Die nachtkritik setzt mit Blick auf Marta Górnickas "Kassandra" zu einer Wutrede wider banal aktivistisches Theater an.
21.04.2026. Die taz stellt den kurdisch-stämmigen Modedesigner Sezgin Kivrim vor, der mit der kurdischen Flagge auf einem Pulli einen Shitstorm ausgelöst hat. Die FAZ wandert durch die poststrukturalistisch angelegten Ausstellungsräume der neuen David Geffen Galleries in LA und überlegt, was Elitismus ist. Monopol feiert in Baden-Baden die so unheimliche wie schöne Kunst von Katharina Wulff. Die NZZ wirft jungen Schriftstellerinnen wie Sally Rooney und Caroline Wahl vor, nur sozialverträglich aufmüpfig zu sein.
20.04.2026. Das Gorki-Theater verabschiedet sich von Shermin Langhoff - die Kritiker sehen mit Marta Górnickas "Kassandra" ein Deutschland anklagendes, aber rauschhaftes Stück. Die FAZ pilgert in das von Christoph Mäckler entworfene Terminal 3 des Frankfurter Flughafens. Der Verbrecher Verlag beklagt im Freitag die Masse an antisemitischen Kommentaren, mit denen er sich in sozialen Medien herumschlägt. Warum wollen wir gerade jetzt Filme über den Iran sehen und aus welchem Blickwinkel, fragt der Filmdienst. Regisseur Markus Schleinzer wünscht sich in dem Standard Erlösung im Zwischenmenschlichen und nicht auf der Leinwand.
18.04.2026. Die NZZ feiert in Zürich die Wiederentdeckung der Künstlerin Marisol, die die indigene Schnitzkunst in die Pop-Art brachte. Außerdem porträtiert die NZZ bei ihrem Rundgang über die Diriyah-Biennale saudische Künstler, die sich nicht einschüchtern lassen. Die FAS wird sich nach einer Ausstellung in München beim Friseur künftig vorm Zähneziehen fürchten. Die SZ träumt nach dem Besuch der Mailänder Designwoche vom Leben im Eames House. Der große Teil der Literaturkritik verzichtet aufs Verreißen, weil der ein oder andere Kritiker bereits einen Buchvertrag unterzeichnet hat, glaubt die taz. Und der Perlentaucher erinnert mit Tete Loepers Roman "Shut up and hide!" an den Genozid an den Tutsi in Ruanda.
17.04.2026. Die Theaterkritiker verlieren sich beim Berliner FIND-Festival mit Katie Mitchell und Maggie Nelson im Mund einer Mohnblume in Suff, Sex und Trauer. So hinreißend ist Raffael nie entzaubert worden, freut sich die Welt in einer monumentalen Ausstellung im New Yorker MET. Monopol findet Balance dank Alexander Calder in Paris. Artechock stöhnt angesichts der neofeudalen Gremien, die darüber entscheiden, dass Kunst die Bürger nicht ärgern darf. Und Boards of Canada geben ihr erstes Lebenszeichen nach 13 Jahren.
16.04.2026. Die FAZ ärgert sich, dass die Feier der Sexarbeit in der Bonner Bundeskunsthalle alle Probleme der Prostitution ausblendet. Die SZ hat lange nicht so grandioses Musiktheater gesehen wie in Tobias Kratzers Hamburger Inszenierung "Frauenliebe und -sterben". Aber darf ein männlich gelesener Regisseur überhaupt den Feminismus ins Musiktheater tragen, fragt die nachtkritik. Außerdem feiert die SZ Michel Houellebecq als Nachtwächter der europäischen Kultur. Die NZZ staunt in Anna Rollers gleichnamiger Verfilmung, wie schnell Leif Randts Roman "Allegro Pastell" aus der Zeit gefallen ist.
15.04.2026. Sind spanische Literaturpreise zu hoch dotiert? Nein, eher deutsche zu niedrig, findet die SZ. Moses Pelham darf - wahrscheinlich - Kraftwerk samplen, entscheidet der Europäische Gerichtshof. Der Tagesspiegel glaubt allerdings, dass die Entscheidung künftig die Kunstfreiheit eher einschränken wird. Die FAZ schlägt Alarm: Das Chemnitzer Bühnenkulturangebot könnte bald halbiert werden, wenn es nach der örtlichen SPD geht. Ebenfalls die FAZ ist ergriffen von Lee Millers Buchenwald-Fotografien, die zur Zeit in Weimar ausgestellt werden.
14.04.2026. FAZ und FR erleben in Andrea Breths Inszenierung der Puccini-Oper "Turandot" den Alptraum eines zeitlosen totalitären Regimes. Monopol erfährt vom polnischen Künstlerduo Bogna Burska und Daniel Kotowski, die den diesjährigen Biennale-Pavillon gestalten, wie Gebärdensprache und Walgesänge zusammenhängen. Die taz sieht bei einer Retrospektive der Filme von Hara Kazuo verstörende Bilder von japanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Die Welt freut sich über eine angenehm prunklose Performance von Justin Bieber beim Coachella-Festival.
13.04.2026. Franz Schrekers Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" begeistert die Kritiker in Halle. Outlook India trauert um die Sängerin Asha Bhosle, die große Stimme Bollywoods. Die SZ fragt sich, wie es mit der Sammlung Bührle weitergehen soll. Die FAZ wirft einen Blick auf den schon über zwanzig Jahre dauernden Kritiker-Streit zwischen Elke Heidenreich und Denis Scheck. Die Rolling Stones haben eine neue Single rausgebracht - aber nur auf Vinyl und unter dem Alias The Cockroaches, melden die Kritiker.
