9punkt - Die Debattenrundschau

Im Körpergedächtnis zu verankern

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.04.2021. Was benennt das "hölzerne Wortgeschöpf" namens "multidirektionale Erinnerung" eigentlich anderes als eine Selbstverständlichkeit, fragt die taz. Die asiatische Demokratie ist die beste der Welt, ist sich Parag Khanna in der FR sicher. In der SZ fürchtet Karl-Markus Gauß, dass aus Slowenien ein zweites Ungarn wird. Und für prominente Journalisten kann Substack zur Gelddruckmaschine werden, versichert die Financial Times.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2021 finden Sie hier

Ideen

Eigentlich ist die Forderung nach "multidirektionaler Erinnerung" ein Gemeinplatz, findet in der taz Jan Feddersen, der unter anderem auf einen Artikel von Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer in der Zeit antwortet (unser Resümee). Denn das passiere ja längst, "das ist keineswegs ein Undergroundprojekt, ein Gros deutscher (und europäischer) Kulturinstitutionen widmet sich der Aufarbeitung kolonialer Politiken, das heißt: imperialer Verbrechen. Problematisch wird dies noble Ansinnen deshalb, weil es faktisch gegen die Kritik des Antisemitismus ausgespielt wird: Kolonialismus hat seine Wurzeln in damals wissenschaftsunterfütterten Versuchen, Afrika, Lateinamerika und Asien auszubeuten; Antisemitismus lebte als ideologische Wahnwelt immer von der Verteufelung der aufkommenden Moderne - ein Dämonisierungsprojekt durch und durch, unausrottbar, meist von rechts, sehr oft von links. Und was die von Rothberg so verfochtene 'multidirektionale Erinnerung' anbetrifft, eine, die nicht allein Jüdischem (nicht nur) in Deutschland gewidmet werden möge: Ja, das soll doch sein, gern und immer wieder - aber muss es, dieses hölzerne Wortgeschöpf namens 'multidirektionale Erinnerung', immer wieder sich gemein machen, Israel als Vorhof des Bösen zu markieren?"

Einige Teile der USA werden 2050 wegen der großen Trockenheit versunken sein, während nicht nur die Zukunft, sondern schon die Gegenwart in Asien liegt, prophezeit der indisch-amerikanische Politikwissenschaftler Parag Khanna im FR-Gespräch mit Michael Hesse: "Wir werden in den kommenden Jahren beobachten, wie sich die ökonomischen Bedingungen zwischen Asien und dem Rest noch deutlicher auseinander entwickeln werden. Asiatische Staaten werden im Vergleich zu anderen Regionen noch schneller wachsen. Politisch und ideologisch war es vor der Pandemie sehr schwierig, die Leute von den Argumenten meines Buches zu überzeugen, besonders, dass die asiatischen Demokratien die beste Regierungsform darstellen. Jetzt versteht es sich von selbst. Die ganze Welt hat es live erfahren, wie alle Staaten zur gleichen Zeit mit ein und derselben Krise umgehen. Und es hat sich objektiv gezeigt, dass das asiatische Modell den anderen überlegen ist."

Vor fünf Jahren hätte man das für einen Aprilscherz gehalten, heute ist man sich über gar nichts mehr sicher: "Ist der Erwerb einer Fremdsprache eine kulturelle Aneignung", fragt Uwe Rada in der taz: "Ja, meint Kevin Kühnert und entfacht in der SPD den nächsten Streit über Identitätspolitik. Unterstützung bekommt Kühnert von AfD und Grünen. Dagegen halten Wolfgang Thierse und die polnischen Versager."
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Europa

Das Themenfeld Rassismus und Antirassismus, Identitätspolitik und Rechtsextremismus dürfte in den Wahlkampf geraten. Die CDU kippt das von der SPD geforderte "Demokratiefördergesetz", das gegen den Rechtsextremismus engagierten Organisationen  dauerhafte Staatsgelder bescheren sollte (unsere Resümees), meldet Spiegel online. Man sei mit dem Gesetzentwurf nicht zufrieden, werden CDU-Politiker zitiert: "Konkret fordern CDU und CSU ein Bekenntnis zu der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland von denjenigen, die auf Basis des Gesetzes finanziell gefördert werden könnten, also eine Erneuerung der 'Extremismusklausel'. Das durch das Eckpunktepapier vorgesehene Bekenntnis zur Demokratie sei aus Sicht der Union nicht ausreichend und kein Fortschritt." In der taz erläutert Konrad Litschko, dass "Demokratieprojekte" bisher "immer nur für eine Legislatur" gefördert werden konnten, was nun wohl erstmal so bleiben wird. Die entsprechenden Repräsentantinnen äußern sich auf Twitter empört.

