9punkt - Die Debattenrundschau

Europa ist auch von unten her gewachsen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2026. Die Ukraine erfriert! In der FAZ rufen die Historiker Karl Schlögel und Gerd Koenen zu einer konzertierten Hilfsaktion auf. Trumps Außenpolitik folgt guter alter amerikanischer Tradition, meint in der FR der deutsch-amerikanische Philosoph Christian Lotz. Wenn den Spaniern Juan Carlos I. zur Demokratie verhalf, warum sollte Reza Pahlavi das nicht im Iran können, fragt in der Welt die Autorin Sineb el Masrar. In der FAZ kritisiert der Historiker Jan Grabowski scharf die deutschen Holocaustforscher Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt, die ihre polnischen Kollegen im Stich gelassen hätten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2026 finden Sie hier

Europa

Helft der Ukraine jetzt, rufen die Historiker Karl Schlögel und Gerd Koenen in der FAZ. Die Ukrainer schlagen sich bewundernswürdig, aber "es gibt Grenzen des Aushaltbaren. Und im Kalkül der barbarischen russischen Kriegsführung ist dies ein entscheidender Punkt der Abnutzungs- und Ermüdungsstrategie, auf die sich Moskau mangels militärischer Erfolge verlegt hat. Die Kälte wird zur Waffe gemacht, und das Wort dafür ist - nicht zufällig in Anlehnung an den Holodomor, das große Hungersterben in der Ukraine 1932 - 'Cholodomor', ein gezieltes oder wenigstens in Kauf genommenes Hinsterben schutzlos ausgelieferter Menschen. ... Europa ist auch von unten her gewachsen und nicht erst jetzt. Beispiele dafür gibt es in unserer eigenen jüngeren Geschichte genug. Die spontane Hilfe von Hunderttausenden für das 1981 unter Kriegsrecht gestellte, ausgepowerte Polen hat für den Umbruch 1989 eine bedeutsame Rolle gespielt. Und selbst das Beispiel der Luftbrücke in der Berlin-Blockade 1948/1949, als die eingeschlossene Stadt über ein Jahr mit allem versorgt wurde, was sie brauchte, ist keine hergeholte Parallele." Auch jenseits von Waffenhilfe "wäre es hier und jetzt die Sache des Bundespräsidenten, der Medien, der Kommunen, der Berufsverbände, der Gewerkschaften, der Kirchen und aller Einzelnen, in einer koordinierten, vielseitigen Hilfs- und Spendenaktion noch einmal politisch sichtbar zu machen, was die Zivilgesellschaft dieses Landes unserem bedrängten Nachbarn in dieser extremen Notsituation als Expresshilfe zu leisten bereit ist, dem alten Motto folgend: 'Für eure und für unsere Freiheit'."

In der taz berichtet Anna Klochko aus der Nordukraine, wo derzeit minus 24 Grad herrschen. "Strom gibt es nur etwa sechs Stunden am Tag. Aufgrund russischer Angriffe auf die Infrastruktur kommt es regelmäßig zu Unterbrechungen der Wasser- und Heizungsversorgung. Die Einwohner von Sumy versuchen, die alltäglichen Strapazen nicht zu dramatisieren, vor allem, da sie sich mit den Soldaten vergleichen, die die Region verteidigen. Ihnen ist klar, was es in diesen winterlichen Tagen bedeutet, an der Front Dienst zu tun. 'Selbst wenn wir in Wohnungen auch mal bei plus 14 Grad oder in Büros bei 8 Grad sitzen und Strom-, Wasser- und Internetausfälle haben, finden wir immer noch einen Weg, um uns warm zu halten', sagt Viktoria Rulko, eine Einwohnerin von Sumy. 'Unsere Jungs jedoch müssen stunden-, tage- und manche sogar wochenlang in ihren Stellungen ausharren: im Freien, in Schützengräben, ständig bedroht von Artilleriebeschuss', sagt sie." Ebenfalls in der taz berichtet Bernhard Clasen über die russischen Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine.
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Ideen

