Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.12.2024. In Afghanistan dürfen Frauen jetzt nicht mal mehr zu Hebammen ausgebildet werden - die Müttersterblichkeit dürfte drastisch steigen, fürchten taz und FAZ. In Rumänien gab es nie wirklich einen Bruch mit dem Kommunismus der Ceaușescu-Ära, erzählt Hubertus Knabe in der NZZ. Die SZ berichtet über eine von zwei von Rache getriebenen Hauptfiguren der französischen Politik, die heute Regierung stürzen könnten. Geier vertragen kein Diclofenac, und das ist schlecht für Indien, informiert Le Monde. Die FAZ erklärt, wen Ralf Dahrendorf mit der "protestantischen Mafia" meinte.
Die Taliban leben ihren Hass auf Frauen immer ungehemmter aus. Nun dürfen Frauen auch keine medizinischen Berufe mehr ergreifen - die Ausbildung hierfür war praktisch die letzte Bildungsmöglichkeit für Mädchen, berichtet Thomas Ruttig in der taz: "In Afghanistan gibt es zehn staatliche sowie 164 private medizinische Lehreinrichtungen für Hebammen, Zahnärztinnen, Schwesternschülerinnen und Laborantinnen. Dort konnten Frauen noch studieren und Professorinnen lehren. 60 Prozent der Student*innen an den privaten Einrichtungen seien Frauen gewesen; ihre Zahl an den staatlichen Instituten ist nicht bekannt. Ärztin durften Frauen unter den Taliban schon vorher nicht mehr werden."
Friederike Böge ergänzt in der FAZ: "Eine Einschränkung oder gar ein Verbot der Ausbildung von Hebammen dürfte zu einer weiteren Zunahme der Müttersterblichkeit führen. Es gehörte zu den größten Erfolgen der westlichen Intervention in Afghanistan, dass die Müttersterblichkeit zwischen 2001 und 2020 halbiert wurde."
Heute könnte Marine Le Pens rechter Rassemblement National dem Misstrauensvotum der neuen Volksfront um den Linkspopulisten Jean-Luc Melanchon gegen den konservativen Premier Michel Barnier zustimmen. Ob sich Le Pen damit einen Gefallen täte? Oliver Meiler bezweifelt es in der SZ, auch wenn er nachvollziehen kann, dass Le Pen angesichts der Korruptionsvorwürfe gegen sie eher in destruktiver Stimmung ist. "Getrieben wird sie von einer Lust auf Revanche, auf Rache, sie sieht sich als Opfer der Justiz. Dafür riskiert sie nun alle Glaubwürdigkeit, die sie in den vergangenen Jahren mit ihrer Wandlung zur vermeintlich pragmatischen, fast schon normalen Politikerin in Teilen des wirtschaftlichen Establishments und in der gesellschaftlichen Mitte erworben hat. ... Der Sturz Barniers wäre ein historisches Ereignis. Seit 1962 ist in Frankreich keine Regierung mehr vom Parlament abgesetzt worden. Und es käme in einem problematischen Moment: prekäre Staatsfinanzen, schwächelnde Wirtschaft, politisches Chaos. Genau der Mix, der die Märkte verrückt macht. Vor ein paar Tagen bezahlte Frankreich für neue Kreditlinien so hohe Zinsen wie Griechenland. Wie Griechenland!"
In Rumänien gab es nie wirklich einen Bruch mit dem Kommunismus der Ceaușescu-Ära, schreibt in der NZZHubertus Knabe angesichts der drohenden Wahl eines putinfreundlichen Rechtsextremisten bei der zweiten Wahl der Präsidentschaftskandidaten: "Der Rechtsruck, der sich am Sonntag bei den Parlamentswahlen fortsetzte, hat viel mit der Vergangenheit zu tun: Rumänien ist das einzige Land im ehemaligen Ostblock, in dem die kommunistische Nomenklatura nie wirksam entmachtet wurde. Die Netzwerke aus der Ära des Diktators Nicolae Ceaușescu blieben mehr oder weniger erhalten, wobei die politische Macht vielfach in wirtschaftliche transformiert wurde. Denn als es im Dezember 1989 zu Massenprotesten gegen den 'Conducător', wie sich Ceaușescu nennen ließ, kam, gründete der ehemalige Spitzenfunktionär Ion Iliescu kurzerhand eine neue Partei - die bald darauf die Macht übernahm. Ungeachtet aller späteren Umbenennungen, Spaltungen und Fusionen blieb sie ein machtvolles Sammelbecken der Funktionäre, die den Übergang zur Demokratie in ihrem Sinne gestalteten. ... Unter Iliescu, der zweimal das Präsidentenamt bekleidete, konnte sich auch die Securitate unbehelligt in die neue Zeit retten. Die allmächtige Geheimpolizei, die mit schätzungsweise 40.000 offiziellen und über 400.000 inoffiziellen Mitarbeitern das Land wie ein Krebsgeschwür durchzog, wurde lediglich aufgeteilt." Muss man da noch sagen, dass es eine Aufarbeitung der Vergangenheit in Rumänien nie gegeben hat?
