9punkt - Die Debattenrundschau

Keine Gesichter, keine Geschichten, keine Bilder

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2018. Noch gibt es nur die Meldung: Liu Xia, die Witwe von Liu Xiaobo, soll auf dem Weg nach Deutschland sein. "Wir haben einen Moment der Klarheit erreicht", schreibt Anne Applebaum in der Washington Post nach den neuesten Brexit-Volten. Es geht nicht um Migration, es geht um Rassismus, schreibt die FR zu Italiens Weigerung, Flüchtlingsschiffe in Häfen zu lassen. Die SZ erklärt Hintergründe des Streits zwischen Thilo Sarrazin und dem Verlag Randomhouse um sein jüngstes Islam-Buch. Auf emma.de antwortet Alice Schwarzer auf den Vorwurf der Uebermedien, Emma sei "rechts".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2018 finden Sie hier

Politik

Eine um 7 Uhr noch ganz frische Meldung: Liu Xia, die Witwe des chinesischen Dissidenten Lius Xiaobo scheint nach Deutschland ausreisen zu dürfen und bereits auf dem Weg zu sein, berichtet Spiegel online mit dpa: "Liu Xia habe das Land am Dienstagmittag an Bord einer Maschine der finnischen Fluggesellschaft Finnair verlassen und will nach Deutschland weiterfliegen, berichtete ihr Bruder Liu Hui, wie Freunde der Familie der Deutschen Presse-Agentur in Peking bestätigten." Angela Merkel scheint bei den deutsch-chinesischen Konsultationen etwas erreicht zu haben.
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Europa

"Wir haben einen Moment der Klarheit erreicht", schreibt Washington-Post-Kolumnistin Anne Applebaum in unerbittlicher Klarheit nach dem Auszug des Brexitministers David Davis und des Außenministers Boris Johnson aus Theresa Mays Kabinett: "Die Brexiteers haben keinen alternativen Plan, jedenfalls keinen, über den sie öffentlich sprechen möchten. Vor knapp einem Jahr habe ich geschrieben, dass die Lügen der Brexiteers langsam ans Tageslicht kommen. Nun kommt auch ihre Feigheit ans Licht. Mal sehen, ob sie dafür einen politischen Preis werden zahlen müssen."

Die Frage, die sich der britischen Politik und den Tories nun stellt, lautet laut Guardian-Leitartikel so: "Wird die Hardliner-Minderheit in Westminister Theresa May erlauben, mit einer neuen Brexit-Politik zu regieren, die sich Europa eher annähert? Oder wird sie das Risiko in Kauf nehmen, die Tories als Partei zu zerstören, um die Regierung davon abzuhalten?"

Die Labour-Partei ist unterdessen damit beschäftigt, den Antisemitismus neu zu definieren, berichtet Daniel Zylbersztajn in der taz. Die Partei will in ihrer Debatte die von vielen Staaten übernommene Definition des modernen Antisemitismus durch die "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA) nicht übernehmen: "'Antisemitismus ist eine gewisse Wahrnehmung von Juden, die als Hass gegenüber Juden ausgedrückt werden kann', lautet diese Definition. Als Beispiele gelten nicht nur Holocaustleugnung und verschwörungstheoretische Stereotypen gegenüber Juden, sondern auch der Vorwurf, Juden seien Israel loyaler als ihren eigenen Ländern, ebenso die Bezeichnung der Gründung des Staates Israel als rassistischer Akt, oder Israels Politik mit den Nazis zu vergleichen - lauter Dinge, die im Corbyn-Lager der Labour-Partei immer wieder geäußert werden, und die jetzt in der Labour-Auflistung von Antisemitismus fehlen, anders als in der der IHRA." In einem Kommentar für den Guardian begreift Nick Cohen einfach nicht, warum Labour progressive Juden derart leichtfertig abstößt. Über wachsenden Antisemitismus in der Türkei berichtet zugleich Joseph Croitoru in der FAZ.

