9punkt - Die Debattenrundschau

Tiefe exegetische Abgründe

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.05.2024. Das Vorgehen des Berliner Senats gegen den Protest an der FU ist "geschichtsblind", meint der Rechtswissenschaftler Nils Jansen in der FAZ: Bei der Deutung verschiedener Geschichtsbilder gibt es kein Wahr und kein Falsch. In der Jüdischen Allgemeinen fordert Ahmad Mansour, die Leitungen der von den antiisraelischen Protesten betroffenen Universitäten müssen ihr Amt niederlegen. Ebenda wirft Mirna Funk dem deutschen Staat vor, die Juden nicht ausreichend zu schützen. In der Berliner Zeitung fragt die schwarze Queerfeministin Michaela Dudley ihre Community: Wo bleibt die Solidarität mit Israelinnen?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2024 finden Sie hier

Gesellschaft

Die Proteste an der FU findet der Rechtswissenschaftler Nils Jansen unerträglich, und doch hat er den Dozentenaufruf unterschrieben, denn das Vorgehen des Berliner Senats ist "wahrscheinlich rechtswidrig, jedenfalls aber geschichtsblind", schreibt er auf den Geisteswissenschaftenseiten der FAZ. Rechten Gruppierungen tritt der Staat mit weniger Härte gegenüber, kritisiert Jansen, der einräumt, dass zwar gegen einzelne rechtswidrige Parolen vorgegangen werden, ansonsten aber Meinungsfreiheit gewahrt bleiben muss. Denn im Gaza-Krieg prallen nun mal verschiedene Geschichtsbilder aufeinander: "Wie in der regierungsamtlichen 'Staatsräson' Erinnerungen an den Holocaust, die Proteste von 1968 und den Historikerstreit zum Ausdruck kommen, entladen sich in den Gaza-Protesten kollektive Erfahrungen von Vertreibung und Diskriminierung. Dass solche Erfahrungen Identitäten prägen, macht die Konflikte umso schmerzlicher. Historische Fakten sind beweisbar. Ihre Bewertung und politische Deutung sind es nicht. Hier gibt es kein Wahr und kein Falsch. Wo Konflikte in dieser Weise unversöhnlich werden, kommt das Recht ins Spiel. Es gewährleistet ein Zusammenleben ohne politische Verständigung; und genau deshalb gelten die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit: Da es kein Wahr und Falsch gibt, stellt das Recht sich blind gegenüber dem Gesagten."

Die Dozenten, die sich auf die Seite derer stellen, "die diese Ideologie, die in großen Teilen Antisemitismus befeuert, verbreiten", sind "Mittäter", meint indes Ahmad Mansour im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen: "'Es ist ein Kulturkampf, der überall im freien Welt gerade stattfindet. Und wir behandeln nur symptomatisch das, was auf der Haut sichtbar wird. Aber dass es hier um was ganz anderes, tiefgreifendes geht, haben die meisten nicht verstanden.' Mansour meint, die Leitungen der von den Besetzungen und antiisraelischen Protesten betroffenen Universitäten hätten seit Monaten versagt. 'Ich rufe hier dazu auf, dass sie ihr Amt einfach niederlegen und dass wir neue Strukturen schaffen, die auch bereit sind, diesen Kampf zu führen und für Ordnung zu sorgen - und dafür zu sorgen, dass sich jüdische Studenten einfach sicher fühlen an dem Campus, was im Moment nicht der Fall ist."