Die Achse der Autokratien wird immer mächtiger, schreibt Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. Und Georgien ist ihr Opfer in Europa: "In der westlichen Öffentlichkeit findet dieser Entscheidungskampf über die Zukunft Georgiens aber bei weitem nicht die Beachtung, die seiner Bedeutung zukommt. Die EU hat zu lange gezögert, der Zerstörung der Demokratie in diesem für die Sicherheit ganz Europas strategisch wichtigen Land entschlossen entgegenzutreten - und das, obwohl sie die Hebel dafür in der Hand hielt. Schließlich ist Georgien gerade erst im vergangenen Winter der EU-Kandidatenstatus verliehen worden."
Vor fünfzig Jahren besuchte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre den RAF-Häftling Andreas Baader im Gefängnis, erinnert in der NZZ Thomas Ribi. Reden konnten sie nur über einen Dolmetscher, ihre Meinungen über den bewaffneten Kampf in Deutschland gingen auseinander und ganz generell mochten sie sich nicht: Baader fand Sartre zu alt und Sartre verkündete beim Verlassen des Gefängnisses: "Was für ein Arschloch, dieser Baader", erzählte später Daniel Cohn-Bendit. Aber die gemeinsame Ideologie überstand alle Animositäten, auch bei Sartre. "Nach der Rückkehr nach Frankreich publizierte er in der Libération einen anklagenden Text mit dem Titel 'Der langsame Tod des Andreas Baader'. Zwei Monate später entführte ein RAF-Kommando den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz, um die Freilassung von Gefangenen zu erpressen. Die große Offensive der RAF begann."
Die Ökonomin Pauline Grosjeanzitiert in Le Monde eine faszinierende Studie über das Aussterben der Geier in Indien, das in den betroffenen Regionen des Landes zu einem deutlichen Anstieg der Humansterblichkeit geführt hat. Geier seien äußerst effizient darin, die Überreste der 500 Millionen heiligen Kühe zu verspeisen, die frei in Indien herumlaufen, so Grosjean. In vierzig Minuten haben sie eine Kuh verspeist. Verschwinden die Geier, kommen Ratten und wilde Hunde, die weit weniger effizient sind und Krankheiten wie Tollwut verbreiten. Der Grund für die Geiersterblichkeit ist gefunden: Sie vertragen das Medikament Diclofenac nicht, das auch Tieren verabreicht wird, die sie essen. "Durch den Vergleich von indischen Distrikten, die mehr oder weniger geierfreundliche Ökosysteme darstellen, vor und nach Ablauf des Diclofenac-Patents, schätzen die beiden Ökonomen, dass der Rückgang der Geierpopulation mit einem Anstieg der menschlichen Sterblichkeit um mehr als 4 Prozent verbunden ist. Die Autoren dokumentieren außerdem die Zunahme der Population von Ratten und wilden Hunden sowie eine Verschlechterung der Wasserqualität in den Bezirken, die am stärksten vom Aussterben der Geier betroffen sind."
Jan Heidtmann war für die SZ dabei, als kürzlich in den Berliner "Nostalgie Festsälen" - wie passend - die Revolutionäre Kommunistische Partei gegründet wurde. "Die Begeisterung für die neue Partei ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie eine unverhüllt autoritäre Agenda hat. Nach der Analyse ihrer Organisatoren sei klar, dass die krisenhafte Weltlage alsbald zu einem Aufstand der Arbeiterklasse führe. ... Dafür bedarf es einer straffen Organisation. Ein 'Offiziersstab der kommenden Revolution' müsse ausgebildet werden, in Betrieben, Schulen und Universitäten müssten Sympathisanten gefunden werden, um sie zu rekrutieren und zu 'Kadern' auszubilden. 'Die RKP ist kein Debattierklub, sondern eine Kampforganisation.' Dass die Wortwahl an die Zeit der Oktoberrevolution 1917 in Russland erinnert, ist kein Zufall", so Heidtmann. "Die RKP gehört zu der trotzkistischen Bewegung International Marxist Tendency, die auch immer wieder bei antiisralischen und antisemitischen Protesten auftaucht. Die IMT hat sich bereits im Sommer in Revolutionary Communist International umbenannt. Im deutschsprachigen Raum war die Bewegung als der 'Funke' lose mit den Sozialdemokraten verbandelt; die 'Sektionen' in Österreich und der Schweiz haben bereits in den vergangenen Monaten jeweils eine Revolutionäre Kommunistische Partei gegründet." In der tazberichtete Timm Kühn.
