9punkt - Die Debattenrundschau

Der Pfad der Autonomie

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.07.2021. Hat der Holocaust seinen Ursprung in dem Genozid an den Nama und Herero? In der New York Times ziehen die postkolonialen ForscherInnen Kavena Hambira und Miriam Gleckman-Krut eine Verbindungslinie und fordern größere Reparationen für Herero und Nama. Die Attacken auf die Journalisten Erk Acarer und Peter R. de Vries werfen Fragen zum Stand der Pressefreiheit in Europa auf. Die SZ liest mit Schrecken den "Leitfaden für wertschätzende Kommunikation der Stadt Köln".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2021 finden Sie hier

Europa

Der im Berliner Exil lebende türkische Journalist Erk Acarer, der über islamistischen Terror und Fundamentalismus sowie den Krieg in Syrien berichtet, ist in Berlin von drei Männern zusammengeschlagen worden. "Du schreibst nicht mehr", haben sie gerufen, berichtet Gareth Joswig in der taz. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir kritisiert im Gespräch mit Sabine am Orde von der taz scharf die milde Haltung der Regierung gegenüber Erdogan und verbindet sein Statement mit ein bisschen Wahlkampf: "Angesichts von Staatsverträgen mit Ditib, Milli Görüs und Co in unterschiedlichen Bundesländern, möglichen Rundfunkbeiratssitzen für Islamisten, Erdogan-TV über Kabel ohne einen einzigen Oppositionssender und einer Kuschelpolitik von Frau Merkel und Herrn Maas gegenüber Ankara kann ich die Angst nur allzu gut nachvollziehen. Die Bundestagswahl ist auch eine Entscheidung darüber, ob Erdogan hier Platz hat oder nicht. Laschet und Scholz stehen für Appeasement."

Auch in den Niederlanden wurde ein Journalist angegriffen, der Kriminalreporter Peter R. de Vries - per Schusswaffe. Das Attentat galt nicht der Pressefreiheit, meint Claudius Seidl in der FAZ, sondern indirekt einem Kronzeugen in einem Drogenprozess: "Dieser Zeuge wird zu gut beschützt, als dass ihm etwas passieren könnte. Und so kam es, dass erst sein Bruder, dann sein Anwalt erschossen wurde. Und jetzt galten die Schüsse eben Peter R. de Vries, der den Kronzeugen beraten und betreut hat in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit. Mal sehen, wie lange der Zeuge stark bleibt." Laut Seidl drohen in Europa Zustände wie in Lateinamerika, es sei denn der Kokaingebrauch werde legalisiert. In der SZ sekundiert Nicolas Richter: "Die Europäer müssen über die Macht der Rauschgifthändler diskutieren, über die Verfügbarkeit von Waffen im Netz und über die wachsenden Gefahren für all jene, die sich Verbrechern in den Weg stellen."

Europäische Aktivisten wenden sich gegen Firmen, die im belarussischen Staatsfernsehen Werbung schalten, berichtet Bernhard Clasen in der taz. "Sie haben nachgezählt: Jeder dritte der Werbespots im Staatsfernsehen kommt von Nestlé. Mit dem Geld des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns würden Sender finanziert, die Interviews mit der vom belarussischen Staat bei einer Flugzeugentführung gekidnappten Journalisten und Aktivisten Roman Protassewitsch führten. Das kritisieren mehr als fünfzig Nichtregierungsorganisationen aus 18 Ländern in einem offenen Brief an Nestlé-Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke und an Konzernchef Mark Schneider. 'Unerträglich, dass Nestlé im Umfeld erschreckender Zurschaustellung verängstigter und misshandelter Regimegegner Werbung ausstrahlt', findet Lars Bünger, Präsident der deutsch-schweizerischen Menschenrechtsorganisation Libereco, die den offenen Brief koordiniert hat." Auch viele deutsche Firmen unterhalten trotz der Sanktionen noch lukrative Beziehungen zum Lukaschenko-Regime. Clasen berichtet auch, dass Protassewitsch scheinbar frei in Minsk herumspazieren kann - so wird vorgeführt, dass eine angebliche Kooperation mit dem Regime sich für Dissidenten lohne.
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Ideen

