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9punkt - Die Debattenrundschau

Die Stampfmühle der Bahnkreise

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2020. In der SZ erklärt der polnische Journalist Konstanty Gebert, warum die Rechtsstaatlichkeitsforderung der EU für Kaczynski gefährlicher ist als für Orban.  Nick Cohen spießt in seiner Observer-Kolumne den Churchill-Kult Boris Johnsons auf. Bei Emma kritisiert Necla Kelek die Islamkonferenz von Innenminister Seehofer, die mit säkularen Muslimen schon gar nicht mehr sprechen will. Die Armenier haben in dem Krieg in der Region Bergkarabach viele Kirchen und Kulturdenkmäler verloren, berichtet die taz. Die New York Times erklärt, wo man Gesichter kaufen kann, die garantiert echt aussehen, es aber nicht sind.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2020 finden Sie hier

Internet

Screenshot aus dem New-York-Times-Artikel.

Es war selten faszinierender, einen Artikel herunterzuscrollen, als bei diesem New-York-Times-Artikel von Kashmir Hill and Jeremy White über Gesichter, die nicht existieren, obwohl sie so echt zu sein scheinen, und über ihre Funktion in der Werbewirtschaft: "Es gibt jetzt Unternehmen, die gefälschte Menschen verkaufen. Auf der Website Generated.Photos können Sie eine 'einzigartige, völlig probemlose' gefälschte Person für 2,99 Dollar oder tausend Personen für 1.000 Dollar kaufen. Wenn Sie nur ein paar gefälschte Personen benötigen - für Charaktere in einem Videospiel oder um Ihre Firmenwebsite diverser zu gestalten - können Sie deren Fotos kostenlos auf ThisPersonDoesNotExist.com erhalten." Die Autorinnen erklären auch, woran man erkennen kann, ob das Foto eines Gesichts gefälscht ist.
Archiv: Internet

Europa

In der SZ erklärt Konstanty Gebert, Kolumnist der Gazeta Wyborcza, warum für Polens graue Eminenz Jaroslaw Kaczyński die bislang boykottierte Verpflichtung zur Rechtsstaatlichkeit der EU gefährlicher ist als für Orban, der sein Land ganz anders im Griff hat. "Weil die Mehrheit der Regierungspartei mit sechs Stimmen so hauchdünn ist wie die Ein-Stimmen-Mehrheit der Opposition im Senat, kann Polen nicht einfach ein Gesetz durchwinken oder, wie Orbán es tat, die Verfassung umschreiben, um die eigene Macht zu sichern. Die Weigerung der polnische Richterschaft, sich unter Druck zu verbiegen, inspiriert Demokraten überall; und es ist auch ein Damoklesschwert, das über der Regierung schwebt. Wenn die Bedingung des Rechtsstaatsmechanismus bleibt, wird das Schwert vielleicht fallen - und Kaczyński kann nirgendwohin fliehen." Denn auch rechts von ihm ist eine neue Bewegung entstanden, die vom ehemaligen Justizminister Zbigniew Ziobro angeführt wird und gerade gegen die Pandemiemaßnahmen auf die Straße geht.

Nick Cohen spießt in seiner Observer-Kolumne den Churchill-Kult Boris Johnsons und allgemeiner der britischen Konservativen auf: "Der Churchill-Wahn hat wenig mit dem wahren Winston Churchill zu tun. Großbritannien stand 1940 nicht allein da. Es stand an der Spitze eines riesigen Imperiums, das in der Lage war, Millionen von schwarzen und farbigen Soldaten zu mobilisieren, die von der Rechten aus der Geschichte getilgt wurden. Ihre Churchill-Kult redet den 'Volkskrieg' und die Partnerschaft in einem globalen Bündnis klein. Der Churchill des Blitzkrieges und der Churchill des Brexit haben wenig miteinander zu tun."

Konrad Litschko berichtet in der taz über einen koalitionsinternen Steit über ein "Demokratiefördergesetz", mit dem "zivilgesellschaftliche" Organisationen in den komfortablen Status einer dauerhaft finanzierten regierungsnahen Institution befördert werden sollen - bekämpft werden soll Rechtsextremismus (von anderen Spielarten des Extremismus ist in dem Artikel nicht die Rede). Die SPD drängt: "Bisher müssen Initiativen wie die Amedeu Antonio Stiftung oder Aktion Sühnezeichen alle vier Jahre neue Konzepte einreichen, um eine Bundesförderung zu erhalten - eine wiederkehrende Zitterpartie. Die Projektträger fordern deshalb seit Jahren das Gesetz. Die SPD schloss sich an, allen voran Familienministerin Franziska Giffey... Die Union sperrt sich jedoch. Ein Gesetz würde tief ins Budgetrecht des Bundestags eingreifen, heißt es dort. Es müsse möglich bleiben, einzelne Projekte auch nicht weiterzufördern. Zudem habe man die Gelder für die Projekte in den vergangenen Jahren bereits von 40 auf 115 Millionen Euro erhöht."

