9punkt - Die Debattenrundschau

Canal Bolloré

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2026. In Frankreich geschieht etwas Unheimliches: eine Machtübernahme der extremen Rechten in der Kulturindustrie - wir zitieren Le Monde, die SZ und andere. Was ist, wenn das Mullah-Regime schon ganz schön zerpflückt ist, und keiner will es wahrhaben, fragt Bernard-Henri Lévy in Le PointSwetlana Alexijewitsch sieht Belarus und Russland im NZZ-Interview auf dem Weg in den Faschismus: " Das ist nicht nur Putins Wille. Das ist tief in den Völkern drin." Die FAZ fragt: Ist Faschismus der angemessene Begriff für die jüngsten Entwicklungen? In der NZZ verzweifelt Alice Schwarzer über die Tech-Bros, die eine Welt ohne Frauen schaffen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2026 finden Sie hier

Politik

Bernard-Henri Lévy beobachtet in der westlichen Öffentlichkeit "eine seltsame Sehnsucht nach Niederlage". In seiner Kolumne für Le Point schreibt er: "Diese krankhafte Faszination für die Vorstellung eines gedemütigten Amerika hat leider weder mit Trump noch mit jenem guten und gesunden Anti-Trumpismus viel zu tun, den ich selbst hier jede Woche praktiziere... Denn erinnern wir uns: Die gleiche Schadenfreude herrschte, als Bush im Irak feststeckte. Die gleiche boshafte Freude begrüßte Obamas Rückzieher, als er darauf verzichtete, Syrien anzugreifen, und vor Assad kapitulierte." Seltsam auch der vielfach geäußerte Glaube, dass das iranische Regime gestärkt sei: "Was sehen wir? Eine enthauptete iranische Führung. Zerbrochene und teilweise zerschlagene Entscheidungsstrukturen... Und ein Regime, das noch vor wenigen Monaten träumte, Herrscher über ein Reich von Beirut bis Sanaa zu sein, und das sich nun isoliert, geschwächt und geschrumpft wiederfindet und, um ein wenig zu überleben, die Region in die selbstmörderische Logik seines bevorstehenden Untergangs hineinziehen will. Wenn die Vereinigten Staaten den Krieg heute beendeten, hätten sie bereits einen Großteil ihrer Ziele erreicht."
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Gesellschaft

Eine äußerst düstere Lagebschreibung für die Juden in der ganzen Welt liefert Michael Wolffsohn auf Twitter: "In Deutschland, Frankreich, im freien Westen allgemein und in vielen anderen Ländern besteht auch bei der politischen Führung nicht die geringste Absicht, die jüdischen Mitbürger zu schützen. Selbst in den USA, wo es immer eine starke jüdische Diaspora gab. Die Partei der Demokraten hat sich in eine linksradikale Richtung entwickelt... Selbst die MAGA-Bewegung von Donald Trump ist seit einigen Monaten gespalten in einen projüdischen und einen antijüdisch-antiisraelischen Flügel. Deshalb rechne ich für das weltweite Diaspora-Judentum langfristig nicht mit einer Zukunft. Israel selbst bietet Sicherheit nach außen. Ich befürchte aber, dass das Land implodieren wird aufgrund der massiven innenpolitischen Gegensätze vor allem zwischen orthodoxen und ultraorthodoxen Juden auf der einen Seite und säkularen, weltlichen Juden auf der anderen Seite." Diese Passage ist Wolffsohns Resümee eines Gesprächs, das Constantin Schreiber auf Youtube mit ihm geführt hat.
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Stichwörter: Wolffsohn, Michael

Kulturmarkt

In einem großen Artikel für Le Monde resümiert Nicolas Truong den Stand der Affäre um das Verlagshaus Grasset. Der erzreaktionäre Tycoon Vincent Bolloré hat es tatsächlich geschafft, einen Großteil des Medien- und Verlagswesens an sich zu reißen, und das in Frankreich, wo der Markt ohnehin viel konzentrierter ist als in Deutschland. Wenige unabhängige Verlage verbleiben, konstatiert Truong, der auch mit der Verlagskennerin und Philosophin Laëtitia Riss gesprochen hat. Und "viele historische Verlage haben Schwierigkeiten, Käufer zu finden. Die 1938 gegründeten Editions Corti, in deren Programm insbesondere die großen Werke des Romanciers Julien Gracq und des Philosophen Gaston Bachelard zu finden sind, 'wurde von zwei Generationen von Autoren und Verlegern übernommen, um die Kontinuität in Ermangelung einer familiären Nachfolge zu ermöglichen', freut sich die Philosophin, die in diesem Beispiel ein Vorbild sieht."

