Efeu - Die Kulturrundschau

Schrumpfform bürgerlicher Kultur

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15.05.2024. Die Feuilletons trauern um Alice Munro. Eine kühne Offenheit der Form macht die NZZ in ihrer Literatur aus. Im Cannes-Eröffnungsfilm durchbrechen Léa Seydoux und Louis Garrel derweil die vierte Wand, weiß die FAZ zu berichten. Die unternimmt auch einen Streifzug durch die russische Kunstszene und verweilt bei einer Schau in Moskau, die  jüdisch-ukrainische Kunst zeigt. Elfriede Jelinek wandelt auch beim Thema Klimawandel nicht auf ausgetretenen Denkpfaden, freut sich die SZ bei einem Theaterbesuch in Stuttgart. Auch der Jazz-Saxofonist David Sanborn ist gestorben: Die SZ erinnert an die kühnen Wallungen seines Spiels.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2024 finden Sie hier

Kunst

Kiki Kogelnik, Desire, 1979, Olio e acrilico su tela, 102 x 152 cm, A. Robert Towbin e Lisa Towbin © Kiki Kogelnik Foundation. All rights reserved

Philipp Meier bejubelt in der NZZ die Kunst Kiki Kogelniks, der im Kunsthaus Zürich derzeit eine Ausstellung gewidmet ist. Die Österreicherin blieb in ihrer Heimat ebenso Außenseiterin wie in ihrer Wahlheimat New York, wohin sie in den 1960ern zog. Ihrer Zeit voraus war sie hier wie dort: "Ihre Palette bestand aus kräftigen, kontrastreichen Farben wie Orange und Pink, dazu immer wieder auch Silber. Körper und Gliedmaßen, Raketen, Telefonhörer, Herzen und Totenköpfe in leuchtenden Farben prägten nun ihre Kunst. Radikal sind ihre sogenannten Hangings. Kogelnik nahm die Umrisse menschlicher Körper, schnitt daraus Schablonen in Schaumstoff oder Vinyl und hängte diese an Kleiderbügel. Da ergeben sich Assoziationen mit weiblichen Tätigkeiten wie Wäscheaufhängen und Schneidern. Die feministisch geprägte 'Body Art' von Carolee Schneemann, einer engen Freundin von Kogelnik, spielt hinein. Der menschliche und vor allem auch weibliche, noch bei Marilyn Monroe idealisierte Körper wird in diesen Installationen zur formbaren Massenware."

Kerstin Holm gibt in der FAZ einen Überblick über den Stand der Dinge in der russischen Kunstszene. Viele wichtige Künstler sind ins Exil gegangen, offen regimekritische Kunst wird von Putins Zensur verhindert. Dennoch macht Holm einige interessante Ausstellungen ausfindig. Einige Schauen ziehen sich angesichts der Repression in eigenartige Privatwelten zurück. Ganz anders jedoch die Ausstellung "Jüdische Avantgarde" im Jüdischen Museum Moskau: "Mit rund hundert Werken aus staatlichen Museen und Privatsammlungen rekonstruiert sie die Aktivitäten der 'Kultur-Liga', die, 1918 in Kiew gegründet, zunächst in der Ukraine, bald aber auch in Russland, Belarus, Polen und Litauen jiddische Literatur und modernistische jüdische Kunst förderte, 1920 aber von den Bolschewiken vereinnahmt und 1924 ganz aufgelöst wurde. Den hier versammelten Stars der russischen Avantgarde - David Sterenberg mit seinen ikonisch reduzierten Stillleben, Alexander Tyschlers Strahlenmenschen, Josif Tschaikows konstruktivistische Arbeiterfiguren - ist eines gemeinsam: sie stammen alle aus der heutigen Ukraine."

Außerdem: Peter Richter schreibt in der SZ über die von dem Künstler Christian Jankowski organisierte Auflösung der Wohnung des verstorbenen Sammlers Harald Falckenberg. Eugen El unterhält sich für monopol mit der weißrussischen Kuratorin Lena Prents, die in Berlin im Exil lebt, über die Unterdrückung der Kulturszene in ihrem Heimatland.