Nach Hamed Abdel Samad (unser Resümee) kritisiert auch Necla Kelek bei emma.de sehr scharf die Islamkonferenz unter Bundesinnenminister Seehofer, wo säkulare Muslime schon gar nicht mehr eingeladen waren. Das Modellieren des Verhältnisses zum Islam nach dem Vorbild des Verhältnisses von Staat und Kirchen funktioniert für Kelek nicht: "Das deutsche Staatskirchenrecht, beziehungsweise das Religionsverfassungsrecht geht davon aus, dass die Gläubigen einer Religion sich organisieren. In allen Staatsverträgen und Gesetzen ist vom Verhältnis von Staat und Kirche die Rede. Man könne, so das Argument der Regierung, deshalb nur mit den Organisierten, also den Verbänden sprechen. Diese Argumentation ist juristisch höchst bizarr. Angemessener wäre es, die Fragen der Integration und  Interessen der Muslime im Verhältnis zum Staat in einem 'Islamgesetz' zu regeln, wie zum Beispiel in Österreich, statt sich hinter dem Staatskirchenrecht zu verstecken, das für diese Fragen ungeeignet ist, weil die Islamverbände die Vorgaben nicht erfüllen."
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Ideen

In der NZZ fragt sich der Schriftsteller Ralf Bönt warum Religion und Wissenschaft immer als Gegensatz beschrieben werden. Können sie sich nicht eher gegenseitig inspirieren? "Dass sich keine fruchtbare Koexistenz von Wissen und Glauben, von praktischem Fortschritt und respektablem Umgang mit dem menschlichen Drama etabliert hat, erkennt man an dem fehlenden Bewusstsein für die Leistungen der Moderne. Nicht nur für Aby Warburg gilt die Entdeckung der elliptischen Form der Planetenbahnen durch Kepler als Schritt in die neue Zeit. Er gab die zwingende Vorstellung der Zentralität auf, denn die Ellipse hat anstelle eines Mittelpunktes zwei Brennpunkte. Das zu akzeptieren, hatte Kepler große Mühe. Schließlich sprach er von der Stampfmühle der Bahnkreise, an die er die Planeten fehlerhaft angebunden habe. Umso mehr könnte man erwarten, dass heute die Ellipse im kulturellen Gedächtnis der Deutschen eine Rolle spielt. Aber das ist nicht so, obwohl das Bundespräsidialamt im Schlosspark Bellevue ein großer elliptischer Bau ist. Ein Hinweis auf Kepler fehlt. Deutschland, dieses vielleicht modernste aller Länder: eine unbewusste Nation."
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Medien

Sebastian Esser, Mitbegründer der Krautreporter und der Membership-Plattform Steady (mit derauch der Perlentaucher zusammenarbeitet), kritisiert in der Berliner Zeitung die Subventionen für die Printpresse, die unter anderem der Zustellung der gedruckten Zeitungen dienen sollen, aber auch dem Aufbau von Online-Shops und Rubrikenportalen: "Die unabhängigen digitalen Medien haben sich aus eigener Kraft neue journalistische Geschäftsmodelle geschaffen. Sie hatten keine Rücklagen aus Zeiten, zu denen die Verlage noch Monopolisten waren und enorme Renditen erwirtschafteten. Sie konkurrieren aber mit den Verlagen um Reichweite, um Talente, um die Budgets der Bürger. Wenn jetzt die Regierung diese ohnehin übermächtige Konkurrenz mit enormen Summen ausstattet, verzerrt sie den Wettbewerb. Das schadet den Unternehmern, die früh den Sprung ins kalte Wasser gewagt haben. Sie belohnt die Zauderer und bestraft die Pioniere."

Während sich früher kein Journalist dabei hätte erwischen lassen wollen, wie er PR-Material von Lobbygruppen für seine Artikel verwendet, funktioniert die journalistische Zusammenarbeit mit - meist den Grünen nahestehenden - NGO ganz unkritisch, moniert Lucien Scherrer in der NZZ. Etwa bei den Armutsberichten der Caritas: "Problematisch ist, dass diese sehr ideologisch motivierten Verlautbarungen meist widerspruchslos zitiert werden, als ginge es um wissenschaftliche Befunde oder unbestrittene Tatsachen. So behauptet die Caritas via Blick, SRF und andere Medien regelmäßig, in der reichen Schweiz würden mehr als eine Million Menschen in Armut leben, um ihre Forderungen zu rechtfertigen. Diese Zahl basiert jedoch auf äußerst großzügigen Definitionen des Begriffs 'Armut'. Das Bundesamt für Statistik zum Beispiel geht von 660 000 Armen aus. Und auch diese Schätzung basiert auf letztlich willkürlichen Grenzwerten. Die Sonntags-Zeitung bezeichnete die Armutsberechnungen der Caritas denn auch einmal als 'Unfug', 'Angstmacherei' und 'Politpropaganda'. Doch solche Stimmen sind rar."