Ganz anders als in Deutschland hat die populistische bis extreme Rechte in Frankreich durch Bolloré eine furchterregende Durchschlagskraft erhalten, konstatiert auch Laurent Joffrin in librejournal.fr. Bolloré gehört zum Beispiel auch Canal Plus, einst ein sehr renommierter Kabel- und Privatsender und Kofinanzier sehr vieler französischer Filme. "Auf den Spuren seines Besitzers kündigt der Chef von Canal Plus, Maxime Saada, an, dass er die von 600 Filmschaffenden gestartete Petition gegen den Einfluss der Bolloré-Gruppe als schwarze Liste nutzen werde. Es komme nicht mehr in Frage, mit diesen unverschämten Leuten zusammenzuarbeiten, die die Frechheit besitzen, den Kreuzzug des großen Zampanos zu kritisieren, obwohl sie von seiner Großzügigkeit profitieren. Das ist der intellektuelle Terrorismus von Canal Bolloré..."

"Was das bei der Wucht von Canal Plus für das französische Kino heißt, lässt sich noch gar nicht abschätzen", schreibt Oliver Meiler in der SZ. Die Unterzeichner hatten Bollorés "Expansionsstrategie" als "katholisch und rechtsextrem" kritisiert. "Und nun? Für die Petitionäre ist Bollorés 'frontale' Reaktion nur ein weiterer Beleg dafür, wie er mit denen umgehe, die ihn kritisierten, die politisch anders denken würden als er." Weitere Hintergründe im Standard.

In der in Libération veröffentlichten Petition der Filmleute heißt es: "Die Abwicklung des (für Filmförderung zuständigen, d.Red.) Centre national du cinéma und des öffentlichen Rundfunks ist Teil des Programms des Rassemblement national. Wollen wir das Risiko eingehen, dass morgen nur noch Propagandafilme im Dienste einer Ideologie finanziert werden? Der Kulturkampf, von dem überall die Rede ist, bezeichnet nicht bloß eine Auseinandersetzung zwischen Ideen. Wenn wir das französische Kino in die Hände eines rechtsextremen Chefs geben, riskieren wir nicht nur eine Vereinheitlichung der Filme, sondern auch eine faschistische Kontrolle über das kollektive Bewusstsein."

Es gibt ein Pendant zu Bolloré auf der Linken, den Geschäftsmann Matthieu Pigasse. Ihn portätieren  Thierry Keller und Jérémy Chicheportiche in der Zeitschrift Franc Tireur. Pigasse möchte die französische Linke um Jean-Luc Mélenchon an die Macht bringen. Sein Imperium ist längst nicht so groß wie das seines Widersachers. Mit Les Inrockuptibles und Radio Nova besitzt er aber Medien, die von der Jugend konsumiert werden: "Seit er davon träumt, den Elysée-Palast für die Linke zu erobern, setzt der Bankier voll und ganz auf die 'Free Palestine'-Karte, selbst wenn er dafür alle Comedians rekrutieren muss, die in Sachen Antisemitismus höchst fragwürdig sind, um die Einschaltquoten von Radio Nova anzukurbeln. Er verkündet stolz, dass der Sender dadurch innerhalb eines Jahres 900.000 Hörer gewonnen hat, aber ist das wirklich so beruhigend für den Zustand der Jugend und des Landes? Das kümmert ihn nicht. Er will gewinnen: Hörer, Geld und die Präsidentschaftswahlen."
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Europa

Die Belarussen haben nie Demokratie gelernt, dazu hätten sie auch nie die Möglichkeit gehabt, erklärt die belarussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch im NZZ-Interview mit Ivo Mijnssen. "Für eine Demokratie braucht es freie Menschen. Aber was, wenn ein Mensch sein ganzes Leben im Gefängnis sitzt? Und dann lassen sie ihn frei. Er kommt aus dem Gefängnistor. Ist er dann ein freier Mann? Weiss er, was Freiheit ist? Natürlich nicht. Er lebt weiter so, wie er im Gefängnis gelebt hat. Veränderung ist ein langer Prozess. Die Leute blieben abhängig. (...) Wenn es einen Anführer wie Vaclav Havel gegeben hätte, dann wäre es vielleicht anders gekommen. Aber es gibt keinen Havel. Die Völker sind voneinander isoliert. Die Vereinzelung, die Leere: Das war das, wovor man sich fürchtete, als das Imperium auseinanderfiel. Zunächst wurden alle religiös, um ihre Einsamkeit zu überwinden. Und jetzt sind wir auf dem Weg in den Faschismus. Er dringt immer mehr in unser Leben ein. Das ist nicht nur Putins Wille. Das ist tief in den Völkern drin."

