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03.08.2024. Nach zehn Jahren scheint man einen Schlussstrich unter den Genozid an den Jesiden ziehen zu wollen, beklagen in der FASRonya Othmann und in der tazDüzen Tekkal und Hakeema Taha. "Deutsche Opfer außerhalb Europas, sind offenbar nur Opfer zweiter Klasse", ärgert sich der Historiker Jürgen Zimmerer im Tagesspiegel mit Blick auf den Genozid an den Herero und Nama. Die Stärke westlicher Demokratien ist die Wertschätzung des Einzelnen, verteidigt Deniz Yücel in der Welt den Gefangenenaustausch mit Russland. In der FAS erzählt der ungarische Schriftsteller Dénes Krusovszky, wofür Orban siebensitzige Familienautos spendiert. Die taz fragt, warum Litauen so queerfeindlich ist.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Genozid an den JesidInnen im Nordirak jährt sich zum zehnten Mal. "Der 3. August wirkt bis heute nach. Und die Zukunft der Jesiden ist ungewiss", schreibt die Schriftstellerin Ronya Othmann, die in diesem Jahr das Buch "Vierundsiebzig" über ihre jesidische Familie veröffentlicht hat, in der FAS. Nach wie vor operieren IS-Zellen im Untergrund, eine juristische Aufarbeitung steht aus - und nicht nur im Irak, wo internationale Organisationen ihre Hilfe zurückgefahren haben, scheint man einen Schlussstrich ziehen zu wollen: "Diesen September läuft auch noch das UNITAD-Mandat aus, das heißt, das Untersuchungsteam der Vereinten Nationen, das sich mit den vom IS begangenen Verbrechen befasst, legt seine Arbeit nieder. Was dann mit den gesammelten Beweisen geschehen soll, ist unklar. Auch das klingt nach Schlussstrich. Nicht anders ist es in Deutschland. Das zeigen auch die Abschiebungen jesidischer Genozidüberlebender. Anders als in den Jahren 2014 bis 2017 gehe man mit Blick auf den Irak nicht mehr von einer Verfolgung der Jesiden als Gruppe aus, so das Innenministerium. Spricht man mit Menschen vor Ort, hört sich das anders an. Der IS wurde besiegt, die Ideologie aber ist noch lange nicht aus den Köpfen verschwunden."
"Jesiden werden wieder im Stich gelassen", sagen im taz-Gespräch auch die jesidischen Aktivistinnen Düzen Tekkal und Hakeema Taha: Die Weltgemeinschaft ducke sich vor den Gefahren des Islamismus weg, während die "Gräueltaten an den Jesiden ... relativiert und legitimiert" werden. Die größte Gefahr für die Jesiden im Irak gehe von der Türkei aus, so Tekkal: "Wie kann es sein, dass Nato-Bündnispartner völkerrechtswidrige Angriffe fliegen? Und über Afrin wird gar nicht mehr gesprochen. Seit Jahren löscht die Türkei dort mit Zwangsumsiedlungen kurdisches und jesidisches Leben aus. Erdoğan ist für das Erstarken des Islamismus und des religiösen Extremismus mitverantwortlich. Seine Nähe zur Muslimbruderschaft und der Hamas sowie seine Rolle in der Zweiteilung der Gesellschaften in liberal und islamistisch darf nicht unter den Teppich gekehrt werden. Anstatt ihnen in den Rücken zu fallen, müsste sie die Rolle der Kurden nach vorne stellen. Wir brauchen eine Trendwende in der gesamten Nahostpolitik. Wir müssen den Minderheiten im Nahen Osten aber auch uns als Europa klarmachen, dass wir Verbündete sind."
Die türkischen Angriffe "sind sicherlich auch ein Grund, warum bisher so wenige Menschen zurückgekehrt sind und bis heute Zehntausende Jesiden in Zeltlagern leben", bestätigt in der FR der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger: "Eine der Auswirkungen ist, dass es eine viel größere Diaspora gibt, vor allem in Deutschland. In der Diaspora verändert sich auch die Religion. Themen wie die strikten Heiratsvorschriften im Jesidentum werden sicher noch zu Konflikten führen. Ich glaube, wenn sich die Jesiden hier nicht flexibel zeigen, besteht die Gefahr, dass das Jesidentum in der Diaspora verschwindet, weil sich junge Jesiden in Deutschland natürlich auch in Nicht-Jesiden verlieben. Kinder aus gemischten Ehen können derzeit keine Jesiden sein."
