9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2026. Dank Zeit, Spiegel und SZ stochern Millionen Deutsche in den Naziakten von Urgroßeltern - unterdessen ist der Nationalsozialismus an den Unis nicht mehr so en vogue, sagt der Historiker Ulrich Herbert in der SZ. Wie kann es kommen, dass eine Organisation wie "Islamic Relief", die der Muslimbruderschaft und auch der Hamas nahesteht, über Jahre 15 Millionen Euro Subventionen des Auswärtigen Amts und Blurbs von Frank-Walter Steinmeier bekommt, fragt hpd.de. In der NZZ beleuchtet Richard C. Schneider die israelische Debatte über die Ultraorthodoxen.
26.06.2026. Philippe Sands wird in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten - die Feuilletons sind begeistert, ein Streiter für das Völkerrecht und brillanter Erzähler. Wenn eine Frau Kopftuch trägt, gibt ihr das im Islam eine zwiespältige Macht, wenn sie es ablegt, setzt es 74 Peitschenhiebe, erfahren wir aus SZ und FAZ. Die FAZ berichtet auch über rassistische Ausschreitungen in Südafrika.
25.06.2026. Die Historikerin Jill Lepore erklärt in der Zeit, warum die amerikanische Demokratie gerade zu scheitern droht und wie die Liberalen dazu beigetragen haben. Ihr Kollege Timothy Snyder zieht in der SZ eine bittere Bilanz des Irankriegs. Belarus ist nicht gleich Russland, versichert in der NZZ der belarussische Journalist Andrzej Poczobut mit Blick auf die EU. Die FAZ findet die Empfehlungen einer Expertenkommission zum digitalen Jugendschutz zu komplex und macht einen Gegenvorschlag. Auch in der DDR wurde die Marktwirtschaft als gerechter empfunden als der real existierende Sozialismus, erzählt im Tagesspiegel der Historiker Clemens Villinger.
24.06.2026. Die Briten diskutieren immer noch über Europa, wie über einen Ex, von dem man nicht loskommt, meint Podcasterin Katy Lee im Guardian. Die NZZ wünscht sich Margaret Thatcher zurück: Dann hätte auch ein Nigel Farage keine Chance mehr. Der Historiker Robert Tombs widerspricht: Die anderen haben trotz EU mindestens genauso große Probleme wie UK. In der taz berichten Beybûn Seker und Soniya Alkis von der Flüchtlingsberatung Pena-Ger über innermigrantischen Rassismus gegen Kurden und Jesiden. Die FAZ fragt: Welcher Nachzügler der Kritischen Theorie wäre heute so interventionsfreudig wie Habermas?
23.06.2026. Keir Starmer ist fast pünktlich zum zehnten Jahrestag des Brexitvotums zurückgetreten - Britannien sieht seit dem Brexit ziemlich anders aus, konstatiert die FAZ, denn immer weniger Europäer leben dort. Das Goethe-Institut feiert seinen 75. Geburtstag. Die SZ erzählt, wie es angesichts der weltweiten "Israelkritik" laviert. Der Perlentaucher kommt auf Ines Schwerdtners Satz "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen" zurück, die FAZ staunt, wie leichtfertig die Linke und erst recht Die Linke mit dem Faschismusvorwurf hantiert.
22.06.2026. Zehn Jahre nach dem Brexit-Beschluss tritt heute wohl mit Keir Starmer der sechste Premierminister zurück - und die britische Rechte hat sich radikalisiert, so die taz. In Deutschland tagte die Linkspartei - die Parteiführung warf der Propali-Fraktion den "Genozid"-Begriff zu, notiert die FAZ. Der Antisemitismus im Kunstbetrieb ist inzwischen manifest und ungeniert, sagt Stella Leder in der SZ. In der NZZ machen sich die Politologen Oleksandr Kraiev und Andreas Umland Gedanken über einen Frieden in der Ukraine. Ohne Faschismusbegriff geht es nicht, schreiben Stephan Lessenich und Sven Reichardt in der SZ.
20.06.2026. In der FAS erklärt der argentinische Schriftsteller Alan Pauls, wie Javier Milei die Falkland-Inseln (beziehungsweise die Islas Malvinas) heute noch für seine politische Agenda nutzt. Der Iran-Deal Trumps scheint verheerend, könnte aber im Endeffekt auch die Mitte der iranischen Gesellschaft stärken, überlegt Zeit Online. Die SZ druckt die Rede des Historikers Norbert Frei zur Gedenkveranstaltung für Jürgen Habermas in der Paulskirche. Die Welt trifft das "Schnabeltier der Gegenwart": den Philosophen Kohei Saito.
19.06.2026. Der rotgrüne Hamburger Senat verhindert eine Aufarbeitung des NSU-Mords an Süleyman Taşköprü - der taz wurden Akten zugespielt, die ein schmähliches Bild der Polizei abgeben. Und in Hannover kann man laut FAZ lernen, wie man mit den Schlagwörtern "Demokratie", "Vielfalt", "Alleinerziehende" und "Armut" ein Businessmodell aufbaut. Wenn "Palästina befreit" ist, dann wird das wohl die ganze Welt befreien, hofft Sally Rooney in einer Rede - der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico analysiert auf Twitter diese Israel-Fixierung nicht nur Rooneys. In SZ und FR ziehen Rainer Forst und Axel Honneth die Lehren aus Habermas - heute ist der große Trauer- und Gedenktag.
18.06.2026. Den Kurden hat der Fall des syrischen Diktators Assad nichts genützt, meint der Politikwissenschaftler Rüstü Demirkaya in der NZZ. Warum setzt Donald Trump im Nahen Osten ausgerechnet auf Erdogan, fragt in der FAZ Bülent Mumay. Warum interessiert sich #metoo so gar nicht für Gewalt gegen Frauen mit Migrationshintergrund, fragt in der Welt Güner Balci. Sie sei "jeden Tag mit Angst aufgewacht", erzählt die Schauspielerin Sibel Kekilli in der Zeit. Die SZ staunt über die Verschwörungstheorien der Berliner Zeitung zu KI. Alles schön Bestätigung hier: Für Journalisten und Verleger von heute ist KI doch geradezu optimal, spottet die taz.
17.06.2026. Nach Suhrkamp will nun auch der Verlag S. Fischer nach Berlin ziehen. Nein, es geht nicht um Einsparungen, beteuert Verlagsleiter Oliver Vogel im Gespräch mit der FAZ. Der Umzug spiegelt den Wandel in der Buchbranche wider, kommentiert die SZ. Schon erstaunlich, wenn man in einer Veranstaltung über Meinungsfreiheit wegen seiner Meinung gecancelt wird, schreibt Mirna Funk in der Welt. Nicht jeder Antisemit ist gleich genozidal, versichert der Postkolonialist Aram Ziai in der FR. Der von den Deutschen ermordete Historiker Marc Bloch wird pantheonisiert - Le Point beleuchtet seine Aktualität.