9punkt - Die Debattenrundschau

Tänze, Trachten und Turniere

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2024. Viel sagt das Rassemblement National nicht über seine kulturpolitischen Ideen, auf kommunaler Ebene hat es sich aber durchaus als Elefant im Porzellanladen erwiesen, erzählt die FAZ. Die taz schildert die Kompromisse, die die verschiedenen Strömungen der "neuen Volksfront" in Frankreich machen mussten, um eine Allianz eingehen zu können. In der NZZ zeichnet der Historiker Volker Ullrich am Beispiel Hitlers nach, wie leicht Demokratie in eine Diktatur umkippen kann. Zornig verteidigt die FAZ die italienische Küche gegen ihren Kritiker Alberto Grandi.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2024 finden Sie hier

Geschichte

In der NZZ zeichnet der Historiker Volker Ullrich in einem Essay am Beispiel Hitlers nach, wie leicht Demokratie in eine Diktatur umkippen kann. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der Mann selbst und sein Redetalent: "Die Entdeckung seiner Redegewalt im Herbst 1919 war das eigentliche Durchbruchserlebnis Hitlers als Politiker. Wie kein Zweiter verstand er es, die Emotionen seiner Zuhörer in Schwingungen zu versetzen, so erfolgreich wie kein anderer spielte er auf der Klaviatur ihrer Ängste und Ressentiments. Das hochgradig antisemitische Klima in München nach dem gescheiterten Experiment der Räterepublik im Frühjahr 1919 bot dem instinktsicheren Populisten einen idealen Resonanzboden für seine hemmungslose Demagogie. Je rauschhafter die Begeisterung war, die er in den größten Versammlungssälen der bayrischen Hauptstadt zu entfesseln vermochte, desto mehr wuchsen seine Selbstsicherheit und die Gewissheit, für eine besondere historische Mission auserwählt worden zu sein. Hitler war jedoch nicht nur ein zugkräftiger Massenredner, sondern auch ein wandlungsfähiger Schauspieler. Früh übte er sich in der Fähigkeit, in wechselnde Rollen zu schlüpfen und sich geschmeidig verschiedenen Milieus anzupassen. Insofern entsprach er bereits besser als die politischen Konkurrenten dem Anforderungsprofil der Mediengesellschaft, repräsentierte er einen modernen Politikertypus, der über ein breites Rollenrepertoire verfügte und es kühl berechnend für die eigenen Zwecke einzusetzen wusste."
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Europa

Lea Fauth schildert in der taz die Kompromisse, die in der französischen Linken gemacht wurden, um eine "neue Volksfront" zu ermöglichen, in der sich die zutiefst untereinander zerstrittene Linke vereinigt. Knackpunkt war natürlich Israel: Insbesondere Mélenchons France Insoumise (LFI) "war dafür kritisiert worden, in ihren Aufrufen gegen den Krieg in Gaza nicht explizit die Hamas als Terrororganisation zu verurteilen und sich gar dagegen zu wehren. Hinter den Kulissen, heißt es in Medienberichten, rang man bei diesen Verhandlungen um jedes Wort. Herauskam, dass die Gräueltaten der Hamas explizit als Terroranschlag bezeichnet werden. Außerdem aber, dass man brechen wolle mit 'der schuldbehafteten Unterstützung der französischen Regierung für die suprematistische und rechstextreme Regierung von Netanjahu', um das 'Risiko eines Völkermords' zu vermeiden."

Viktor Jerofejew erzählt in der FAZ eine Geschichte der Moral in Russland: Da es keine gab, wurde sie eigentlich durch Kriminelle definiert, bis der Staat selbst zum Paten des Mafiasystems wurde: "Schließlich beschloss der Staat, sein schändliches Treiben mithilfe der Kirche zu bemänteln. Ich erinnere mich, dass in jenen fernen liberalen Zeiten einer der Gehilfen von Patriarch Kirill zu mir sagte, dieser sei ein aufgeklärter moderner Intellektueller. Der intellektuelle Patriarch kapitulierte indessen rasch vor der Staatsmacht. Und nun wünscht er Putin, er möge bis in alle Ewigkeit weiterleben, im Grunde also 150 Jahre alt werden. Und er betrachtet das Töten von Feinden des Vaterlands als etwas qualitativ anderes als gewöhnlichen Mord. Auf dieser Rechtfertigung basiert die Moral des russisch-ukrainischen Krieges."

