9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Build, baby, build

10.05.2025. Der Spiegel hat das 1.108 Seiten lange Verfassungsschutzgutachten zur AfD gelesen. Die bisher nur bekannte Pressemitteilung hatte es demnach gut zusammengefasst. Nun stellt sich die Frage des AfD-Verbots, das von einer Mehrheit der Deutschen laut Tagesspiegel befürwortet wird. Die Medien arbeiten sich an Kulturminister Wolfram Weimer ab: Wird es eine konservative Wende geben? Er hätte zu tun, denn "Kultur ist zu einer Leerstelle in unser Gesellschaft geworden", klagt der E-Musik-Blogger Axel Brüggemann in Backstageclassical. Die FAS hat unterdessen eine linke Antwort auf die neue rechte Hegemonie: nicht "Degrowth", sondern "Abundance".

Risiko einer unbeabsichtigten Eskalation

09.05.2025. Noch glaubt der vom Spiegel befragte Politologe Chietigj Bajpaee  zwar nicht, dass sich der Konflikt zwischen Indien und Pakistan zum großen Krieg auswächst - aber die Situation ist brenzlig. In der New York Times kritisiert Bill Gates scharf die Streichung humanitärer Gelder durch die Trump-Regierung: Das Leben von Millionen Kindern sei gefährdet. Wir sind Papst, rufen die Amerikaner, aber nicht Päpstin, kritisieren einige. In hpd.de fordert die SPD-Politikerin Lale Akgün auch in Deutschland Trennung von Staat und Religion. Zeit und RBB haben herausgefunden: SPD- und CDU-Politiker pflegen weiterhin den "Petersburger Dialog". Zur Not auch heimlich.

Frei zu sein

08.05.2025. Heute ist Tag der Befreiung. Oder doch nicht? Fühlen sich AfD-Wähler befreit, fragt Zeit online. Doch, die meisten Deutschen waren froh, glaubt der Historiker Peter Longerich in der FR. In der NZZ mahnt der Historiker Norbert Frei eine Änderung der deutschen Erinnerungskultur an. In der SZ sieht Herfried Münkler das vorläufige Ende einer Ära des Friedens und Wohlstands. Wir müssen über die angeblich unvermeidliche Aufrüstung reden, forderten kürzlich sechs Autoren in der Zeit. Gern, aber nicht so, antworten ihnen heute ebendort Carlo Masala und Armin Nassehi.

Die Logik der memorialmoralischen Marktwirtschaft

07.05.2025. In der SZ ist der israelische Historiker Amir Teicher sehr, sehr müde vom Protestieren gegen seine immer absurder agierende Regierung. In Le point geißelt Kamel Daoud den wachsenden Rassismus in Algerien. Die FAZ denkt darüber nach, wie die Erinnerungspolitik in Deutschland durch Linke und Rechte verändert wird. In der taz erklärt Sachsens Innenminister Armin Schuster, warum es trotz Rechtsextremismus-Siegel, schwierig ist, die AfD zu verbieten.

Eine wohltuende Abwechslung

06.05.2025. Der Marathon zum 8. und 9. Mai ist noch nicht zu Ende. Heute erzählt Irina Scherbakowa  in der taz, dass der 9. Mai in der Sowjetunion ein stiller Gedenktag war, bevor er 1965 von Breschnew zum offiziellen Feier- und Triumphtag umgeformt wurde. In der FR hofft Aleida Assmann auf migrantische Impulse im deutschen Gedenken. In der Welt appelliert Garri Kasparow an Friedrich Merz, eine schärfere Politik gegen den Putinismus durchzusetzen. Die FAZ freut sich sehr: Unser neuer Kanzler kann sprechen.

Zuteilung unterschiedlicher Schicksale

05.05.2025. Das Gedenken geht weiter - von wegen "Befreiung". Die Alliierten wollten besiegen, nicht befreien. Auch weil die Deutschen den Nazis bis zum Schluss treu ergeben waren, konstatiert Hubertus Knabe in der FAZ. In diesem Moment hatten die Westalliierten Mittelosteuropa bereits an Stalin ausgeliefert, ergänzt Jüri Reinvere  ebenfalls in der FAZ. Über das Gutachten des Verfassungsschutzes zur AfD wird weiter diskutiert: Wird es in den Neuen Ländern irgendetwas ändern, fragt David Begrich in der taz. Michel Friedmann befürwortet in der Welt ein Verbot der AfD.

Ein Molekül namens Dimethyldisulfid

03.05.2025. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die AfD als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuft und begründet die Entscheidung mit  islam- und muslimfeindlichen Äußerungen der Partei. Die Zeitungen versuchen die Konsequenzen dieser Meldung auszuloten. Einfach die Krim aufgeben und dann ist Frieden? Nikolai Klimeniouk erklärt in der NZZ mit einem Beispiel aus weit entlegenen Weltgegenden, warum das nicht funktionieren wird. Achtzig Jahre Befreiung: Es gibt eine Flut von Gedenkartikeln - einige zitieren wir. Und über Wolfram Weimer und Joe Chialo wird auch weiter diskutiert. Die taz gibt schließlich eine Reiseempfehlung: Vielleicht läuft es ja auf dem Planeten namens K2-18b besser.

Die angebliche Ständigkeit des Erinnerns

02.05.2025. Die Russen haben dem Leichnam der ukrainischen Journalistin Victoria Roshchyna Augen und Kehlkopf entnommen und ihn als männlichen Leichnam deklariert, bevor sie ihn an die Ukrainer zurückgaben - ein Rechercheteam von Forbidden Stories hat diese Lüge aufgedeckt, die FAZ berichtet. Die taz erklärt, warum des Massakers von Dersim nur in Deutschland gedacht werden kann. Mehrere Medien beklagen den Kulturkampf der Trump-Regierung gegen die amerikanische Linke. Aktualisiert um 11.20 Uhr: Joe Chialo tritt als Berliner Kultusenator zurück.

Bilder von Moos

30.04.2025. Die Zeitungen werden der Flut der Jahrestage kaum mehr Herr. In der FAZ erinnert der Historiker Manfred Kittel an die Vertreibung von Millionen Deutschen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg - und die sowjetische Rolle bei dem Geschehen. In der FR lotet Wolfgang Kraushaar das Trauma des Vietnamkriegs aus. In der Zeit fordern Svenja Flaßpöhler, Hartmut Rosa, Frauke Rostalski und Juli Zeh, doch erstmal längere Zeit nachzudenken, bevor man gegen Putin aufrüstet. Bei hpd.de stellen sich säkulare Sozialdemokraten gegen die grüne Idee, das Kopftuch in der Polizei zuzulassen.

Die Umrisse einer Gartenschere

29.04.2025. Sie haben sich zerstritten und wieder versöhnt: In einem gemeinsamen Text für die SZ hoffen Navid Kermani und Natan Sznaider auf die Zivilgesellschaften in Israel und Gaza und haben einen Rat für die neue deutsche Regierung. Der designierte Kulturminister Wolfram Weimer erschreckt die Feuilletons nach wie vor - Zeit online und Welt machen allerdings auch Positives aus. Die SZ weiß außerdem, warum Merz Weimer so gern hat. In der NZZ legt Viktor Jerofejew einen niederschmetternden Essay über die Lage der Ukraine und Europas vor.