Sehr unzufrieden resümiert Thomas Thiel ebenfalls in der FAZ eine Hochschuldirektorenkonferenz zum Nahost-Konflikt, bei der zwar über den Umgang mit illiberalen Tendenzen an Unis diskutiert werden sollte, wesentliche Fragen aber umgangen wurden: "Wie soll die Wissenschaft darauf reagieren, dass die illiberalen Tendenzen auch aus ihren eigenen Reihen kommen, etwa in Gestalt von Hochschullehrern, die Gewaltaufrufe in Schutz nehmen oder sie, wie die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, im Internet noch mit geschmacklosen Hitlerwitzchen kommentieren? Wie kommt es, dass diese Haltung besonders in einem akademischem Milieu gedeiht, das sich in besonderer Weise dem Schutz von diskriminierten Randgruppen verschrieben hat? Warum werden bestimmte Formen des Antisemitismus in der akademischen Forschung vernachlässigt oder sogar bewusst ausgeblendet? Warum unterschreiben Wissenschaftler offene Briefe, die sich auf fragwürdige Quellen berufen? Warum müssen Klimaaktivismus und Queerness mit einer antiisraelischen Haltung einhergehen?"

Im Tagesspiegel warnt hingegen Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der HU davor, die Proteste der Studierenden pauschal als "antisemitisch" abzuurteilen. Vielmehr müsse über konkrete Strategien nachgedacht werden, wie "friedlichen Protestaktionen Raum gegeben und gleichzeitig die Latenz und Gefahr des Antisemitismus" diskutiert werden kann. Dazu gehöre aber auch "zu klären, was nicht antisemitisch ist, gerade weil fast jedes Sprechen über den Konflikt so toxisch ist und das Begriffsarchiv des außerparlamentarischen Widerstands diskreditiert wirkt. Es wäre wichtig für unsere demokratische Kultur, hier verbal abzurüsten und den Studierenden die Fähigkeit zu dieser Komplexität nicht von vorneherein abzusprechen. Dort, wo sie offensichtlich fehlt, in Agitation umschlägt und von radikalisierenden Akteuren überschattet wird oder gar eine Straftat geschieht, muss dies verfolgt werden. Parallel wäre es die Aufgabe von uns Lehrenden, die Kritikfähigkeit so zu schärfen, dass dies aus den eigenen Reihen der Studierenden erkannt und unterbunden werden kann. Das muss eine gemeinsame Aufgabe sein."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
"In zehn Jahren wird die Hälfte der Diaspora-Juden die Diaspora verlassen haben", glaubt die Schriftstellerin Mirna Funk, aktuelles Buch "Von Juden lernen", die in der Jüdischen Allgemeinen vor allem Vorwürfe gegen Deutschland erhebt: "Wir haben uns die vergangenen 70 Jahre den Mund fusselig geredet und den Deutschen Antisemitismus, den Holocaust und uns selbst erklärt. Wir haben Steuern an einen Staat gezahlt, der uns, das ist meine Überzeugung, nicht schützen wird, wenn es darauf ankommt. Und wir haben uns ein Leben aufgebaut, das radikale Linke am liebsten 'enteignen' wollen, wie es schon ihre Urgroßeltern forderten. Seit nunmehr sieben Monaten frage ich mich, ob ich will, dass meine Tochter zukünftig in der Schule als 'Zionistin' beschimpft wird oder über einen Haufen Palästinensertuch-tragender Spinner steigen muss, um in ihr Universitätsgebäude zu gelangen. In einer Welt, in der die angeblich progressiven Weltverbesserer selig und selbstsicher 'There is only one solution, Intifada Revolution' rufen, ist das Leben von Juden nicht mehr lebenswert."

Die schwarze Queerfeministin Michaela Dudley beklagt in der Berliner Zeitung die fehlende Solidarität ihrer Community mit Israelis und Israelinnen nach den Hamas-Attentaten und ruft ihre Mitstreiterinnen dazu auf, ihre ideologisch verengte Perspektive zu erweitern: "Der von Identitätspolitik fragmentierte BIPoC-Feminismus bringt es einfach nicht fertig, über den eigenen Schatten zu springen und die misogyne Gewalt gegen weiße Schwestern zu verurteilen. Auch die Black Panthers, die wutschäumend den Tod von George Floyd rächen wollten, kriegen nun die Zähne kaum auseinander, wenn es darum geht, die Behandlung des Tansaniers Joshua Mollel zu ächten. Mollel, 21, wurde am 7. Oktober durch die Hamas im Kibbuz Nahal Oz vor laufender Kamera rassistisch beschimpft, entführt und gnadenlos hingerichtet." Das Bündnis "müsste übrigens nicht auf Kosten der Anteilnahme mit den Palästinenser:innen sein. Auch wenn ich Freundin Israels bin, betreue ich seit 2018 einige queere Geflohene palästinensischer Herkunft im Ehrenamt mit. Eine Aufgabe, mit der sich die Hamas huldigenden 'Queers for Palestine' komischerweise nicht befassen."