Wer rechts wählt, kann schon mal in Britannien gucken, wie das ausgeht, empfiehlt A.L. Kennedy in der SZ in einem ihrer schäumenden Berichte zur Lage der Nation: "Inmitten des Chaos unseres demontierten Staates ist die Wut unserer einheimischen, aber von internationalem Dünger genährten, rot-weiß-blauen Online-Nazis besonders groß. Kein Wunder: In diesem Sommer laden diverse Gedenkveranstaltungen dazu ein, sich sowohl mit den britischen Truppen, die die Strände der Normandie stürmten, als auch mit den Nazi-Verteidigern zu identifizieren, deren Hakenkreuze und Mottos zu den beliebtesten Fetischen der Online-Nazis gehören. Die kognitive Dissonanz muss unerträglich sein. Beziehungsweise: Das wäre sie, wenn populistische Influencer und Putins kleine Helfer nicht dafür gesorgt hätten, dass pure Emotion alles andere erstickt."
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Gesellschaft

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Hoch erregt verreißt Jakob Strobel y Serra in der FAZ Alberto Grandis Buch "Mythos Nationalgericht - Die erfundenen Traditionen der italienischen Küche", das die Frechheit hat, die Tradition der italienischen Küche als eine von Interessen getriebene Konstruktion darzustellen und damit offenbar die gesamte italienische Nation in Aufruhr brachte - und wie gesagt den Kritiker in der FAZ: "Warum verschließt er wie ein trotziges Kind die Augen vor der Wirklichkeit, wenn er den Wert geschützter Herkunftsbezeichnungen in Zweifel zieht? In Italien herrsche mehr als in anderen Ländern 'der absurde Anspruch, Traditionen per Dekret zu kodifizieren, ohne zu hinterfragen, ob der verbissene Versuch der Zertifizierung für die jeweiligen Gebiete überhaupt Vorteile hat'. Weiß Grandi nicht, dass kein anderes Land auf der Welt stärker von solchen Zertifizierungen profitiert als Italien, dass sie ein Qualitätsanreiz für die Produzenten und eine Qualitätsgarantie für die Konsumenten sind? Sie sind ein Segen und das Spiegelbild des tiefen Bewusstseins für die eigenen kulinarischen Schätze."

Gerhard Matzig (SZ) braucht eigentlich keine Studie "Infrastrukturen", um zu wissen, dass wir zu einer "Republik der Sitzenbleiber" mutiert sind: "Es ist in Deutschland mittlerweile relativ egal, ob man als Radfahrer, Autofahrer oder Zugreisender unterwegs ist von A nach B über die Umleitung C: Man sollte damit rechnen, dass man bald steht." Es lohnt sich dennoch, die Studie zu lesen, weil sie Matzig daran erinnert, dass eine funktionierende Infrastruktur zur politischen Teilhabe gehört. "Nach und neben den gigantischen Investitionen im Osten nach der deutschen Einheit verständigte sich diese Republik für drei Jahrzehnte auf einen sogenannten Pragmatismus, der am Ende gerne die erhörte, die etwas lieber mal nicht wollen. Eine moderne Infrastrukturpolitik müsste sich stattdessen von nun an sehr schnell dem Gemeinwohl und der Zukunftsvorsorge unterordnen. Das 'Verkehrliche' ist keine politische Verfügungsmasse, sondern Lebensgrundlage."
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Kulturpolitik

Viel sagt das Rassemblement National nicht zu kulturpolitischen Themen. Marc Zitzmann fasst in der FAZ mal zusammen: "Vor allem gelte es, Volksfeste und -traditionen, populäre Tänze, Trachten und Turniere zu verteidigen." In einigen Städten in der Provence hat das Rassemblement allerdings schon regiert und es durchaus ernst gemeint, etwa in Orange: "Dutzende missliebiger Kulturvereine wurden liquidiert, Theater- und Kinoleiter entlassen, selbst das überregional ausstrahlende Opernfestival 'Chorégies d'Orange' sah sich permanent bedroht. In der Stadtbücherei von Orange wurden 'kosmopolitische' Bücher, solche von 'linken Autoren' oder über Themen wie Rap, Drogen, Rassismus, Homosexualität und Zweiter Weltkrieg von den Ankaufslisten gestrichen; stattdessen stammten alle 35 Neuheiten des Herbstes 1996 von FN-Autoren."

