9punkt - Die Debattenrundschau

Die Zeit des heiteren Verzichts

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.09.2020. Ein Gesundheitssystem ist keine bürokratische Fessel, sondern Grundbedingung der Freiheit, ruft Timothy Snyder in der taz. In der Welt fragt Szczepan Twardoch, was nach der illiberalen Demokratie kommt. In der FAZ gibt Massimo Cacciari Europa immer noch eine Chance. Die SZ rät zu Nietzsche und Foucault, um eigene Wahrheiten zu hinterfragen. Und im Guardian sieht Jonathan Freedland zumindest in Britannien das Gesetz des Dschungels aufziehen. ZeitOnline huldigt dem Aufklärer Anton Wilhelm Amo.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2020 finden Sie hier

Ideen

Für die taz unterhält sich Stefan Hunglinger mit dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder, der eine schwere Krankheit und das amerikanische Gesundheitssystem nur mit viel Glück überstanden hat. In seinem Buch "Die amerikanische Krankheit" geißelt er die fatale Gesundheitspolitik in den USA: "Ich versuchte im Buch Gesundheit und Freiheit zusammenzudenken. Die US-Amerikaner*innen haben eine sehr enge Vorstellung von Freiheit. Dabei geht es vor allem um den Markt und um individuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Doch der Markt in sich ist keine Garantie für Freiheit, und wenn es nur darum geht, eigene Gefühle auszudrücken, dann wird man von anderen abgeschnitten bleiben und sich nicht weiterentwickeln. Ich versuche zu vermitteln, dass sich Gesundheit zu Freiheit positiv verhält. Wenn Amerikaner*innen 'Recht auf Gesundheitsversorgung' hören, denken viele nur an staatliche Bürokratie, und die verletzt aus ihrer Sicht den freien Markt und das wiederum die Freiheit. Ich sage: Nein, im Gegenteil! Historisch gesehen gehen Gesundheitsversorgung und Freiheit gut zusammen."

Darf die Welt nur noch unbefleckt empfangen werden? In der SZ sehnt sich Bernd Graff in jene Zeiten zurück, als - mit Nietzsche und Foucault - die eigenen Wahrheiten hinterfragt wurden: "Im Namen von Gender und Postcolonial Studies werden Ereignisse wie Kulturerzeugnisse nun wieder von all ihrer Historizität und spezifischen Kultur befreit und nach den ethischen Maßstäben einzelner Gruppen geprüft, kommentiert und gesäubert. Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Kolonialismus werden wieder im Namen einer überzeitlichen Wahrheit, einer ewigen Gerechtigkeit, einer unverbrüchlichen Identität geächtet. Es gibt sie wieder, die absoluten, auch ein wenig selbstgerechten Verbindlichkeiten."

Vor einigen Wochen hatte der Berliner Bezirk Mitte beschlossen, die Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen. Auf ZeitOnline stellt Werner Bloch noch einmal den Philosophen vor, der dem Schicksal entging, ein Hofmohr zu werden: "Er studierte in Halle Jura und Philosophie, 1734 promovierte er in Wittenberg mit einer Arbeit über 'Die Empfindungslosigkeit des menschlichen Geistes' und widersprach darin Descartes' damals gängiger Theorie von den Affekten. Amo lehrte dann in Halle, Jena und Wittenberg Logik, Metaphysik, Physiologie, Astronomie, Geschichte, Jura, Theologie und Politik. Die aus heutiger Sicht wesentlichste Schrift Amos erschien aber bereits 1727, seine auf Latein verfasste Disputation, die ein denkerischer Paukenschlag gewesen sein muss, ein Basistext, der ein grundsätzliches Menschenrecht für Afrikaner einforderte und zugleich ein Monument gegen Rassismus war: 'De iure Maurorum in Europa' von Anton Wilhelm Amo ist die erste bekannte wissenschaftliche Arbeit über die Rechtsstellung der Schwarzen in Europa. Doch sie ist verschollen, der Text ist nicht erhalten."
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Europa

In der taz beschreibt Fabio Ghelli das Auseinanderfallen der italienischen Gesellschaft am Beispiel der toskanischen Hafenstadt Piombino, in der vor sechs Jahren das Stahlwerk dicht machte: "Piombino ist Italien 'in nuce', in einer Nussschale. Wie in der kleinen Industriestadt stagniert auch im Rest des Landes die Wirtschaft seit Jahrzehnten. Schon vor der Finanzkrise hatte im Süden etwa die Hälfte der Menschen keine Arbeit. Während andere europäischen Länder im vergangenen Jahrzehnt die Krise hinter sich gelassen haben, blieb Italien bis heute wie gelähmt. Und wie aus ganz Italien ziehen auch aus Piombino immer mehr Menschen weg - vor allem junge, gut gebildete. Auch nach Deutschland. Wer bleibt, ist oft verbittert und verzweifelt: 'Man spürt einen tiefliegenden Hass. Die Leute reden nicht mehr miteinander. Ab und zu ist es fast besser so', sagt der Gewerkschafter."

