9punkt - Die Debattenrundschau

Energie für die eigenen Zwecke

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2025. "Iranische Frauen haben nie und werden niemals vor diesem Regime kapitulieren", sagt die Historikerin Neda Amani in der FR zum dritten Jahrestag des Tods von Jina Mahsa Amini. Friedrich Merz hat eine sehr emotionale Rede zur Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße gehalten - Rachel Salamander erzählt in der Jüdischen Allgemeinen ihre Geschichte. Der Rechtspopulismus ist ein Perpetuum mobile, fürchtet Eva Ladipo in der FAZ: Er schürt die Wut, die ihn nährt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2025 finden Sie hier

Politik

Vor drei Jahren löste der Tod der Iranerin Jina Mahsa Amini eine breite Protestbewegung im Iran aus, die vor allem von Frauen getragen wurde (unsere Resümees). Die Historikerin Neda Amani kommt im FR-Interview mit Sereina Donatsch auf die Rolle der Frau in der Opposition gegen das iranische Regime zu sprechen. "Heute betrachtet das Regime Frauen als seine größte Gefahr, nicht zuletzt, weil sie gebildet sind. Bis zu 60 Prozent der Studierenden im Iran sind Frauen. Bildung bedeutet Macht, und genau davor fürchtet sich das Regime. Darum sind Frauen systematischer Entrechtung ausgesetzt: Sie haben keine grundlegenden Rechte, ob im Scheidungs- oder Sorgerecht oder bei der freien Berufswahl. (...) Der Widerstand der Frauen ist kein plötzliches Phänomen, sondern Teil einer langen Tradition. (...) Iranische Frauen haben nie und werden niemals vor diesem Regime kapitulieren. Genau deshalb wird der Nationale Widerstandsrat bewusst von Frauen geführt. Für das Regime ist eine gebildete, emanzipierte Frau, die auch noch Muslima ist, die größte Bedrohung seines ideologischen Fundaments."

Die Konflikte in Syrien sind nach dem Sturz Assads nicht weniger geworden, konstatiert die syrische Schriftstellerin Dima Wannous in der NZZ. "Während der Revolution waren die Syrer in Oppositionelle und Regimeanhänger gespalten, in Inlandsyrer und Auslandsyrer. Doch heute werden wir Zeuge von erheblich gefährlicheren Spaltungen, die weit über das 'für' und 'gegen' hinausgehen. Heute werden die Menschen, je nach konfessioneller Zugehörigkeit, in Schubladen gesteckt. Der Alawit gilt als 'Überbleibsel des alten Regimes', der Druse als 'Verräter', der Gegner des neuen Regimes als 'Waisenkind' des Assad-Regimes. Und wer die Politik des neuen Regimes unterstützt, wird als rückständiger IS-Anhänger denunziert. (...) Die neue Regierung hat, trotz ihrer Absicht, das Land zu befreien, die Spaltungen verstärkt. Vielleicht hat sie geglaubt, dass die 'sunnitische Parteinahme' allein in der Lage sein werde, die Vielfalt zu unterdrücken und die abweichenden Stimmen zum Schweigen zu bringen."
Archiv: Politik

Europa

Die Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz zur Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße sprengte auch wegen ihrer Emotionalität den Rahmen des Üblichen.


Rachel Salamander gehört zu den Initiatorinnen des Wiederaufbaus der Synagoge. Im Gespräch mit Katrin Richter von der Jüdischen Allgemeinen erzählt sie ihre Geschichte: "Sie ist in der Pogromnacht angezündet worden, aber als der Brand auf die 'arischen' Nachbarhäuser überzugreifen drohte, kam die Feuerwehr sofort und löschte. Nur deswegen ist sie als einzige der Münchner Synagogen stehen geblieben. Aber im Inneren wurde sie komplett verwüstet. Den Nazis diente sie als Kfz-Werkstatt, vor den Deportationen als eine sogenannte Anlernwerkstätte für jüdische Jugendliche, denen man die Illusion gegeben hatte, sie könnten einen Beruf erlernen und irgendwohin auswandern. Mit den Deportationen im November 1941 nach Riga und Kaunas sind sie verschwunden."