Populisten geben einfache Antworten auf komplexe Fragen, schreibt Ilija Trojanow in seiner taz-Kolumne. Seine Antwort ist aber auch nicht gerade kompliziert. Der Neoliberalismus ist für Trojanow schuld an der heutigen Misere: "Wer den Aufstieg der Neuen Rechten stoppen will, muss die Ungerechtigkeiten und das destruktive Potenzial des herrschenden Systems ernst nehmen. Soziale Gerechtigkeit, bezahlbarer Wohnraum, faire Bildungschancen und vieles mehr wäre die heilende Alternative gegen die Heilsversprechen."
Die Zahlen sind eindeutig, schreibt die Autorin Mirna Funk in der Welt mit Blick auf den Halbjahresbericht der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin": Die antisemitischen Vorfälle haben erschreckend zugenommen. Nicht dass die "propalästinensische und linke Bubble" beeindruckt wäre: "Das Rufen nach authentischen Sprecherpositionen im Kampf um Anerkennung und Gerechtigkeit wird genau dann abgelehnt, wenn die authentische Sprecherposition das eigene Weltbild infrage stellt. Dann ist man plötzlich eben nur noch Rassist. ... Die UN-Resolution 3379 ist nach 50 Jahren zur unumstößlichen Wahrheit mutiert. Mit dem Titel 'Beseitigung aller Formen der Rassendiskriminierung' wurde sie am 10. November 1975 von der UN-Generalversammlung beschlossen und bezeichnete den Zionismus als eine Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung. Wer sich wie ich und 90 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung als Zionist definiert, kann sich auch direkt selbst aus dem Weg räumen. Denn die Zuschreibung ist zum Freifahrtschein für jede Form der Gewaltverherrlichung oder Gewaltausübung geworden. Ein perfides linguistisches Spiel, das dem Vorwurf des aktuellen Antisemitismus jegliche Berechtigung entzieht. Was mir während meiner Lesung passierte? Kein Antisemitismus eben! Morddrohungen, die ich erhalte? Kein Antisemitismus, schließlich bin ich israelische Staatsbürgerin!"
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Schon vor einigen Tagen berichtete Reinhard Bingener in der FAZ über die Studie "Pädophilie im Fokus", die der Historiker Uwe Kaminsky im Auftrag der Evangelischen Kirche angefertigt hat. Sie kommt auf ein Netzwerk zurück, das das intellektuelle Klima der Bundesrepublik nachhaltig prägte - Ralf Dahrendorf hatte es als "protestantische Mafia" bezeichnet. Es geht um des sexuellen Missbrauchs überführte Täter wie Gerold Becker und Helmut Kentler, aber auch um den Pädagogen Hartmut von Hentig und ihren Einfluss auf die Odenwaldschule und auf Medien wie die Zeit. Auch beim Kirchentag der Evangelischen Kirche war diese Gruppe sehr prägend. Erste Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung gingen im Jahr 1999 noch unter, so Bingener: "Kaminsky nennt auch den Verdacht, dass dies mit den Kontakten Gerold Beckers und Hartmut von Hentigs zu Marion Gräfin Dönhoff, der damaligen Herausgeberin der Zeit, zu tun hatte, in deren Redaktionsstuben der Kirchentagsadel stets bestens vernetzt war. 2010 kamen die Vorwürfe dann abermals auf den Tisch und dieses Mal mit Wucht. Der Kirchentag reagierte aber auch dieses Mal nicht, stattdessen verwies man das Thema Missbrauch in die katholische Ecke." Hingewiesen sei noch mal auf die fulminanten Bücher von Ulrich Raulff (hier) und Thomas Karlauf (hier) über den George-Kreis, die diese Themen vor einigen Jahren mit ins Bewusstsein brachten.
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