Thilo Sarrazin hat gestern in der FAZ vor einer Flut afrikanischer Flüchtlinge gewarnt. Die dänische Regierung will Eltern aus speziell definierten muslimischen "Ghettos" gesetzlich verpflichten, ihre Kinder mindestens 25 Stunden die Woche in Tagesstätten betreuen zu lassen, damit sie dänische Werte und die Sprache lernen, berichteten vor einigen Tagen die SZ und die New York Times. Und der italienische Innenminister Matteo Salvini hat vor wenigen Tagen verkündet, er wolle keine Schiffe mehr mit aus Seenot geretteten Migranten in Italiens Häfen lassen. Aber es geht dabei nicht um Migration, es geht um Rassismus, meint Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "2015 überquerten mehr als eine Million Menschen das Mittelmeer, um nach Europa zu kommen. 2016 waren es 360.000. 2017 nur noch 170.000 und jetzt in den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 waren es noch 45.000. Das sind 0,07 Prozent der weltweiten Migration. Die sind eine Gefahr für Europa? Für 741 Millionen Europäer? Das wäre lächerlich, wenn es nicht zum Heulen wäre. Zum Heulen ist es, weil diese Zahlen einen darüber aufklären, dass es nicht um Migranten, sondern um Rassismus geht. Es geht darum, dass man sie nicht dahaben will. Völlig gleichgültig, wie viele es sind."

Morgen fällt endlich das Urteil gegen Beate Zschäpe im NSU-Prozess. Erleichterung wird es nicht bringen, meint Josef Schuster vom Zentralrat der Juden in Deutschland in einem Gastkommentar für die FAZ: "Der Prozess, der sich über fünf Jahre hingezogen hat, hat auch verdeutlicht, wo der Rechtsstaat an seine Grenzen stößt: Wenn die Angeklagten mauern und wie Beate Zschäpe die Aussage fast komplett verweigern, wenn dazu auch noch die beteiligten Behörden offenbar mehr unter den Teppich kehren, um das eigene Versagen zu kaschieren, als aufzuklären, dann bleiben viele Fragen offen."

Außerdem: Im Tagesspiegel versucht der aus der Türkei geflohene Journalist Hayko Bagdat die Verwandlung des am Montag als Staatspräsident der Türkei vereidigten Recep Tayyip Erdoğans in einen autoritären Führer zu erklären. In der NZZ versichert Cigdem Toprak, dass die Demokratie in der Türkei trotz Erdogans Wahlsieg lebt.
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Kulturmarkt

Thilo Sarrazin und die zu Random House gehörende DVA streiten sich vor Gericht, weil die DVA das neue Buch "Feindliche Übernahme - Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht" Sarrazins nicht veröffentlichen will - oder jedenfalls nicht veröffentlichen will, bis sie all seine Aussagen über den Koran überprüft hat, berichtet Marie Schmidt in der SZ: "Aufgrund einer Umstrukturierung des Verlages, so Dresen, habe nicht ein Lektor kontinuierlich das Buch betreut, es sei durch mehrere Hände gegangen. Da sei auf Verlagsseite nicht alles optimal gelaufen. Es sei aber auch sehr schwierig gewesen, Sarrazins Erkenntnisse über Koran und Islam zu überprüfen, zumal er es abgelehnt habe, das Gutachten eines Experten hinzuzuziehen. Das Hinausschieben des Erscheinungstermins hat also wohl auch inhaltliche Gründe gehabt." Sarrazin hätte das Buch gern zur Frankfurter Buchmesse oder spätestens zu den Landtagswahlen in Bayern und Hessen veröffentlicht gesehen, der Verlag setzte aufs Frühjahr 2019.
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Stichwörter: Sarrazin, Thilo