Kerstin Holm verfolgte für die FAZ eine Diskussion zwischen der russischen Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa und der weißrussischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch über Putin und Belarus und die armen Westeuropäer, die nichts verstehen: "Die beiden kämpferischen Autorinnen sprachen von der Ratlosigkeit, die sie, angesichts der immer frecheren Vorstöße Russlands, nun auch mit Drohnen im Luftraum Polens und Rumäniens, bei Gesprächspartnern in Deutschland, im Baltikum oder in Finnland beobachteten. Da die Europäer ohne die Hilfe der USA auskommen müssten, wie Scherbakowa feststellte, hätten die Ukrainer nun auch gegen deren Hilflosigkeit zu kämpfen, so Alexijewitsch."

Der Brexit "hat den ehemaligen Thronsitz des Empires auf eine isolierte, den Launen des amerikanischen Präsidenten ausgelieferte Insel in der Nordsee reduziert", stellt Eva Ladipo in der FAZ fest. Auch die Zahl der Einwanderer "ging nicht zurück, sondern stieg auf Rekordhöhe - und zwar sowohl auf legalem als auch auf illegalem Weg". Und dennoch feiert der Erfinder des Brexit, Nigel Farage, ungeheure Erfolge in den Umfragen. Was ist also das Geheimnis des Rechtspopulismus? Das britische Beispiel biete eine "bestürzende Erkenntnis. Es beweist zwar, dass der Populismus, wenn er sich durchsetzt und an die Macht kommt, den Karren an die Wand fährt. Doch dadurch, dass er Erwartungen enttäuscht, verliert er nicht, sondern gewinnt sogar an Zulauf, indem er die Wut schürt, die ihn nährt. Es handelt sich also um eine Art politisches Perpetuum mobile, das vom eigenen Versagen lebt."

Dass Wladimir Putin Europa jetzt mit russischen Drohnen über Polen provozieren möchte, zeigt, dass der russische Präsident kein Interesse an Verhandlungen hat, konstatiert die Historikerin Anne Applebaum im FR-Interview mit Stefan Brändle. "Putin ist überhaupt nicht interessiert, den Krieg zu beenden. Er will nicht einmal einen Waffenstillstand. US-Präsident Donald Trump brauchte sechs Monate, um das zu merken. Auch die Bemühungen der Europäer um 'Sicherheitsgarantien' beruhen auf der bloßen Fiktion, dass Russland einen Waffenstillstand eingehen könnte. Putin beschleunigt im Gegenteil seine Attacken bis nach Europa. Erinnern wir uns, dass russische Agenten in den letzten Jahren Menschen in Deutschland, Spanien und Großbritannien umgebracht haben; sie verüben Sabotageakte, verursachen Zwischenfälle in London, Tschechien und Estland, und lancieren Desinformationskampagnen."

Europa befindet sich schon längst im Krieg mit Russland, es sollte endlich auch so handeln und harte Maßnahmen gegen Russland verhängen, schreibt der russische Oppositionspolitiker Garri Kasparow in der Welt. "Ich bin mir der innenpolitischen Risiken bewusst, die ein solcher Ansatz für die europäischen Staats- und Regierungschefs mit sich bringt. Wie jede Maßnahme, die den Verlauf dieses Krieges entscheidend verändern würde, sei es das Einfrieren russischer Staatsfonds oder die Verhängung scharfer Sanktionen, ist auch diese mit Opfern verbunden. Aber per definitionem kann ein Krieg nicht ohne Risiken gewonnen werden. Und wie auch immer man es ausdrücken möchte - wir befinden uns im Krieg. Ob man es nun in diplomatischer Sprache formuliert oder die Botschaft unverblümt auf den Punkt bringt (es ist Krieg, Dummkopf ...), die Wahrheit bleibt dieselbe."
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Gesellschaft

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Eva Illouz sieht sich als linke Israelin. Sie gehörte zu den Mitunterzeichnern der "Jerusalem Declaration", die Israelfeindschaft als "nicht per se" antisemitisch weißwäscht. In ihrem Essay "Der 8. Oktober" thematisiert sie den linken Antisemitismus, der ihr sozusagen gleich am Tag nach den Hamas-Pogromen ins Gesicht schlug. SZ-Redakteurin Sonja Zekri ist damit gar nicht zufrieden: Abenteuerlich werde es, "wenn Illouz Verbindungen der 'Linken' zum 'Islam' nachweisen will, deren verbindendes Glied der Israel-, also: der Judenhass sein soll. Dabei aber unterscheidet sie nur schlampig zwischen Islam und Islamismus, geschweige denn, zwischen Islamismus und Dschihadismus." (Da möchte man Zekri doch einen Blick etwa nach Frankreich empfehlen, wo sich das Bündnis zwischen Linker und Islamismus etwa in Mélenchons France Insoumise und ihrer Pasionara Rima Hassan manifestiert.)

