9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Geradewegs hinein in Kompliziertheit

26.02.2025. Im Guardian hofft Timothy Garton Ash, dass Deutschland unter Merz die Zeitenwende für ein starkes Europa einleitet. In der SZ erinnert Marko Martin indes an André Glucksmann, der schon in den Achtzigern für eine robuste westliche Verteidigungsfähigkeit eintrat. Der Historiker Martin Schulze-Wessel konstatiert in der FAZ eine Provinzialisierung Europas, denn erstmals sitzt kein europäischer Staat mit am Verhandlungstisch, wenn Ostmitteleuropa verteilt wird. Die Historikerin Botakoz Kassymbekova sieht auf Zeit Online die einzige Lösung in einer Dekolonialisierung Russlands. Und in der FAZ wirft der Historiker Heiko Heinisch den Postkolonialisten vor, das Ende des Westens einzuleiten.

Tischlein-deck-dich-Logik

25.02.2025. Während der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch in der FAZ Trumps Drohungen gegen die Ukraine nicht ernst nehmen möchte, warnt der ukrainische Historiker Jaroslav Hrytsak im Guardian: Schon in drei bis fünf Jahren könnte Putin seinen Krieg gegen den Westen ausdehnen. Die Zeitungen ringen nach den Wahlen weiter um Erklärungen: Umwelt und Klima haben im Osten so gut wie keine Rolle gespielt, konstatiert der Soziologe Axel Salheiser in der taz. Prominente Verleger protestieren laut SZ gegen die rechtsextreme "Strom-Metapher" im Begriff "Zustrombegrenzungsgesetz".

Dreckige Deals führen zu katastrophalen Folgen

24.02.2025. 20 Prozent AfD, fast 9 Prozent für die Linkspartei. Zusammen haben sie eine Sperrminorität im neuen Bundestag. Die Deutschlandkarte ist wieder schwarzblau, die Jugend hat zu über 50 Prozent für russlandfreundliche Parteien gestimmt. Die Welt blickt auf Deutschland, schreiben die Nobelpreisträgerin Irina Scherbakowa und Oleg Orlow in der FAZ, es muss jetzt einen Trump-Putin-Pakt verhindern helfen. In der FAS erklärt der ukrainische Schriftsteller und Veteran Stanislaw Assejew, warum Frieden kommen muss. Die digitale Dominanz Amerikas wird immer stärker, berichtet die FAZ: Wir brauchen neue soziale Plattformen, meint Björn Staschen im Tagesspiegel.

Es steht längst zu viel auf dem Spiel

22.02.2025. Morgen ist Wahl und nicht nur die Zukunft Deutschlands steht auf dem Spiel: An Investitionen in die Aufrüstung führt kein Weg vorbei, ruft die Friedensforscherin Nicole Deitelhoff in der wochentaz. Die AfD wird Europa den Russen zum Fraß vorwerfen, warnt Correctiv-Reporter Marcus Bensmann in der NZZ. Deutschland sucht den "Super-Abschieber" - der  Schriftsteller Imran Ayata ärgert sich in der FAS über die populistisch geführte Migrationsdebatte.

Ein Test, wer dann zu Hilfe eilt

21.02.2025. Auf Kanzler Merz wartet eine große Aufgabe, so Herfried Münkler in Zeit online: Deutschland sei das einzige Land Europas, das von seinen Ressourcen her zu Führung in der Lage ist - nur so könnte Europa Konsistenz gegen Russland und USA gewinnen.  Der von der FAZ befragte österreichische Politikwissenschaftler Gustav Gressel hält Krieg in Europa in ein bis zwei Jahren für plausibel. In der SZ meint Maxim Biller: Entweder AfD-Verbot oder Bürgerkrieg. Journalisten in Amerika haben Angst vor Trump, stellt Le Point fest.

Radikale Gleichgültigkeit

20.02.2025. Historische Tage: Donald Trump scheint die Ukraine und Europa nicht nur fallen zu lassen, sondern das Bündnis mit Wladimir Putin zu suchen. Die USA haben die westliche Allianz verlassen, konstatiert Stefan Kornelius in der SZ. Wir sind jetzt entweder die Beute oder zeigen die Zähne, schreibt Caroline Fourest in Franc-Tireur. Europa darf nicht nachgeben, warnt Marko Martin in Zeit online.

Wie Schimmel auf einem faulenden Pfirsich

19.02.2025. In der FAZ rechnet der französische Soziologe François Héran vor, dass weniger Asylbewerber keineswegs weniger Attentate bedeuten. Außerdem fragt die assyrische Christin Ninve Ermagan in der FAZ, warum zwar gegen die AfD, nicht aber gegen Islamismus protestiert wird. In der Welt findet der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski Trumps Ukraine-Pläne "vernünftig". Das konfuzianische Erbe in Südkorea kann Frauenleben kosten, glaubt die SZ. Angesichts dessen, was man in Europa alles nicht sagen darf, macht J. D. Vance einen Punkt, meint Persuasion. Absurd ist das allerdings, wenn man auf das Wörterbuch mit Vokabeln blickt, die in den USA künftig verboten werden sollen, ergänzt die SZ.

Die Grenzen der Zugehörigkeit

18.02.2025. Die Narrative der Rechtspopulisten zu übernehmen, macht diese nur stärker, mahnt der Politologe Marcel Lewandowsky die etablierten Parteien im FR-Gespräch. Die AfD wird so schnell nicht verschwinden - wir sollten uns endlich damit auseinandersetzen, was das langfristig bedeutet, fordert der Soziologe Marcel Schütz in der NZZ. "Ave Trump", ruft derweil die FAZ. The Atlantic stellt fest, dass sich die Sprachreglementierung in den USA nun auf die Seite der Rechten verschoben hat: Die Regierung hat eine Liste mit verbotenen Wörtern erstellt.

Die Freiheitsfrage schlechthin

17.02.2025. Die Münchner Rede von J.D. Vance hallt nach: Im Grunde war sie eine Drohung an die Europäer, so Zeit und SZ: Wenn Ihr Musks "X" reguliert, lassen wir euch fallen. Ein investigatives Buch über Nord Stream und die Verwicklung deutscher Politiker in russische Netzwerke könnte die letzten Tage des Wahlkampfs aufstören, Ilko-Sascha Kowalczuk bespricht es auf Twitter. Wir haben gar kein Problem mit Migration, sondern nur eins mit "Verfügbarkeitsheuristik", tröstet der Psychologe Markus Knauff in der FAZ. Die Zeitungen trauern um Gerhart Baum.

Die zweite Zeitenwende

15.02.2025. Zum Abschluss einer historischen Woche machte der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance in München noch eine Ansage: Es gibt einen neuen Sheriff in Town. Die Zeit fragt: Meint er damit Trump oder Musk? Oder was meint er mit "Meinungsfreiheit"? Die FAZ benennt noch ein anderes Problem: Deutschland ist von amerikanischer Digitaltechnologie mindestens so abhängig wie seinerzeit von russischem Gas. Vor fünf Jahren erschoss ein rechtsextremer Attentäter in Hanau neun Menschen. Die taz besucht die traumatisierten Angehörigen.