Besprochen werden die Ausstellung "Mirror of Thoughts" des Künstlerduos Mark Muntean und Adi Rosenblum im Frankfurter Städel (FR), die Berliner Ausstellungen "Pedro Cabrita Reis: Wunderkammer" in der Buchmann Galerie und "Pegah Keshmirshekan: Imaginary Homeland" in Under the Mango Tree als Doppelbesprechung (taz Berlin), die Schau "Max Pechstein - Die Sonne in Schwarzweiß" im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur, Wiesbaden (Tagesspiegel), die Ausstellung "Poesie der Zeit. Michael Ruetz - Timescapes 1966-2023" in der Berliner Akademie der Künste (Tagesspiegel), die "Bauhaus im Nationalsozialismus"-Ausstellungen der Klassik Stiftung Weimar (monopol).
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Literatur

Die Schriftstellerin Alice Munro ist tot. 2013 erhielt sie zur allgemeinen Begeisterung der Feuilletons für ihre Kurzgeschichten den Literaturnobelpreis (unsere Resümees, damals noch nach Zeitungen gegliedert). Ihr vor allem in ihrer Heimat Ontario spielendes Werk stellt ein Wunder dar, hält Angela Schader in der NZZ fest und blickt zurück auf "ein Œuvre, das so streng wie gelassen auf einen nicht eben strahlkräftigen Lebensraum fokussiert und auf Existenzen, die in der Regel mindestens in dem Maß beschnitten werden, wie sie wachsen wollen. ... Den Beschränkungen, welche die Lebensumstände ihren Figuren auferlegen oder die sie aus innerer Trägheit selbst suchen, setzte Alice Munro - und hier liegt das eigentliche Mysterium ihrer Erzählkunst - die kühne Offenheit der Form entgegen. Ihr Schreiben entfernte sich zunehmend vom klassischen Modell der Short Story, das eine weitgehend geschlossene, auf den pointierten Schluss hin fokussierte Handlung vorsieht. Stattdessen arbeitete sie mit raumgreifenden Zeitsprüngen, band innerhalb einzelner Erzählungen scheinbar disparate Handlungselemente durch motivische oder thematische Parallelen ein."

Meike Fessmann blickt in der SZ darauf zurück, wie Munro die Kurzgeschichte auf ein komplett neues Niveau gehoben hat: "Sie machte sie länger und komplexer. Bis dahin galt das Ideal, sie sollte kurz und knackig sein. Munro aber entdeckte, wie viel Leben man darin unterbringen kann, ohne die Regel der Knappheit zu verletzen. ... Die Figuren leuchten in der ganzen Pracht ihrer Einzigartigkeit. Sie sind besonders, auch wenn sie ein ganz normales Leben führen, wenn sie sich durch scheiternde Ehen quälen, den Faden einer alten Liebe aufnehmen, als Dienstmädchen arbeiten, Lehrer-Existenzen in Kleinstädten führen oder von Krankheiten gequält werden. Alice Munro wollte immer beides: den Überblick und die Nahsicht." Ihre Spezialität war "die erhabene Schäbigkeit und Kleinteiligkeit weiblicher Lebensläufe, in die sie tief eintauchte, ohne an ihnen rumzupolieren, um sie in ihren Storys zum Leuchten zu bringen", schreibt Iris Radisch auf Zeit Online. Weitere Nachrufe schreiben Judith von Sternburg (FR), Michael Wurmitzer (Standard) und Andreas Platthaus (FAZ). Hier Munros Profil beim New Yorker, der zahlreiche ihrer Geschichten veröffentlicht hat. Alle deutschen Übersetzungen finden Sie bei Eichendorff21.

Weitere Artikel: In der SZ schreibt Durs Grünbein über Kafka. Besprochen werden unter anderem Sandra Newmans "Das Verschwinden" (NZZ),  Julia Josts "Wo der spitzeste Zahn der Karawanken ..." (FR), die deutsche Erstausgabe von Zeruya Shalevs 30 Jahre altem Debütroman "Nicht ich" (FAZ) und Aris Fioretos' "Die dünnen Götter" (SZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Gefühlt vergeht derzeit kaum ein Tag ohne einen offenen Brief, der missliebige Menschen und Milieus anprangert. Nun wird gegen den Produzenten Martin Moszkowicz mobil gemacht, dem schlechte Arbeitsbedingungen bei Til-Schweiger-Produktionen vorgeworfen werden. Auf den ersten Blick eher überraschenden Beistand erfährt er durch Lars Henrik Gass, den Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, der auf Blickpunkt Film zwar deutlich macht, dass er Moszkowiczs Arbeit nicht über alle Maßen schätzt, aber diese Form des Protests eben noch um ein Vielfaches weniger: "Je politisch wirkungsloser die Filmverbände agieren, desto lauter treten sie auf in korporativem Beharrungsvermögen. Das Auftreten erweckt den Eindruck von Gewicht, das man faktisch nicht hat. Symbolpolitik ist die Schrumpfform bürgerlicher Kultur, die sich in zivilgesellschaftlichen Bandenkriegen zeigt, insbesondere in der Filmbranche. ...  Der Offene Brief als Genre kulturpolitischer Auseinandersetzungen gibt bündig Auskunft über den Stand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und die Erosion von Kriterien im Umgang mit Film in diesem Land. Weder hat man für wirtschaftlichen Erfolg noch für künstlerische Qualität Maßstäbe, über die eine Verständigung die Mühe des Aufwands noch lohnte. Und das hat Gründe: Die Filmbranche erzeugt immer mehr und immer komplexere Teilhabeansprüche, die befriedigt werden müssen."