11.04.2026. In der taz ist Feridun Zaimoglu total genervt von den deutschen Supertürken. Was wird denn jetzt aus dem Haus von Jürgen Habermas am Starnberger See, fragt die SZ und hat auch eine Idee. Außerdem amüsiert sie sich königlich bei den Proben zu Beth Steels Hochzeits-Familiendrama "Wenn die Sterne fallen" am Theater Osnabrück. In der FAZ erzählt B. K. Tragelehn, warum er Anfang der Neunziger aufgehört hat zu inszenieren: Zu viel Ironie. Details sind die Primzahlen der Prosa, verkündet Michael Maar in der FAZ, und die kann KI nicht.
10.04.2026. Die Feuilletons trauern um Mario Adorf, die "Seele und das Herz" des deutschen Films, wie die FR schreibt. ZeitOnline hofft, dass durch den New Yorker Verleger Edwin Frank Hans Erich Nossacks Novelle "Der Untergang" aus dem Jahre 1948 in den deutschen Kanon gelangt. Hyperallergic freut sich indes für die Amerikaner, dass sie jetzt auch Gabriele Münter kennenlernen dürfen. Monopol lässt sich von nichts abhalten, gut gelaunt über die Diriyah-Biennale in Riad zu flanieren. Und die FAZ kann nur müde lächeln, wenn Norman Foster Queen Elisabeth II Biodiversität widerspiegeln lässt.
09.04.2026. Die taz lernt in Remagen den politischen Günther Uecker kennen, der die Menschenrechtserklärung nach China schmuggelte. Die SZ verschmilzt in Mannheim mit Kaari Upson in Hugh Hefners Playgirlgrotte. ZeitOnline listet die Künstler auf, die die Begleitmusik zum Antisemitismus in Großbritannien liefern. Die FAZ fragt, was Boualem Sansal wohl bewogen hat, von Gallimard ausgerechnet in den Verlag des extrem rechten Medienmoguls Vincent Bolloré zu wechseln. Und der Perlentaucher erlebt mit Barbara Loden die Enttäuschung der Feministinnen der Siebzigerjahre.
08.04.2026. Karin Bergmann wird neue Intendantin der Salzburger Festspiele - eine Posse, meint die Welt: ihr Vorgänger wurde gefeuert, weil er sich für sie stark machte. Die FAZ bejubelt derweil die fluffigen Klänge einer Rameau-Barockoper, die in Genf aufgeführt wird. Weit mehr als nur Postkartenbilder liefert "Pompeji: Unter den Wolken", ein per Streaming verfügbarer politischer Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi, freut sich die taz.
07.04.2026. Die brutale Gegenwart in Israel seit dem 7. Oktober erlebt die FAZ beim Theaterfestival "Isradrama", bei dem Deutschland als einziger Gast aus Westeuropa anreiste. Die NZZ bewundert in Paris die strahlenden Algen, die Henri Matisse in seinem zweiten Leben schuf. Wann hat Popmusik eigentlich zuletzt provoziert, fragt sich die Welt. Im Perlentaucher erinnert sich Angela Schader mit Devika Reges' Debütroman an ein Indien vor Narendra Modi. Dank einer leuchtenden Siri Hustvedt in Sabine Lidls Porträtfilm vergessen FAZ und Standard kurz die hässliche amerikanische Gegenwart.
04.04.2026. Die FAS fragt sich, ob Olivier Assayas' Verfilmung von Giuliano da Empolis Roman "Der Magier im Kreml" Propaganda für Russland machen will. Viel Spaß haben die Feuilletons, wenn Lars Eidinger in Molières "Der Geizige" an der Berliner Schaubühne als deutscher Boomer im Autohaus auftritt. Die taz blickt andächtig auf kleine Rothkos in Florentiner Mönchszellen. Und in der NZZ rechnet Apples Ex-Designer, der Schwarzwälder Hartmut Esslinger, mit Apple ab. Und der Perlentaucher wünscht Frohe Ostern!
02.04.2026. Die taz hofft mit den mutigen russischen Medienmacherinnen aus Julia Loktevs Doku "My Undesirable Friends: Part I" auf ein neues Jahr ohne Putin. Die FAZ schwebt auf Twyla Tharps Tanzstück "In the Upper Room" davon. KI-generierte Musik ist für das menschliche Ohr nicht mehr von echter zu unterscheiden, erfährt die FAZ von Deezer-CEO Alexis Lanternier. Die taz lernt außerdem, wie gefährlich Punks in Manila leben.
01.04.2026. Donald Trump präsentiert Entwürfe für seinen neuen Ballsaal und die SZ mokiert sich über Treppen, die ins Nichts führen. Lustvoll plattwalzen lässt sich die Welt von Raphael Pichons majestätischer neuer "Johannespassion"-Einspielung. Die Zeit tanzt in Carla Simóns Film "Romería - Das Tagebuch meiner Mutter" mit Geistern. Die FAZ begegnet in Apolda den märchenhaften Aktfotografien Günter Rösslers. critic.de bejubelt Barbara Lodens unter die Haut gehenden Klassiker "Wanda", der erstmals in die deutschen Kinos kommt.