9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2024. Fast alles steht heute im Zeichen des Jahrestags der Hamas-Pogrome. Auch Deutschland wurde durch das Ereignis verändert, konstatiert Michel Friedman in der Welt: "Die hässliche Fratze des radikalen Islamismus prägt immer mehr den Alltag." In der taz hält Fania Oz-Salzberger trotz allem an einer Zweistaatenlösung fest. Selbst Israels Trauer ist kolonialistisch, findet dagegen Naomi Klein im Guardian. Im Spiegel kritisiert Dana von Suffrin den deutschen Kulturbetrieb, der mit Antisemitismus offenbar so gar kein Problem hat.
05.10.2024. Die Zeitungen bringen bereits heute Schwerpunkte zum 7. Oktober: Marina Münkler versucht der propalästinensischen Linken in der SZ nochmal zu erklären, was das Massaker der Hamas war: Eine triumphale imperiale Geste der Vernichtung jüdischen Lebens. In der FR meint der israelische Historiker Tom Segev: Nichts rechtfertigt eine zweite Nakba. Der palästinensisch-amerikanische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib setzt in der taz leise Hoffnung auf den Pragmatismus der palästinensischen Zivilbevölkerung. Außerdem: Der Suhrkamp Verlag gehört jetzt komplett dem ehemaligen Baumarktketten-Leiter Dirk Möhrle.
04.10.2024. Sahra Wagenknechts gestrige Demo für "Frieden" war nicht allzu überzeugend, es dominierten DKP und Palästina-Fans, merkt Michael Miersch in seinem Blog an. Zum 3. Oktober sind einige Befindlichkeitsartikel erschienen, die die leicht unheimliche Stimmung im Land wiedergeben. Die Berliner Zeitung freut sich, dass "34 Jahre nach der Einheit der Umbruch im Land da" ist. "Die Westdeutschen müssen verstehen, dass Ostdeutschland nicht als Restgestalt der DDR zu verstehen ist", meint Heinz Bude in der SZ. In der FAZ baut der libanesische Künstler Akram Zaatari den israelischen Schlag gegen die Hisbollah in die schiitische Märtyrergeschichte ein.
02.10.2024. In der Zeit findet es der Schriftsteller Boris Schumatsky immer noch kaum fassbar, wie wenig die Vergewaltigungen am 7. Oktober thematisiert werden. Die FAZ wüsste gern, warum den Öffentlich-Rechtlichen beim Stichwort Sparen immer nur die Kultur einfällt? Kann eine Demokratie während eines Krieges demokratisch bleiben, fragt sich Herfried Münkler in der NZZ. Im Tagesspiegel kritisiert Thomas Kleine-Brockhoff die Doppelmoral des globalen Südens. Hpd stellt eine Mainzer Studie zu Islamstudiengängen in Deutschland vor: Danach lehnen 68 Prozent der befragten Studenten einen an Europa angelehnten Islam ab.
01.10.2024. Claus Leggewie legt für die FR sein Ohr auf mittelosteuropäischen Boden und hört ein unheimliches Rumpeln: Ist es das Gespenst des Habsburgerreichs, das hier sein Haupt erhebt? Auch Elias Hirschl macht sich in der SZ Sorgen: "Österreich geht nicht zum Arzt. Nie." In der Jüdischen Allgemeinen erklärt Peter R. Neumann, warum er eine israelische Bodenoffensive im Libanon für einen Fehler hält. Und die Übermedien haben mal nachgezählt: Die Öffentlich-Rechtlichen brachten in den letzten Monaten 380 Minuten Dokumentation über Sahra Wagenknecht, eine ganze Wagner-Oper. Und da sind die Talkshows nicht mit drin.
30.09.2024. Erstaunlich gefühlvoll lesen sich die Nachrufe vieler Zeitungen auf Hassan Nasrallah. Für die taz ist aber auch klar: Israel hat die Hisbollah erheblich geschwächt. Das sollten vor allem die Kritiker Israels im Westen zur Kenntnis nehmen, findet die FAZ. Warum keine Antisemitismusklausel, das wäre nicht die erste Bedingung, die der Staat an Kunstförderung knüpft, fragt der UdK-Student Klemens Elias Braun in der Welt. Die Zeit beleuchtet das fatale Missverhältnis zwischen europäischer Rechtsprechung in der Asylpolitik und den Reaktionen der Nationalstaaten. Und nun auch in Österreich: Die FPÖ liegt vorn.
28.09.2024. Rechnet man alle Stimmen für radikale Parteien in den letzten Landtagswahlen zusammen, ergibt sich eine "deprimierend hohe Zustimmung zum Extremismus", konstatiert Ilko-Sascha Kowalczuk bei t-online.de. Auch heute arbeiten sich die Medien an den Erfolgen von AfD und BSW ab. In Österreich droht morgen der Triumph der FPÖ: Thomas Glavinic gibt in der Welt der Mitte dafür eine gehörige Mitschuld. Der Spiegel bringt eine große Recherche zur Berliner Zeitung - die zu einem Abgrund der Verschwörungstheorien geworden ist. Die FAS kritisiert Ta-Nehisi Coates' antiisraelische Komplexitätsreduktion.
27.09.2024. Noch nicht ganz Weimarer Republik, aber schon nicht mehr die gute alte Bundesrepublik. Die Zeitungen fragen, was da eigentlich im Thüringer Landtag los war. Mitten in der Krise der Grünen legt Cem Özdemir in der FAZ einen richtungweisenden Artikel zu Migrationspolitik vor. Peter Truschner stellt im Standard die Frage: Warum wählen die Leute rechtsextreme Klimaleugnerparteien, während sie gerade zu Opfern einer Überschwemmung werden? Die fraktionsübergreifende Bundestagsresolution zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland kommt wohl nicht zustande, so Zeit online.
26.09.2024. Die Zeit findet viele Gemeinsamkeiten bei AfD und BSW - nicht zuletzt in ihrer Ablehnung einer europäischen Integration. Kürzungen in der Kultur sind immer bitter, andererseits: welche Existenzberechtigung haben Theater ohne Publikum, fragt die SZ. Wie auch immer der israelische Angriff im Libanon ausgeht, die Hisbollah wird in jedem Fall gewinnen, fürchtet der libanesische Redakteur Anthony Samrani in der FAZ. Vielleicht können aber wenigstens die vom Hisbollah-Beschuss vertriebenen 60.000 bis 80.000 Israelis nach Hause zurückkehren, meint der israelische Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold. Die FAZ stellt außerdem eine Studie aus NRW vor, die bei knapp einem Viertel der Befragten antisemitische Einstellungen feststellt.
25.09.2024. Was dem AfD-Mann ein "Spaziergang" zum Haus eines Ministerpräsidenten ist, ist dem Pro-Palästina-Aktivisten das Beschmieren des Wohnhauses eines Kulturpolitikers, hält Michel Friedman in der Welt fest. Der Guardian nimmt den industriellen Komplex der Sexualdelikte aufs Korn, all die kleinen Helferlein, die Vergewaltiger wie Al Fayed oder Sean Combs schützen. In der FAZ macht der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies Edward Said für den Antisemitismus vieler Israelkritiker verantwortlich. Im Tagesspiegel hofft der israelische Ex-Geheimdienstchef Ami Ajalon auf Druck von außen, damit Netanjahu endlich verhandelt.