9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Befreiung von unnötigen Zwängen

30.12.2024. Ohje, jetzt will Elon Musk auch noch Deutschland regieren. Sein Wahlaufruf für die AfD in der Welt stört den nachweihnachtlichen Verdauungsfrieden im Land. In der Redaktion der Welt rumort es. Die Kommentare der anderen Medien gelten eher dem Springer-Konzern als dem Text von Musk, der die AfD als eine Art weichgespülte FDP präsentiert und die Moskauhörigkeit der Partei nicht mal erwähnt. In der SZ fragt Eva Illouz, warum die UN Monate brauchte, um die Völkermorde in Ruanda oder Kambodscha zu benennen, aber in Israel schon da waren, bevor es seine Offensive gegen die Hamas wirklich startete. Die FAZ erzählt die finstere Geschichte Syriens unter den Assads.

Kremlkompatibler Gespensterglaube

28.12.2024. In der taz glaubt der Schriftsteller Najem Wali zwar nicht an Demokratie in Syrien unter HTS, dafür sieht er die Herrschaft der Mullahs im Iran erheblich schwanken. Der Historiker Gerd Koenen hofft in der FAZ inständig darauf, dass das deutsche Lavieren in der Ukrainepolitik endlich ein Ende hat. Der Literaturwissenschaftler und Verleger Jörg Bong beschwört die Franzosen, sich auf ihre Tradition des Universalismus zurückzubesinnen. Die Historikerin Ute Frevert erklärt im FAS-Gespräch, warum das Einnehmen der "Opferrolle" im aktuellen Diskurs so beliebt ist.

Die Fronten sind verhärtet

27.12.2024. Warum keine Bundesrepublik Syrien? In der Welt skizziert Michael Wolffsohn, wie eine föderative Friedensordnung des Nahen Ostens aussehen könnte. In der taz kritisiert Alan Meish vom kurdischen Sender Rohanî TV in Nordostsyrien das internationale Schweigen angesichts der türkischen Angriffe auf kurdische Journalisten. Dass russische Bücher in der Ukraine zu Klopapier verarbeitet werden, hilft auch nicht weiter, beklagt der russische Journalist Vladimir Esipov in der Welt. Auf Zeit Online fühlt sich Armin Nassehi angesichts der libertären Forderung nach mehr "Disruption" an die radikalen Linken der Siebziger erinnert.

Eher zum Fluch als zum Segen

24.12.2024. Religionen können auch in ihrer Negation extreme Auswirkungen haben, hält der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad im Focus mit Blick auf den Magdeburg-Attentäter fest. Nicht nur die Behörden, auch die Zivilgesellschaft hat in diesem Fall versagt, ruft die NZZ. Die Baath-Partei wurde aus Syrien vertrieben, der von ihr gesäte Hass wirkt aber nach, warnt der irakische Schriftsteller Najem Wali in der FAZ. Der Islamforscher Reinhard Schulze hält eine "Talibanisierung" der syrischen HTS in der NZZ für unwahrscheinlich.

Das richtige Selbstanschießen

23.12.2024. Die Zeitungen versuchen den Motiven des Mörders von Magdeburg auf die Spur zu kommen, der aus Hass auf den Islam und die deutsche Gesellschaft ein Attentat nach dem Muster islamistischer Taten verübte. Er ist am ehesten dem Rechtsextremismus zuzuordnen, sind sich die Experten einig. Putins Krieg gegen die Ukraine ist das zweite große Thema: Irina Rastorgujewa erzählt in NZZ und FAZ, wie Putin sowohl Frauen als auch Männer für den Krieg drangsaliert.

Offenbar völlig ungebremst

21.12.2024. Der Attentäter von Magdeburg war offenbar der Psychiater Taleb Al-A., der auf Twitter als ein scharfer Islamkritiker bekannt war - der FAZ hatte er vor fünf Jahren ein Interview gegeben, in dem er erzählte, wie er saudi-arabischen Frauen auf der Flucht half. Wir zitieren aus diesem Interview. Außerdem: Richard Herzinger warnt in seinem Blog davor, Trump als "Friedensbringer" zu sehen. In der FR blickt die in Deutschland lebende Iranerin Noshin Shahrokhi mit Skepsis auf Syrien.

Heul mit den Wölfen

20.12.2024. "Man darf den Islamisten nie vertrauen", warnt in der NZZ der syrische Schriftsteller Omar Youssef Souleimane, der auch darauf hinweist, wie sich der religiöse Fanatismus in Syrien unter Assad ausbreiten konnte. Im Tagesspiegel macht die Aktivistin Sophie Bischoff Hoffnung: Es sei möglich, "Islamisten in die Schranken zu weisen". Im Zeit-Interview kann Marko Martin das "unerwachsene Rumgequengel" vieler Ostdeutscher nicht mehr hören. In der FR hofft Claus Leggewie auf einen Dreierbund aus Deutschland, Frankreich und Polen. FAZ und taz verneigen sich vor Gisèle Pelicot.

Gleiche Rechte für alle

19.12.2024. Islamismus ist nicht Islamismus, glaubt der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh in der Zeit, wo er auf ein freies Syrien unter HTS hofft. Ein türkisch geprägter Islamismus hat in Syrien über die schiitisch geprägte "Achse des Widerstands" gesiegt, hält der Islamwissenschaftler Gilles Kepel in der FAZ fest. Der Sturz Assads ist wenig wert, wenn jetzt nicht auch Frauen über die Zukunft Syriens mitbestimmen, ruft die syrische Menschenrechtsaktivistin Joumana Seif im Tagesspiegel. Abtreibungsbefürworterinnen haben Donald Tusk ins Amt gebracht - wo bleibt die Legalisierung, fragt die SZ.

Nicht alles ist düster

18.12.2024. Algerien stand stets an der Seite Assads, erinnert Le Point mit Blick auf die Parallelen zwischen Syrien und Algerien. In der SZ fürchtet Herfried Münkler eine Ära der großen Koalitionen und der Vertrauensfragen. Schon mit dem Einmarsch in Tschetschenien im Jahr 1994 wurde Russlands imperialer Appetit entfacht, meint der russische Schriftsteller Sergei Lebedew in der NZZ. Derweil schließt Russland Kinder von Migranten von der Schulbildung aus, berichtet die taz. Der Guardian setzt seine Hoffnung auf den Nordostkorridor der Nato. Und SZ und Monopol werfen Joe Chialo Zynismus vor.

Die Lügner müssen die Wahrheit hören

17.12.2024. Al-Dscholani ist kein Demokrat und er betreibt Unterdrückung, aber er verspricht, dass Frauen in Syrien keine Burkas tragen müssen, erzählt der amerikanische Journalist Martin Smith, der den HTS-Führer für eine Dokumentation getroffen hat, auf Zeit Online. Die taz glaubt derweil: Die HTS macht Utopien möglich. Die FR schildert, wie die islamische Strömung der Baha'i, die sich für mehr Frauenrechte einsetzt, im Iran drangsaliert wird. Auf Spon ruft die Politikwissenschaftlerin Jessica Gienow-Hecht Europa nach der Trump-Wahl auf, mehr in die eigene Sicherheit zu investieren. In der Welt beerdigt Hubertus Knabe Sahra Wagenknecht und ihr BSW.