In der Welt wirft Hannah Lühmann einen düsteren Blick auf reaktionäre Intellektuelle wie J.D. Vance, Peter Thiel oder den Blogger Curtis Yarvin, die für ein als "National Conservatism" und "Neo-reactionary movement" bezeichnetes Milieu stehen, das an den Fundamenten aufklärerischen Denkens rührt: "Der Schlüsselbegriff dieser Denkweise ist die Disruption. Diese Einstellung dürfte es sein, die weite Teile der neuen reaktionären Intellektuellenszene eint: Es verbinden sich konservative Vorstellungen - etwa die Wichtigkeit von Familie oder die Abneigung gegenüber blindem Fortschrittsglauben - mit immer radikaler werdenden disruptiven Ansichten. Man glaubt, dass 'das System' zerschlagen werden muss und dass Trump diese Form der Disruption bringen kann. Darin bestehen durchaus frappierende Ähnlichkeiten zu dem, was man in Europa als 'Konservative Revolution' bezeichnet. Die neugierige Lust an der Zerschlagung geht bei einigen mit einer futuristischen Liebe zur Technologie einher, der eine tragende Rolle bei der kommenden reaktionären Revolte zugewiesen wird."
In der FAZ sendet der an der Universität von Juba lehrende Betriebswissenschaftler Volker Riehl eine Reportage zur katastrophalen Lage im Sudan, wo die Bürger in "Lethargie und schicksalsergebener Niedergeschlagenheit" verharren: "Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Südsudan hungert. Nur zwei Prozent der Ausgaben für die Gesundheitsfürsorge stammen aus dem staatlichen Haushalt. Staatsangestellte beziehen ein grotesk niedriges Einkommen, das quasi zu Korruption und Vetternwirtschaft einlädt. Einige ihrer Ministeriumskollegen wiederum sind zu Multimillionären avanciert. Ernst zu nehmende Ansätze, die geschlechtsbezogene Gewalt in allen Bereichen eindämmen und die Umsetzung der Menschenrechte zu gängiger Praxis zu machen, sind Fehlanzeige. Soziale Absicherung gibt es nur durch Unterschlagung oder im Verwandtschaftsverband, zivile Sicherheit nur durch Selbstbewaffnung, Söldner und Sicherheitsfirmen (ein Begleitschutz mit AK 47 für einen Tag kostet fünfzig US-Dollar)."
"Seriösem Journalismus muss die Wirkung seiner Arbeit egal sein", kommentiert Stefan Niggemeier, der bei Übermedien die Mängel der Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen offenlegte (unser Resümee), bei Spon: "Sind wir so verzweifelt , dass wir glauben, gegen Trump oder die AfD nur noch gewinnen zu können, wenn wir unfair spielen? Haben wir dann nicht schon verloren? Von rechts außen wird die Correctiv-Recherche nicht nur als Erfindung abgetan (was sie nicht ist), sondern entsprechend auch der große Protest, den sie ausgelöst hat, als Ausdruck einer Art Massenpsychose. Es ist tatsächlich eine unbequeme Frage, wie sehr die Übertreibungen, die der Artikel nahelegte und auslöste, dazu beigetragen haben, eine solche gewaltige Wirkung auszulösen. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass schon der unbestrittene faktische Kern einer Gruppe vermeintlich bürgerlicher Menschen mit Einfluss oder Geld, die sich mit einem bekannten Rechtsextremisten treffen, um sich von ihm erklären zu lassen, wie man massenhaft Leute aus dem Land bekommt, die nicht deutsch genug sind - dass schon dieser Kern und die täglichen Ungeheuerlichkeiten der AfD allein ausreichen sollten, um Millionen auf die Straße zu bringen."
