Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.04.2026. Die sich längst abzeichnende Katastrophe der Berliner Kulturpolitik ist nun ein- und die Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson zurückgetreten - FAZ und Tagesspiegel resümieren das Trauerspiel. Auf Twitter findet Reza Pahlavi eine deutliche Antwort auf das schändliche Verhalten deutscher Journalisten. Der Tagesspiegel fragt, warum die Schöpflin-Stiftung ihre Aufgabe darin sieht, scharf israelfeindliche Veranstaltungen in Berlin zu finanzieren. Die NZZ erklärt, warum der intensive Katholizismus des Vincent Bolloré den Rechtspopulismus in Frankreich noch gefährlicher macht.
Der iranische Oppositionsführer Reza Pahlavi, dessen Name im Januar von Hunderttausenden protestierenden Iranern gerufen worden war, hatte vorgestern Berlin besucht. Er wurde mit Tomatensauce beworfen. Kein Regierungsvertreter hat ihn empfangen - nur Armin Laschet lud ihn zum Gespräch ein. Die taz hat ihn verhöhnt, und der "Haltungsjournalist" Tilo Jung wusste ihn nur zu fragen, ob er ein Agent Israels sei (unser Resümee). Viele Medien ignorierten ihn völlig. Auf Twitter weiß er mit Würde zu antworten, aber er er findet auch deutliche Worte für das schändliche Verhalten der deutschen Journalisten.
Whether or not Europe stands with us, whether or not your journalists do their jobs, whether or not your politicians demonstrate the courage to act, I will fight for my people and my country. pic.twitter.com/bbE5842oiT
Für die Welt hat Helge Fuhst mit Pahlavi gesprochen, er sagt, warum er die Angriffe der USA und Israels gutheißt: "Viele Menschen im Iran haben die Angriffe begrüßt, weil sie gezielt Einrichtungen des Regimes treffen etwa die Basidsch-Milizen, die auf Demonstranten geschossen haben. Es geht darum, den Druck auf die Repressionsorgane zu erhöhen, damit die Menschen wieder auf die Straße gehen können. Europa muss nicht militärisch eingreifen, kann aber an anderer Stelle deutlich mehr tun. Es hat ewig gedauert, bis die Europäer die Revolutionsgarden auf ihre Terrorliste gesetzt haben. Heute haben die Garden de facto den Staat übernommen, und darum sollten die Europäer stets bedenken, dass sie mit einer Terrororganisation verhandeln, wenn sie mit der Iranischen Regierung sprechen. "
Immerhin hat sich auch Maybrit Illner für ihre Talkshow ein paar Minuten mit Pahlavi unterhalten, schreibt Bernhard Heckler in der SZ, der Pahlavi selbst als "eine spannende, halb Hoffnung spendende, halb sinistre Konsensfigur" beschreibt. Aber "Pahlavi war ohnehin nur so was wie der Untertitel der Sendung, die überschrieben ist mit: 'Welt im Öl-Schock: Unterschätzt die Regierung die Krise?'"
Mit Staunen blickt Ronya Othmann in der FAS auf Social-Media-Videos des iranischen Regimes, das eine Frauenparade zeigte. Einerseits dominierte das Schwarz der unkleidsamen Tschadors. Aber es wurde mit anderen Botschaften inPink kombiniert, wie um eine Anleihe an der westlichen Popkultur zu machen und die Attraktivität des iranischen Modells zu unterstreichen, eine "Pinkifizierung der Parade": "Doch harmlos wirkt dieses Pink nicht. Im Gegenteil, es hat etwas Verstörendes, Monströses, diese Girliefication der Mordwaffe. Gerade weil hier größtmögliche Gegensätze aufeinanderprallen, die fanatischen, islamistischen Regimeanhängerinnen, die Drohung, die Machtgeste und das Pink aus den Kleinmädchenzimmern und der westlichen Popkultur." Ebenfalls in der FAS beklagt die bekannte Fenrsehmoderatorin Natalie Amiri die Auswirkungen der amerikanischen und israelischen Angriffe auf die Zivilbevölkerung.
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Johanna Adorjan porträtiert in der SZ den palästinensischen Friedensaktivisten Hamza Abu Howidy, einen der wenigern Palästinenser, der sich noch im Gazastreifen deutlich gegen die Hamas aussprach und jetzt seine Geschichte in einem Buch erzählt. "Seit zwei Jahren lebt er in Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, weil er in Griechenland bereits Asyl bekam, er ist hier momentan nur 'geduldet'. Weil er in dem Flüchtlingsheim, in dem er zuletzt untergebracht war, von einem pakistanischen Mitbewohner bedroht wurde, wohnt er jetzt bei der Mutter eines Bekannten in Braunschweig. Als palästinensischer Friedensaktivist steht er zwischen den Fronten. Von der einen Seite wird er umarmt und zu Interviews und Vorträgen geladen - endlich: ein Palästinenser, der sich gegen die Hamas ausspricht! Der anderen Seite gilt er als israelfreundlicher Verräter, er hat Morddrohungen erhalten. 'Manchmal fühle ich mich wie der einsamste Palästinenser auf der Welt', schreibt er in seinem Buch."