Der Historiker Jan Grabowski wehrt sich in der FAZ empört gegen die Vorwürfe der Holocaustforscher Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt, er pflege eine "Freund-oder-Feind-Mentalität" und werfe deutschen Wissenschaftlern vor, sich zu Unrecht auf die deutschen Täter des Holocausts zu konzentrieren und nicht-deutsche auszuschließen. Hintergrund ist die Absage einer Berliner Veranstaltung auf Druck des polnischen Botschafters in Berlin und des deutschen Auswärtigen Amtes, bei der der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe sein Buch "Polnische Bürgermeister und der Holocaust" vorstellen sollte (unser Resümee). Die Behauptung, "dass allein die Deutschen für den Holocaust verantwortlich seien", so Grabowski, sei nicht nur falsch, sondern auch politisch gefährlich, weil sie Rechtsextremen und Nationalisten in Osteuropa in die Hände spiele, die schon lange behaupteten, Judenmorde hätten nur die Deutschen begangen. Und was das Freund-Feind-Schema angeht, wird Grabowski richtig sauer: "Als in den letzten zehn Jahren Nationalisten und staatliche Institutionen Holocausthistoriker in Polen attackierten, war Stephan Lehnstaedt einer der deutschen Wissenschaftler, die den polnischen Institutionen, die mich und andere Kollegen angriffen, Legitimität verliehen. Kongresse, Workshops, Preise, Artikel und Diskussionen, an denen Stephan Lehnstaedt beteiligt war und die durch das Witold-Pilecki-Institut oder das berüchtigte Institut für Nationales Gedächtnis organisiert wurden, sind zu zahlreich, um sie hier aufzuzählen. All dies geschah, während ich und andere unabhängige polnische Historiker vor Gericht standen, einige wie Adam Puławski entlassen wurden oder als Zielscheiben bösartiger, staatlich geförderter Hasskampagnen dienten. Nein, Herr Professor Lehnstaedt, ich werde mir von Ihnen keine Lektionen in Bezug auf Debatten über den Holocaust in Polen erteilen lassen!"
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Politik

Bei der amerikanischen Außenpolitik und der Abkehr von Europa handelt es sich nicht um einen "Epochenbruch", hält der deutsch- amerikanische Philosoph Christian Lotz in der FR fest. Im Gegenteil steht diese in "guter US-Tradition." Die Idee der "Monroe-Doktrin" ziehe sich wie ein "roter Faden" durch die letzten zweihundert Jahre: "Durch Roosevelt wird die Isolationsstrategie, die bei Jefferson noch impliziert schien, durch eine Interventionspolitik ergänzt, mit der die USA sich das Recht nimmt, überall dort einzugreifen, wo deren Interessen und die eigene Hemisphäre außerhalb des politischen Meridians bedroht sind (...) Man muss daher zu dem durchaus paradoxen Schluss kommen, dass es ausgerechnet der Isolationsgedanke und die Einführung einer fixen Verteidigungslinie in der Monroe-Doktrin waren, die einen amerikanischen Imperialismus eingeleitet haben, der mit einer aggressiven und moralisch überhöhten Haltung einhergeht. Diese Haltung wird nun in der neuesten 'Trump Corollary to the Monroe Doktrin' rein kriegspolitisch und als eine Doktrin der Stärke interpretiert."