Kleiner ging es wohl nicht, meint indes Carola Schwarz, die Niggemeier und Kollegen in der taz vorwirft, mit den gleichen Mitteln zu arbeiten, die sie Correctiv vorwerfen: "Übertreibung, Spekulation und Fehler". Wirklich falsch werde es etwa "an der Stelle, an der Übermedien behauptet, dass der Text sich selbst widerspreche. Denn es gebe keine Belege für einen 'Angriff gegen die Verfassung der Bundesrepublik', weil Sellner selbst behauptete habe, dass er Menschen 'nicht gesetzeswidrig ausweisen' möchte. Problem ist nur, dass dieses Zitat überhaupt nicht von Sellner stammt, sondern von einem Anwalt, der für den AfD-Politiker Ulrich Siegmund spricht. Auf Nachfrage der taz hat Übermedien die Namen an der Stelle entsprechend abgeändert. Doch nun beweist sie nichts mehr."
Auf den Medienseiten der SZ unterzieht auch Hans-Jürgen Jakobs den Correctiv-Text noch einmal einem Faktencheck und räumt ein: "Manches hätte man bei Frontal oder Spiegel oder überhaupt bei einer sorgfältigen Redigatur sicher sofort herausgestrichen. Es gibt Fehlerhaftes, Missverständliches. Eindeutig zu viel 'Peng!' Aber diese Einwände sprechen nicht final gegen den Text, in dem die Menge präsentierter Fakten beeindrucken kann. Der Neuigkeitswert des Artikels ist hoch. So etwas kommt nicht mit der nächsten Amazon-Lieferung, sondern braucht viel Vorarbeit. Und die meisten der Interpretationen sind per se nicht verwerflich, da die zugrunde liegenden Tatsachen auch im Text stehen. Das alles spielt bei Niggemeier & Co. eine zu kleine Rolle."
Gestern hat die türkische Kommunikationsbehörde ohne Begründung Instagram abgeschaltet, meldet Ulrich Gutmair in der taz: "Zwei Tage zuvor hatte der Sprecher von Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Plattform angegriffen: Instagram betreibe Zensur. Sie blockiere Posts, in denen Hamas-Politbürochef Ismael Haniyeh betrauert werde. Dessen Tod hatte der Präsident zuvor als 'zionistische Barbarei' gegeißelt und mit militärischem Eingreifen in den Konflikt gedroht."
Weitere Artikel: Seit dem 7. Oktober nehmen Angriffe auf antiisraelischen Demonstrationen gegen Journalisten zu, meldet Nicholas Potter ebenfalls in der taz: "'Die Lage ist bedrohlich bis gefährlich', sagt Jörg Reichel der taz. Er ist Landesgeschäftsführer der dju in Berlin-Brandenburg und beobachtet die Pressefreiheit auf Demos seit Jahren. Seit dem 7. Oktober hat die Gewerkschaft alleine in Berlin 36 körperliche Übergriffe gegen Journalist*innen erfasst, die von antiisraelischen Demoteilnehmer*innen ausgingen - von Flaschenwürfen bis Fahnenstangenschläge."
Der Deal mit Russland war vertretbar, aber er taugt nicht zum "Heldenstück", warnt auf Zeit Online der Militärexperte Nico Lange: "Die Frage des ungleichen Tausches bleibt doch aber ein Dilemma. Unschuldig Verhaftete werden eingesackt, um verurteilte Mörder freizupressen. Wenn man nicht klarmacht, dass dies eine einmalige Aktion war, produziert das erhebliche Probleme für die Zukunft. Wir haben gerade von Mordplänen gegen den Rheinmetall-Chef Armin Papperger erfahren. Russland führt gegen uns einen hybriden Krieg. Man muss annehmen, dass wenn russische Agenten, Saboteure oder Mörder wie Herr Krassikow wieder in Haft sitzen, Putin auch wieder Geiseln sammelt."
