9punkt - Die Debattenrundschau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Das süße Leben

08.07.2019. Selbst die treuesten Putin-Anhänger sind Freunde des Westens, beteuert Viktor Jerofejew in der FAZ. Und Boris Johnson ist ein Kumpel  des Oligarchensohns Jewgeni Lebedew, dessen Vater als KGB-Agent sehr reich wurde, erzählt Open Democracy. Dass die Bundesregierung den Jahrestag des Mauerfalls fast vergessen hätte, ist ein Symptom, schreibt Hubertus Knabe in seinem Blog. In der Allgemeinen Zeitung erklärt Necla Kelek, was Feminismus mit dem Klimawandel zu tun hat. In der NZZ erklärt Richard Swartz, was West- und Osteuropa trennt.

Spezielle Rechtsform

06.07.2019. Gynäkologinnen müssen in Schweden studieren, wenn sie lernen wollen, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, erzählt eine Medizinstudentin bei bento. Die Festung Europa züchtet durch ihre immer inhumanere Politik eine ganze Industrie von Kidnapping und Sklaverei an, schreibt Kenan Malik in Expressen: "Und es herrscht fast vollständiges Schweigen darüber." Im Perlentaucher prangert Richard Herzinger den Defätismus der Europäer gegenüber Wladimir Putin an, der den Liberalismus für überholt hält. Die taz fragt: Ist Thüringen demnächst das erste Bundesland ohne Zeitungen?

Einfach mal eine Benin-Bronze einpacken

05.07.2019. In der NZZ beschreibt der Autor Chandrahas Choudhury den Hindunationalismus in Indien als konservative Konterrevolution. Bülent Mümay erzählt in der FAZ, wie sich Tayyip Erdogan gegen die schlimmsten Folgen seiner Wahlniederlagen absichert. In den USA wird weiter über die Frage diskutiert, ob man Lager für illegale Migranten mit KZs vergleichen darf. (Man darf.) SZ und Deutschlandfunk fragen, wie die Öffentlich-Rechtlichen mit der AfD umgehen sollen.

Bandbreite für das Extreme

04.07.2019. Für die Zeit hat die Ostberliner Psychoanalytikerin Annette Simon den ganzen Osten auf die Couch gelegt und herausgefunden, dass der verordnete Antifaschismus der DDR die Bürger bis heute prägt. Die SZ fürchtet eine Balkanisierung des Internets. In der FR bekennt Ken Follett seine Zerknirschung über den Brexit. Libération macht sich Gedanken über Notre Dame und  das 19. Jahrhundert, das die Kirche zugleich rettete und romantisierte. Und Horizont fragt: Sind die Zeitungen der Dumont-Gruppe noch zu verkaufen?

Unklare Verhältnisse

03.07.2019. Die FAZ erklärt, was es heißt, wenn eine offizielle Handreichung für Museen das Osmanische Reich plötzlich nicht mehr als ehemalige Kolonialmacht sieht. Die taz freut sich, dass mit den Fernsehgebühren alles bestens läuft - immerhin musste man 45 Millionen Haushalte überprüfen. Die SZ hat herausgefunden, dass China eine Überwachungssoftware auf die Handys von Touristen speichert: Es wird geraten vor der China-Reise alle Dateien über den Dalai Lama zu löschen! Libération staunt über "La surprise de la cheffe". Und die SZ findet "toxisch" so "toxisch" wie "hysterisch".

Wer hat weder Gesicht noch Stimme?

02.07.2019. Der Tagesspiegel erzählt in einem Dossier, "wem Berlin gehört" und auch warum. Die taz zeigt, wie die katholische Kirche in Kroatien (und ein bisschen auch in Deutschland) die Holocaust-Relativierung fördert.  Die Diskussion um das Jüdische Museum Berlin geht weiter.  Project Syndicate prangert die Gewalt gegen Frauen in Nigeria an, die engstens mit dem patriarchalischen Regime und der Tradition verknüpft ist.

La Capitana

01.07.2019. Emma.de feiert die Kapitänin Carola Rackete, die den Capitano zur Weißglut treibt. Die taz erinnert an den Mord an Marwa El-Sherbini vor zehn Jahren. Der IT-Sicherheitsexperte Michael Steigerwald rät in Zeit online: Smarte Küchengeräte vom Strom trennen, sonst hören sie mit. Die FAS rät von der "Euro Fatwa App" ab.  Der Guardian schildert Matthew Caruana Galizias Kampf für die Aufklärung des Mords an seiner Mutter.

Nirgends ist ein Talent in Sicht

29.06.2019. Wer wundert sich, dass Wladimir Putin den Liberalismus für obsolet erklärt? Putin ist ein Warlord, der Hunderttausende Tote auf dem Gewissen hat, bringt Natalie Nougayrède im Guardian in Erinnerung. Aus zwei Städten kommt Hoffnung: Ma Jian schreibt ebenfalls im Guardian eine Hymne auf die Hunderttausende Hongkonger, die für ihre Freiheiten kämpfen. Und Zafer Senocak feiert in der Welt die Wiederauferstehung Istanbuls.

Inhaltliche Schärfung des Profils

28.06.2019. Die Jüdische Allgemeine veranstaltet ein Pro und Contra zur Frage, ob nach dem Rücktritt Peter Schäfers der Pluralismus im Jüdischen Museum Berlin in Gefahr sei. Nicht der Berliner Senat ist Erfinder des Mietendeckels, sondern Adolf Hitler, schreibt Hubertus Knabe in seinem Blog: Und die DDR führte ihn in die Konsequenz. Wladimir Putin attackiert Angela Merkel in der Financial Times als obsolete Liberale und erweist sich mal wieder als zuverlässiges Sprachrohr der Rechtsextremen.

Die Ortsteile Britz, Rudow, Buckow

27.06.2019. Auch Deutschland hat jetzt seinen Karikaturenstreit: Die Emma-Zeichnerin Franziska Becker soll zum Ärger ihrer Gegnerinnen die Hedwig-Dohm-Urkunde erhalten. Alice Schwarzer fragt auf Emma, was an der Kritik reaktionärer Religionen rassistisch sein soll. Nach dem Geständnis des Rechstextremisten Stephan Ernst herrscht Erleichterung, die SZ will jetzt nur noch die Anschlagsserie von Berlin-Neukölln aufgeklärt sehen. FAZ und SZ erkunden, was von Anonymas Tagebüchern bleibt, die einst mit Schilderung des Berliner Kriegsalltag Furore machte. Und die Berliner Zeitungen melden: Das Schloss wird erst mit dem Flughafen eröffnet.