Europa hätte eine Großmacht werden können, seufzt Venedigs früherer Bürgermeister Massimo Cacciari in der FAZ, eine Macht der politischen Kultur, der Einheit der Vielen, eine wahre politische Gemeinschaft. Doch die Chance habe Europa vertan: "Der Augenblick, in dem der Gedanke an eine europäische Bestimmung im großen Stil mit Deutschland als dem Bundesstifter eine praktische Relevanz hätte haben können, ist vorbei. Es liegt jetzt an uns, mit Verantwortungsgefühl in die Zeit des 'heiteren Verzichts' zu starten. Und das ist Europa als eine politisch-kulturelle Macht, das Appelle an die Menschenrechte und an den Schutz der Umwelt in verbindliche Normen und positives Recht zu übersetzen vermag; das beweist, wie man unerträgliche Ungerechtigkeit und Ungleichheit besiegen kann."

Im Welt-Interview mit Andrea Seibel spricht der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch über seinen neuen Roman "Das schwarze Königreich", aber auch über die Lage im zerrissenen Polen, in dem die Kleinbürgerlichkeit mit aller Macht gegen den intellektuellen Mainstream kämpfe: "Die liberale Demokratie in Polen könnte in Gefahr sein, aber nicht die Demokratie per se. Schließlich geschieht doch alles auf demokratischem demokratischem Weg. Es ist der Wille eines größeren Teils der Bevölkerung. Die liberale Demokratie beruht auf einer Vereinbarung, dass wir alle Macht nutzen, uns zu zähmen und zu mäßigen. Dieses Gentlemen's Agreement ist ausgesetzt. Was kommen wird? Wir als euro-atlantische Zivilisation könnten erleben, dass die Demokratie sich radikal ändert. Am meisten fürchte ich eine gesichtslose Meritokratie, die mithilfe künstlicher Intelligenz inhuman über die Menschen herrscht. Sie kann man schwerer bekämpfen als noch den brutalsten Diktator."

Eine Autorin beschreibt in der taz unter dem Pseudonym Janka Belarus ihre Beobachtungen und Gefühle zu den Ereignissen in Minsk: "Wir wollen Freiheit, Respekt und Toleranz! Wir möchten nicht in den Büchern von Orwell und Kafka leben. Wir wissen genau, dass Belarus kein Smartphone ist, das man einfach auf seine Werkseinstellungen zurücksetzen kann. Man versucht, uns das auszureden, aber wir wissen genau, dass wir schon eine Nation geworden sind. Eine echte, starke Nation, durch die Repressionen gestählt, durch Liebe, Einheit und Solidarität zusammengewachsen." In der FAZ porträtiert Kerstin Holm die heldenhafte Marija Kolesnikowa, die nicht nur eine mitreißende Musikerin und Kulturmanagerin ist, sondern auch Flötistin und Dirigentin, Surferin und Kickboxerin.

Auf der britischen Insel legt sich der Rauch nicht. Über Boris Johnsons Ankündigung, sich nicht an das Austrittsabkommen halten zu wollen, kocht Jonathan Freedland im Guardian vor Zorn: "Die Alternative zum Rechtsstaat ist das Gesetz des Dschungels. Wenn sich Menschen oder Staaten aussichen können, an welche Regeln sie sich halten und welche sie brechen, dient das den Starken und Mächtigen, lässt aber alle anderen angreifbar zurück. Sicherheit gibt es nur, wenn das Gesetz für den Löwen ebenso gilt wie für das Lamm. Um es klar zu sagen: Ein Britannien, das seine Bereitschaft erklärt, internationale Verträge zu brechen - und auch solche, die es nur wenige Monate zuvor unterschrieben hat -, erklärt sich selbst per Definition - zum Schurkenstaat."
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Kulturmarkt

Mit der späten Absage rächt sich der frühe Mut der Frankfurter Buchmesse (mehr hier) erkennt Andreas Platthaus in der FAZ, aber er sieht darin auch das Ergebnis eines Machtspiels: "Im Vorfeld der Entscheidung für die Durchführung hatte sich die Frankfurter Messeleitung auf Absprachen mit den vier in Deutschland dominierenden Buchkonzernen beschränkt - Holtzbrinck, Random House, Bonnier und Droemer-Knaur -, die aber alle gar nicht selbst zur Messe wollten. Seltsamerweise dachte man in Frankfurt, das Fernbleiben all der in diesen Konzernen vereinten Verlage machte nichts aus, solange man deren Zusicherung hatte, sich am virtuellen Messeprogramm zu beteiligen. Das war ein Affront gegen die kleineren Verlage. Die reagierten anders als in Frankfurt erwartet: Statt sofortiger Standbuchungen kamen Absagen."
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Stichwörter: Frankfurter Buchmesse