Hm, da scheint etwas schief gegangen zu sein in der Talkshow von Jörg Thadeusz. Dieser Ausschnitt des Gesprächs mit der Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel ("Unsere Welt neu denken") kursiert auf Twitter. Leider kann man nur eine emphatische Antwort von Göpel hören, aber nicht Thadeusz' Frage. Der Link zur ARD-Mediathek funktioniert nicht.

Archiv: Medien

Gesellschaft

Angesichts von Corona-Leugner-Demos, wo sich Aktivistinnen frech mit Sophie Scholl vergleichen (Video), warnt Richard Volkmann bei den Salonkolumnisten davor, den politischen Wahn der Gegenwart allein auf soziale Medien zu schieben und verweist auf das Phänomen der "ironischen Politik", das in Deutschland unter anderem von Martin Sonneborn und seiner "Partei" repräsentiert wird: "Es ist zweifellos Zufall, aber durchaus ein passender, dass das verharmlosend 'Spaßpartei' genannte Demokratieverachtungsprojekt namens 'Die Partei' just in dieser Woche mit dem Ex-SPD-Querschläger Marco Bülow seinen ersten Bundestagsabgeordneten gewonnen hat. Bülow vertritt nun auf der größten Bühne der bundesdeutschen Demokratie eine Anti-Parteien-Partei, deren inhaltlicher Kern es ist, zu zeigen, dass niemand in der Politik irgendetwas ernst meint, und deren Programm es folgerichtig ist, alles und jeden der Lächerlichkeit preiszugeben, weil ohnehin alles lächerlich ist. Zwinkersmiley."

Im Interview mit Zeit online hält der Politikwissenschaftler Dierk Borstel wenig von einem Versuch, die AfD zu verbieten. Schon die Debatte darüber bringt ihr nur Aufwind, meint er. Und sie "lenkt von den eigentlich wesentlichen Themen ab. Wenn man sich die USA oder das europäische Ausland anschaut, dann haben wir es mit einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft zu tun. Studien zeigen, dass in Deutschland allerdings momentan noch eine bewegliche politische Mitte vorhanden ist. Es wäre dringend angebracht, dass die demokratischen Parteien um diese unentschlossene, bewegliche Mitte kämpfen. ... Es ist ein uralter Fehler, sich nur an den vermeintlich politischen Feinden abzuarbeiten."
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Politik

In Brasilien wird neu über Rassismus diskutiert, nachdem ein Schwarzer von Wachleuten zu Tode geprügelt wurde. Zugleich ist die Regierung Bolsonaro in Brasilien beliebter denn je. Der Rechtsprofessor Silvio Almeida, Autor eines Buchs über "Racismo Estrutural", schildert die Regierung im Gespräch mit taz-Korrespondent Niklas Franzen   als "Symptom einer Gesellschaft, die historisch auf Gewalt beruht. Brasilien hat zwei offene Wunden: das Erbe der Sklaverei und die nicht aufgearbeitete Militärdiktatur. Bis 1888 wurden schwarze Menschen in Brasilien versklavt gehalten, so lange wie in keinem anderen Land der Welt. Und die wichtigsten Figuren der aktuellen Regierung haben während der Diktatur ihre Karrieren begonnen. Brasilien schafft es nicht, diese beiden Wunden zu behandeln."

In der FAZ berichtet Tjerk Brühwiller über die Proteste in Brasilien nach der Tötung eines Schwarzen durch weiße Wachleute. "Achtzig Prozent der von Polizisten getöteten Personen sind Schwarze. Zwei Drittel der Gefängnisinsassen sind Schwarz. Gleichzeitig stellen Schwarze in der Justiz und in der Politik sowie unter den Staatsangestellten eine klare Minderheit."

Die Armenier haben in dem Krieg in der Region Bergkarabach viele Kirchen und Kulturdenkmäler verloren. Viele von ihnen sind von aserbaidschanischen Siegern in triumphalen Internetvideos entweiht worden, schreibt Tigran Petrosyan in der taz. "Die Armenische Kirche hat viel Einfluss auf die armenische Kultur. Zu Armeniens christlichem Erbe gehören nicht nur Klöster, sondern auch Manuskripte, Liturgien und die Kreuzsteinkultur. Im Jahr 404 erschuf der Mönch Mesrop Maschtoz das armenische Alphabet und bereitete damit den Weg für die Übersetzung der Bibel und die Verbreitung des Christentums in Armenien. Auch in der Diaspora (etwa sieben Millionen) wird die Sprache gepflegt." Zugleich, so Petrosyan sei der Konflkt um Bergkarabach "kein Krieg zwischen christlichen Armenier*innen und muslimisch geprägten Aserbaidschaner*innen. Es ist eher ein ethnischer Konflikt, der sich durch Entweihung der armenischen Gotteshäuser weiter zuspitzen und den Hass zwischen beiden Völkern noch vertiefen dürfte".
Archiv: Politik