Das ehrwürdige British Museum steht zur Zeit wegen zwei Themen in der Debatte: Wegen des Diebstahls hunderter Artefakte, die nicht mal katalogisiert waren, durch einen Kurator, der die Stücke bei Ebay verkloppte, und natürlich wegen seiner Kolonialgeschichte. Der Historiker Benedikt Stuchtey erzählt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ die Geschichte des Museumsgründers, des Naturkundlers und Sammlers Hans Sloane: "Der immense Reichtum, den er im Laufe seines langen Lebens anhäufte, verdankte sich seinen beruflichen Erfolgen, etwa als Leibarzt der königlichen Familie von Queen Anne bis George II. oder als Popularisierer von Chinin zur Bekämpfung von Fieber, Malaria und Muskelkrämpfen. Freilich war Sloane auch ein entschiedener Verfechter der Sklaverei. Das British Museum tut daher gut daran, seine Wurzeln auch in dieser Hinsicht traditionskritisch zu überprüfen, kann es sich doch als Nutznießer der immensen Sammlungen Sloanes verstehen, deren Bestände seinen Grundstock bilden."

Im Interview mit Jörg Häntzschel von der SZ nimmt die Historikerin Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrum München, Claudia Roths Konzept einer neuen Erinnerungspolitik zumindest in Teilen gegen Kritik in Schutz. Zadoff hält es für richtig, Themen wie "Migration" und "rechtsextremer Terror" in die Erinnerungsarbeit einzubeziehen: "Die Herausforderungen an die Vermittlung der NS-Genozide sind größer geworden, weil die Bevölkerung diverser geworden ist. Ukrainische Flüchtlinge erinnern sich an den Zweiten Weltkrieg aus einer anderen Perspektive. Leute, die in den Neunzigern vor dem Krieg in Bosnien und dem Genozid von Srebrenica geflohen sind, wollen, dass auch ihre Erinnerungen abgebildet werden. Menschen aus Afghanistan oder Eritrea bringen eigene Erfahrungen von Flucht, Trauma oder Folter mit. Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, genügt es oft nicht mehr, Experte in der Vermittlung der NS-Geschichte zu sein, man braucht eigentlich auch noch Expertise in Migrationsforschung und Rassismustheorien. Die Kultur eines Landes muss die Erfahrungen aller Menschen abbilden, die in ihm leben. Das ist aber nicht nur eine Aufgabe für die Erinnerungskultur, sondern auch für Museen, Schulen, Verlage."
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Medien

In Frankreich herrscht nach der Ankündigung von Neuwahlen der Nationalversammlung durch Emmanuel Macron Chaos - und dies besonders auch in der bürgerlichen Rechten, denn Eric Ciotti, Chef der Republikaner will, eine Allianz mit dem Rassemblement national, aber der Rest seiner Partei hat sich mehr oder weniger von ihm losgesagt. In Le Monde stellen Ariane Chemin et Ivanne Trippenbach den bretonischen und superrechten (und nebenbei erzkatholischen) Tycoon Vincent Bolloré als Strippenzieher hinter dem Projekt einer solchen Allianz dar - ihm gehören Medien wie der Fernsehsender CNews, der Radiosender Europe 1 und das Journal du Dimanche. "Vincent Bolloré und Eric Ciotti essen oft zusammen zu Mittag - auch vor Kurzem noch. Der bretonische Industrielle hat sich in den USA als eine ähnliche Figur etabliert wie der Fox-News-Chef Roger Ailes, der 2016 die Kandidatur von Donald Trump lancierte und ihn bei seinen Fernsehdebatten beriet. Um die rechtsextreme Partei auf seine Seite zu ziehen, holte sich Eric Ciotti zuerst den Segen Bollorés. Nicolas Sarkozy war nicht einmal informiert worden."

