Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2024. Die USA sind bereit für eine Präsidentin, glaubt die Historikerin Jill Lepore in der Zeit. In der FAZ berichtet die Schriftstellerin Irina Rastorgujewa, wie in Russland der Sportunterricht zum Kampftraining wird. Was nützt der Gesellschaft die schnelle Entwicklung vonKI, wenn sie nur für schlechte Musikvideos und "intelligente" Waffensysteme zum Einsatz kommt, fragt die Künstlerin Hito Steyerl in der SZ. Die Welt fordert mit Blick auf pro-palästinensische Proteste die Gesellschaft dazu auf, Antidemokraten nicht weiter die Türen offenzuhalten.
In der Zeit versucht Amrai Coen herauszufinden, ob Kamala Harris es schaffen kann und wiegt ihre Schwächen und Stärken gegeneinander auf. Ihre Vergangenheit als Staatsanwältin in Kalifornien, wo sie auch die Todesstrafe verteidigte, wird wohl kein Vorteil sein, meint Cohen. Ebenso wenig wie ihre teils unbeholfenen Medienauftritte: "Aber es gibt auch Szenen, in denen man sieht, wie stark sie sein kann. Zum Beispiel 2018, als sie, damals noch Senatorin, den Kandidaten für den Supreme Court, Brett Kavanaugh, bei seiner Anhörung im Senat befragte. Kavanaugh ist Abtreibungsgegner, schon damals befürchten viele Amerikaner, was vier Jahre später tatsächlich geschah: Gemeinsam mit den anderen konservativen Richtern des Supreme Court schaffte er das Recht auf Abtreibung ab. 'Fallen Ihnen irgendwelche Gesetze ein, die der Regierung die Macht geben, Entscheidungen über den männlichen Körper zu treffen?', fragte Harris ihn. Kavanaugh zögerte, wich aus, begann zu stottern. Harris sagte lächelnd: 'Ich wiederhole die Frage.' Und fragte noch einmal, ganz langsam und verständlich. Kavanaugh antwortete sehr leise: 'Mir fällt gerade nichts ein, Senatorin.' Wenn man sich das heute anguckt, kann man sich vorstellen, wie sie auch Donald Trump zerlegen könnte."
Trump offenbarte eine angreifbare Flanke, als er sich in seiner ersten Reaktion auf die wahrscheinliche Nominierung Harris' ausgerechnet auf Harris' starkes und offenes Lachen kaprizierte, findet Jan Feddersen in der taz: "Die Angst des Männlichen vor dem Lachen einer selbstbewussten Frau, die vor keinem männlichen Gebaren, und sei es auch noch so fies und schmutzig herabwürdigend, einknickt: Das kann nur verrückt sein! Was wagt die sich, was mutet die uns zu, wofür hält sie sich? Blanker Horror lugte durch die Bekundung Trumps hindurch: So eine will mich fertigmachen - und sie könnte es schaffen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Historikerin Jill Lepore, die eine Geschichte der USA geschrieben hat, zeigt sich im Zeit-Interview zuversichtlich, was die Kandidatur von Kamala Harris angeht. Amerika sei bereit für eine Frau: "Frauen werden ja gewählt. Wir haben eine ganze Reihe sehr starker Gouverneurinnen in den USA. Gesellschaftspolitisch hat es einen Epochenwechsel gegeben. Das sieht man etwa an der Ehe für alle: Noch 2004 war die Vorstellung, dass es die Ehe nur zwischen Mann und Frau geben dürfe, fester Bestandteil des Programms der Republikaner. Wenn man damals jemanden mit einer Zeitmaschine ins Jahr 2015 hätte schicken können, er hätte kaum geglaubt, was er da sieht...Ich kenne niemanden, der das ablehnt, und in meiner Familie gibt es sehr unterschiedliche politische Einstellungen. Mit einer Frau als Präsidentin wäre es dasselbe."