Bei den Kinos, ohne die kein noch so gut geförderter Film sein Publikum finden kann, wächst die Nervosität angesichts Claudia Roths Plänen für die Reform der Filmförderung, die bis Ende des Jahres stehen muss, aber nach Ansicht der Kinobetreiber deren Branche zu wenig würdigt, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Verbandschef Christian Bräuer von der AG Kino, der Gilde deutscher Filmkunsttheater, hatte für den aus Kinobetreibersicht enttäuschenden Entwurf im Februar bereits ein sinniges Bild: 'als würde man nur den Bau von Elektroautos fördern, ohne sich um Ladesäuleninfrastruktur und Straßennetze Gedanken zu machen'. Doch die Prioritäten liegen - das zeigt der aktuelle Referentenentwurf - woanders: bei den Produzenten."

Warum tun wir uns das hier eigentlich an? "La deuxième Acte" von Quentin Dupieux

Mit Quentin Dupieuxs "Le deuxième acte" wurde das Filmfestival Cannes gestern Abend mit einer waschechten Meta-Komödie eröffnet: Der Film beginnt zunächst wie eine zähe, die Geduld des Publikums belastende Schmonzette, bevor die Schauspieler Lea Seydoux und Louis Garrel vor der Kamera gegen diese Zumutung revoltieren, gefolgt von einer Debatte "über die Sinnhaftigkeit des heutigen Filmemachens ('Leute verhungern, es ist Krieg, und wir tun auf der Leinwand so, als wäre nichts')", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. Damit bleibe sich Dupieux "als eifriger Schüler Luis Buñuels, David Lynchs, aber auch des jüngst verstorbenen Roger Corman" treu: "Die Debatte über politische Korrektheit nimmt der knappe Neunzigminüter ebenso auf wie die Diskussion über Cancel Culture; obendrein sitzt für den Film im Film eine Künstliche Intelligenz im Regiestuhl, die jedes Abweichen der Schauspieler vom vorgegebenen Text zwar nachträglich per Digitaleingriff korrigiert, ihnen dafür aber auch umgehend die Gage kürzt."

Mehr aus Cannes: In der französischen Filmbranche, aber auch an der Croisette ist MeToo das bestimmende Gesprächsthema, berichten Andreas Busche (Tagesspiegel) und Jan Küveler (Welt). Tim Caspar Boehme war für die taz bei der Eröffnungs-Pressekonferenz. David Steinitz hat sich für die SZ mit Jurypräsidentin Greta Gerwig getroffen.

Und ansonsten: Im Filmdienst gratuliert Jens Hinrichsen George Lucas zum 80. Geburtstag. Marc Hairapetian plaudert für die FR mit dem Schauspieler Frederick Lau. Besprochen werden Nuri Bilge Ceylans "Auf trockenen Gräsern" (taz, Zeit Online), eine Ausstellung über die "Simpsons" in Dortmund (FD), die vom ZDF online gestellte Serie "Exit" (FAZ) und die Serie "The Gentlemen" (Jungle World).
Archiv: Film

Bühne

"Sonne/Luft" am Schauspiel Stuttgart, Foto: Björn Klein

Das Schauspiel Stuttgart bringt ein Elfriede-Jelinek-Stück zum Klimawandel auf die Bühne. Adrienne Braun ist in der SZ äußerst angetan von "Sonne/Luft": "Die Sonne wird von Katharina Hauter gespielt, deren Gesicht ausschaut wie Sonnenbrand, den sich Urlauber beim Rösten in ihren 'Flammen' holen. Jelinek verknüpft die Klimakatastrophe unmittelbar mit den Flüchtlingsströmen, die an Zäunen 'mit einer schicken Frisur aus Nato-Draht' abprallen. So lapidar sie ihre Wortspiele aneinanderreiht, knüpft sie doch ein kluges Netz voller Querbezüge, als wolle sie einem zwingen, neue Verknüpfungen vorzunehmen, damit die böse Wahrheit nicht länger auf routinierten Denkpfaden verhallt." Deutlich weniger glücklich wird Braun hingegen mit Oliver Frljićs gleichfalls in Stuttgart gegebener Bühnenfassung von George Orwells "Animal Farm" ("inszeniert plakativ die Konfrontation von Masse und Macht").