Außerdem: In der SZ schildert Reymer Klüver die schwere Krise in der Washington Post. Ihr jetziger Chef William Lewis, stammt aus dem Hause Murdoch und soll Recherchen zu seiner Vorgeschichte erschwert haben. Und laut New York Times macht die Post 100 Millionen Dollar Verlust, so dass selbst Nabob Jeff Bezos, der die Post besitzt, die Geduld verlieren könnte.
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Ideen

Die Ecole Normale Supérieure ist eine der vornehmsten Institutionen des französischen Geisteslebens. Louis Althusser hat hier gelehrt, vor ihm Lucien Herr, einer der Protagonisten im Kampf für die Rehabilitierung des Hauptmanns Dreyfus. Raymond Aron und Sartre, Michel Foucault und Jacques Derrida gehörten zu den Schülern. In L'Express erscheint ein offener Brief von Professoren und Alumni der Schule, unterzeichnet etwa von Bernard-Henri Lévy und Pierre-André Taguieff, der die Besetzer, die es auch in der Rue d'Ulm gibt, und die Universitätsleitung kritisiert - und der nebenbei auch inhaltlich argumentiert: "Das Engagement der Normaliens während der Dreyfus-Affäre war durch ihre Wahrheitsliebe gerechtfertigt. Wo ist die Liebe zur Wahrheit heute, wenn Worte wie 'Kolonisierung' und 'Völkermord' zu enthistorisierten Schlagworten werden? Wenn die Situation Palästinas durch Reden, Plakate und Flaggen in einer Art ideologischem Verwirrungsrausch mit der des kolonialen Algerien und des heutigen Neukaledonien vermengt wird? Keine Mobilisierung an der ENS sollte sich von einer rationalen Betrachtung der Fakten aus einer kritischen Perspektive befreien können."

Höchst angenehm im Ton fand Peter Laudenbach (SZ) die viertägige Diskussionsreihe zum 7. Oktober bei den Berliner Festspielen, die Saba-Nur Cheema und Meron Mendel organisiert hatten: "Bei der antisemitischen Manifestation einer Propaganda-Show unter dem Titel 'Palästina-Kongress' konnte man vor einigen Wochen in Berlin erleben, wie sich die Feindmarkierung und gezielte Auslöschung jeder Fähigkeit zu Mitgefühl mit Menschen der anderen Seite zu einer latent mörderischen Ideologie verhärten. Was Saba-Nur Cheema und Meron Mendel in den Berliner Festspielen anbieten, ist im Kern ein Versuch der Immunisierung gegen solche Entmenschlichung-Strategien - wohlgemerkt: auf beiden Seiten."

Für Welt-Redakteur Jakob Hayner geht aus einer Tagung zur "Konservativen Revolution" hervor, dass die "Neue Rechte" kein stringentes Programm aufweist, sondern sich eher durch Abgrenzung definiert: "Die 'Neue Rechte' von heute, die nicht nur 'ihre' Klassiker liest, sondern auch Antonio Gramscis Thesen zur 'kulturellen Hegemonie', erscheint ebenso uneinig wie die Konservative Revolution und die verschiedensten Strömungen der Nazis. Ob man es mit dem Westen oder Russland, mit Europa oder der Nation hält, wird durch 'umbrella terms' wie Identität oder Tradition aufgefangen, die eher eine formale Unterscheidung des Eigenen und des Anderen (...) etablieren, als sich inhaltlich und programmatisch zu sehr festzulegen."
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Politik

Die Osteuropaexperten Andreas Umland und Hugo von Essen schreiben in der NZZ über die schwierige, aber für China strategisch notwendige Verbindung zu Russland und die Hoffnungen Chinas auf einen anhaltenden Konflikt in der Ukraine: "Peking möchte, dass Moskau in der Ukraine weder völlig gewinnt noch völlig verliert. Ein russischer Sieg mit chinesischer Unterstützung würde Moskau stärken, aber den Westen von Peking weiter entfremden. Eine russische Niederlage würde Putins Regime destabilisieren und könnte einen politischen Wandel oder sogar einen Kollaps auslösen. Dies kann nicht nur dazu führen, dass China weniger Zugang zu billiger Energie, russischen Märkten, zur Arktis und zu militärisch-technologischen Geheimnissen hätte. Es könnte auch bedeuten, den wichtigsten Partner in Chinas langfristiger strategischer Rivalität mit den USA zu verlieren und Pekings Ziel zu gefährden, Washington als globale Führungsmacht zu überholen."
Archiv: Politik