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12.02.2026. Die FAZ versucht Noam Chomskys Sympathie für Jeffrey Epstein mit Chomskys Sprachtheorie zu enträtseln. In der Zeit denkt der Philosoph Luca Di Blasi über das Geschäftsmodell der Tech-Konzerne nach, während er ohne Smartwatch spazieren geht. Der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel fragt sich in der taz, warum er auf seine Printartikel kaum noch Reaktionen erhält: Soll er sie als Video-Reels anbieten? Ebenfalls in der taz antwortet der Grünen-Politiker Winfried Nachtwei auf den Brief eines ehemaligen Parteikollegens, der den Grünen "einseitige Militarisierung" vorgeworfen hat und ausgetreten ist.
In der FAZ beschreibt Yelizaveta Landenberger anschaulich die Schrecken des Drohnenkriegs in der Ukraine. Beide Seiten sind etwa gleich stark mit Drohnen ausgerüstet. Einen Unterschied gebe es jedoch, wil "die russische Armee mit Drohnen Jagd auf Zivilisten macht. Dabei dokumentieren die Drohnenvideos, die oftmals von dem russischen Militär nahestehenden, propagandistischen Telegramkanälen veröffentlicht werden - sei es aus Prahlerei über die Stärke der russischen Armee oder um die Ukrainerinnen weiter einzuschüchtern -, die mutmaßlichen Kriegsverbrechen. Durch keine andere Waffe werden so viele Zivilisten in frontnahen Gebieten der Ukraine getötet oder verletzt wie durch Kurzstreckendrohnen. ... Dass es sich um versehentliche Angriffe handelt, ist schon allein dadurch ausgeschlossen, dass der Drohnenpilot über das Livevideo genau sieht, was er ansteuert - und das sind allzu oft nicht militärische Ziele, sondern freiwillige Helfer, Rettungswagen, Journalisten oder auch Linienbusse, Marktstände oder Spaziergänger, die ihre Hunde Gassi führen."
Der Psychiater Tom Bschor hat nach über 25 Jahren seine Mitgliedschaft bei den Grünen gekündigt, weil er ihre Ukrainepolitik nicht mittragen will. In einem in der taz veröffentlichten Brief warf er seiner Partei Ende Januar vor, nicht genug diplomatische Anstrengungen zur Beendigung des Krieges zu machen und auf eine einseitige Militarisierung zu setzen. Ebenfalls in der tazantwortet ihm heute sein Parteikollege Winfried Nachtwei und erinnert Bschor daran, dass Russland einen Angriffskrieg führt und trotz aller diplomatischen Bemühungen bislang nicht zu ernsthaften Friedensverhandlungen bereit war: "Dem terrorisierten Land konsequent zivile und militärische Überlebenshilfe zu leisten und zugleich eine eigene Verteidigungsfähigkeit für eine wirksame Friedenssicherung auch durch glaubwürdige Abschreckung wiederherzustellen, ist ein Gebot gemeinsamer europäischer Sicherheit und demokratischer Wehrhaftigkeit. Hier Grünen, Union, Teilen der SPD eine 'auf militärische Eskalation setzende Ukraine-Politik' und eine 'einseitige Militarisierung' vorzuwerfen, verdreht die Rollen von Angreifern und Unterstützern der Überfallenen."
Warum ließ sich auch jemand wie Noam Chomsky, ein kapitalismuskritischer Linguist, der viel von Moral sprach, auf Jeffrey Epstein ein? In der FAZ versucht Christian Geyer sich das aus Chomskys Sprachtheorie zu erklären: "2019 bat Epstein Chomsky um Rat, wie auf den öffentlichen Druck über ein Jahrzehnt nach seiner Verurteilung und Strafabbüßung zu reagieren sei. Chomsky riet, gar nicht erst in Kommunikation mit den Vorhaltungen zu treten, die mediale Kritik zu ignorieren, vorderhand um die Angriffsfläche nicht zu vergrößern, womöglich aber auch aus tieferliegenden Gründen eines opaken Sprachverständnisses, wie es aus Chomskys Beschwörung des 'Geheimnis'-Charakters von Sprache spricht, die zuallerletzt ein Mittel der Kommunikation sei... Wenn Sprache sowieso nicht so recht zur Kommunikation taugt, kann ich ihre Wortgestalten auch ignorieren. Das gelte, so schrieb Chomsky 2019 in der zitierten Beratung Epsteins, 'insbesondere jetzt, wo eine Hysterie um den Missbrauch von Frauen entstanden ist, die so weit gegangen ist, dass schon das Infragestellen einer Anschuldigung ein Verbrechen ist, das schlimmer ist als Mord'." Für Geyer nutzt Chomsky so zum Wohle Epsteins "den Lückencharakter von Sprache, um eine mysteriöse Realität aufzuspannen, in der die Missbrauchten ein weiteres Mal Opfer werden".
