Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.10.2026. Nicht nur ist morgen Nationalfeiertag und darum frei - nächste Woche beginnt auch noch die Buchmesse. Die Zeitungen platzen förmlich und bringen Freitagsausgabe, Samstagsausgabe und Buchmessenbeilagen auf einmal. Jetzt müssen wir nur noch die Krise des Lesens bewältigen, so die SZ. Für die FAZ hat Stephan Malinoski jedenfalls schon Mal 3.000 Seiten Hannah Arendt über Totalitarismus bewältigt. Und das Leben geht weiter: In der SZ erzählt Lea Streisand, wie sie von links und rechts bedroht wird. Und in NZZ und Zeit warnen Giuliano da Empoli und Timnit Gebru vor den Tech Bros und ihrer KI.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Für einen ausführlichen Essay hat der Historiker Stephan Malinowski die kritische Neuausgabe von Hannah Arendts "Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft" neu gelesen, die drei Teilbände mit 3.000 Seiten umfasst - sein Essay erscheint in der heutigen Buchmessenbeilage der FAZ. Das Werk ist ein Steinbruch, legt er dar, aus vielen wuchtigen höchst bedeutsamen Fragmenten. Malinowski ist beeindruckt, wie Arendt, inspiriert von Joseph Conrad, Imperialismus, Kolonialismus und Totalitarismus zusammendenkt - ohne sie nach postkolonialistischer Façon über einen Kamm zu scheren: "Im zweiten Teil des Buches liegt Arendts zeitlos große Leistung darin, neben Verbindungen, Parallelen und Verwandtschaften zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt zugleich auf der radikalen Neuartigkeit totaler Herrschaft bestanden zu haben. Die im NS-Staat erreichte Herrschaftsdichte sowie die 'Logik' der Vernichtungslager lassen sich aus der Fahrt auf dem Congo River, aus der Tradition kolonialer Gewaltpraktiken, nicht ableiten." Die Buchmessenbeilagen werten wir für unsere Bücherpresseschau in den nächsten Tagen aus.
Ebenfalls in der FAZ rät der Altphilologe Jonas Grethlein vom Gebrauch des Worts "Schicksalsgemeinschaft", ab, das neuerdings wieder in Mode gekommen zu sein scheint.
Nächste Woche ist also Buchmesse. Für die SZ checkt Marie Schmidt in vielen Gesprächen in "Buch zwei" die traurige Lage auf dem Buchmarkt - wird überhaupt noch gelesen? "Allen, die von Büchern leben, schwinden die Existenzgrundlagen. Das hat auch Einfluss darauf, was wir noch zu lesen kriegen, was überhaupt noch geschrieben werden kann. Der Wandel entgeht einem leicht, denn die Welt der Bücher verschwindet nicht plötzlich mit einem großen Knall. Erst einmal bröckelt der Buchmarkt an den Rändern: Verluste hier, eine Existenzkrise da, eine Leerstelle dort. Man kann oft kaum erkennen, wie dieses Bröckeln zusammenhängt mit fundamentalen Veränderungen."
Lea Streisand ist eine Schriftstellerin mit jüdischen Wurzeln, aufgewachsen ohne eigentlichen Bezug zum Judentum in der DDR. In der SZ erzählt sie nicht nur, wie sie ihr Judentum neu entdeckte, sondern auch wie sie lernen musste, dass Linke, denen sie sich zurechnete, begeisterte Antisemiten sein können. "Noch vor ein paar Jahren hätte ich mir ein Loch in den Bauch gefreut über den Wahlsieg von Elif Eralp. 26 Prozent für eine migrantische Berliner Bürgermeisterin, ist doch ein Traum! Nun wackelt mir wieder der Boden unter den Füßen. Die Antisemitismusdebatte hat der Partei weniger geschadet als genützt. Gerade die Kandidaten mit dem aggressivsten Propalästinawahlkampf haben die höchsten Wahlergebnisse eingefahren. Ich hätte erwartet, dass die Berliner den Aktivisten den Vogel zeigen. Was genau hat der ganze Nahostkonflikt überhaupt mit Berlin zu tun? Haben wir nicht genug eigene Probleme?" Zu Lesungen zu reisen, wird immer schwieriger für sie - auch wegen der Rechtsextremen, erzählt sie. Eine Lesung in Fürstenwalde zum morgigen Tag der Einheit sagte sie ab, weil in der Nähe eine Demo mit Björn Höcke angesetzt ist.
Susan Neiman gehört neben Deborah Feldman zu den linken Jüdinnen, die die Linkspartei in Berlin unterstützen. Sie rät der Linkspartei im Gespräch mit Jens Balzer von der Zeit bei ihrer antiisraelischen Position zu bleiben, so wie es Zohran Mamdani in New York vormache: "Mamdani wurde nicht trotz seiner Position gewählt, sondern gerade weil er von dieser Position trotz großen Drucks nicht abgewichen ist. Das wird als Zeichen seiner Integrität gewertet, denn viele denken: Wenn er in diesem Punkt so integer ist, dann wird er es in anderen Punkten auch sein. Ich wünschte, die Linke könnte sich daran orientieren. Ob das in Deutschland aber möglich ist, bezweifle ich."
