9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Glorreiche Vergangenheit oder strahlende Zukunft

16.05.2026. Putin steht mit dem Rücken zur Wand - das macht ihn noch gefährlicher für Europa, warnt die Politikwissenschaftlerin Hanna Notte bei Zeit Online. Die Deutschen müssen ihre Idee von Frieden überdenken, fordert der Historiker Eckart Conze in der FAZ. Die ökonomische Lage in Deutschland ist bei Weitem nicht so schlecht, wie oft behauptet wird, erklärt der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff im FR-Gespräch. In der FAZ ärgert sich die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über marode deutsche Universitäten: Wenn der Staat "Orte des Wissens" verfallen lässt, ist das ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. 

So erschreckend eifrig

15.05.2026. Der Antisemitismus der Moderne ist häufig als eine Art umgeleitete Selbstkritik zu lesen, erklärt Armin Nassehi in Zeit online. Michel Foucault hasste staatliche Fürsorge, ist er also überhaupt als links zu lesen, fragt die taz. Der israelische Staat wird die New York Times wegen Verleumdung verklagen, berichtet die Times of Israel. Will die AfD die Eugenik wieder gesellschaftsfähig machen, fragt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog in der SZ.

In den Konflikt gehen

13.05.2026. Im Interview mit der FAZ schmeichelt sich Jordan Bardella vom französischen Rassemblement National an die Regierung Merz und distanziert sich von der AfD. Politico erkennt darin eine größere Strategie: Bardella träumt von einer Achse Rom-Berlin-Paris. In der FR glaubt der Politikwissenschaftler Johannes Varwick an ein Ende des Ukrainekriegs, wenn man Russland mehr nachgibt. In der Zeit warnt der Anwalt Wolfgang Kaleck davor, das Völkerrecht als Utopie abzuschreiben. Die NZZ blickt seit dem Krieg um die Straße von Hormus mit Sorge auf Singapur.

Verantwortung für das Handicap

12.05.2026. Zum ersten Mal soll der "Sudetendeutsche Tag" in Tschechien stattfinden - populistische tschechische Politiker finden das gar nicht gut, Jaroslav Rudiš verteidigt die sudetendeutsche Landsmannschaft in der FAZ. In der NZZ schildert der ehemalige mexikanische Botschafter in Kuba Ricardo Pascoe das Dilemma der Kubaner zwischen Drohungen von Trump und dem Castrismus. Das Existenzrecht von Staaten zu bestreiten, gehört in den  Schutzbereich der Meinungsfreiheit, meint die Völkerrechtlerin Isabel Feichtner in der FR.

Gläserne Hände

11.05.2026. Kläglich fiel Putins Militärparade auf dem Roten Platz zum 9. Mai aus, und das obwohl Wolodimir Selenski sie "aus humanitären Gründen" gestattet hatte, notiert die taz. Die Zeitungen arbeiten die britischen Kommunalwahlen auf - ein Triumph für Populisten und Separatisten. Christopher Clarks Börne-Preisrede liest sich als ein dringendes Plädoyer pro Börne, so FAZ und FR. Die FAZ druckt sie ab. Die taz beleuchtet die China-Liebe der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Und Holger Friedrich kann die Volksverpetzer nicht einschüchtern.

Ein Unheil geht zu Ende, ein anderes Unheil kommt

09.05.2026. In der NZZ macht sich der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour wenig Illusionen, dass im Iran durch den amerikanischen-israelischen Angriff Frieden herrschen wird: Vielleicht folgt ein Islamo-Techno-Autoritarismus, glaubt er. Zeit Online weiß: Zum heutigen 9. Mai wird es in Moskau nur ein "Parädchen" geben, Putin hat zu viel Angst vor einem Attentat. Die FAS bezweifelt, dass die ungarische Justiz Orban und seine Günstlinge zur Rechenschaft ziehen kann. Nicht den exzellenten, nur den mittelmäßigen Journalismus wird KI ersetzen, ermuntert der Medienwissenschaftler Stephan Weichert in der taz.

Nur die schärfsten Kanten

08.05.2026. Deutschland rüstet gewaltig auf. Wird es Europa diesmal guttun, fragt bang Timothy Garton Ash in der SZ. Lasst uns die AfD verbieten, fordert der ehemalige S. Fischer-Verleger Jörg Bong ebendort. Dschihadisten werden in Algerien amnestiert, wer ihre Verbrechen benennt, wird bestraft, während die Kolonialverbrechen der Franzosen per Gesetz als "unverjährbar" eingestuft werden - was ist das für eine Erinnerungspolitik, fragt Kamel Daoud in Le Point. In der Zeit warnt der Historiker Serhii Plokhy vor Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg: Wer seine Atomwaffen abgibt, wird angegriffen.

Die gute Seite der Geschichte

07.05.2026. Die Zeit erklärt, wie sich der EuGH mit einem Urteil selbst zum Über-Verfassungsgericht Europas erklärt hat, das künftig in alle Bereiche des nationalen Rechts eingreifen kann. In der NZZ sucht der amerikanische Schriftsteller Percival Everett vergeblich das Rückgrat der Republikaner. Die taz berichtet von einem Streit um die sowjetischen Ehrenmale in Berlin, über die in der Zeit auch die ukrainische Historikerin Yevheniia Moliar und ihr Kollege Jörg Baberowski diskutieren. Die FR fürchtet einen Backlash unter jungen Männern gegen Frauenrechte.

Kampfruf der Verteidigung der Vernunft

06.05.2026. Faschismus ist nur eine Vokabel, sie erklärt in unserer Gegenwart gar nichts, meint in der FAZ Jan-Philipp Reemtsma. In der NZZ stellt sich der Publizist Sigbert Gebert die Frage: Wann ist Gewalt legitim? taz und Politico berichten über den Sturz der konservativen Regierung in Rumänien durch ein Bündnis aus Sozialdemokraten und extremer Rechter. Nein, die Linke ist nicht schuld an der Auflösung des Wahrheitsbegriffs, ruft Robert Misik in der taz. Weniger NS-Geschichten in den Medien, dafür einen Lehrstuhl für Holocaustforschung wünscht sich in der FR der Historiker Ulrich Herbert.

Der Schmelztiegel war immer ein Mythos

05.05.2026. Die Vereinigten Staaten feiern in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag. In der NZZ erklärt der Historiker Manfred Berg die demografischen und politischen Herausforderungen, vor denen das Land steht. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger schildert zugleich in Zeit online den Hofstaat, mit dem sich Trump umgibt. Die taz fragt, warum es eigentlich nur in Hamburg nie einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum NSU gab und warum eine stattdessen eingesetzte "Forschungsgruppe" nicht vorankommt.