Epstein, Weinstein oder P. Diddy sind Symptom für den Backlash, den der Feminismus in den letzten Jahrzehnten erlitten hat, meint Andrea Böhm in der Zeit. "Feministinnen werden heute gern und erfolgreich als hysterisch denunziert, Politikerinnen zum Ziel sexistischer Shitstorms. Rechte Influencer propagieren Vergewaltigung als männliches Vorrecht, ein Politiker wie Donald Trump gewinnt mit offener Frauenverachtung Wahlen, und ein Machthaber wie Wladimir Putin präsentiert toxische Männlichkeit als geostrategische Tugend." Was tun? Viel Hoffnungen macht sich Böhm nicht, "aber es wäre ja schon hilfreich, wenn auch mehr Männer den Feminismus öffentlich als das bezeichneten, was er ist: eine Menschenrechtsbewegung. Wenn mehr Männer - Parteiführer, Künstler, Sportstars - öffentlich erklärten, dass Frauenhass in ihrer Gesellschaft keinen Platz haben darf."
"Ich streite nicht darüber, ob die Palästinenser leiden, denn das tun sie", erklärt im Interview mit der Zeit der deutsch-iranisch-israelische ehemalige Sprecher der israelischen Armee Arye Sharuz Shalicar: "Ich beklage auch in meinem Kriegstagebuch, wie etwa im ersten Kriegswinter der eisige Wind durch die notdürftigen Zelte der Ausgebombten wehte - und so ist es jetzt wieder." Doch wessen Schuld ist das? Nachdem Israel sich 2005 komplett aus Gaza zurückgezogen hatte, wurde die Hamas gewählt "und konnte in fast zwanzig Jahren Herrschaft den Landstrich untertunneln. Unsere Armee hat dort in fast jedem Krankenhaus, jeder Schule, jeder Moschee Waffen gefunden. Terrorstützpunkte, Tunnelschächte, Raketenabschussrampen. Das war militärisch eine Riesenherausforderung. ... bezeichnenderweise kritisiert man uns in der arabisch-muslimischen Welt weniger als im Westen, wenn Sie von Terrorunterstützern wie der Türkei oder Katar absehen. In Nahost weiß man, was bewaffneter Dschihadismus bedeutet."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die israelische Regierung hat für die Militäroperation im Gaza-Streifen den Namen "Milhemet ha-Tkuma" festgelegt, was mit "Krieg der Erlösung" oder "Wiederauferstehung" übersetzt werden kann, erklärt der JournalistJoseph Croitoru auf Zeit Online. Unter den Tisch gekehrt wird dabei Netanjahus Verantwortung für das Sicherheitsversagen am 7. Oktober. Kurz darauf meldeten sich auch die Islamisten der Hamas mit einer Stellungnahme zu Wort, die erstaunliche Parallelen aufweist. "Kaum zufällig ist das hier verwendete arabische Wort für 'Wiederauferstehung' (inbi'ath) das gleiche, mit dem in den arabischsprachigen Medien und denen der Hamas der hebräische Begriff 'Tkuma' übersetzt wird. (...) Die vielen Huldigungen der Hamas an das Durchhaltevermögen, Leid und Opfer der Palästinenser", wovon in der Stellungnahme zu lesen ist, "können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie erneut der Frage ihrer Verantwortung für die Gräuel des 7. Oktober und dessen Folgen für die Bevölkerung des Gazastreifens aus dem Weg geht."
Die alten Männer dieser Welt, die ihre Staaten mit fester Hand führen, versuchen durch ihren stumpfen Aktionismus nur ihre eigene Verletzbarkeit zu überdecken, schreibt Arno Widmann in der FR. "Xi Jinping - er wird im Juni 73 Jahre alt - entmachtet gerade die mächtigsten Militärs. Wladimir Putin, 73, schlägt Trump, 79, einen Deal vor, um die Ukraine stillzustellen. Die Herren haben es alle eilig. Sie sind zu alt für Geduld. Sie spüren das jeden Tag: beim Aufstehen, beim stundenlangen Herumsitzen, hundert Schritte und sie suchen nach einer Sitzgelegenheit. Das Zuhören ertragen sie schon rein physisch kaum noch. Jede Treppe ein Himalaya. Ihre Ohnmacht gegenüber dem eigenen Verfall macht sie nicht bescheiden, sondern wütend. Sie rasten aus. Woher ich das weiß? Im August werde ich 80."
