9punkt - Die Debattenrundschau

Die Inspiration hatten wir aus Lea Roshs Zahn

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2020. Im Tagesspiegel entschuldigt sich Philipp Ruch zwar für sein Agieren mit der Asche ermordeter Juden, aber er hält an einem Mahnmal an der Stelle der Kroll-Oper fest, um vor den Konservativen zu warnen. Der französische Streik könnte zu einer Radikalisierung führen, weil Emmanuel Macron das Gespräch verweigert, warnt der Historiker Stéphane Sirot in huffpo.fr. In der SZ will A.L. Kennedy künftig den Brexit mit einer Kolumne begleiten und trinkt schon mal aus einem Fläschchen mit Pinochets Speichel. In der NZZ spricht die Autorin Sadia Dehlvi  über die antimuslimische Politik der indischen Regierung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2020 finden Sie hier

Europa

Der französische Streik dauert nun mehr als 36 Tage - und bricht damit alle Rekorde in einem Land, das eine lange Geschichte hysterisierter Sozialkonfikte hat. Einer der Gründe dafür liegt bei Emmanuel Macron selbst, sagt der Historiker Stéphane Sirot im Gespräch mit Astrid de Villaines von huffpo.fr. Macron sei ein Technokrat, der an die Alternativlosigkeit seiner Analysen glaube und darauf setzt, dass die Streikenden irgendwann entnervt aufgeben: "Diese Strategie sendet von Seiten der Macht eine ziemlich gefährliche Botschaft: nämlich dass die einzige Bewegung, die eine Regierung zum Rückzug zwingen kann, jene ist, die transgressiv, bis hin zur Gewalt agiert. Gefährlich ist diese Strategie, weil sie nahelegt, dass man nichts bekommt, außer ein paar Verbesserungen im Detail, wenn man nicht die Gesetze bricht." Ein Teil der heute legal Streikenden "wird sich erinnern, dass die Gilets jaunes vor einem Jahr durch die Besetzung von Verkehrskreiseln und Gewalt gegen Dinge der Macht wirklich Angst machte und sie zum Schwanken brachte".

Die schottische Schriftstellerin A.L. Kennedy startet in der SZ eine Kolumne, um den Brexit zu begleiten. Das Szenario, in dem er sich abspielt, beschreibt sie so: "2019 war das Jahr, in dem verstaubte Gentlemen's Agreements, von denen wir lange glaubten, sie seien genauso gut wie eine schriftliche Verfassung, wie feuchte Biskuits in sich zusammenfielen. Ein Schuljungenstreit zwischen zwei Politikern aus Eton hat sich irgendwie mit einem ranzigen Weltbild aus dem 18. Jahrhundert gepaart. Das Ergebnis vermählte sich mit kaum modernisierten KGB-Propagandatechniken und einem Fläschchen mit Pinochets Speichel, um schließlich online zu gehen, und die Voraussetzungen dafür zu zerstören, dass wir eine funktionierende Nation bleiben können."

Paul Ingendaay von der FAZ unterhält sich mit Manfred Sapper und Volker Weichsel von der immer wieder lesenswerten (leider im Netz nicht sehr präsenten) Zeitschrift Osteuropa. Sie beobachten die Tendenz zum Populismus, mahnen aber auch Differenzierung an: "In Zentralasien hat mit der Ausnahme Kirgistans noch kein einziger demokratischer Machtwechsel stattgefunden, in Russland ist das seit zwanzig Jahren nicht mehr der Fall. In Ostmitteleuropa hingegen finden seit dreißig Jahren regelmäßig freie Wahlen statt. In Ungarn und Polen haben jedoch die Regierungen in den vergangenen Jahren die Unabhängigkeit der Justiz massiv eingeschränkt und damit wesentliche Pfeiler der Rechtsstaatlichkeit eingerissen."
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Kulturpolitik

Die österreichische Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek wird in der neuen schwarz-grünen Regierung Kulturministerin. Nicole Scheyerer beschreibt in der FAZ den kulturpolitischen Hintergrund der österreichischen Grünen. Auch ihnen wird's um die Pflege des großen Erbes gehen müssen: "Die Museumslandschaft wird auch in Zukunft zu den größten Baustellen der Kulturpolitik zählen. Wiewohl die Qualität des Programms und die Besucherzahlen stimmen, herrscht struktureller Handlungsbedarf. Die Grünen haben wiederholt die fehlende Absprache der Häuser kritisiert, was deren doppelgleisige Ausstellungs- und Ankaufspolitik betrifft. Im Kampf um das Publikum agiert etwa Klaus Albrecht Schröder von der Albertina nicht zimperlich. So präsentierte er bereits 2017 eine Schau zum grafischen Werk von Pieter Bruegel dem Älteren, obwohl das Kunsthistorische Museum erst 2018 seine lang vorbereitete Bruegel-Schau eröffnete."