Medien

Alice Schwarzer wendet sich auf emma.de gegen den von Laura Lucas bei den Uebermedien vorgebrachten Vorwurf, dass Emma beziehungsweise die Leserschaft der Emma rechts seien (unser Resümee) - eine solche Konstruktion komme nur zustande, weil man Dissidentinnen des Islams wie Necla Kelek oder Seyran Ates schlicht mal der Rechten zurechnet. "Bisher ist Emma leider eine der raren Stimmen in diesem Land, die kritisch über den Missbrauch des Islam und die Lage der Frauen in den islamischen Communitys und Ländern berichten - was schon aus Solidarität mit den demokratischen MuslimInnen geboten ist. Denn sie sind die ersten Opfer der Fundamentalisten; diese rechten Islamisten, mit denen weite Teile der westlichen Linken seit nun bald vierzig Jahren so fatal sympathisieren."

Stefan Koldehoff wirbt bei dlf.de um Verständnis dafür, dass Medien die Geschichte der in einer Höhle eingeschlossenen thailändischen Kinder mit solcher Ausführlichkeit widerspiegeln, während die Flüchtlingsschicksale - so der häufige Vorwurf in den sozialen Medien - kaum beleuchtet werden. Auch Medien lieben Geschichten, die sich als Drama darstellen lassen, mit Helden und Bangen um einen positiven Ausgang so Kodehoff. Die Flüchtlingstragödie bietet so etwas nicht: "Es gibt keine Gesichter, keine Geschichten, keine Bilder - höchstens dann einmal, wenn der Körper eines kleinen Jungen wie des zweijährigen Aylan Kurdi mit rotem Hemd, blauer Hose und Kinderschuhen tot an einen Strand gespült wird. Für diese Kinder gibt es, anders als für die in der Höhle, nicht einmal Hoffnung, denn zum Thema werden sie meist erst, wenn und weil ihr kurzes Leben bereits zu Ende ist. Die Helden, die sie vor dem Tod retten wollen, dürfen mit ihren Schiffen viele Häfen nicht mehr anlaufen. Wenn sie es doch tun, riskieren sie Geldstrafen oder Haft: Europa 2018."
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Gesellschaft

Der Burkini hat im Schwimmbad nichts zu suchen, und an kleinen Mädchen schon gar nicht, meint Necla Kelek in der NZZ: "Mit der Badeburka oder dem muslimischen Schwimmzelt soll ein vorgeblich religiöses Recht auf Apartheid von Männern und Frauen zur akzeptierten Norm gemacht werden. Dagegen sollten wir uns wehren und zum Beispiel das Kopftuch bei Kindern verbieten. 'Burkinis' gehören nicht in öffentliche Schwimmbäder. 'Kopf frei' für die Schule, muss es heißen. Es soll jede Frau und jedes Mädchen die Gelegenheit haben, 'Freischwimmerin' zu werden."

Barbara Villiger-Heilig, einst die gefürchtete Theaterkritikerin der NZZ, hat dort nach dem Revirement im Feuilleton mit 57 Jahren gekündigt und beschlossen in den Beruf zurückzukehren, den sie ursprünglich gelernt hatte: Lehrerin. In einem langen Artikel bei republik.ch erzählt sie, wie das Schweizer Arbeitsamt sie munitionierte, und wie sie zunächst in einer privaten Lehranstalt für ehrgeizige Tamilen, dann an einer Multikultischule in der Nähe des Zürcher Flughafens und schließlich mitten in den Bergen wieder lehren lernte. Über ihr Multikulti-Schüler schreibt sie: "Heimweh haben sie alle. Im Sprachunterricht fragte ich sie aus über ihre Heimat. Der kleine Kosovare zerfloss beim Schwärmen von seiner Großmutter, die ihm stets sein Lieblingsgericht zubereite: 'Fli'. Als ich beim Sonntagsspaziergang Männer und Frauen an einer Feuerstelle mit archaischem Metallgerät hantierten sah, erkannte ich das Ritual. Ich freute mich darüber genauso wie der Schüler, dem ich davon berichtete."
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Stichwörter: Burkini, Kelek, Necla