Die Sowjetunion nutzte sogenannte Hongifallen - meist loyale Männer und Frauen -, um Personen außerhalb der Sowjetunion als KGB-Agenten anzuwerben, erinnert Ulrich M. Schmid in der NZZ. Wladimir Putin, alter KGB-Agent durch und durch, hat diese Strategie übernommen. "Der FSB übernahm nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Praktiken des KGB. 'Honigfallen' werden unter Putin vermehrt zur Diskreditierung von Oppositionellen und zur Sammlung von 'Kompromat' eingesetzt. So verwickelte der FSB Nawalnys Chefjuristin Ljubow Sobol oder die Tochter des 2015 ermordeten Boris Nemzow, Schanna Nemzowa, in erotische Affären. Laut einigen Medienberichten soll Jeffrey Epstein eine Rolle beim Sammeln von 'Kompromat' gespielt haben. Epstein war in der russischen Wirtschafts- und Staatselite bestens vernetzt. Die Kontakte habe ihm Robert Maxwell eröffnet, der Vater seiner langjährigen Partnerin und Komplizin Ghislaine Maxwell, die seit 2020 wegen Sexhandels mit Minderjährigen eine zwanzigjährige Haftstrafe absitzt."
In der tazfragt sich der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel, warum er auf seine Artikel kaum noch Reaktionen erhält. Gut, er veröffentlicht in der Regel in Printmedien, aber die verbreiten ihre Texte ja auch über social media. Auch er selbst poste dort. Ist Kulturkritik so abseitig geworden? "Ich wende mich an meine Studierenden. In einem Seminar über die 'Dark Maga'-Bewegung lege ich einen Artikel vor, den ich in der Jungle World zum Thema veröffentlicht habe. Er stößt auf freundliches Interesse." Den Artikel hatte Jungle World auch auf Instagram gepostet. Die Studenten erkären ihm, was Jacobin richtig macht: "In der Tat herrscht hier ein rigider Wille zur Ordnung mit zwei grafischen Templates. Das Angebot der Jungle World - wie auch der taz - sieht im Vergleich aus wie ein ungejäteter Gemüsegarten. 'To add insult to injury' überschlägt ein Student die Zeit, die man benötigen würde, um meinen Einseiter zusammenzufassen. Das müsste man doch in einer Minute mündlich erklären können, schätzt er, daraus könnte ich ja dann ein Videoreel machen, um Interesse zu wecken."
In den USA wurde TikTok vom Trump-Getreuen Larry Ellison aufgekauft und so angepasst, dass viele Beiträge vermeintlich gedrosselt wurden, die Trump kritisieren oder die Epstein-Akten thematisieren, konstatiert Michael Moorstedt in der SZ. Was genau wurde also am Algorithmus verändert? "Sollte der Plan tatsächlich lauten, aus dem US-Tiktokeine Art persönliche Propagandamaschine der Trump-Regierung zu machen, könnte die Plattform trotzdem mittelfristig in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Mit Plattformen wie Gab, Rumble, Parler, Trumps Hausnetzwerk Truth Social und selbstverständlich Elon Musks Version von Twitter gibt es schon genügend dezidiert rechte Diskursräume im Internet - wie die Erfahrung zeigt, funktionieren sie jedoch nicht. Es mangelt schlichtweg an den Antagonisten. Die Online-Rechte nach 2014 wird quasi ausschließlich von Cybermobbing und Empathiemangel angetrieben. Ohne einen leichten Zugang zu Andersdenkenden, an denen man sich abarbeiten kann, verfällt sie entweder schnell in irrelevanten Spam oder beginnt, sich gegenseitig zu bekämpfen."
In der Zeit denkt der Philosoph Luca Di Blasi über das Geschäftsmodell der Tech-Konzerne nach, das durch KI noch ausbeuterischer wurde: "KI-Extraktivismus ist der kognitive Kulturabbau der Gegenwart. Sehr vieles, was geschrieben, komponiert, entworfen oder geteilt wird, wandert, datengewaschen, in die Fördertürme der Sprachmodelle - ohne Zustimmung, ohne Entlohnung. Die Geschichte menschlicher Kulturproduktion wird zum kostenlosen Input für Maschinen, die aus ihr 'Kreativität' (und Halluzinationen) destillieren. ... Es zeigt, dass unbezahlte kognitive Arbeit längst das grundlegende Geschäftsmodell des Internets bildet", das die Konzerne milliardenfach monetarisieren können, so Di Blasi. Ein glatter Ausstieg aus dem Netz ist eine romantische Illusion, glaubt er. Dennoch sei Widerstand möglich: "Eines sollten wir nicht übersehen: So unmöglich und fragwürdig der vollständige Ausstieg erscheint - noch nie war gleichzeitig Dissidenz so einfach. Schon mit einem simplen Spaziergang ohne Smartphone und Smartwatch entziehen wir uns der digitalen Datenbeschaffung. Ebenso mit dem Lesen eines gedruckten Buches."
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