Hat der Holocaust seinen Ursprung in dem Genozid an den Nama und Herero? In der New York Times fordern die postkolonialen ForscherInnen Kavena Hambira und Miriam Gleckman-Krut, dass Deutschland weit mehr Reparationen an die Nachfahren der Opfer leistet als bisher vorgesehen. Die beiden qualifizieren sich dabei selbst als Angehörige von Opfer-Communitys: "Einer von uns, Kavena Hambira, ist ein Nachkomme von Herero-Überlebenden, während Mitglieder der jüdischen Familie von Miriam Gleckman-Krut im Holocaust getötet wurden." In ihrem gemeinsamen Artikel ziehen sie dann die Verbindungslinie, die zu den Topoi des Postkolonialismus gehört: "Rund dreißig Jahre nach dem Massaker in Deutsch-Südwestafrika ermordeten die Nazis sechs Millionen Juden. Die beiden Völkermorde sind verbunden. Denn im südlichen Afrika leistete Eugen Fischer, später ein prominenter Nazi-Eugeniker, Pionierarbeit für die Pseudowissenschaft der 'Rassenhygiene', mit der die Deutschen das Abschlachten von Menschen rechtfertigten, die sie als Störfaktor für ihren Lebensraum ansahen - zuerst die Herero und Nama, später die Juden."

Der Streit um "Critical Race Theory" ist inzwischen zur Hauptfront in den amerikanischen Kulturkriegen geworden, notiert der Publizist Matt Taibi in einem Substack-Artikel, der zum großen Teil online steht. 24 republikanische Bundesstaaten erlassen geschichtspolitische Gesetze gegen "CRT", ohne recht zu verstehen, was diese akademische Theorie über "strukturellen" Rassismus eigentlich besagt. Die Linke antworte einfach mit einem Schulterzucken und behaupte, die Republikaner wollten schlicht die Wahrheit verbieten. "Der Krieg um die 'Critical Race Theory' ist so gesehen zu einer politischen Marketingkampagne geworden, die in ihrem Zynismus beidseitig ist. Die Demokraten tun so, als ob sie nicht wüssten, worum es bei der Aufregung überhaupt geht. Die Republikaner tun so, als gäbe es keine versteckte Absicht in ihrer Gegenkampagne. Im Zentrum des Ganzen steht die Idee selbst, die zwar existiert, aber viel weiter gefasst und sowohl interessanter als auch erschreckender ist als die bornierte Rassismustheorie, die republikanische Politiker in den maximalen Ausrastmodus versetzt."

In der FR erinnert der Historiker Heiner Roetz an Christian Wolffs China-Rede, in der der Philosoph vor 300 Jahren die Ethik des Konfuzius heranzog, um deutlich zu machen, dass Moral ohne Religion möglich sei: "Wolffs China-Rede war eine der seltenen Sternstunden einer zukunftsweisenden kosmopolitischen Philosophie. Seine Liaison mit dem Konfuzianismus hat nicht nur dazu beigetragen, die Ethik von ihrer Bevormundung durch die Theologie zu befreien, sondern auch dazu, sie auf den Pfad der Autonomie zu bringen. Dies ist eine in ihrer Bedeutung auch für China selbst gar nicht zu überschätzende Leistung. Wenn China, so schrieb der konfuzianische Philosoph Carsun Chang unter Bezug auf Wolff und Kant, den Rationalismus zu beflügeln half, der schließlich zu den großen Erklärungen der Menschenrechte führte, warum sollte es sich dann mit diesen und der Demokratie eigentlich zu Haus so schwertun?"
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Medien

Die ARD-Programmdirektorin Christine Strobl will das Auslandsmagazin "Weltspiegel" von Sonntags kurz vor acht auf Montags 23 Uhr verschieben. Im kontext-Magazin protestiert der ehemalige "Weltspiegel"-Moderator Jörg Armbruster, der nicht alles an der geplanten Reform falsch findet, aber dies schon: "Mehrmals im Jahr auf dem Platz der Politmagazine dienstags und donnerstags statt moderierter Einzelbeiträge ein investigatives Politfeature zu senden, darüber kann man zumindest diskutieren. Und nur 'Hände weg von den Magazinen'' zu fordern, ist zu wenig. Für den 'Weltspiegel' droht dieser Umbruch aber zum Abbruch zu werden, sollte er tatsächlich von Sonntagabend auf montags 22:50 Uhr verbannt werden. Das wäre ohne jeden Zweifel der schleichende Tod dieses Magazins."