In der Welt wägt Deniz Yücel, der selbst in der Türkei inhaftiert war, ab. Auch Yücel warnt vor dem Risiko der Wiederholung oder Nachahmung: Dass "Terroristen, Gangster, Diktaturen, die diese Zugeständnisse als Schwäche auslegen -, dass in diesem speziellen Fall russische Auftragsmörder künftig noch sorgloser in den Westen kommen dürften, lässt sich nicht abstreiten, aber auch nicht immer vermeiden. Doch das, was diese Geiselnehmer als Schwäche missverstehen und was ihnen letztlich unbegreiflich bleibt, nämlich das Ideal von der Wertschätzung des Einzelnen, ist in Wahrheit eine Stärke der westlichen Demokratien. Diese Stärke resultiert aus dem Verhältnis zwischen Bürger und Gemeinwesen, aus der Existenz einer kritischen Öffentlichkeit, die Ambivalenzen aushält, die aber die vom Staat einfordern kann, dass sich dieser für seine unschuldig in Not geratenen geratene Bürger einsetzt." Ebenfalls auf Zeit Online ergänzt Nils Markwardt: "Praktisch hätte ein Ausbleiben des Gefangenenaustauschs wohl wenig bis nichts an Russlands Verhalten geändert."
Spon resümiert die Bonner Pressekonferenz, bei der WladimirKara-Mursa, der Unternehmer Andrej Piwowarow und Nemzow-Weggefährte Ilja Jaschin erstmals vor die Öffentlichkeit traten. Kara-Mursa sagt, der Gefängnisaufenthalt habe seinen "Glauben ans russische Volk gestärkt. Jeden Tag erhielt ich ein Bündel Briefe aus dem ganzen Land, von Orten, an denen ich noch nie gewesen war. Menschen, von denen ich noch nie gehört hatte, drückten mir ihre Solidarität aus, scheuten sich nicht, ihren Namen und ihre Adresse zu nennen, schrieben, dass sie gegen den Krieg sind. Die Kreml-Propaganda will tun, als ob alle Russen Putins Diktatur und seinen Angriffskrieg in der Ukraine unterstützen. Das ist eine Lüge." Jaschin erzählt, er habe von Haftbeginn an "darum gebeten, nicht ausgetauscht zu werden. Mein Aufenthalt im Gefängnis war nicht nur ein Kampf gegen den von Putins Angriffskrieg, sondern ein Kampf für mein Recht, in meinem eigenen Land unabhängige Politik zu betreiben, zu sagen, was ich für wichtig halte, was ich denke. Für diesen Kampf habe ich jedes Gericht in eine politische Arena verwandelt. Ich habe bis zum letzten Tag für mein Recht gekämpft, in Russland zu bleiben. Das war kein Austausch - ich wurde illegal gegen meinen Willen aus Russland abgeschoben."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gerade ist der Erzählband "Land der Jungen", in dem der ungarische Schriftsteller Dénes Krusovszky männliche Rollenbilder untersucht, auf Deutsch erschienen. Im FAS-Gespräch erzählt er, wie sich mit dem Sieg der Fidesz-Partei in Ungarn ein "umfassende Macho-Attitüde" breit machte. Schon der Sozialismus war "enorm männlich geprägt", sagt er, aber die "Fidesz-Politik entwickelt ein noch konservativeres Familienmodell. Es gibt keine Sozialpolitik. Die Regierung unterstützt nur Familien. Wer als Paar keine Kinder hat, bekommt nichts. Und: Die Programme sind für die obere Mittelklasse ausgelegt. Familien werden unterstützt, damit sie Häuser oder Wohnungen kaufen können, wenn sie mindestens ein Drittel der Kaufsumme selbst beisteuern können. Das Geld haben Ärmere nicht. Ein großes Programm der Regierung finanziert siebensitzige Familienautos, man muss nur die Hälfte selbst zahlen. So kaufen sie die Unterstützung der oberen Mittelklasse. Und es geht immer um die klassische Kleinfamilie mit Kindern, der Mann arbeitet, die Frau bleibt zu Hause. Wer vier Kinder hat, muss kaum Steuern zahlen. Die untere Hälfte der Gesellschaft sieht davon wenig bis nichts."