Es gibt eine Entsprechung zu Drohnen am Boden, die immer häufiger eingesetzt werden, sogenannte "unmanned ground vehicles" (UGV), berichtet Othmara Glas in der FAZ, wo die Veränderung des Krieges durch neue Technologien intensiv beobachtet und beschreiben werden. Diese Bodenfahrzeuge haben laut Wolodimir Selenski bereits zehntausend Operationen durchgeführt: Zur Zeit "harren die Soldaten auf beiden Seiten monatelang in ihren Positionen aus. Sie erzielen kaum Geländegewinne. Die Roboter verschaffen den Ukrainern nun einen großen Vorteil: Sie können damit risikoarm in der sogenannten Todeszone operieren. Dieser 15 bis 20 Kilometer breite Frontabschnitt wird so intensiv mit Drohnen überwacht, dass Truppenbewegungen fast unmöglich sind, da die Soldaten sofort angegriffen werden würden." Und diese Drohnen sind "nicht nur gepanzert, sondern können auch Drohnen in der Luft erkennen und mit einem Netz abfangen".
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Ideen

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Die Tech-Bros arbeiten auf eine "Männerwelt" hin, in der sie Frauen nicht mehr brauchen, warnt Alice Schwarzer im NZZ-Interview mit Hanna Henkel. "Ich beobachte mit Bedrückung, was ich über die wesentlichen Akteure lese. Das ist eine frauenlose Welt, die brauchen die Frauen nicht, noch nicht einmal mehr zum Kinderkriegen. Es gibt eine Tendenz der Männer, in dieser Welt unter sich zu bleiben. Ich beobachte das auch bei der modernen männlichen Homosexualität. Die Jungs sind vergnügt, die amüsieren sich. Niemand hängt ihnen am Hals. Sie haben dieselben Hobbys und so weiter. Es ist einfach lustiger mit Männern. Die schaffen die Frauen ab. (...) Schiefgelaufen ist ja, dass es eben immer noch dieses ungleiche Machtverhältnis der Geschlechter gibt. Und die Jungs haben losgelegt, in einem Moment, wo die Frauen noch gar nicht begriffen hatten. Das ist zum Verzweifeln. Um den Grad an Wissen zu erreichen, den manche dieser Männer erreicht haben, muss man natürlich eine echte Leidenschaft dafür haben. Die Leidenschaft der Frauen aber gilt der Liebe und der Familie."

Jan Philipp Reemtsma hatte neulich vom Gebrauch des Faschismusbegriffs abgeraten, der mehr eine melodramatische Pose bedeute als dass er die Realität analysiert (unser Resümee). Darauf haben in Zeit online (vom Perlentaucher leider übersehen) Rahel Jaeggi und Robin Celikates die Gegenfrage gestellt, ob es nicht doch wichtiger sei "die Lust an der faschistischen oder autoritären Gewalt zu analysieren als die unterstellte 'Lust' am Faschismusvorwurf?" Dies sei ein Einwurf, merkt Tania Martini in der FAZ dazu an, "der den Faschismusbegriff zur moralischen Verpflichtung erhebt und kurioserweise Reemtsmas Beobachtung, dass es vorrangig oft um etwas anderes als die Analyse geht, geradezu bestätigt. Auch bei Jaeggi und Celikates dient der Begriff weniger der Analyse als der Organisation legitimer politischer Affekte." Auch der von Jaeggi und Celikates vorgeschlagene vorsichtigere Begriff der "Faschisierung" überzeugt Martini nicht.
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Kulturpolitik

Mit Sorge beobachtet Andreas Kilb in der FAZ den Umbau der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Die Zuständigkeit geht vom Staatministerium für Kultur ans Innenministerium über. Die Satzung wird so umformuliert, dass der Fokus mehr auf die Vertreibung von Deutschen und weniger auf den Kontext des Zweiten Weltkriegs gesetzt wird. Die Gremien werden umbesetzt, so dass Funktionäre der "Vertriebenen" (die es schließlich gar nicht mehr gibt) die Mehrheit bekommen. In Polen und anderen östlichen Nachbarländern werden diese Akzentuierungen genau beobachtet. "Zugleich wächst mit der zunehmenden Bedrohung durch Russland die strategische Bedeutung von Ländern wie Polen und Tschechien, die ebenso wie Deutschland sowohl Täter als auch Opfer der Vertreibungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Der Prozess der Versöhnung mit ihnen ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Stiftung im Deutschlandhaus könnte dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Durch das neue Gesetz dürfte sie stattdessen zum Hemmschuh werden."

Deutsche Museen hängen in der Regel an Staatsgeldern. Das Frankfurter Städel geht einen anderen Weg. Als eine Gründung der Bürger der Stadt will es durch ein sogenanntes "Endowment", also einen festen Kapitalstock, eigenständig werden. Die Zinsen aus dem Kapital tragen zum Einkommen bei, so Daniel Stähr in der taz: "Der Vorteil solcher Endowments ist offenkundig: Es ermöglicht einen unabhängigen Einkommensstrom. Anders als laufende Spenden, die theoretisch jederzeit eingestellt werden können, sind Zuwendungen zu einem Endowment nur noch unter besonderen Umständen rückgängig zu machen. So kann ein Museum in der Theorie ein Stück Unabhängigkeit nicht nur gegenüber staatlicher Finanzierung, sondern auch den eigenen Gönnern erlangen."
Archiv: Kulturpolitik