Die CDU sollte darauf verzichten, bei allen "Kulturkampfthemen", zum Beispiel Gendersprache oder Schwangerschaftsabbrüchen, die Positionen der AfD zu übernehmen, in der Hoffnung, hier ließen sich Stimmen gewinnen, warnt der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher im SZ-Interview mit Peter Laudenbach. "Man könnte sich auch von linker Seite fragen, ob man über jedes Stöckchen springen und Klöckners Entscheidung unbedingt skandalisieren muss. (...) Der größere Rahmen ist, dass es die Regierung mit lauter Problemen zu tun hat, die sie nicht über Nacht lösen kann. Die Brücken und die Infrastruktur lassen sich nicht so schnell reparieren. Die geostrategische und wirtschaftliche Lage ist schwierig. Aber eine Regierung braucht trotzdem etwas, das sie kurzfristig als Erfolg und als Unterschied zur Vorgängerregierung vorweisen kann. Dafür sind solche Signale des Kulturkampfs hilfreich (...). Oder man sorgt an der Grenze für Szenen, wo Leute abgewiesen werden. Auch das ist nicht weit von Symbolpolitik entfernt. Man will eben der eigenen Wählerschaft energisches Handeln demonstrieren."
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Ideen

Der 7. Oktober ist quasi unter den Genozidvorwürfen gegen Israel, die sozusagen gleich ab dem 8. Oktober die Wahrnehmung dominierten, verschwunden. Bernd Rheinberg sucht bei den Salonkolumnisten eine Erklärung für dieses Phänomen: "Die Postmodernen wie der französische Philosoph Jean Baudrillard dachten noch, das große Trauma ihres Zeitalters wäre die Agonie fester Bezüge, die Agonie des Realen und Rationalen, was zu einem Zeitalter der Simulation führe. Aber das Reale ist weiterhin sichtbar, es wird nur von Lüge und Leugnung dissimiliert, sprich: abgebaut zur Gewinnung von Energie für die eigenen Zwecke. Es ist eine politische Verstoffwechselung. Daher spielen die Realitäten beziehungsweise die Gegebenheiten des asymmetrischen Kriegs als Erklärungen im jetzigen Gaza-Krieg keinerlei Rolle mehr - sei es, weil man das nicht einzuschätzen weiß oder schon wieder vergessen hat oder weil es politisch nicht in den Kram passt."
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Stichwörter: 7. Oktober

Religion

Die "Internationale Union muslimischer Gelehrter (IUMS)", ein einflussreicher, in Katar gegründeter internationaler muslimischer Verband, fordert den Dschihad gegen Israel. Zuletzt tagte die in einigen muslimischen Ländern verbotene Organisation in Istanbul. Unterstützt wird ihre Position auch von Ali Erbas, dem als Präsident der türkischen Religionsbehörde Diyanet die in Deutschland tätige DITIB untersteht. Stefan Laurin berichtet für hpd.de und hat unter anderem mit dem Hamburger CDU-Politiker Ali Ertan Toprak gesprochen: "Dass das Bundesinnenministerium nach einem Bericht der Welt in Folge der Konferenz in Istanbul beschlossen hat, die DITIB zu beobachten und einer ihrer Sprecher gegenüber der Zeitung erklärte, Erbas repräsentiere nicht den DITIB-Bundesverband und seine Aussagen gäben nicht die Position oder die Haltung der DITIB wieder, beeindruckt Toprak nicht: 'Wenn die DITIB sagt, Erbas spreche nicht für sie, ist das so, als wenn die Deutsche Bischofskonferenz sagen würde, der Papst spreche nicht für sie.' Die Politik müsse endlich Konsequenzen ziehen."
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