Politik

Im NZZ-Gespräch mit Marian Brehmer setzt die muslimisch-indische Schriftstellerin Sadia Dehlvi alle Hoffnungen in die Proteste gegen das von Narendra Modi erlassene, die muslimische Bevölkerung diskriminierende Einbürgerungsgesetz (Unsere Resümees): "Die Menschen sind wie aufgeschreckt, sie haben erkannt, dass dies zu weit geht. Obwohl Delhi zurzeit von einem besonders kalten Winter heimgesucht wird, gehen Demonstranten zu Tausenden auf die Straße. Zudem waren Frauen in großer Zahl an der Spitze der Proteste, selbst auf dem Campus der islamischen Jamia-Millia-Universität, wo die Polizeigewalt eskaliert ist. Zum ersten Mal, seit Modi an die Macht gekommen ist, sagen die Muslime: 'Genug ist genug.' Das Wunderbare daran ist, dass sich Menschen aller Religionen ihnen angeschlossen haben. Die Leute haben begriffen, dass uns dieses Gesetz in eine faschistische Richtung führt."

Die von Soleimani geprägte Politik im Iran hatte bereits ihren "Zenith überschritten", schreibt der deutsch-iranische Politikwissenschaftler Ali Fathollah Nejad im Tagesspiegel. Die Bilder der "vom Staat inszenierten öffentlichen Trauerverstaltungen ... verdecken, dass viele Iraner dem General keine Träne nachweinen. Er war nämlich Vertreter eines Regimes, das immens an Legimität und Zuspruch verloren hat. Die strukturellen Gründe für die Explosion des Volkszorns in den Protesten im November 2019 glimmen unter der Oberfläche weiter. Was aber alle Iraner eint, ist die Furcht vor den möglichen Konsequenzen seines Todes, vor einem katastrophalen Krieg. Die Vergeltungsdrohungen iranischer Führungsfiguren sind bombastisch."

China setzt bei seinem Versuch, die Wahlen in Taiwan zu beeinflussen, auf eine Mischung aus "Informationskrieg und illegalen Finanzhilfen für prochinesische Kräfte", weiß Anders Fogh Rasmussen, ehemaliger dänischer Premierminister, in der Welt: "Taiwan bekam bei der Kommunalwahl 2018 bereits einen Vorgeschmack. Die Regierung in Taipeh fand Hinweise, dass Kandidaten prochinesischer Parteien indirekte Zuwendungen von Peking erhielten, und schloss in der Folge zwei illegale Finanzplattformen, über die Wahlspenden geflossen waren. Sogar der illegale Wettmarkt wurde mit Geldern aus dem chinesischen Festland überschwemmt, um die Chancen prochinesischer Kandidaten zu erhöhen, wie die Stiftung Taiwan Foundation for Democracy kürzlich in einem Bericht hervorhob."
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Ideen

Der Historiker Michael Ignatieff wirft in der Zeit der aktuellen Philosophie vor, die Idee des Trostes über den Verlust von Mitmenschen und den eigenen Tod verabschiedet zu haben und plädiert dafür, auch als Säkularer die alten religiösen Texte wiederzulesen, die er seltsamerweise mit der Musik von Bach und Mahler gleichsetzt: "Was uns tröstet, mag nicht mehr der Glaube an das Paradies sein, sondern etwas ganz anderes, ein Glaube an die Menschheit aus dem Bewusstsein heraus, dass andere Menschen, so wie wir, wussten, was es heißt, existenzielle Ängste und Einsamkeit zu empfinden, und sich von ihnen trotzdem nicht unterkriegen ließen." Der indische Autor Sudhir Kakar hält dagegen "die Vorstellung, dass das persönliche Selbst Teil eines kosmischen Selbst ist, aus dem es bei der Geburt hervorgeht und in das es sich beim Tod auflöst".
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Stichwörter: Trost, Ignatieff, Michael

Gesellschaft

Die Aufregung um die "Umweltsau" markiert für Thomas Schmid in der Welt einen Tiefpunkt der Debattenkultur - von links sowie von rechts (hier online in Schmids Blog): "Sie flüchten vor der Politik, vor der Wirklichkeit. Ihr Erregungsgetue ist ein Kult der Innerlichkeit, des Rückzugs, der Einkapselung. Das betrifft die selbsternannte Antifa und ihre intellektuellen Vorredner ebenso wie 'Identitäre' und andere National-Nostalgiker, die ihr eingebildetes Weh pflegen. Es stimmt nicht, dass das Aufkommen der AfD als Herausforderung die Debatten neu beflügelt hätte. Sie hat sie vielmehr veröden und noch weiter versimpeln lassen. Die klippschulhafte Schlichtheit, mit der von beiden zumeist noch immer über Migration geredet wird, legt dafür ein beredtes Zeugnis ab."