Am Sonntag wird in Venezuela der Präsident gewählt: seit einem Vierteljahrhundert wird das Land vom "Chavismus" regiert, nachdem es unter Hugo Chavez zunächst als sozialistischer Hoffnungsschimmer galt, seufzt Christoph Gurk in der SZ. Die Opposition liegt in den Umfragen vorn, fraglich ist, ob Präsident Nicolas Maduro die Wahlen anerkennen wird: "Wieso sollten sie auch die Macht abgeben? Nach einem Vierteljahrhundert an der Regierung ist der Chavismus als System viel zu gut geölt. Große Teile der Bevölkerung sind abhängig von der Regierung, weil sie Geld von ihr bekommen oder Essenspakete, weil sie Angst haben, ihre Sozialwohnung zu verlieren oder ihren Job. (...) Gut möglich, dass es umgekehrt ist und die Regierung sich nur auf die Abstimmung eingelassen hat, weil sie sich sicher ist, dass sie am Ende eben doch einen Sieg erklären kann. Die Wahlen in Venezuela würden dann endgültig vom Symbol der Hoffnung zu einem der Hoffnungslosigkeit."
Die propalästinensische Szene will keinen Dialog, das sollten auch endlich die Hochschulen verstehen, nachdem der Präsident der FU Berlin, Günter Ziegler, von propalästinensischen Aktivisten bedroht worden ist, ruft uns Boris Pofalla in der Welt zu. Diese seien gegen jede kritische Öffentlichkeit, denn "je besser und unabhängiger über Ziele und Aktivitäten der Bewegung berichtet wird, desto weniger lässt sie sich als friedlich darstellen". Nach "Monaten des Immer-noch-Redenwollens, der Gesprächsangebote und der wieder und wieder betonten Notwendigkeit eines Dialogs sollten die Universitäten, aber auch der Kulturbetrieb sich einmal ernsthaft fragen, ob sie nicht sich selbst belügen, was die Ziele der propalästinensischen Szene angeht. Und ob sie, wenn sie Antidemokraten trotz besseren Wissens weiter die Türen offenhalten, noch überzeugend für kritisches Denken eintreten können."
Die Autorin Irina Rastorgujewa berichtet in der FAZ von der Militarisierung der Kindererziehung in Russland. Schon ab einem sehr jungen Alter ähnelt der Sportunterricht "immer mehr einem Vorbereitungskurs für Soldaten". Es gibt "ein stetig sich vergrößerndes Netz militärisch-sportlicher Ausbildungszentren, in denen, wie es auf einer Website heißt, 'Patrioten der neuen Generation'" ausgebildet werden: "Sogar der Unterricht von 'Grundlagen der Sicherheit', einer Art prophylaktischem Katastrophentraining, wurde durch eine militärische Grundausbildung ersetzt. Dort unterrichten Teilnehmer am Krieg in der Ukraine, darunter verurteilte Mörder, Vergewaltiger und Drogenabhängige. Außerdem stehen Treffen mit Veteranen der Kriege in Afghanistan, Tschetschenien und eben der Ukraine auf dem Programm, die über ihre Erfahrungen in bewaffneten Konflikten berichten, Videos und Fotos zeigen und ihren Hass auf Ukrainer, Amerikaner, Europäer und russische Kriegsgegner kundtun."
Wenn die Ukraine in die EU möchte, muss sie ihren Strafvollzug dringend reformieren, schreibt der russische Ökonom Wladislaw L. Inosemzew in der NZZ. Dort seien Folter und neuerdings die Rekrutierung von Häftlingen als Soldaten an der Tagesordnung: "Die sich verschlimmernde Situation im ukrainischen Strafvollzug wird von den EU-Behörden nur selten thematisiert. Eine Ausnahme bietet die europäische Justiz, die inzwischen routinemäßig Auslieferungsbefehle aus Kiew mit der Begründung ablehnt, dass der Aufenthalt in ukrainischen Gefängnissen das Leben der von den ukrainischen Strafverfolgungsbehörden gesuchten Personen gefährde und die Auslieferung daher gegen wesentliche Bestimmungen der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten verstoße. Natürlich kann man einwenden, dass die ukrainische Führung derzeit zu stark damit beschäftigt sei, das Land möglichst wirksam zu verteidigen (...). Wo aber die Ukraine den Anspruch erhebt, ein vollwertiges Mitglied westlicher Bündnisse mit allen Rechten und Pflichten zu werden, sollte sie ihr Bestes tun, um ihr Strafverfolgungs- und Strafvollzugssystem zu reformieren."
