9punkt - Die Debattenrundschau

Die krassesten Ausdrücke des Volkszorns

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2019. In der SZ spricht der Historiker Jean-Noël Jeanneney über die Geschichte des Hasses in der Demokratie. Nick Cohen fragt sich in seiner Observer-Kolumne, ob der britische Common Sense noch richtig tickt. In der Jungle World sieht der Soziologie David Hirsh die Demokratie im Klammergriff von Links- und Rechtspopulisten. Die taz fragt, wozu Jens Spahn einen 5-Millionen-Euro-Bericht über psychische Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen braucht. Der Houston Chronicle bringt eine riesige Recherche über sexuellen Missbrauch bei den Southern Baptists.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2019 finden Sie hier

Europa

Im SZ-Interview mit Joseph Hanimann spricht der Historiker Jean-Noël Jeanneney über Frankreichs Bauernaufstände, die "Verwegenheit des jungen Präsidenten" und das große Theater des Hasses: "Der Hass gehört leider zur Demokratie, jedenfalls in Frankreich. In dem Moment, wo die Macht aufs Volk übergeht und dieses sich in seinen Delegierten wiedererkennen muss, beginnen Streit und Anwandlungen zum Hass. Auch hier drängt sich die Französische Revolution als Beispiel auf. In den Wutblättern des 'Père Duchesne' wetteiferten die Autoren um die krassesten Ausdrücke des Volkszorns. Nicht weniger hasserfüllt war bei der Revolution von 1848 der Blick des Bürgertums aufs Volk. Und während der Pariser Commune 1871 stachen die Bourgeois den Aufständischen mit ihren Regenschirmen die Augen aus."

Funktioniert der berühmte britische "Common Sense" noch, der so viele Bewunderer in der ganzen Welt hat? Nick Cohen zweifelt in seiner Observer-Kolumne. Die seltsame Ruhe im Land erklärt er so: "Als einziges größeres Land in Europa, dem sowohl Kommunismus als auch Faschismus oder Besetzung durch die Armeen Hitlers oder Stalins erspart blieben, hat Britannien eine tief verwurzelte Neigung, eine Katastrophe für unmöglich zu halten. Wir sind immer durchgekommen, vorherige Alarmrufe haben sich als falsch erwiesen - so lauten die Ausreden eines Landes, das noch lernen muss, dass man nicht aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen kann."

Dies ist nicht der Moment, sich auf die Seite irgendwelcher Merkel- oder Macron-Hasser zu stellen, und zwar weder rechter, noch linker, schreibt der Soziologe David Hirsh in der Jungle World: "In Großbritannien gibt es derzeit zwei Lager, die sich zu großen Bewegungen entwickeln könnten: Auf der Seite der Linkspopulisten gibt es Menschen, die der Ansicht sind, dass zwischen 'uns' und dem 'Sozialismus' der Zionismus und seine jüdischen Anhänger stünden. Auf der rechtspopulistischen Seite ist man der Ansicht, dass zwischen 'uns' und dem schönen Leben nach dem 'Brexit' diejenigen stünden, die 'den Willen des Volks' verraten werden: die Stadtbewohner, die Gebildeten, die 'Eliten'."
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Stichwörter: Brexit, Frankreich, Populismus

Gesellschaft

Gesundheitsminister Jens Spahn soll offenbar 5 Millionen Euro für eine Studie über psychische Folgen von Abtreibungen bekommen. Der Begriff des "Post-Abortion-Syndrom" wurde von der Anti-Choice-Bewegung geprägt,schreibt Patricia Hecht in der taz: "Es wird behauptet, dass Frauen von Abtreibungen krank werden, etwa schwere Depressionen bekommen. Dies sei wissenschaftlich durch mehrere Studien widerlegt, hatte die Sozialwissenschaftlerin Kirsten Achtelik kürzlich erwidert. So legte etwa die Universität von Kalifornien 2015 eine Studie vor, in der knapp 700 Frauen über einen Zeitraum von drei Jahren zur Frage interviewt wurden, ob die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch richtig war. Mehr als 95 Prozent von ihnen seien laut Studie auch drei Jahre nach dem Abbruch noch erleichtert darüber und sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben." Dinah Riese berichtet außerdem, dass einige SPD-geführt Länder den Paragraf 219a doch noch kippen wollen. Und Patricia Hecht ergänzt, dass sich der christlich-fundamentalistische "World Congress of Families" demnächst unter Schirmherrschaft der italienischen Regierung in Verona trifft.

Sexueller Missbrauch ist keine katholische Spezialität . Der Houston Chronicle bringt eine häufig retweetete Riesenrecherche über Missbrauch bei den Baptisten in den amerikanischen Südstaaten, Hunderte von Fällen, natürlich. Und das sind nur die Gerichtskundigen: "Insgesamt sind seit 1998 etwa 380 Southern-Baptist-Kirchenführer und Freiwillige mit Vorwürfen wegen sexuellen Fehlverhaltens konfrontiert worden, so die Zeitungen. Dazu gehören diejenigen, die verurteilt, glaubwürdig beschuldigt und erfolgreich verklagt wurden, sowie diejenigen, die gestanden haben oder zurückgetreten sind. Mehr von ihnen arbeiteten in Texas als in jedem anderen Staat. Sie haben mehr als 700 Opfer, viele von ihnen von ihren Kirchen gemieden, sich selbst überlassen, um ihr Leben wieder aufzubauen. Einige wurden aufgefordert, ihren Tätern zu vergeben oder Abtreibungen vorzunehmen."

Der Historiker Gerd Schwerhoff erinnert in der FAZ an den Mordaufruf des Ayatollah Chomeini gegen Salman Rushdie, der vor dreißig Jahren die westliche Welt schockierte. Sein Artikel gerät ihm unter der Hand allerdings zur akademischen Abhandlung über die Frage, welche Rolle Blasphemie in der westlichen Kultur gespielt habe: "Im Streit zwischen den christlichen Konfessionen und Glaubensrichtungen, insbesondere seit der Reformation, war der Vorwurf der Blasphemie allerdings eine gängige Münze zur Stigmatisierung des Gegners. Die eigenen Schmähungen ihm gegenüber empfand man umgekehrt als vollkommen legitim. Dass radikale Skeptiker als Gotteslästerer verfolgt wurden, trifft zu, ist aber nur ein Ausschnitt aus diesem komplexeren Ganzen."
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Medien

In Wired lässt sich auch Antonio García Martínez den Optimismus nicht nehmen, auch wenn jetzt selbst die digitale Avantgarde - BuzzFeed, Vice, die Huffington Post- ihre Mitarbeiter entlässt. Der Journalismus stirbt nicht, sondern kehrt zu seinen Wurzeln zurück! "Wenn man heute Twitter, die Blogosphäre und parteiliche  Seiten wie Daily Kos oder National Review den Gründervätern zeigte, würden sie sie sofort erkennen. Ein wiederauferstandener Benjamin Franklin hätte heute keinen Job bei der Washington Post, sondern einen anonymen Twitter-Account mit einer riesigen Schar von Followern, die er dazu nutzen würde, seine politische Gegner zu trollen."

The Daily Beast lässt aus der Affäre um Jeff Bezos die Luft raus: Der Bruder von Bezos Geliebter hat dem National Enquirer anzügliche Mails des Paares geliefert. Der Mann arbeitet für Trump.
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