9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Eine sauschlechte Idee

12.09.2024. Die erste TV-Debatte zwischen Kamala Harris und Donald Trump war das "Wiederaufleben des amerikanischen Sprechtheaters", freut sich die SZ. Junge Männer fühlen sich benachteiligt und wählen deshalb rechts, glaubt die Politologin Ayaan Hirsi Ali in der NZZ. Jeden zweiten Tag wird eine Frau umgebracht und niemanden interessiert es, ruft indes wütend die Zeit. Im FR-Gespräch plädiert Correctiv-Autor Marcus Bensmann für ein AfD-Verbot. Der Historiker Norbert Frei ergründet die Widersprüche Theodor Heuss', der sich sowohl gegen das Vergessen als auch für NS-Verbrecher einsetzte.

Ein Hoffnungszeichen ging um die Welt

11.09.2024. Wo blieb nach dem vereitelten Anschlag in München die Solidarität mit Juden, fragt die Schriftstellerin Dana von Suffrin bei Spon. Sie scheue sich nicht, den Begriff "Judeofaschismus" zu verwenden, sagt im Zeit-Gespräch die Philosophin Seyla Benhabib mit Blick auf die israelische Regierung. Die taz erlebt im Flüchtlingslager auf der Insel Kos, wie die neue europäische Migrationspolitik aussehen könnte: Eine "Architektur der Gewalt", in der es an Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung mangelt. Um West und Ost zu vereinen, bedarf es einer progressiven deutschen Nationengeschichte, glaubt Leander Scholz in der Welt. Und die FR fürchtet: Deadbots könnten Familiengeheimnisse aussprechen.

Epos des Scheiterns

10.09.2024. Der als "ausländischer Agent" geächtete Kommunalpolitiker Lew Schlosberg versucht im SZ-Interview die Welt mit Putins Augen zu sehen. Die Migrationsdebatte in Deutschland droht, verbrecherische Regime zu legitimieren, warnt Richard Herzinger im Perlentaucher. Die SZ kritisiert den Umgang mit Sahra Wagenknecht in einer Talkshow: Ihren Populismus zu entlarven ist ja richtig, aber doch nicht so! Die FAZ stellt uns den amerikanisch-jüdischen Autor Joshua Leifen vor, der politisch zwischen allen Stühlen sitzt. 

Hinter einem hohen Zaun

09.09.2024. Deutschland ist eines der wichtigsten Einwanderungsländer, aber die Westdeutschen tun sich schon schwer zu respektieren, dass der Osten anders ist, meint HKW-Leiter Bonaventure Ndikung im Spon-Gespräch. BSW-Politikerin Sevim Dagdelen droht in der Berliner Zeitung bezüglich der Friedensverhandlungen mit Russland keinen "Kotau" zu machen. Der Tod ist zur Routine geworden, schreibt der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech in der FAS resiginiert darüber, dass den Zeitungen der jüngste Raketenangriff auf die Ukraine nur noch eine Meldung wert war. Die taz gibt der AfD Nachhilfestunden in Demografie. Ebenfalls in der FAS wirft Zeruya Shalev der israelischen Regierung Faschismus vor.

Am Boden ihrer Antiquariate

07.09.2024. Wir sollten auch extreme Meinungen diskutieren, ruft Constantin Schreiber im Zeit-Online-Interview und meldet sich nach längerer Pause mit einer Streitschrift zu Wort. In der FAZ ergründet Ilko-Sascha Kowalczuk den Hang der Ostdeutschen zum Autoritären. In der SZ erzählt Hasnain Kazim von seinen Begegungen mit AfD-Wählern. Die Filmemacherin Grit Lemke erklärt in der taz, warum sich der Westen dem Osten gegenüber "kolonial" verhält. Die Russen haben kein Nationalgefühl, so die Beobachtung des Historikers Martin Schulze-Wessel in der FAZ.