Morgen feiern wir den Tag der deutschen Zwietracht, zumindest wenn man Jasper von Altenbockum im Leitartikel der FAZ glaubt: "Es sieht nicht so aus, als könnten die Deutschen in absehbarer Zeit zu einer Einheit finden. Die Grundordnung mag feststehen, aber ob es die freiheitlich-demokratische ist, schon darüber gibt es unterschiedliche Ansichten."
Die AfD wird im Osten stärker bleiben als im Westen, meint Soziologe Steffen Mau im Gespräch mit Michael Hesse von der FR - auf mehr als 20 Prozent taxiert er die AfD im Westen kaum: "Die klassischen Parteien sind dort noch stärker, auch in der Fläche. Es gibt parteibezogene Milieus. Bezogen auf die Bevölkerung gibt es etwa doppelt so viele Parteimitglieder. Und es gibt den langen Schatten einer sehr erfolgreichen Parteiendemokratie, die auch andere gesellschaftliche Bereiche beeinflusst und durchwirkt. Hinzu kommt die größere Bedeutung sogenannter 'Big Tent Organizations', also etwa der Kirchen und Gewerkschaften, über die politische Integration gelingt. Nicht zuletzt ist die Zivilgesellschaft im Westen deutlich stärker. Wenn man sich etwa den Anteil privater oder politisch aktiver Stiftungen anschaut, ist das im Osten sehr viel spärlicher ausgeprägt."
Französische Jugendliche geben ihrer Unzufriedenheit über die Mängel des französischen Bildungswesens Ausdruck:
Les images inacceptables des débordements partout en France comme au lycée de l'Édit de Roussillon nous révoltent tous ; des poubelles en feu lancées pour tenter d'endommager des habitations, des bus incendiés, et nos forces de l'ordre et pompiers pris à partie. Ce climat de… pic.twitter.com/OaW0chgoXr
Im Gespräch mit Marcus Gatzke und Jörg Lau von der Zeit erklärt der Politologe Carlo Masala, warum er den Begriff "Hybrider Krieg" eher ablehnt und lieber von "Schattenkrieg" spricht. Außerdem skizziert er, was passieren würde, wenn sich AfD, Linkspartei und Co. durchsetzen würden und die deutsche Hilfe für die Ukraine eingestellt würde: "Die Ukraine könnte sicher nicht mehr lange durchhalten, Russland würde sehr rasch mindestens den ganzen Donbass besetzen. Der ukrainische Staat wäre zahlungsunfähig und würde kollabieren. Eine perfekte Ausgangssituation für Russland, irgendwann die Ukraine komplett einzunehmen. Was die Freunde von der AfD verschweigen: Wenn sich Russland durchsetzt, werden weitere Millionen von Ukrainern in den Westen fliehen. "
Bestellen Sie bei eichendorff21!Muslimischer Antisemitismus hat zum Teil eigene Traditionen, zum Teil ist er aus Europa importiert. Giftig ist das Amalgam allemal, schreibt der Historiker Omar Kamil, der ein Buch zum Thema vorgelegt hat, in der taz: "Europäische Verschwörungsmythen verbanden sich mit Erfahrungen kolonialer Herrschaft und Gewalt, arabisch-nationalistischen Narrativen, islamistischen Deutungen und dem fortdauernden Nahostkonflikt. In diesem Geflecht gingen antijüdische Ressentiments und gegen Israel gerichtete Feindbilder zunehmend ineinander über. Dieses Zusammenwirken erklärt, warum sich antisemitische Deutungsmuster in Teilen muslimisch geprägter Gesellschaften so hartnäckig halten konnten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der politische AnalystGiuliano da Empoli war unter anderem Regierungsberater von Matteo Renzi und Emmanuel Macron. Heute schreibt er lieber Bücher. Dass wir heute in der "Stunde der Raubtiere" leben (so einer seiner Titel), erklärt er im Interview mit der NZZ vor allem mit der ungeheuren Macht der Tech-Konzerne: "Nicht KI ist das Problem, sondern ihre Regulierung. Wir leben in einer seltsamen Welt, die uns immer mehr entgleitet. Die meisten von uns haben im Digitalen keine Kontrolle mehr, auch weil wir KI mit ihren Algorithmen und ihrem Tempo nicht wirklich verstehen. Und vielen Politikern geht es genauso. ... Das beginnt schon 1996, als die Clinton-Administration entschied, die Betreiber von Internetseiten nicht für die dort veröffentlichten Inhalte zu belangen. Vizepräsident Al Gore heuerte später im Silicon Valley an und verdiente viel Geld. Die Demokraten gingen jahrelang Hand in Hand mit den netten Nerds, besonders in der Obama-Zeit. Diese Nähe war dafür verantwortlich, dass die Partei, die sonst so stark auf Vorschriften pocht, den Plattformen, auf die sich ein Großteil des politischen Lebens verlagert hatte, keine Regeln auferlegte. Und Donald Trump ist der Letzte, der das ändern wird." Den Europäern empfiehlt Empoli, "ein Gegengewicht zu den amerikanischen Tech-Giganten zu bilden. Wir sollten mit allen Mitteln versuchen, die Kontrolle über die Technologie zurückzugewinnen und unser eigenes Modell zu entwickeln, das mit der Demokratie vereinbar ist."