Außerdem: Margarete Affenzeller blickt im Standard voraus auf die Wiener Festwochen und stellt Überlegungen zur Politisierung von Festivals an. Die nachtkritik blogt weiter vom Berliner Theatertreffen. Manuel Burg freut sich in der Welt darüber, dass Katharina Wagner fünf weitere Jahre lang Leiterin der Bayreuther Festspiele bleibt.

Besprochen werden Gluck- und Mozart-Opernaufführungen auf den Gluck-Festspielen in Bayreuth (FAZ), die Georg-Kreisler-Soiree "Heute leider Konzert!" am Schauspiel Frankfurt (taz), das Stück "Kinder der Zeit / Dzieci Epoki" am Emma-Theater, Osnabrück (taz Nord), eine "Othello"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard) und Mozarts "La Clemenza di Tito" an der Staatsoper Hamburg (nmz)
Archiv: Bühne

Musik

Die Musikkritiker rufen dem Jazz-Saxofonisten David Sanborn nach. Dass dieser eine Art Schweizer Taschenmesser seines Metiers und für Zusammenarbeiten weit über Genregrenzen gut zu haben war, statt sich ausschließlich der hehren Kunst zu widmen, hatte hier und da Zeit seines Lebens für gerümpfte Nasen gesorgt. Wolfgang Sandner macht in der FAZ das Beste draus: "Man muss lange forschen, um einen Musiker wie David Sanborn ausfindig zu machen, der in so vielen Genres zu Hause war, mit so vielen Ikonen von Jazz, Blues, Rhythm & Blues und Pop auf der Bühne oder im Studio stand - bei alledem ein Verwandlungskünstler von atemraubendem Speed. An einem Abend mit David Bowie vor zwanzigtausend Besuchern im New Yorker Madison Square Garden zu rocken und am nächsten Tag den Flieger nach Italien zu nehmen, um beim Jazzfestival in Perugia vor erlesenem Publikum den progressiven Sound des Gil Evans Orchestras zu bereichern - so etwas dürfte kaum einmal einem anderen Musiker gelungen sein."

Andrian Kreye würdigt in der SZ Sanborns "leicht kehligen Klang, den er mit emotionalen Wallungen auch auf die kurzen Strecken eines Pop-Solos in jene Gefühlshöhen treiben konnte, die einem das Herz ein wenig schneller schlagen lassen. Die Großen wussten das. David Bowie, der ihn für 'Young Americans' holte, Paul Simon, für den er auf 'Still Crazy After All These Years' spielte, James Taylor, der ihm Platz im Song 'How Sweet It Is' gab. Die Rolling Stones, Steely Dan und Miles Davis holten ihn, Bruce Springsteen, Sting und Roger Waters. Die Liste ist so lang, dass man locker einen Tag und eine Nacht eines Classic-Rock-Programms füllen könnte mit den Hits, die er mit seiner Hochspannung auflud." In der NZZ resümiert Ueli Bernays Sanborns Leben.



Weitere Artikel: Der Berliner Kultursenator Joe Chialo kommt bei der Neubesetzung der Intendanz des Berliner Konzerthauses neben der musikalischen Leiterin Joana Mallwitz derzeit wohl gut ins Schwitzen, berichtet Axel Brüggemann auf Backstage Classical, nachdem Chialo nun auch zwei Mitglieder der Findungskommission abgesprungen sind. Manuel Brug berichtet in der Welt von den Händel-Festspielen in Göttingen. Der österreichische Musiker Anatol Bogendorfer erinnert sich im Standard-Gespräch mit Karl Fluch an seine Zusammenarbeit mit dem eben verstorbenen Produzenten Steve Albini.

Besprochen werden eine Georg-Kreisler-Soirée in Frankfurt (taz), ein Auftritt in Wien des Rappers Danny Brown (Standard) und das neue Album der Portishead-Sängerin Beth Gibbons (Tsp).

Archiv: Musik
Stichwörter: Jazz, Sanborn, David, Chialo, Joe