9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2025. Zum Abschluss einer historischen Woche machte der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance in München noch eine Ansage: Es gibt einen neuen Sheriff in Town. Die Zeit fragt: Meint er damit Trump oder Musk? Oder was meint er mit "Meinungsfreiheit"? Die FAZ benennt noch ein anderes Problem: Deutschland ist von amerikanischer Digitaltechnologie mindestens so abhängig wie seinerzeit von russischem Gas. Vor fünf Jahren erschoss ein rechtsextremer Attentäter in Hanau neun Menschen. Die taz besucht die traumatisierten Angehörigen.
14.02.2025. Im russischen Staatsfernsehen kann man kaum fassen, in welchem Tempo Trump auf Putin zugaloppiert, berichtet The Daily Beast: Bald können wir auch Westeuropa angreifen, freut man sich da. Gegen Trump war Chamberlain als Beschwichtigungspolitiker noch ein mutiger Realist, konstatiert Timothy Garton Ash im Guardian. Putin wird faktisch rehabilitiert, so die SZ und die NZZ. Und die Ukraine zahlt den Preis, so die FAZ. Bevor auch Europa zahlt, so Viktor Jerofejew in der FAZ. Unterdessen reist der amerikanische Vize J.D. Vance zur Münchner Sicherheitskonferenz und gibt den Deutschen im Wall Street Journal eine Wahlempfehlung für die AfD. Aktualisiert: Putin hat Tschernobyl beschossen, meldet die New York Times.
13.02.2025. Donald Trump will Wladimir Putin dessen Geländegewinne in der Ukraine als Friedensgabe überreichen, Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth verkündet, dass die Ukraine niemals der Nato beitreten wird. Wir tragen erste entgeisterte Reaktionen zusammen. Nun hat die Stunde der Wahrheit für die EU geschlagen, ruft Garry Kasparow auf Twitter. Das Auswärtige Amt träumt derweil vom Frieden. Slavoj Zizek unterstützt in der Welt die serbischen Proteste gegen die Regierung.
12.02.2025. Die FAZ kritisiert das Verfassungsblog, das sich gerade eine rechtsextreme Koalition zusammengebastelt hat, gegen die nur ein Front populaire helfe. Im Spiegel wünscht sich die Historikerin Ute Frevert, als denkende Bürgerin im Wahlkampf ernst genommen zu werden. In der SZ wendet sich der Psychiater Josef Aldenhoff gegen ein Register für psychisch kranke Gewalttäter: Mehr helfen würde bessere Traumabehandlung. In der FAZ warnt Hochschulrektor Christian Bauer die Kritiker der Bundestagsresolution zum Antisemitismus: die Freiheit des Einzelwesens sollte wichtiger sein als die Gründung eines Clubs. Die NZZ ruft: Es braucht einen jüdischen Kanzler.
11.02.2025. Der Wahlkampf geht in den Endspurt. Die FAZ bemerkt: Der Kultur stehen große Streichungen bevor - und dem Publikum ist es egal. An der FU Berlin soll die Israelhasserin Francesca Albanese auftreten, während die FU zuvor eine Ausstellung über den Holocaust abgesagt hatte - die "Werteinitiative" protestiert. Vor achtzig Jahren wurde Dresden bombardiert: Der Historiker Matthias Neutzner erzählt in der FAZ, wie erst die Nazis, dann die DDR, dann Rechtsextreme das Ereignis zum Mythos machten. Andrei Kolesnikow erzählt in der NZZ, warum Putin eher die Techniker fördert: Er braucht sie für den Krieg. Die Geisteswissenschaftler sind Kanonenfutter.
10.02.2025. Beschwingt kommt die taz von der Münchner "Demo gegen rechts" zurück. Gehen oder bleiben, das sei zusehends die Frage, die sich Juden in Deutschland stellt, konstatiert Michael Wolffsohn in der FAZ. Welt und FAZ reagieren ziemlich skeptisch auf die Meldung, dass Hamburg ein neues Opernhaus geschenkt wird. Auf Zeit online erzählt der Historiker Holger Stoecker, wie geraubte Gebeine der Hehe in deutsche Museen kamen. In der Jungle World schwankt der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh zwischen Optimismus und Pessmismus mit Blick auf sein Land.
08.02.2025. In der FAS erklärt der Historiker Volker Weiß, wie die extreme Rechte Geschichte überschreibt und die Demokratie zerstört. Hamburg bekommt von dem Milliardär Klaus-Michael Kühne eine neue Oper geschenkt - über die Nazi-Verstrickungen seiner Familie will der aber lieber nichts publik werden lassen, weiß die SZ. Wenn man Trump "Faschist" nennt, sind die meisten Länder faschistisch, meint die taz. Aber ein blutiger Clown der Folklore ist er schon, findet der Ethnologe Thomas Hauschild in der FAZ.
07.02.2025. Entsetzt ist die SZ vom Wüten Trumps in den ersten Amtstagen. Und "die republikanische Mehrheit hat dem Präsidenten die Kehle der Unterwerfung hingestreckt wie Wölfe einem Alphatier". taz und FAZ kommen auf den Mord an Hatun Sürücü vor zwanzig Jahren zurück: Ehrenmord oder Femizid? In der FR polemisiert Richard J. Evans gegen Timothy Snyder und dessen Blick auf Putins Krieg gegen die Ukraine.
06.02.2025. Neulich hat die AfD-Politikerin Alice Weidel behauptet, Hitler sei Kommunist gewesen, eine dreiste Geschichtsfälschung, mit der sie von der eigentlichen Gemeinsamkeit der Totalitarismen ablenken will, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Warum gibt es in Deutschland keine säkulare Form des Gedenkens, fragt hpd.de. Die SZ sonnt sich bereits an der von Trump beschworenen neuen Riviera: "Enjoy Gaza!" Es sei denn, die amerikanische Rechte stirbt an Listeriose, so ebenfalls die SZ.
05.02.2025. In der FAZ vergleicht der Rechtswissenschaftler Christoph Schönberger Merz mit Trump, ebenda meint Armin Nassehi: Merz verhält sich wie die AfD. Viel Kritik gibt es heute auch an der Erinnerungspolitik der Parteien: Der KZ-Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner vermisst im SZ-Gespräch im CDU-Wahlprogramm das Erinnern an Auschwitz, Mirna Funk wirft Olaf Scholz in der Welt indes "sekundäre Auslöschung" der Juden vor. Der Holocaustforscher Omer Bartov behauptet in der FR, die propalästinensischen Proteste an Unis seien von "einflussreichen Geldgebern" unterbunden worden.