Weitere Artikel: Petra Gehring (FAZ) resümiert und begrüßt einen Unherd-Text von Kathleen Stock, in dem sich die britische Philosophin gegen die Rhetorik von Sterbehilfe-Kampagnen positioniert. Stock kritisiert "eine umfassende Emotionalisierung" der Debatte und befürchtet: "Die Lobby für den assistierten Suizid habe bereits gewonnen, so ihre Feststellung. Früher oder später werden liberale Demokratien durchgehend diese Dienstleistung bieten."
Archiv: Gesellschaft

Politik

Wie könnte ein "Nachkriegsgaza" aussehen und gibt es realistische Pläne dafür, fragt Steffi Hentschke auf Zeit Online. Letzte Woche wurde von US-Sicherheitsexperten erstmals ein Konzept vorgestellt, so Hentschke. Es heißt darin, Gaza müsse "international verwaltet" werden, dabei käme weder Israel als Verwaltungsmacht in Frage noch die UN. Laut des Plans sollen die arabischen Länder und Golfstaaten beteiligt sein - die Situation ist allerdings kompliziert, erinnert Hentschke: "Die arabischen Staaten erhalten durch ihr Zugehen auf Israel wirtschaftliche Vorteile, aber auch Sicherheitsversprechen der USA, vor allem im Kampf gegen das iranische Regime. Gleichzeitig entfernen sie sich damit von der sogenannten palästinensischen Sache − dem Bemühen der Palästinenser um einen eigenen Staat. Die Hamas soll mit ihrem Angriff am 7. Oktober auch versucht haben, Israels aufkeimende Beziehungen, vor allem zu Saudi-Arabien, zu zerstören. Nach dem ersten direkten Angriff des Iran auf Israel im April soll Riad die Vereinigten Staaten und Israel mit Geheimdienstinformationen unterstützt haben, berichtete das Wall Street Journal. Diese Meldung bestätigten die Saudis nicht. Das zeigt, wie wenig realistisch eine schnelle und vor allem offiziell kommunizierte Lösung für den Gazastreifen ist."
Archiv: Politik
Stichwörter: Gaza, Israel Hamas, Golfstaaten

Geschichte

Bei der Munich History Lecture hatte der Historiker Norbert Frei einen Vortrag zur Erinnerungskultur in Deutschland gehalten, in dem er Claudia Roths Rahmenkonzept vorsichtig kritisierte, vor allem aber über "Angriffe" von postkolonialer Seite auf die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit sprach. In der FAZ fragt sich Patrick Bahners, wie der "vermeintliche 'Feind'" der Auseinandersetzung überhaupt gefährlich werden soll: "Bei wem stoßen postkoloniale Thesen auf Resonanz? Welche 'gesellschaftlichen Selbstverständigungsbedürfnisse', wie Frei die Energie der klassischen Geschichtsdebatten à la Walser umschrieb, finden postkolonialen Ausdruck? Betrachtet man den wissenschaftsnahen Aktivismus unter den Aspekten von Trägermilieu und Programmatik, drängt sich entgegen Freis Behauptung vom Bruch die Kontinuität zur kritischen Geschichtsarbeit der Bundesrepublik auf. Die Nachfolger der Geschichtswerkstattsgründer kümmern sich um die Umwidmung von Straßen in 'afrikanischen' Vierteln. Und wenn sie Bezüge zwischen Völkermorden in Afrika und dem Holocaust herstellen, wird die Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht abgebrochen, sondern fortgesetzt und forciert, indem die NS-Verbrechen wieder wie 1968 als Musterfälle für das strukturelle Gewaltpotential moderner Politik dienen."
Archiv: Geschichte