Böhmen und Mähren waren mit ihrer deutschen, eigentlich von der Sozialdemokratie geprägten Bevölkerung einer der Entstehungsorte des Nationaloszialismus, erzählt der tschechische Historiker Jan Vondráček in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ. In Prag versuchten überdies tschechische Faschisten zu putschen. Aber die Tschechoslowakei wusste 1933 noch zu reagieren. "Vor diesem Hintergrund verschärfte der Staat sein Vorgehen gegen extremistische Bewegungen. Gerichte behandelten den Ruf 'Heil Hitler' als Angriff auf die republikanische Verfassungsordnung. Ein Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs bezeichnete ihn 1933 als öffentliches Bekenntnis zu einer Bewegung, deren Programm die Vereinigung aller Deutschen in einem Reich vorsah und damit die territoriale Integrität der Tschechoslowakei bedrohte. Gleichzeitig verwiesen die Richter auf das Führerprinzip des Nationalsozialismus, das mit der parlamentarischen und republikanischen Ordnung unvereinbar sei. Der Ausruf 'Heil Hitler' galt damit als politischer Akt, der sowohl die staatliche Integrität als auch die demokratische Verfassungsordnung der Republik angriff." Später wurde die tschechoslwakische Demokratie, so wie es bis heute üblich ist, von anderen Demokratien im Namen der Realpolitik geopfert.
In einem taz-Essay zu vierzig Jahre Tschernobyl entwickelt Christian Jakob ein naives Weltbild: Während die Rechte Angst heute für ihre Zerstörungslust einsetzten, hätten Linke sie nach der Havarie fruchtbar gemacht: "In der Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre waren Wissenschaftsskepsis, Verschwörungsglaube und Irrationalismus durchaus verbreitet, etwa bei der Gentechnik und Esoterik. Letztlich wandte sich die ökologische Linke aber der Naturwissenschaft zu, um sie aufklärerisch zu nutzen. In den heutigen Alternativmedien gelten Klimawissenschaftler als gefährliche Sekte, deren Einfluss zurückgedrängt gehört. Wissenschaftliche Ratio wird als Feind des gesunden Volksempfindens gesehen, sofern sie nicht zufällig zur eigenen Agenda passt: 'Lasst euch von den Eierköppen nichts erzählen!'" In mehreren Essays und Texten zu Tschernobyl (das heute übrigens als "Tschornobyl" firmiert) feiert die taz heute ihre Herkunft aus der Alternativbewegung.
Tschernobyl sorgte auch für Risse im System der DDR, erinnert der Greenpeace-Funktionär Tobias Münchmeyer in der FAS: "Für viele Menschen in der DDR, die von Tschernobyl aus dem Westfernsehen erfuhren, war dies der Moment, in dem sie nicht nur ahnten, sondern bewiesen bekamen, dass der Staat sogar bei existenziellen Gefahren nicht die Wahrheit sagte. Mitglieder der Umwelt- und Friedensbewegung in der DDR verteilten Rundbriefe und verfassten Aufrufe an die Volkskammer. Aufmerksamkeit erregte der Appell 'Tschernobyl wirkt überall' an den DDR-Ministerrat, der die verharmlosende Informationspolitik der Regierung scharf kritisierte und 141 Unterschriften aus der Umwelt-Szene trug." In der SZ erinnert Willi Winkler an die Reaktion der Deutschen auf die Katastrophe.
Der konservative Politologe Andreas Püttmann hat in einem Essay vor zehn Jahren beschrieben, wie gemäßigt Rechte nach ganz rechts rücken. Bei starke-Meinungen.de wurde sein Text vor drei Wochen wiederveröffentlicht. In der taz spricht Christian Jakob mit ihm, der für die Dynamik der AfD offenbar allein die Rechte verantwortlich macht. Zur Frage, ob die Begriffe "links" und "rechts" überhaupt noch funktionieren, sagt er: "Links und rechts sind zwar durchaus noch relevante politische Kategorien, aber die heute entscheidende Kluft verläuft zwischen den Verteidigern der liberalen Demokratie und den autoritär Gestimmten unterschiedlicher Provenienz. Wer in der Union nicht kapiert hat, dass der 'Hauptgegner' die rechten Extremisten sind, und stattdessen fast ausschließlich auf demokratischen 'Linksgrünen' herumhackt, der ist aus der Zeit gefallen und läuft geradewegs in die Papen-Falle."
