9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dieses vermeintliche Gegensatzpaar

10.07.2025. Der Liberalismus hat sich zu Tode gesiegt, diagnostiziert in der Zeit der Volkswirt Armin Steinbach. Er plädiert für einen regulierenden Staat, der allerdings verdammt effizient sein müsse. Genau das ist er nicht, meint Andreas Reckwitz, ebenfalls in der Zeit. Unterdessen üben Bürger in Kirgisien und Tadschikistan kritisches Denken mit der Wikipedia, berichtet die FAZ. Vlad Khaykin vom Simon Wiesenthal Center antwortet in einem zornigen Beitrag auf Masha Gessens Essay zur Verteidigung des New Yorker Politikers Zohran Mamdani. Und die Kirchen boykottieren Israel jetzt auch.

Gegenwind ist keine Hexenjagd

09.07.2025. Selbst wenn es zu einem "Deal" im Gazakrieg kommen sollte, werden wohl nicht alle der verbliebenen Geiseln freikommen, jedenfalls nicht gleich, vermutet die Jüdische Allgemeine. Nur zwanzig von ihnen sollen noch leben. In der NZZ spricht der Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi über muslimischen Antisemitismus und die frommen Lügen der Linken. Die FAZ staunt doch sehr über die recht dezidierten Positionen der künftigen Bundesverfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf.

Geld für Fahrten zu Kliniken in anderen Städten

08.07.2025. FAZ  und FR fragen: Ist Viktor Orban nach seiner symbolischen Niederlage bei der Budapester Pride entscheidend geschwächt?  In Flensburg verhindert die Katholische Kirche für Frauen aller Konfessionen laut taz Abtreibungen, während sie auf den Philippinen laut FAZ sogar noch Scheidungen verbietet. In der NZZ ist sich Rainer Hermann sicher: Mit den Osmanen wär' das nicht passiert.

Das Volk nicht verschrecken

07.07.2025. In der NZZ erklärt Hamed Abdel-Samad, warum man die iranische Mord-Fatwa gegen Donald Trump ernstnehmen sollte. FAZ und Welt streiten über eine SPD-Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf. Warum kommt der Untersuchungssausschus zu Nord Stream 2 nicht voran, fragt die FAZ: weil das Thema Medien und Bevölkerung nicht kratzt, ist die Antwort. Nochmal in der NZZ wünscht sich Viktor Jerofejew eine realistischere russische Opposition.

Dringend eine Redigatur

05.07.2025. Während Wladimir Putin ukrainische Zivilisten massakriert, findet er noch Zeit, das Telefon abzunehmen - meistens ist Donald Trump dran, berichtet die FAZ, und dann plaudern sie über Kino. Im Gespräch mit der NZZ lässt Monika Maron kein gutes Haar an den Westdeutschen. Und auch nicht an den Ostdeutschen. Ebenfalls in der NZZ antwortet Nikolai  Klimeniouk auf Masha Gessen, die den Begriff des Antisemitismus umformulieren will, damit er auf die neue Linke nicht mehr zutrifft. Wie nationalistisch sind die protestierenden Studenten in Serbien, fragen die Zeitungen.

Von den Knochen der Ahnen

04.07.2025. Soll man auf einen Regimewechsel im Iran hoffen? Ja, meint die exiliranische Autorin Nasrin Amirsedghi im Perlentaucher - in Antwort auf eine Warnung Josef Joffes vorm "Balkanistan" Iran. In der FAZ äußert sich der Politologe Vali Nasr eher pessimistisch zu diesem Thema und warnt vor einer "Pax Israeliana". Heute ist der Fourth of July: In der taz erzählt Andrei S. Markovits, wie er zwischen der Skylla des Trumpismus und der Charybdis des Antisemitismus verzweifelt. Guardian und SZ schildern die Abgründe der Trumpschen Deportationsrhetorik und -politik.

Reden ist meine Hauptwaffe

03.07.2025. In der FAZ geißelt der Rechtshistoriker Dominik Kawa die bleibende deutsche Ignoranz über die deutschen Verbrechen an den Polen. In der SZ antwortet Eva Illouz auf die Frage, ob Antizionismus eine Form des Antisemitismus ist - mehr oder weniger mit ja. Im Interview mit der Zeit erklärt Alice Schwarzer, warum sie den Wehrdienst verweigern, aber gern ein soziales Pflichtjahr absolvieren würde - und trotzdem gern schießen können würde.

Lust am Denken

02.07.2025. Einen regime change im Iran können derzeit nur die Iraner bewerkstelligen, meint in der FAZ der Politikwissenschaftler Michael Zürn. Schlechte Nachrichten für alle, die Bluetooth-Kopfhörer benutzen: Sie können abgehört und sogar in Mikrofone verwandelt werden, berichtet Zeit online. Angesichts der Toten bei der Verteilung von Hilfsgütern fragt die NZZ: Was ist Israels langfristige Strategie für Gaza? In der taz plädiert Georg Seeßlen für weniger Rechthaberei beim Debattieren.

Knapp unterhalb der Waffenqualität

01.07.2025. Der israelisch-amerikanische Schlag gegen die iranischen Atomanlagen war nötig - und er war erfolgreich, hält die Times of Israel in einem langen Hintergrundtext fest. Woher kommt die Tendenz der Demokratien zum Appeasement, fragt Richard Herzinger im Perlentaucher. Die SZ bezweifelt, dass europäische Unis vom brain drain der amerikanischen profitieren können. Das Auswärtige Amt versagt bei der Unterstützung der belarussischen Opposition, schreibt Felix Ackermann in der FAZ

Immer so mutterseelenallein

30.06.2025. In der FAZ schildert Joseph Stiglitz die unheimliche Angst an amerikanischen Universitäten, die durch eine Schikanierung ausländischer Studenten (und Studiengebührenzahler) unter Druck gesetzt werden. Die Zeit depubliziert Maxim Biller, dafür darf sich aber die UNRWA äußern. In Cicero kritisiert Samuel Schirmbeck, dass Berlin sein Neutralitätsgebot aufgibt. hpd.de attackiert Julia Klöckner, die die Regenbogenfahne am Bundestag unter Berufung auf die "Neutralitätspflicht" nicht hissen will. Und Clemens Setz und Peter Sloterdijk denken - noch mit dem eigenen Hirn - über KI nach.