Litauen ist eines der queerfeindlichsten Länder der Welt - der Frage, warum gerade hier Queerfeindlichkeit so weit verbreitet ist, geht Norma Schneider in der taz nach: "Zum einen wirken homofeindliche Narrative aus der Zeit der sowjetischen Okkupation noch heute nach. Zum anderen ist die katholische Kirche sehr stark. Der Katholizismus nimmt im ohnehin eher konservativen Litauen 'eine sehr aggressive Form an', erläutert Antanaitytė. (Monika Antanaitytė von der Lithuanian Gay League, Anm. d. Red.) 'Die Kirche genießt viele Privilegien.' Das hat auch damit zu tun, dass die Kirche ähnlich wie in Polen als wichtiger Akteur der Befreiung von der sowjetischen Herrschaft gesehen wird. Laut Tomas Raskevičius kommt noch etwas hinzu: 'Ich denke, der Hauptgrund ist, dass im Laufe der Geschichte, und ich meine nicht nur in der sowjetischen Geschichte, sondern auch in der mittleren Neuzeit oder im Mittelalter, das Überleben unserer Nation, wenn man so will, auf einer geschlossenen Gemeinschaft beruhte.' So habe sich Litauen zu Sowjetzeiten stärker gegen die Ansiedlung von Russ*innen gewehrt als Estland und Lettland. Das Thema LGBTQ werde nun 'als Öffnung für Unterschiede und Individualität wahrgenommen' und damit als Gefahr für die geschlossene Gemeinschaft."
Die FAZ bringt ein von der Zeitschrift Le Grand Continent geführtes Interview mit dem französischen Historiker Patrick Boucheron, der maßgeblich am Drehbuch für die Olympia-Eröffnungsfeier beteiligt war. Im Gespräch bezieht er auch Stellung zur Kritik an dem Bild des angeblichen "Letzten Abendmahls": "Es mag Humor und Selbstironie geben, aber ganz sicher keinen absichtlichen Spott, der dem emotionalen Repertoire von Thomas Jolly auch völlig fremd ist. Er hat alles gesagt, was es zu diesem unterschwelligen Abendmahl zu sagen gibt, und ich verweise auf seine Ausführungen. Im ursprünglichen Ablaufplan gibt es nichts, was explizit auf Christliches hinweist."
Im Tagesspiegel ist der postkoloniale Historiker Jürgen Zimmerer wütend: Zwar wurde die 2021 an Einwänden der Opferorganisationen der Herero und Nama gescheiterte Joint Declaration zwischen der namibischen und der Bundesregierung über eine Entschuldigung und Entschädigung für den Genozid an den Herero und Nama inzwischen offenbar nachgebessert, in dem die ausgehandelte Summe von 1,1 Milliarden Euro erhöht und nicht als "Hilfe", sondern als Beitrag zur "Sühne" deklariert wurde. Aber eine konkrete Summe und weitere Fakten sind nicht bekannt, was bei Zimmerer Zweifel "an der Ernsthaftigkeit deutscher Bemühungen um Aufarbeitung und Aussöhnung, was koloniale Verbrechen angeht" aufkommen lässt: "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die deutsche Regierung entledige sich nur einer lästigen Pflicht, ohne sich wirklich um eine Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen und genozidalen Geschichte zu bemühen oder diese auch in der deutschen Öffentlichkeit aufzuarbeiten." Auch dass Claudia Roth nicht weiterhin stärker dafür eintritt, dass neben die Gedenken an NS und DDR auch die kolonialen Verbrechen zur deutschen Gedenkkultur gehören, erzürnt Zimmerer: "Deutsche Opfer außerhalb Europas, sind offenbar nur Opfer zweiter Klasse."
Weitere Artikel: Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ fordert der Afrikawissenschaftler Andreas Eckert die Geschichte des Abolitionismus kritisch zu hinterfragen: Sie sei bisher als "Geschichte des Engagements europäischer Persönlichkeiten und Gruppierungen" geschrieben worden, aber schon im siebzehnten Jahrhundert wollten von Afrika ausgehende Netzwerke die Sklaverei abschaffen.
