9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Richtung ist klar

28.06.2025. In der Welt befürchtet der im Iran geborene Schriftsteller Amir Gudarzi eine Welle des Terrors des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Viele Menschen im Iran sind keineswegs so entsetzt über die israelischen Bombardierungen, wie es ein Teil der Diaspora behauptet, glaubt die taz. Trump als "Faschist" zu bezeichnen, hilft nicht - wir brauchen neue Geschichten, um Trump zu verstehen, schreibt der Historiker Christopher Clark in der SZ. Viel Aufsehen gibt es um eine von der Zeit depublizierte Kolumne von Maxim Biller. Und in der NZZ konstatiert Michel Houellebecq eine "Anpassung an den Islam".

Uffrur!

27.06.2025. In der SZ erklärt Natan Sznaider, warum selbst Israelis, die Netanjahu nicht mögen, den Schlag gegen den Iran befürworten. Ähnlich sieht es der Geheimdienstler und Netanjahu-Kritiker Amos Yadlin in der Zeit. Die iranische Diaspora diskutiert über den Schah-Sohn und Oppositionspolitiker Reza Pahlavi. Die USA verabschieden sich laut taz von der internationalen Impfallianz Gavi. Die FAZ besucht die große Ausstellung über die Bauernkriege im Kloster Schussenried.

Zwanzig hätte ich nicht überlebt

26.06.2025. In der FAZ fürchtet der Völkerrechtler Ulrich Fastenrath eine Erosion der internationalen Ordnung, wenn man Israel nicht zur Räson ruft. Aber das Völkerrecht hat nur dort Bestand, wo es durch Macht durchsetzbar ist, erinnert Robert D. Kaplan bei Zeit online. Auch auf den UN-Sicherheitsrat kann das Völkerrecht derzeit nicht setzen, bedauert die SZ. In der New York Times erklärt Masha Gessen, warum man erst den Antisemitismusbegriff neu definieren muss, um einen neuen Bürgermeister zu installieren. Bei Mediazona hofft der belarussische Oppositionspolitiker Sergej Tichanowskij, dass Donald Trump noch mehr politische Gefangene aus der Haft befreit.

Karma ist ein trügerisches Biest

25.06.2025. Laut CNN und New York Times konnten die US-Bomber die iranischen Atomanlagen nicht zerstören, wie der Spiegel berichtet. Alle wissen es, aber niemand redet darüber: Auch Israel hat ein Atomwaffenprogramm, weiß die SZ. Das Bundesverwaltungsgericht hat das Verbot der rechtsextremen Zeitschrift Compact aufgehoben, berichten die Zeitungen: Für die FAZ bedeutet das Urteil letztlich eine "Stärkung der Pressefreiheit", die SZ hofft auf einen weiteren Akt dieses Dramas. In der FAZ meditiert Edgar Keret über menschliche Unschuld und Opfer.  In New York könnte laut Franc-Tireur demnächst ein BDS-Anhänger regieren.

Der schwarze Schwan wird kommen

24.06.2025. Ist der Krieg vorbei? Trump hat eine Waffenruhe ausgerufen. Während die Europäer am Geschehen nur am Rande beteiligt waren, so die FAZ, machen sich die Zeitungen immerhin weiterhin Gedanken ums Völkerrecht. Aber wir haben auch zuhause Probleme: Im Bundestag werden demnächst 50 Prozent der Gelder für alternde Boomer und für die Verteidigung ausgegeben, für die Jugend bleibt nichts, warnt die SZ. hpd.de geht Fällen religiösen Mobbings an Schulen nach. Die Zeit fragt, ob die Linken die neuen Grünen sind.

Rauchende Trümmer

23.06.2025. Überraschend ist der belarussische Oppositionelle Sergej Tichanowskij freigelassen worden, melden die Zeitungen - drei von fünf Jahren saß er in Isolationshaft und konnte nicht mal Briefe empfangen. Der amerikanische Schlag gegen die iranischen Atomanlagen dröhnt nach. "Danke, Donald Trump", rufen die Ruhrbarone. Bei Zeit online rät der Historiker Frank Bösch von Tyrannenmord ab. Geopolitik-Experte Ian Bremmer glaubt ebendort nicht an einen Regimewechsel im Iran. Darf ein Staat eine Antisemitismus- oder Rassismusklausel in seiner Förderbedingungen einbauen, fragt Juraprofessor Hans Michael Heinig in der FAZ und antwortet - kurz resümiert - mit ja.

In puncto kognitive Rigidität

21.06.2025. Der neue Krieg  zwischen Israel und dem Iran beherrscht die Debatte. Iranische Intellektuelle in der Diaspora äußern sich zwiespältig. "Was, wenn nicht ausländische Intervention, ist denn noch übrig, um Iran von den blutverschmierten Händen dieses Regimes zu retten", fragt die in Deutschland lebende Autorin Atefe Asadi. Sehr zornig über den Krieg schreibt dagegen Navid Kermani in der SZ: Der Krieg "zerstört die Chancen auf eine demokratische Zukunft Irans". Außerdem: Die taz interviewt die Neurobiologin Leor Zmigrod, die in den Hirnen von Radikalen nach den Gründen für die Radikalisierung sucht.

Nicht alles, was illegal ist

20.06.2025. In Zeit online warnt der Politikwissenschaftler Carlo Masala vor  dem Hantieren mit dem Begriff des Völkerrechts: Es könne niemals die einzige Leitschnur des Handelns sein. In der FAZ erklärt der israelische Historiker Benny Morris, warum der Genozidvorwurf gegen Israel fehlgeht. Die SZ fragt, ob angesichts des Drucks auf Universitäten in Amerika die Idee von Wissenschaft selbst in Frage gestellt wird. In der FR erinnert Claus Leggewie an den Putsch in Algerien vor sechzig Jahren. Die taz fragt, ob die Partei Die Linke demnächst wieder den Bürgermeister in Berlin stellt.

Alles, was die Linke angeblich bekämpft

19.06.2025. In der Jungle World schafft der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel einen nützlichen Überblick über die "Dark-MAGA-Bewegung", die die Begleitmusik zu Trumps Politik der Grausamkeit liefert. In Le Point erklärt Samuel Fitoussi, warum es vielen Linken so schwer fällt, ihren Solidaritätsimpuls gegenüber den Mullahs im Zaum zu halten. In der taz und anderen Medien wird diskutiert, ob Israel mit seinem Angriff  auf den Iran das Völkerrecht bricht. In der NZZ beschreibt Irina Rastorgujewa eine zunehmende Sowjetisierung des russischen Schulsystems.

Es gibt keine Normalität mehr

18.06.2025. Ahmad Mansour hat in der Zeit kein Verständnis für die Kritik an Israels Angriff auf den Iran: Die Auslöschungsfantasien der Mullahs betreffen schließlich auch die palästinensischen Israelis. Der Nahostwissenschaftler Johannes Becke warnt in der FAZ vor unbeabsichtigten Nebenfolgen des Angriffs. Die deutsch-iranische Filmproduzentin Minu Barati wird in der Zeit sauer, wenn der Westen den Iranern nun empfiehlt, sich gegen die Mullahs zu erheben - nachdem er jahrelang die Opposition im Stich gelassen hat. Der Historiker Volker Weiß zeichnet in der SZ nach, wie Donald Trump und Co. die USA in einen Gauner-Staat verwandeln.