Ideen

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ hat der Judaist Peter Schäfer Einwände gegen Omri Boehms Buch "Radikaler Universalismus". Boehms Genesis-Redigat, in dem er Abraham das Opfer letztlich nicht vollziehen und so dem Moralgesetz folgen lasse, stehe "textkritisch auf äußerst wackeligen Füssen. Es stützt sich auf die Anwendung einer Prämisse, wonach sich aufgrund der unterschiedlichen Verwendung der Gottesnamen Elohim (meist mit 'Gott' übersetzt) und JHWH (meist mit 'der Herr' übersetzt) verschiedene Schichten des Bibeltextes nachweisen lassen - eine Prämisse, die nicht nur dem jüdischen Bibelverständnis fundamental widerspricht, sondern heute auch in der biblischen Exegese mit Recht problematisiert wird und in diesem konkreten Fall bei genauerem Hinsehen in tiefe exegetische Abgründe führt. Durch seinen willkürlichen Eingriff gewinnt Boehm einen Text, in dem die Rettung Isaaks nicht durch göttliche Intervention bewirkt wird, sondern auf Abrahams mündigen und freien Entschluss zurückgeht, die Autorität eines willkürlich handelnden Gottes nicht zu akzeptieren. Damit macht er Abraham zum wahren Stammvater einer abrahamitischen, universalistischen und vorisraelitischen Religion und entsorgt nicht nur Mose als größten jüdischen Propheten, sondern auch noch den absoluten Anspruch des Monotheismus."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Schäfer, Peter, Boehm, Omri

Medien

Vertrauen die Deutschen dem Journalismus nicht mehr? So fragt Christian Meier im Welt-Interview den Kommunikationswissenschaftler Nikolaus Jackob. Jackob ist Mitautor einer Langzeitstudie zum Thema "Medienvertrauen" an der Uni Mainz. Zunächst einmal stellt er klar: Hohes Medienvertrauen ist nicht "normativ etwas Gutes. Grundsätzlich braucht eine Demokratie auch ein gewisses Maß an Vertrauen in ihre Institutionen. Die Vertrauensforschung zeigt aber, dass nur Systeme, die nicht demokratisch sind, Vertrauensquoten von 80 oder 90 Prozent erreichen." Trotzdem, die Erstarkung verschwörungstheoretischer Narrative und der verstärkte Konsum von Fake News zeigen - das Medienvertrauen steuert auf eine Krise hin - Jackob rät den Journalisten zu differenzierter Berichterstattung: "Im Kampf gegen Desinformation gibt es viele Ideen und Ansätze. Wenn Sie mich aber persönlich fragen, bin ich immer noch fest davon überzeugt, dass es für den Journalismus vor allem um die klassischen Qualitätskriterien gehen muss, also möglichst aufklärerisch, umfassend, sachlich, distanziert und vermittelnd zu berichten, möglichst nah an den Fragen der Bevölkerung zu sein und den Pluralismus der Gesellschaft darzustellen."

Hat der Lokaljournalismus noch eine Zukunft? Ann-Marleen Hott schildert in der SZ am Beispiel der Nürnberger Nachrichten, einem wichtigen Lokalblatt, die Krise der kleinen Redaktionen, die mit Budgetkürzungen, Personaleinsparungen und mit der Umstellung auf ein digitales Format zu kämpfen haben: "Deutschlandweit suchen Verleger und Redaktionen gerade nach Wegen, Erlöse aus digitalem Journalismus zu generieren. Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger prognostiziert dennoch, dass 2025 rund 4400, also 40 Prozent der Kommunen, nicht mehr von einer Lokalzeitung abgedeckt werden könnten. Das hat Folgen für die Vielfalt der Perspektiven und gefährdet die Demokratie. Es gibt zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Existenz lokaler Medien und sinkender Wahlbeteiligung oder zunehmender Korruption zeigen."
Archiv: Medien