Endlich wurde das Islamische Zentrum in Hamburg (IZH) verboten (Unser Resümee), ruft uns Christoph Koopmann in der SZ zu. Das Verbot kann vor Gericht auch kaum angefochten werden: "Gerade im Vergleich zum Fall Compact dürfte das IZH-Verbot vor Gericht wohl leichter zu verteidigen sein, sollte das Zentrum dagegen klagen. Denn indem die Vorwürfe gegen ihn neben allerlei Menschenfeindlichkeit auch auf Unterstützung des Hisbollah-Terrors lauten, bewegen sie sich im Bereich von Straftaten - derlei soll bei Compact nicht vorliegen. Zwar reicht es dem Grundgesetz schon, wenn eine Organisation sich gegen die 'verfassungsmäßige Ordnung' oder den Gedanken der Völkerverständigung richtet. Aber das ist eben in weit größerem Maß Interpretationssache, als wenn es um Straftaten geht. Das IZH hat sich sehr angreifbar gemacht."
Was nützt der Gesellschaft die schnelle Entwicklung von KI, wenn sie nur für schlechte Musikvideos und "intelligente" Waffensysteme zum Einsatz kommt, fragt sich die Künstlerin Hito Steyerl in einem an der Münchner Akademie der Bildenden Künste gehaltenen Vortrag, den die SZ bringt: "Big-Data-Analysen und KI-basierte Mustererkennung könnten zu Durchbrüchen in Wissenschaft und Technik führen, etwa zur Entwicklung neuer Medikamente oder beim Klimaschutz. Aber keines dieser sehr sinnvollen Ziele wird derzeit mit Nachdruck verfolgt. Es fehlen die finanziellen Anreize. Stattdessen wird die Rechenleistung energieverschlingender Datenzentren für triviale Aufgaben genutzt, zum Beispiel - wie Apple kürzlich ankündigte - um Terminüberschneidungen zwischen Teams-Konferenzen und den Geburtstagsfeiern der eigenen Kinder zu vermeiden, also um eine Viertel-Sekretär:innenstelle einzusparen. Rechtfertigt das den ungeheuren Aufwand? Oder ist es nur ein Anzeichen dafür, dass niemand weiß, wo es hingehen soll und welchem Zweck die KI dienen könnte?"
Trump kündigte an, im Falle einer Wiederwahl die Zölle für Importe um zehn Prozent zu erhöhen. Auf lange Sicht könnte seine Wirtschaftspolitik auch Deutschland schaden, sagt der Ökonom Markus Brunnermeier im Zeit-Gespräch mit Roman Pletter und Kolja Rudzio: "In der Vergangenheit konnten deutsche Exporteure die Zölle auf die Verkaufspreise aufschlagen, das zeigen Studien. Am Ende haben also die Kunden in Amerika sie bezahlt. Wenn jemand die beste Maschine oder den besten Lkw-Sitz liefert und Kunden nicht die zweitbeste Ware wollen, bezahlt man das eben. Viele Mittelständler in Deutschland haben eine entsprechende Preissetzungsmacht. Allerdings müssen wir in die ganze Welt verkaufen, weil wir hohe Fixkosten haben und mit der Massenproduktion die Kosten für die einzelnen Produkte sinken. Wenn ein globaler Handelskrieg auch die Schwellenländer erfasst, sie ärmer macht und sie als Kunden ausfallen, dann würde das auch die Firmen hier hart treffen."
Der Autor und Podcaster Ole Nymoen möchte sich von Politikern nicht für die "Kriegstüchtigkeit" seines Landes instrumentalisieren lassen, wie er in der Zeit schreibt. Er stellt in den Debatten über Krieg eine "verkehrte Abstraktion" fest, bei der "die eigene Sicherheit mit jener der politischen Herrschaft in eins fällt." Bevor er es zulässt, dass "Staat und Bürger zu einem untrennbaren Ganzen verklärt werden", lässt er sich lieber fremdbeherrschen: "Im Krieg aber erleben wir genau diese Ineinssetzung tagtäglich. Etwa wenn es immer wieder heißt, dass 'die Ukrainer kämpfen wollen'. Bei solchen Formulierungen entsteht schnell der Eindruck, es handele sich bei einem Staatsvolk um eine von jedem Abweichlertum befreite Interessengemeinschaft mit einem einzigen Zweck - der Souveränität der Herrschaft. Dabei ist es eigentlich selbstverständlich, dass in jedem Krieg ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung lieber unter fremder Herrschaft leben als im Kampf sterben will."