"Wir wollten aufwühlen, aber niemanden verletzen. Und das Letzte, was wir wollten, war ein Identitätsdiskurs. Mein gesamtes künstlerisches und politisches Schaffen zielt darauf ab, 'Mensch' zu sagen", beharrt Philipp Ruch vom "Zentrum für politischer Schönheit" im Gespräch mit Julius Betschka vom Tagesspiegel. Die Asche verstorbener Juden sei der Stele, die immer noch gegenüber dem Kanzleramt steht, entnommen worden. Ein Mahnmal sei an dieser Stelle, wo einst die Kroll-Oper war und die Nazis die Macht übernahmen, nach wie vor notwendig: "Ja, der deutsche Konservatismus darf nicht noch einmal gemeinsame Sache mit Faschisten machen. Der Ort der Mahnung dafür ist die Krolloper. Das Gelände liegt brach. Es gibt dort keinerlei Erinnerung an den Umstand, dass Faschisten Koalitionspartner brauchen. Auch die NSDAP kam nur auf 33 Prozent. Der Weg an die Macht für die neue NSDAP führt über die Union. Deshalb müssen wir den Konservativen mit großem Misstrauen beobachten und als das ansehen, was er ist: ein einziger Gefahrenherd für die Stabilität der Demokratie. Der schlechte Konservatismus wird uns verraten." Aber das Nekrophile gehört schon auch zu Ruchs Konzept: "Die Inspiration für 'Sucht nach uns' hatten wir aus Lea Roshs Zahn." Es war natürlich nicht Roshs Zahn, sondern der  Backenzahn eines ermordeten Juden, den Rosh in eine der Stelen ihres Holocaust-Mahnmals einlassen wolte.
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Medien

Das Literaturblog 54books möchte sich als ein - vorwiegend literarisches - Feuilleton im Netz etablieren und ruft LeserInnen zur Unterstützung auf: "Wir wollen  Gastautor*innen dazu holen, neue Stimmen suchen und schon etablierten einen freieren Raum bieten. Außerdem werden wir selbst Essays beisteuern, fremdsprachige Texte übersetzen (lassen), Gastbeiträge redaktionell betreuen und das Ganze mit einer kürzeren, wöchentlichen Kolumne und einem monatlichen Presserückblick abrunden. Und all das wollen wir bezahlen, zuallererst natürlich die Texte, die Menschen für uns schreiben und übersetzen. Wir sind daher auf Unterstützung durch unsere Leser*innen über Steady und andere Förderungen angewiesen."

In der SZ schreibt Leila Al-Serori über den Machtkampf zwischen Krone-Herausgeber Christian Dichand und dem Funke-Verlag, der bereits mehrfach versuchte, Dichand abzusetzen. Al-Serori erläutert: "Dass der Kampf um die Krone so erbittert geführt wird, liegt an ihrer besonderen Stellung in der österreichischen Medienlandschaft. Die Zeitung erreicht zwei Millionen Leser unter der Woche, am Sonntag gar 2,5 Millionen. Bei 8,7 Millionen Einwohnern ist das eine Reichweite von etwa 30 Prozent. Mit etwa 700 000 Exemplaren verkauft die Krone mehr als die nächsten fünf österreichischen Tageszeitungstitel zusammen."

Weiteres: "Bekommen Mitarbeiter beim BR keinen Rechtsbeistand, wenn sie sich ungeschickt und provokativ verhalten?" fragt sich Hannah Knuth in der Zeit, die die Ereignisse um den ehemaligen BR-Journalisten Richard Gutjahr noch einmal resümiert: "Hört man sich im BR und bei den Mitgliedern des Rundfunkrats um, entsteht das Bild einer Führungsspitze, die erschöpft war von dem Umgang mit ihrem intensiven Mitarbeiter Gutjahr, der ihr immer wieder auf den Geist ging."
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