Ähnlich sieht es in der Zeit die Informatikerin Timnit Gebru, die in diesem Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wird. Auch für sie ist nicht KI das größte Problem, sondern "dass die Menschen, die sie entwickeln, keine Rechenschaft ablegen müssen... Eigentlich müsste man OpenAI derzeit als höchst gefährliches Unternehmen behandeln, das Schadsoftware auf uns alle loslässt. Dann würde man es strafrechtlich verfolgen, die Büros durchsuchen, Verantwortliche ins Gefängnis bringen. Nichts davon passiert. ... Ob man sagt, KI werde uns alle umbringen oder uns alle retten: Hängen bleibt, dass es eine unglaublich mächtige Technologie ist. Das ist zuallererst Marketing. Sie ist so mächtig, dass man sie bauen muss. Wer wollte schon auf eine Technologie verzichten, die Krankheiten ausrotten und die Menschheit retten könnte. Wer sagt, wir sollten langsamer machen, sagt zugleich: Wir sind auf dem richtigen Weg, wir machen dasselbe weiter, nur langsamer. Eine Verlangsamung gibt einem nicht die Gelegenheit, darüber zu reden, ob das überhaupt die Technologie ist, die wir wollen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Tech-Bosse wie der OpenAI-Chef Sam Altman rufen jetzt nach Philosophen, die ihnen - wie einst Aristoteles - ethische Richtlinien basteln. Das ist allerdings eher eine Drohung als eine Einladung, meint der Historiker EdmundRichardson, der gerade eine Biografie über Alexander den Großen geschrieben hat. "Philipp, Alexanders Vater, hatte Aristoteles' Heimatstadt niedergebrannt und die Einwohner versklavt, darunter auch die Verwandten des Philosophen", erklärt er im Interview mit der Zeit. "Philipp war aber nicht nur der brutalste Herrscher seiner Zeit, sondern auch sehr klug. Er wandte sich danach sehr höflich an Aristoteles: Ich habe einen Sohn. Warum kommen Sie nicht an meinen Hof und unterrichten ihn? Und wenn Sie Ihre Sache gut machen, baue ich Ihren Heimatort wieder auf und befreie Ihre Verwandten aus der Sklaverei. Was halten Sie davon? ... Aristoteles hat jedenfalls später ein Machtmodell entwickelt, das das genaue Gegenteil von dem war, was er in Makedonien vorfand. Sein Ideal eines guten Herrschers war derjenige, der das Wohl aller im Blick hat und nicht nur den eigenen Vorteil. Und Alexander hat sich von den Ideen seines berühmten Lehrers nie einhegen lassen. Er war nie Aristoteliker."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die FAZ druckt ein Kapitel aus Franz Walters Biografie über Joachim C. Fest vorab. Natürlich geht's um seine Zeit als Feuilletonherausgeber der FAZ, einen Posten, den er, bestärkt von seinem publizistischen Weggefährten Wolf Jobst Siedler, nach leisem Zögern akzeptierte. Die Vorgespräche mit den künftigen Herausgeberkollegen werden geschildert. "Immerhin: Fest wusste nun einiges darüber, was ihn bei der FAZ erwarten würde. Präzise Planungen, höflicher Umgang, aber eben auch ein schlichter Volkswagen, in dem sich der Herausgeber-König von seiner Sekretärin chauffieren ließ. Für dergleichen demonstrative Bescheidenheit hatte Fest ebenso wenig Verständnis wie Siedler. Als er sich für das Angebot der FAZ entschied, forderte er einen Mercedes 280 SE." Die Redakteure, die es unter Karl Korn offenbar gemütlich hatten, scheinen zunächst Vorbehalte gehabt zu haben, aber die Bedenken zerstreuten sich schnell, denn Fest erwies sich als höflich und konziliant: "Mit dieser Haltung erreichte Fest weit mehr als mit Cholerik oder der Verbreitung von Furcht, was später zum Signum der Ressortleitung seines Nachfolgers Frank Schirrmacher wurde."
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