In der NZZ legt Ayaan Hirsi Ali einen ziemlichen Rundumschlag zum Problem religiös-fundamentalistischer Parallelkulturen in westlichen Ländern vor - natürlich geht es dabei um den Islam, um Vielehen, Zwangsverheiratungen und ein Problem, das noch seltener erwähnt wird: Inzucht, vor allem bei Einwanderern aus Pakistan. Für das NHS (hier die Studie) stellt sie inzwischen laut Ayaan Hirsi Ali eine gravierende Belastung dar: "Eine hohe Zahl von Cousin-Ehen führt zu vermehrtem Auftreten von Erbkrankheiten. Noch vor zwanzig Jahren wurde berichtet, dass britische Pakistaner 3,4 Prozent aller Geburten ausmachten, aber ihr Anteil bei den rezessiven Erbkrankheiten über 30 Prozent beträgt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich das Verhältnis seither nicht verbessert hat." Nur das Christentum, behauptet Ali am Ende ihres Artikels, könne dem Islam die Idee einer gleichberechtigten Ehe entgegenhalten. Bei Netflix gibt es zum Thema Inzucht in Britannien eine Dokumentation, allerdings schon aus dem Jahr 2010.
In der SZ wünscht sich die RBB-Rundfunkrätin Kathrin Röggla wieder mehr "Kunst für alle" statt "Kultur für alle" und kritisiert die ARD, die zum Beispiel das Hörspielsegment "zu Grabe" trägt: "Das Hörspiel soll hier nur ein Beispiel dafür sein, dass die akustische Welt flacher wird. Das Radio verlabert sich in reiner Gegenwärtigkeit, die Präsenz öffentlich-rechtlicher Formate auf Twitch, einer Livegaming-Plattform, gilt als Ausweis für die neue Gegenwärtigkeit. Was also tun? Ich bin fest davon überzeugt, dass es sehr viele fantasievolle Mitarbeitende gibt, dass die Kreativität in den Häusern sitzt.(...) Mir erscheinen die neuen zentralisierenden Strukturen als größte Gefahr neben den Populismen in den Landesregierungen, die immer dann den Geldhahn abdrehen wollen, wenn wieder Wahlen anstehen, und den Budgetkürzungen, die immer einschneidender werden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Schriftsteller Matthias Lohre setzt sich in der Zeit mit der Nazi-Vergangenheit seiner Familie auseinander. Sein Großvater, erzählte die Familie, hätte sich gegen die Nazis gewehrt und habe das Familienhaus von einer jüdischen Familie im besten Vertrauen erhalten. Irgendwann begann er zu recherchieren: "Die Antwort des Bundesarchivs bestand aus dem Scan einer Mitgliedsbescheinigung, datiert auf den 1. März 1932. Der standhafte Heinrich war fast ein Jahr vor der sogenannten Machtergreifung der NSDAP beigetreten. Plötzlich klang die Geschichte seines Hauskaufs ganz anders: Als Parteigenosse hatte er vermutlich beste Chancen auf den Zuschlag, als seine jüdischen Nachbarn ihre Habe verkauften. Ein schneller Blick in die Wikipedia klärte mich darüber auf, dass nach der Pogromnacht eine Verordnung Juden dazu zwang, binnen weniger Monate ihre Immobilien und Geschäfte zu veräußern. Mein Elternhaus muss ein Schnäppchen gewesen sein." Lohre weist auf das Arolsen-Archiv hin, in dem man online zur NS-Vergangenheit der eigenen Familie forschen kann.
Nach der Missbrauchsaffäre um Walter Homolka (Unsere Resümees) löst sicht jetzt das von Homolka dominierte Abraham-Geiger-Kolleg aller Wahrscheinlichkeit auf, berichtet Alan Posener in der Welt. "Am 19. Januar 2024 wird bekannt, dass die Anteile am AGK der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (JGzB) für 25.000 Euro übertragen worden sind. Wahrscheinlich habe Homolka die Anteile übertragen, weil er 'sein ''Lebenswerk' eher nicht in den Händen des Zentralrates sehen wollte', erklärt der Pressesprecher der JGzB. Die Gemeinde befindet sich nämlich in einem erbitterten Streit mit dem Zentralrat. Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass Andreas Nachama, der die Kritik an Homolka mit einem 'Furz' verglichen hatte, nun 'rabbinischer Direktor' des AGK wird."
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