In der Medienkorrespondenz ist ein offener Brief der betroffenen Redaktionen zum Thema veröffentlicht: "Die Verschiebung des seit 58 Jahren eingeübten 'Weltspiegel'-Sendeplatzes am Sonntagabend auf den Montag um 22.50 Uhr aber ist eine drastische Schwächung der Auslandsberichterstattung im Ersten."
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Stichwörter: ARD

Gesellschaft

Im SZ-Feuilleton hat Hilmar Kluthe die Nase voll von achtsamer Sprache, die er ohnehin für das Symptom einer Gesellschaft hält, "die unter ihrer watteweichen Konsenssprache einen steinharten Untergrund hat, auf dem immer neue Kulturkämpfe und identitätspolitische Landgewinnungsversuche stattfinden". Der Blick in den "Leitfaden für wertschätzende Kommunikation der Stadt Köln" gibt ihm den Rest: "Dort schlage man die Praxistipps für eine achtsame Sprache der Stadt Köln auf und findet folgende Handreichung: 'Verhindern Sie Rollenklischees und Stereotype wie beispielsweise Mutter-Kind-Parkplatz sowie Sprachbilder wie 'Not am Mann' oder 'Milchmädchenrechnung''. Es folgen als Vorschläge verkleidete Anordnungen zur inklusiven Sprache, die keine generischen Maskulina, eigentlich auch keine Feminina mehr zulässt. Ein weiteres Kapitel gibt Handreichungen im Umgang mit Behinderten, zum Beispiel, dass man blinden Menschen bitte nicht schreiben sollte: 'In der Anlage sehen Sie', sondern: 'In der Anlage finden Sie', eine Anregung, auf die man ohne Ratgeber womöglich von selbst gekommen wäre."
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Politik

Zehn Jahre nach seiner Unabhängigkeitserklärung ist die Lage im Südsudan katastrophal, und zwar sowohl hinsichtlich der Sozioökonomie als auch mit Blick auf die Korruption im Land, schreiben David Schwake und Ingo Henneberg von der Deutschen Afrika Stiftung in der Welt: "Bei der Beantwortung der Frage nach den Gründen und den Verantwortlichen für die Misere zeigen Südsudanesen und internationale Gemeinschaft mit einem gewissen Recht auf den jeweils anderen: Wir, die internationale Gemeinschaft, haben lange Zeit in die falsche Richtung geblickt und das Spaltungs- und Gewaltpotenzial der politisch instrumentalisierten ethnischen Gegensätze nicht richtig eingeschätzt. Vor allem aber hat die internationale Gemeinschaft die Eignung der früheren Befreiungsbewegung SPLM, das Land zu regieren und seinen Bürgern öffentliche Güter zur Verfügung zu stellen ebenso falsch eingeschätzt wie deren Willen zu guter Regierungsführung überschätzt. Viele in der Führungselite des Südsudan wiederum müssen sich vorwerfen lassen, sich schamlos an den Öleinnahmen des Landes bereichert - und die Versorgung der darbenden Bevölkerung zynisch den humanitären Gebern aus dem Globalen Norden überlassen zu haben."
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Stichwörter: Afrika, Südsudan

Kulturpolitik

Nach dem Besuch einer nigerianischen Delegation in Berlin diese Woche wird die Rückgabe der Benin-Bronzen konkreter, meldet der Tagesspiegel: "Auf nigerianischer Seite koordiniert der Legacy Restoration Trust die Gespräche mit Deutschland. 'Für viele Leute in der nigerianischen Delegation ist es das erste Mal, dass wir uns mit einer größeren Gruppe von Museen hier in Deutschland treffen und direkt von ihnen hören, wie sehr sie sich für die Rückgabe der Objekte einsetzen', sagte Phillip Ihenacho, Vorstandsvorsitzender des Trusts, nach den Gesprächen. Es gebe 'eine Menge Skepsis' in bestimmten Kreisen in Nigeria, ob das jemals passieren werde. 'Daher war es aus unserer Sicht großartig zu sehen, wie bereitwillig die Museen nicht nur bei der Rückgabe von Objekten sind, sondern auch bei der Zusammenarbeit nach der Rückgabe von Objekten.'"

Außerdem: Angesichts der großen Menge von Baubestand der Moderne fragt sich Dankwart Guratzsch in der Welt mit Blick in die Geschichte des Denkmalschutzes, was eigentlich denkmalschutzwürdig sei: "Noch im 19. Jahrhundert war es Praxis, nur solche Gebäude zu erhalten und zu restaurieren, denen ein 'entschiedener Kunstwert' beigemessen werden konnte."