Nachdem der Zentralrat der Juden die geplante Auszeichnung der Publizisten Meron Mendel und Saba-NurCheema mit der Buber-Rosenzweig-Medaille in einem Brief kritisierte (unsere Resümees), äußern sich das Paar jetzt erstmals im SZ-Gespräch mit Nele Pollatschek. Sie seien "irritiert und verletzt", dass sie den Boykott, den sie immer wieder kritisierten, nun ausgerechnet durch den Präsidenten des Zentralrats erleben müssen, erklären sie. "Es ist besonders perfide, weil unsere Arbeit aus einer tiefen Verbundenheit mit Israel kommt. Und mit den Palästinensern", sagt Mendel: "Gleichzeitig geht dieser Angriff gegen mich an der Auszeichnung völlig vorbei. Denn die ist ja nicht für mich und meine Meinungen, sondern für unsere gemeinsame Arbeit." Mendel werde auch häufig kritisiert, weil seine Frau muslimisch sei, so Cheema, wozu Mendel ergänzt: "Die Frage ist ja auch: Wie stellt man sich das vor? Dass Juden nur sprechen dürfen, wenn sie die offizielle Position 'der Gemeinschaft' vertreten? Das wäre der Horror. Und entspricht auch noch dem antisemitischen Stereotyp: Alle Juden denken oder wollen das Gleiche."
Im großen WamS-Interview teilt Alice Schwarzer aus: Sie wettert einmal mehr gegen das Selbstbestimmungsgesetz oder Feministinnen, die "die wissenschaftliche Tatsache leugnen, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt": Die nennt sie "einfach nur dumm und peinlich", die "Trans-Ideologie" hält sie für "kulturelle Aneignung". Im Gespräch geht es auch um den politischen Islam, der zu "allgemeinen Militarisierung unseres Landes" führe. Zudem hält sie "den Islamismus für den zentralen Antrieb der linken Woke-Bewegung an den Universitäten der westlichen Welt. Der politische Islam agitiert da seit Jahrzehnten, ausgestattet mit Milliarden Petrodollars aus Saudi-Arabien und anderen Öl-Ländern."
Weitere Artikel: In der FAS resümiert Jessica Ramzcik die antisemitischen Ausschreitungen beim diesjährigen Berliner CSD. Ebenfalls in der FAS reisen Elena Witzeck und Daniel Pilar zu Jugendzentren, Kampfsportzentren und Festivals in Ostdeutschland, um den Rechtsruck und die Arbeit dagegen zu dokumentieren.
Für die Literarische Welt haben sich die Buchwissenschaftlerin Erika Thomalla und die Medienwissenschaftlerin Lea Kubeneck die Spiegel-Bestsellerlisten seit 2000 angeschaut, um Trend-Veränderungen im Buchmarkt abzulesen. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass sich das Verfahren zur Erhebung immer wieder änderte, schreiben sie: Wurden anfangs Buchhandlungen befragt, werden die Absatzzahlen seit 2000 elektronisch erfasst - und erst seit 2016 werden auch Amazon-Verkaufszahlen berücksichtigt. Abzulesen ist, dass seit dem Erfolg von "Harry Potter" fast 70 Prozent aller Titel, den Genres Krimi und Thriller, Fantasy, Romance oder Historischer Roman angehören, in der Belletristik ist auch der Frauenanteil inzwischen überdurchschnittlich hoch, während das Sachbuch nach wie vor die "Gattung weißer Männer" ist, so die Autorinnen. Interessant ist auch eine weitere Beobachtung: Die Marktkonzentration, also die Übernahme unabhängiger Verlage durch große Konzerne, scheint seit den 1990er Jahren "dazu geführt zu haben, dass es kleine Verlage zunehmend seltener auf die Liste schafften. Im Zeitraum von 2000 bis 2023 verstärkte sich diese Tendenz. (...) Insgesamt ist nur etwa knapp ein Fünftel der erfolgreichsten Verlage auf den Jahresbestsellerlisten unabhängig, der Rest verteilt sich auf große Verlagsgruppen wie Penguin Random House, Bonnier und Holtzbrinck."
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