Ist der Trumpismus ein Faschismus? Im Gegensatz zu Timothy Snyder (unser Resümee) verneint das der Historiker Volker Weiß heute in der SZ. Zwar trägt die Trump-Herrschaft faschistische Züge, doch die MAGA-Bewegung unterscheide sich allein schon durch ihre Staatsferne enorm vom historischen Faschismus: "Dieses typisch amerikanische Element wirkt bis an die Spitze der Regierung. Trump würde selbst hoheitliche Ordnungsaufgaben am liebsten privatisieren, das unterscheidet ihn von einem zentralistischen Etatismus europäischer Schule. Seine Agenda sieht vielmehr vor, den alten demokratischen Staat, das System von checks and balances, zu zerschlagen und durch privatwirtschaftliche Strukturen zu ersetzen. Das Ergebnis der Kaperung des Staates durch Maga wäre seine Auflösung in einen Unstaat konkurrierender Cliquen und Fraktionen. Im klassischen Faschismus war dieser Trend durchaus auch zu beobachten, allerdings löste hier die Partei den Staat auf, nicht die Privatwirtschaft." Trumps "Auftreten, der groteske Pomp und das soziale Profil seiner Umgebung erinnern dabei eher an Mafiabosse und die Kulissen von Las Vegas als an den Führerkult des modernen Faschismus."

Man sollte den Shah-Sohn Reza Pahlavi als Hoffnungsträger für einen Übergang zur Demokratie im Iran ernst nehmen, fordert die Autorin Sineb el Masrar in der Welt. Sie zieht eine Parallele zu Juan Carlos I., der Spanien nach Franco, zur Überraschung vieler Linker, zur Demokratie verhalf. Reza Pahlavi "könnte einen Übergang moderieren, weil seine Legitimation politisch verhandelbar ist. Islamisten müssten ihre Macht infrage stellen, etwas, was sie strukturell nicht können. Wer diese Asymmetrie ignoriert oder aus Antimonarchismus verwirft, verkennt die politische Realität des Iran. Juan Carlos wurde von einem Diktator erzogen, um das autoritäre System fortzuführen - und entschied sich schließlich anders."
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Gesellschaft

In der taz berichtet Daniel Bax über den Streit um die Einladung der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif an die Düsseldorfer Kunstadakemie (unsere Resümees). Dies war kritisiert worden, weil al-Sharif in Instagramposts das Existenzrecht Israels in Frage gestellt habe. Rektorin Donatella Fioretti hat die Veranstaltung dennoch durchgezogen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um sie möglichst "ruhig" durchführen zu können. "'Für uns sind zwei Dinge entscheidend'", sagt Fioretti zu Bax: "'Erstens: Wir wollen unsere Hochschule als Ort des Dialogs erhalten, weil es zu unserem institutionellen Auftrag gehört, künstlerische Positionen zu zeigen, die komplex sind und Widerspruch und Kritik auslösen können. Wir müssen die Positionen nicht teilen.' Eine Kunstakademie sei ein Ort der Auseinandersetzung. 'Zweitens: Wir verstehen unsere Hochschule als Ort des komplexen Denkens. Wir diskutieren über die Arbeit einer Künstlerin nicht anhand von Instagram-Posts, sondern indem wir uns ihre Werke anschauen.' Das habe man auch in diesem Fall getan." Nächstes mal dann ein israelischer Künstler?

Das Internet wird derzeit von KI-generierten Holocaustbildern überflutet, berichtet Vanessa Fatho in der FAZ. Dabei werden oft entweder die Verbrechen der Nazis verharmlost oder die Situation der aufgehübschten Opfer romantisiert, um mit starker Emotionalisierung viele Klicks zu erzeugen. Die größte Gefahr dabei ist, "dass die Authentizität echter Holocaustaufnahmen angezweifelt wird", erklärt Mykola Makhortykh von der Universität Bern Fatho. Zwar müssen nach einer KI-Verordnung der EU "Plattformbetreiber vom 2. August dieses Jahres an alle KI-generierten Texte, Fotos und Videos kenntlich machen. In der Theorie klingt das einfach, in der Realität ist es das nicht. Studien zeigen, dass viele Social-Media-Plattformen nicht alle Inhalte zuverlässig kennzeichnen oder entfernen. Mitunter gingen blockierte Kanäle wieder online. Wie die Aufsichtsbehörden solche Verstöße kontrollieren und sanktionieren, wird sich zeigen."
Archiv: Gesellschaft