Die alten Gespenster

06.09.2024. "Das Unsicherheitsgefühl nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft wird sich nach diesem Vorfall noch einmal verfestigen", kommentiert Charlotte Knobloch den vereitelten Terroranschlag in München, wie die Jüdische Allgemeine meldet. Die Zeitungen debattieren derweil über das Maßnahmenpaket zur Asylrechtsverschärfung: Verfassungsrechtlich nicht haltbar, meint die Juristin Franziska Drohsel in der taz, während die Schriftstellerin Fatma Aydemir im Guardian daran erinnert, dass viele Flüchtlinge  vor dem islamistischen Extremismus in ihrem Land fliehen. In der NZZ skizziert Leon de Winter das Dilemma der israelischen Regierung. Die FAZ berichtet, wie sich Erdogan eine "fromme Jugend" heranzieht.

Sehnsucht nach dem Gestern

05.09.2024. Der Politikwissenschaftler Philip Manow und der Verfassungsrechtler Christoph Möllers diskutieren in der Zeit darüber, ob die Wähler in einer Demokratie das letzte Wort haben sollten. Die Schriftstellerin Juli Zeh will in der Zeit BSW und AfD nicht auf eine Stufe stellen. Der Generationenforscher Rüdiger Maas stellt in der NZZ fest: Die jungen Menschen im Osten leiden an Merkel-Nostalgie. Die Zeit berichtet, wie die russische Regierung dem nun wieder freigelassenen Telegram-Chef Pawel Durow ganz plötzlich den Hof macht.

Kann das auch der Anfang sein?

04.09.2024. Im Guardian glaubt die Historikerin Katja Hoyer, die Ostdeutschen haben nicht die Demokratie satt, sie haben einfach Angst. Die Demokratie funktioniert, meint auch Hubertus Knabe in der Welt, mahnt aber, die Regierungskritik ernst zu nehmen, damit aus Protestwählern nicht Stammwähler werden. In der FAZ macht auch Armin Nassehi die etablierten Parteien für AfD- und BSW-Erfolg mitverantwortlich. In der SZ berichten der Soziologe Natan Sznaider und der Historiker Amir Teicher von den Demonstrationen in Israel: Sznaider hofft auf einen Neubeginn, Teicher macht seiner Wut auf die israelische Regierung Luft.

Im eigenen Missmut baden

03.09.2024. Tag zwei nach den Wahlen in Thüringen und Sachsen: Mit AfD und BSW hat die Lust am Ressentiment gewonnen, meint Ines Geipel in der SZ, man hätte dieses Dilemma vermeiden können, glaubt Monika Maron in der Berliner Zeitung. Wo bleibt die Erschütterung, fragt die taz. Der Osten bewegt sich auf dem Weg, den Europa seit den 1990er Jahren eingeschlagen hat, meint der NewStatesman. Außerdem: Auf hpd schlägt der Zentralrat der Konfessionslosen vor, von den Kirchen "die 21 Milliarden Euro zurückzufordern, die die Länder ihnen seit Gründung der Bundesrepublik überwiesen haben". Und in der taz wirft der Nahostwissenschaftler Tom Khaled Würdemann der deutschen Nahostkriegs-Berichterstattung vor, zu oft deutsche Identitäten zu verhandeln.

Kein gutes Gespür für Geschichte

02.09.2024. Thüringen und Sachsen haben gewählt: Die demokratischen Parteien ringen nach Luft, die Zeitungen um Antworten: Der Wahlsieger ist Putin, meinen die Ruhrbarone und halten fest: Wir erleben den bislang größten Angriff auf das Wertesystem der Bundesrepublik. Auch das ist Demokratie, meint die SZ, AfD-Wähler jetzt nicht ausgrenzen, ruft der Tagesspiegel, während SpOn glaubt: Ausgrenzung senkt die Neigung, eine extreme Partei zu wählen. In der FAZ plädiert der Europarechtler Daniel Thym für eine Verschärfung der Flüchtlingskonvention. In der taz hält der deutsch-israelische Regisseur Amit Jacobi die Nahostkriegs-Debatte in Deutschland für eine "kolonialistische Geste par excellence".