Die Schöpflin-Stiftung ist allgegenwärtig und fördert in Deutschland zahlreiche Projekte der "Zivilgesellschaft", manche davon als eigene Stiftung. Eines davon ist die "Spore Initiative" in Berlin (Website), wo es hauptsächlich um Naturschutz und Klima geht, wo aber auch in der Gesprächsreihe "Zeit zu reden", moderiert von der Fernsehexpertin Kristin Helberg, krass antiisraelische Positionen bezogen werden. Titel einer der Veranstaltungen war etwa "Das Recht auf Widerstand unter Terrorverdacht". Sebastian Leber berichtet im Tagesspiegel: "Gegründet wurde die Spore Initiative 2020 als Stiftung. Ihr Geldgeber ist der Unternehmer Hans Schöpflin, Erbe der Versandhausfamilie Schöpflin, die ihr Unternehmen an den Konkurrenten Quelle verkaufte. Schöpflin vermehrte sein Vermögen ab den 1980er Jahren als Risikokapitalgeber in den USA und ist heute Mäzen mehrerer Stiftungen. Seine Tochter Lisl Schöpflin und er sitzen im Stiftungsbeirat der Spore Initiative. Inwiefern sind die Sympathiebekundungen für Terrorgruppen, die wiederholte Dämonisierung Israels sowie die Verleugnung des Existenzrechts des jüdischen Staates mit den offiziellen Zielen der Initiative vereinbar? Der Tagesspiegel hat Hans Schöpflin angeschrieben und gefragt, ob er zu einem Interview bereit sei. Er ging nicht darauf ein."
Dass der Eklat um den Verlag Grasset (unsere Resümees) keine Petitesse aus der Pariser Verlagsszene ist, macht Daniel Steinvorth in der NZZ klar: "Vincent Bolloré ist Frankreichs mächtigster Medienmanager. Er hat eine Vielzahl von Sendern, Zeitungen und Verlagen unter seiner Kontrolle. Dazu zählen der Verlagsriese Hachette, dem auch Grasset gehört, CNews, der meistgesehene Fernsehsender des Landes, der Radiosender Europe 1 oder das einflussreiche Journal du Dimanche." Selten wird der religiöse Aspekt am Rechtspopulismus wahrgenommen, umso verdienstvoller, dass Steinvorth auch diesen beleuchtet. Unter Bezug auf die katholische Zeitung La Croix erzählt er, wie sich um Bolloré seit Jahren ein katholischer Mikrokosmos gebildet hat. "In dessen Zentrum stehe ein traditionalistischer Priester, Abbé Gabriel Grimaud, der als geistlicher Berater wirke, religiöse Aktivitäten organisiere und im Hintergrund an den spirituellen Programmen im Bolloré-Netzwerk mitarbeite. So soll Grimaud etwa die Sendung 'Dieu merci!' auf Direct 8 geprägt haben, in der bewusst Themen aufgegriffen wurden, über die in der Amtskirche kaum noch gesprochen werde - Engel, Sünde, Hölle und Teufel." Der Katholizismus soll gleichzeitig auch als Schmiermittel für eine Annäherung der bürgerlichen und der extremen Rechten fungieren, so Steinvorth.
"Damit ist die schon längst sich abzeichnende Katastrophe der Berliner Kulturpolitik für alle Augen sichtbar", ächzt Andreas Kilb in der FAZ zum Rücktritt der Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. Sie habe versagt, indem sie sich von den Berliner CDU-Politikern Dirk Stettner und Christian Goiny bei der krummen Finanzierung von Projekten gegen Antisemitismus habe treiben lassen: "Wedl-Wilson, die erst Ende Mai vor dem Untersuchungsausschuss aussagen wird, hatte in Wahrheit keine andere Wahl. Der am Donnerstag veröffentliche Prüfbericht des Landesrechnungshofs bescheinigt ihr ein so umfassendes Amtsversagen, dass ihre Demission unvermeidlich war. So hat ihre Behörde nicht nur gegen das Verfassungsgebot der Chancengleichheit verstoßen, indem sie nur die von Stettner und Goiny empfohlenen Projekte annahm. Sie hat auch im Verfahren selbst gegen elementare Verwaltungsprinzipien verstoßen, indem sie die Anträge weder formal noch inhaltlich ausreichend prüfte."
Im Tagesspiegelliefert Anna Thewalt eine Chronologie der Ereignisse, die zum Rücktritt Sarah Wedl-Wilsons führten. Auch hier erscheinen Goiny und Stettner als die treibenden Kräfte. Der Tagesspiegel hatte Anfang März aus Chat-Nachrichten der beiden zitiert, die ihm offenbar aus der Kulturverwaltung zugespielt worden waren: "Mit zunehmendem Zeitverlauf nimmt auch die Schärfe im Ton zu. Kurze Zeit später attestiert ein Bericht der Antikorruptionsbeauftragten der Kulturverwaltung in einer Untersuchung zur Bewilligung von Fördergeldern für Projekte gegen Antisemitismus ihrer Verwaltung ein 'erhebliches Risiko für Korruption und Misswirtschaft'."
Wer will in dieser failed city jetzt noch Kultursenator werden?
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