9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Sie stellt die schwierigsten Fragen

21.04.2026. Die Wahlen in Bulgarien hat der Moskau-freundliche Rumen Radew gewonnen: Ein neuer Orban ist er aber nicht, glauben Tagesspiegel, FAZ und taz. In der NZZ erklärt der ukrainische Schriftsteller Andri Ljubka, warum er jetzt doch in den Krieg zieht. Politico erzählt, wo Donald Trump Wahlkampfhelfer für ausländische Staatschefs spielte. In der SZ erklärt der Kölner Theaterintendant Kay Voges, warum er keine linke Blase bedient, wenn er mit EU-Fördergeldern die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen von Rechtsextremen auf die Bühne bringt. Die taz fragt sich, ob es wirklich hilfreich ist, analoge und digitale Gewalt gleichzusetzen.

Harte und weiche Waren

20.04.2026. Für die Ungarn war 2026 wichtiger als 1989, sagt Paul Lendvai im Gespräch mit Zeit online. Eine Linke, die nicht liberal ist, ist keine, sagt Nicholas Potter im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Nach dem Eklat um das Verlagshaus Grasset wird der Kulturkampf in Frankreich mit härtesten Bandagen ausgefochten - Vincent Bolloré nutzt dafür die Medien, die er besitzt. Zeit online staunt: Pete Hegseth scheint zu glauben, dass die Bibel von Quentin Tarantino geschrieben wurde.

Warnsignale aus der Geschichte

18.04.2026. Putin geht es um die totale Kontrolle über die Erinnerung, hält die Historikerin und Memorial-Gründerin Irina Scherbakowa im FAS-Interview fest. Der bulgarische Schriftsteller Dimitré Dinev erinnert im SZ-Gespräch an das Straflager auf der Insel Belene, dessen Geschichte erst seit Kurzem aufgearbeitet wird. Die aktuelle geopolitische Situation lässt sich am besten mit der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg vergleichen, legt der Historiker Odd Arne Westad im FAZ-Interview dar. SZ und FAS blicken auf den Streit des amerikanischen Präsidenten mit dem "Anti-Trump" Papst Leo XIV.

Sudanesische Straflosigkeit

17.04.2026. Im Senegal wurde vor einigen Wochen ein drastisches Gesetz gegen Homosexualität verabschiedet - die Folgen machen sich jetzt bemerkbar, berichtet Le Monde Afrique. Schön dass es eine Sudan-Konferenz gab, bemerkt die SZ, nur wäre es nicht auch an der Zeit, politisch etwas gegen den Krieg dort zu unternehmen? Die Russen haben bekanntlich eine unmenschliche Geduld mit Wladimir Putin, aber dass er jetzt immer häufiger das Internet abschaltet fällt laut Tagesspiegel und NZZ selbst ihnen unangenehm auf.  Der Protest gegen die Gleichschaltung des Pariser Verlags Grasset hat eine neue Qualität, konstatiert Le Monde.

Theatralik und nebliger Bombast

16.04.2026. In der SZ denkt Andreas Rödder darüber nach, wie sich bürgerliche Politik gegen links und rechts durchsetzen könnte. Das wird nicht einfach, denn unsere Hirne tendieren eher nach rechts, erklärt in der Zeit die Neurophilosophin Liya Yu. Ebenfalls in der Zeit können Peter Nadas und der Historiker Krisztián Ungváry es kaum fassen, dass der Machtwechsel in Ungarn ohne Gewalt gelingt. lto.de, Welt und FAZ kommentieren das Urteil des Landgerichts Berlin über den Correctiv-Artikel zur Potsdamer Tagung der AfD 2024, dessen zentrale Aussage, man habe dort einen Masterplan zur Remigration von Flüchtlingen entwickelt, laut Gericht "im wesentlichen unwahr" ist. Und Aufruhr in der französischen Verlagsszene: Ist schon wieder Boualem Sansal schuld?

Im neuen Wind

15.04.2026. Ungarn bewegt die Zeitungen nach wie vor: Mit Freude, aber auch Sorge blickt György Dalos in der NZZ auf die Herausforderungen, vor denen Peter Magyar steht - wie wird er das Verhältnis zur EU und Russland gestalten? FAZ und SZ werfen einen Blick auf die nun verwaisten orbanistischen Medien in Ungarn. Die FAZ staunt über eine postkoloniale Handreichung des Deutschen Museumsbundes. Die Golfstaaten werden sich nach dem Iran-Krieg politisch neu orientieren, prophezeit der Politologe Kamran Matin in Zeit online.

Ein Land der Hoffnung

14.04.2026. Die Zeitungen feiern das ungarische Wahlergebnis als Sensation - aber sie mahnen auch. 16 Jahre unauslöschliche Zerstörung in den Seelen müssen Peter Magyar, seine Regierung und die Ungarn selbst jetzt heilen, schreibt der ungarische Schriftsteller Gabor Schein in der SZ. Wird die Central European University nach Budapest zurückkehren, fragt Wilhelm Droste in der FAZ. golem.de und heise.de sind begeistert von Frankreich: Dort hat die Regierung einen Masterplan, um den Staat von den amerikanischen Software-Plattformen zu befreien. Religionsfreiheit ist die Freiheit, Religion zu kritisieren, betont Michael Roth in der Welt.

Das "echte" Volk wird seiner Herrscher überdrüssig

13.04.2026. Der Wahlsieg Peter Magyars gibt ganz Europa Hoffnung, freuen sich die ersten Kommentatoren in den Zeitungen. Er zeigt, dass die MAGA-Bewegung nichts Unaufhaltsames hat, so Anne Applebaum in Atlantic. "Illiberale" Demokratie führt in Korruption, für die sich das Wahlvolk am Ende rächt, so Yascha Mounk in seinem Blog. Nun kommt es auf eine "Mischung aus energischem Wandel und kluger Dosierung" an, mahnt der Tagesspiegel. Die SZ druckt Hape Kerkelings Buchenwald-Rede. Aktualisierung: Magyar siegt mit Zweidrittelmehrheit.

Die gefährlichste Zeit

11.04.2026. Die Hälfte hungert, zwei Drittel sind auf Nothilfe angewiesen: Der Sudan ist Schauplatz des schlimmsten Konflikts der Gegenwart und gibt immer mal wieder Anlass zu Konferenzen, die laut taz nur etwas Ritualisiertes haben. Alice Schwarzer wundert sich auf emma.de doch sehr über die Queerbeauftrage der Bundesregierung, die Schwarzer mal eben in einem offiziellen Post "dem rechten Spektrum" zuordnet. Die Gefahr eines Weltkriegs ist heute größer als zu Zeiten des Kalten Kriegs, warnt der Historiker Odd Arne Westad in der FR. Ist die liberale Demokratie noch zu retten, fragt die taz einige Protagonisten des Diskurses. Nein, antworten die meisten. 

Ermutigt durch das Überleben

10.04.2026. Bangigkeit vor den ungarischen Wahlen: In der taz schildert der Journalist Akos Toth, wie Orban die Presse gleichschaltete. In der SZ fragt Lacy Kornitzer, ob die Veränderungen der Orban-Jahre überhaupt noch rückgängig zu machen sind. Und in Zeit online befürchtet Garri Kasparow, dass Orban die Wahl verlieren und dann - mit freundlicher Unterstützung der USA und Russlands - mit Gewalt weiterregieren wird. Die Times of Israel zieht eine bittere Zwischenbilanz des amerikanisch-israelischen Angriffs  auf Iran und seiner Folgen.