9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.12.2024. In der taz erzählt der in Berlin lebende georgische Schriftsteller Zaza Burchuladze, wie qualvoll es für ihn ist, dem Kampf seines Landes um Demokratie von ferne zuzusehen. In einer Zeitschrift für Sozialforschung wirft BSW-Vordenker Wolfgang Streeck der deutschen Regierung "Nibelungentreue" zu Israel vor. In Le Point prangert Kamel Daoud die "Versöhnung" zwischen dem algerischen Regime und den Islamisten an. Und mehrere Zeitungen machen sich Hoffnungen für Syrien.
14.12.2024. "Hat man den Genozid an den Jesiden vergessen und all die anderen Verbrechen", fragt Ronya Othmann in der FAS angesichts der Freude über die neuen Machthaber in Syrien. Die SZ rät Deutschland, schnell Kontakt zu Syriens neuer Führung aufzunehmen - um Ansehen in der arabischen Welt zurückzuerlangen. Auf Zeit Online erklärt der Politologe Jeffrey Winters die Macht amerikanischer Oligarchen. In der Rheinischen Post sorgt sich Peter Sloterdijk weniger vor einem Dritten Weltkrieg als vor Russen und Oktopussen.
13.12.2024. "Wir Frauen sollten mit am Tisch sitzen und mit entscheiden", ruft in der taz die syrische Menschenrechtsanwältin Joumana Seif in einer Mischung aus Hoffnung und Sorge. Und die syrische Schriftstellerin Dima Wannous fragt in der NZZ, wie angesichts der Gräueltaten des Assad-Regimes Versöhnung in Syrien möglich sein wird. Im SZ-Gespräch erinnert Marko Martin an sein Vorbild André Glucksmann. In der Welt erinnert der ukrainische Historiker Yaroslav Hrytsak an einen Grundsatz zivilisierter Völker: "Geschichte wird nicht genutzt, um Politik zu legitimieren.
12.12.2024. "Der Sturz Assads reicht weit über den Nahen Osten hinaus", hält die Zeit fest, denn die "Achse des Widerstands" hat einen empfindlichen Schlag erhalten. Die NZZ dämpft den Optimismus in Bezug auf Syrien: Al-Dscholani ist immer noch ein Dschihadist. Zeit Online beschäftigt sich mit dem Mord am United-Healthcare-Chef Brian Thompson, der ohne die wachsende Ungleichheit in den USA nicht zu erklären sei. Die taz verbittet sich "Westsplaining" in Bezug auf die Proteste in Georgien.
11.12.2024. In der SZ hofft der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami auf Demokratie in Syrien unter der HTS. Für Frauen in Syrien dürfte es deutlich ungemütlicher werden, befürchtet in der FAZ indes die Integrationsexpertin Rasha Corti, denn: HTS erkennt die Scharia in ihrer strengsten Auslegung an. Im Perlentaucher erinnert der Historiker Ernst Piper daran, dass das jüdische Leiden in der Gedenkstätte Auschwitz erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes 1990 wirklich ein Thema wurde. Die FU sagt derweil lieber eine Ausstellung zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ab, Besucher könnten zu stark emotionalisiert werden, so die FAZ.
10.12.2024. Wie wird es in Syrien weitergehen? Droht eine islamistische Regierung? Der Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni erklärt im SZ-Interview, warum er das nicht glaubt. Für Israel bedeutet der Umsturz in jedem Fall eine Entlastung, weiß der Politikwissenschaftler Olivier Roy in der FR. Der türkische Migrationsforscher Murat Erdogan hält es für eine komplette Fantasie, dass alle syrischen Geflüchteten aus Europa nach Syrien zurückkehren werden, wie er im Tagesspiegel-Gespräch festhält. Der brasilianisch-indigene Philosoph Ailton Krenak erklärt ebenda, warum sich die westliche Welt Rat bei indigenen Völkern in Sachen Klimaschutz holt.
09.12.2024. Damaskus ist gefallen. Assad gehört zu den seltenen syrischen Flüchtlingen in Moskau. Die Zeitungen sind sich nicht ganz einig, wie sie das Ereignis deuten sollen. Ist die Wandlung des Rebellenführers Abu Muhammad al-Dscholani zu einem gemäßigten Einiger Syriens glaubhaft? Anne Applebaum hofft in Atlantic, dass nach Syrien Russland, Iran und Venezuela folgen. In der NZZ informiert der russische Journalist Andrei Kolesnikow, dass Putins freundliche Politik gegenüber bestimmten Regimen nicht zum Abbau von Ausländerfeindlichkeit in Russland führt.
07.12.2024. Für die Ukraine kommt es nicht nur auf die neue Trump-Regierung an, betont der Historiker Serhii Plokhy in der taz, sondern vor allem auch auf Deutschland. "Wir müssen selbst gefährlich werden", mahnte Manès Sperber die Europäer 1983 - die NZZ kommt auf den antitotalitären Autor zurück. Ist ein gemäßigteres Syrien denkbar? Die Zeitungen versuchen, die Ereignisse zu entschlüsseln.
06.12.2024. Die Glaubwürdigkeit Frankreichs ist schwer erschüttert, stellt die FAZ nach dem Aus der Regierung Barnier fest. Die Russen sind dagegen gut drauf, nur wird die Butter im Supermarkt inzwischen mit einem Schutz gegen Diebstahl gesichert, notiert Irina Rastorgujewa in der NZZ. Gesine Schwan wirft der israelischen Regierung vor, nach Devisen von Carl Schmitt zu handeln. Andreas Nachama widerspricht in der Jüdischen Allgemeinen. Israel hat angefangen, behauptet Amnesty in einem Bericht zum Gazakrieg. Der künftige Präsident Rumäniens knüpft unterdessen an den Klerikalfaschismus seines Landes an und reitet im Trachtenhemd auf weißem Pferd durch Tiktok-Videos.
05.12.2024. In der FAZ fragt die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili, wieviele Blutopfer die "Secondhandmenschen" am Rand Europas bringen müssen, um von Europa beschützt zu werden. Le Monde lernt aus Michel Barniers Sturz, dass Kompromisse mit der extremen Rechten nie lohnen. Im Tagesspiegel will der Politikwissenschaftler Jacob Ross aber trotzdem mit Rechten reden, schon um einer wachsenden Betriebsblindheit der europäischen Debatte vorzubeugen. In der Zeit fürchtet sich Siri Hustvedt vor einer Zukunft, in der Sprache keine Bedeutung mehr hat. Die Welt veröffentlicht den Vortrag des von der Universität Leipzig ausgeladenen israelischen Historikers Benny Morris.