9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Wie Griechenland. Wie Griechenland!

04.12.2024. In Afghanistan dürfen Frauen jetzt nicht mal mehr zu Hebammen ausgebildet werden - die Müttersterblichkeit dürfte drastisch steigen, fürchten taz und FAZ. In Rumänien gab es nie wirklich einen Bruch mit dem Kommunismus der Ceaușescu-Ära, erzählt Hubertus Knabe in der NZZ. Die SZ berichtet über eine von zwei von Rache getriebenen Hauptfiguren der französischen Politik, die heute Regierung stürzen könnten. Geier vertragen kein Diclofenac, und das ist schlecht für Indien, informiert Le Monde. Die FAZ erklärt, wen Ralf Dahrendorf mit der "protestantischen Mafia" meinte.

Taschen voller Gold

03.12.2024. In der FAZ erzählt Bülent Mumay, wie der türkische Präsident Erdogan Journalisten drangsaliert. Die SZ befürchtet, dass Donald Trump in den USA bald ähnliches tun könnte. Die taz warnt die Europäer, dass Bosnien und der Kosovo bald ebenso Schutz brauchen könnten wie die Ukraine. Im Tagesspiegel wünscht sich der Thriller-Autor Robert Harris, Britanniens Premierminister Keir Starmer hätte eine wenigstens klitzekleine Vision. Der Spiegel fragt sich, wieviel Tote es braucht, damit Uno-Generalsekretär António Guterres im Sudan aktiv wird.

Beängstigende Proteste

02.12.2024. Aleppo wurde von Milizen erobert. Aber wer sind diese Milizen? Die Zeitungen sind sich uneins. Die FAZ-Gruppe macht laut Welt über eine Unterfirma Millionen mit dem Auswärtigen Amt. Laut Jan-Werner Müller sind an der Polarisierung in Amerika allein die Republikaner schuld. Im Tagesspiegel erklärt Rechtsextremismusexpertin Veronika Kracher, was "Incels" sind. Und warum durfte Benny Morris an der Uni Leipzig nicht reden?

Eine nächste Chance wird es nicht geben

30.11.2024. Das Jahr 1933 unserer Zeit ist angebrochen, ruft in der taz der Soziologe Harald Welzer, und wenn man nichts dagegen tut, werden die Menschenfeinde siegen. Die "Kulturkämpfer hinter Donald Trump" finden mächtige Worte für ihre geplante Revolution, notiert indes die FAS, dahinter verbirgt sich allerdings nicht viel. Die taz empfiehlt der postkolonialen Linken einen "Blick in den Rückspiegel" - auch wichtige Vorbilder wie Michel Foucault verharmlosten Terror. Im rechtsextremen rumänischen Präsidentschaftskandidaten Calin Georgescu kristallisieren sich jahrelange Frustration und Rachegelüste der Wähler, fürchtet der Perlentaucher.

Ein Denker der Wehrhaftigkeit

29.11.2024. Die Trumps und Putins kommen und gehen, nur die Gemeinheit in Russland, die bleibt, meint in der FAZ Viktor Jerofejew. In der SZ fragen sich Shimon Stein und Moshe Zimmermann, ob der Haftbefehl gegen Netanjahu nur die israelische Opposition schwächt. In der Welt findet der Völkerrechtler Matthias Herdegen den Haftbefehl vor allem unklug, weil er dem Völkergewohnheitsrecht widerspricht. FAZ und Politico rätseln über die Rolle von TikTok beim Wahlerfolg des rechten Putin-Fans Călin Georgescu in Rumänien. Die SZ würdigt den Widerstandskämpfer Marc Bloch, der 80 Jahre nach seiner Ermordung durch die Nazis ins Pantheon aufgenommen wurde.

Einmal als Tragödie und einmal als Farce

28.11.2024. In der Zeit wundert sich der Schriftsteller Navid Kermani, wie wenig Angela Merkel in ihren Memoiren "über den Tellerrand der damaligen Tagespolitik" hinausschauen kann. "Wir stehen am Beginn einer höchst gefährlichen Phase", konstatiert ebenfalls in der Zeit der Historiker Heinrich August Winkler. Die Deutschen haben einerseits Angst, hält der französische Sicherheitsexperte François Heisbourg in der Welt mit Blick auf den Ukrainekrieg fest, "sie sind aber auch gierig."

Du wirst nicht ewig Kanzlerin sein

27.11.2024. Putin hat Merkel gegenüber seine Absichten in der Ukraine kaum verborgen, bemerkt Timothy Garton Ash auf Zeit Online. Ein Dritter Weltkrieg ist nicht in Sicht, vielmehr geht es Putin darum, die Amerikaner aus Europa herauszubekommen, glaubt der Militärhistoriker Sönke Neitzel im Tagesspiegel. Die taz denkt darüber nach, wie Deutschland nach dem Haftbefehl mit Netanjahu umgehen sollte. Die Jüdische Allgemeine schlägt eine Untersuchungskommission in Israel vor, besetzt auch mit arabischen Rechtsexperten. Und in der Welt findet der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor die britische Debatte um koloniale Raubkunst lebendiger als die deutsche.

Sinn für Unlösbares

26.11.2024. Heute erscheinen Angela Merkels Memoiren, selbstkritische Reflexionen zu ihrer Flüchtlings- oder Russlandpolitik fehlen, bemerkt unter anderem die Welt. Sie mache keinen Rückzieher von ihren Entscheidungen, betont Merkel im FR-Gespräch. Die Forderung nach Selbstkritik hat ohnehin etwas "Selbstgefälliges", findet die taz. In der NZZ bringt ein mit der DDR und dem BSW liebäugelnder Eugen Ruge viel Verständnis für Russland - und wenig für den Westen auf. Und in der FAZ ermuntert Joe Chialo Berlins Kulturinstitutionen zu mehr Eigenverantwortung und Kooperationen mit Unternehmen.

Überdurchschnittliche Fluktuation

25.11.2024. "Wir sind ja schon in einer Kriegssituation", sagt Karl Schlögel im Interview mit der dpa und warnt vor Einflussagenten Putins in Deutschland wie der AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht. In der FAZ fordert die CDU-Politikerin Anne König eine "feministische Innenpolitik", vor allem mit Blick auf "Häusliche Gewalt". Backstage Classical zieht eine katastrophale Bilanz der Arbeit Joe Chialos

Vor weltlichen Gerichten

23.11.2024. Kritik an ihrer Russland-Politik will Angela Merkel im Spiegel-Gespräch nicht zulassen: Sie habe versucht Verbindungen mit Putin aufrechtzuerhalten, indem sie ihn am Wohlstand teilhaben ließ, rechtfertigt sie etwa ihre Entscheidung, Nord Stream 2 nicht gestoppt zu haben. Der IStGH habe dem Drängen "korrupter Führer aus dem Globalen Süden" nachgegeben, meint die Welt zum Haftbefehl gegen Netanjahu. Die Ruhrbarone skizzieren das moralische Dilemma Israels. Die Russen lernen gerade, wie man Nuklearwaffen als Druckmittel benutzen kann, warnt der Politikwissenschaftler Frank Sauer auf Zeit Online.