In der FR zeichnet der polnisch-deutsche Schriftsteller Artur Becker nach, wie Rechtskonservative und Gerichte in Polen die Geschichte ihres Landes umdeuten - etwa mit Blick auf die polnischen Historiker Barbara Engelking und Jan Grabowski, die schon im letzten Jahr erfahren mussten, "was es bedeutet, wenn sich die Usurpatoren der neuen Geschichtsschreibung beleidigt fühlen. Engelkings und Grabowskis gemeinsames Buch 'Die Nacht dauert weiter an', das die Beteiligung eines Teils der polnischen Bevölkerung am Holocaust untersucht, sorgte in ihrer Heimat nicht nur für eine Debatte wie einst die Bücher von Jan Tomasz Gross. Eine 80-jährige Dame, ermutigt durch eine Stiftung aus rechtskonservativen Kreisen, verklagte Engelking und Grabowski und forderte von ihnen eine Entschuldigung für ihren Onkel väterlicherseits, da beide ihn in üblen Ruf gebracht hätten, und außerdem sei ihr Ziel gewesen, Polen des Mordes an den Juden und Jüdinnen zu beschuldigen."

In der SZ fürchtet Karl-Markus Gauß derweil, dass der slowenischen Ministerpräsident Janez Jansa aus Slowenien ein zweites Ungarn macht: "Mit der Presse hat sich Janša, der einst selbst in einer oppositionellen Zeitschrift gegen die Mächtigen anschrieb, nach Manier vieler Revolutionäre sofort angelegt, kaum dass er selbst die Macht errungen hatte. Damit er sie nicht eines Tages bei Wahlen womöglich wieder verliere, arbeitet er konsequent daran, die Öffentlichkeit zu beeinflussen und die Medien einzuschüchtern. Dafür kann er sich bösen Rat bei seinem Nachbarn und Mentor Viktor Orbán holen; auch dessen tüchtigste Vasallen beim autoritären Umbau Ungarns sind ausgerückt, Janša zu unterstützen; lädt der Mann, der sich gerne in nationalistischen Losungen ergeht, doch ungarische, also ausländische Investoren dazu ein, die slowenische Medienlandschaft von Grund auf umzugestalten."

Außerdem: Bei libmod.de spricht der slowakische Oppositionspolitiker Michal Simecka im Interview mit Ludwig Greven über die katastrophale Corona-Politik der jetzigen Regierung des Landes.
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Gesellschaft

Die Pandemie hat Müdigkeit und Depression in unserer Gesellschaft, die ohnehin schon kurz vor dem Burn-out stand, noch verstärkt, diagnostiziert der Philosoph Byung-Chul Han in der Welt: "Die Pandemie verschärft auch das Suizid-Problem. Seit dem Ausbruch der Pandemie steigt in Korea die Suizidrate rasant. Das Virus verstärkt offenbar auch die Depression. Den psychischen Folgen der Pandemie wird aber global zu wenig Beachtung geschenkt. Die Menschen werden auf ihr biologisches Leben reduziert. Alle lauschen nur den Virologen, die eine Deutungshoheit erlangen. Die eigentliche Krise der Pandemie besteht darin, dass das nackte Leben sich verabsolutiert."
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Medien

Zumindest für Alphajournalisten ist Substack das Ding. Die Plattform erlaubt es Autoren, Newsletter zu veröffentlichen und Nutzer nach Belieben dafür bezahlen zu lassen. Gerade prominente Mavericks baden seitdem im Geld. Für die Financial Times hat Jemima Kelly etwa mit Glenn Greenwald gesprochen (Link über diesen Tweet), der nach Querelen sein Magazin The Intercept verlassen hat und seine superlinken Verlautbarungen seitdem auf Substack publiziert. Greenwald "hat zwischen 20.000 und 40.000 zahlende Abonnenten, von denen jeder mindestens 5 Dollar pro Monat beiträgt. Nachdem Substack seinen üblichen Anteil von zehn Prozent abgezogen hat und nach Abzug von Gebühren für die Zahlungsabwicklung bleiben Greenwald nach meinen Berechnungen zwischen 80.000 und 160.000 Dollar pro Monat, oder etwa 1 bis 2 Millionen Dollar pro Jahr. Nicht schlecht für einen einfachen Tastenknecht. 'Es ist eine Menge', bestätigt Greenwald. 'Es ist deutlich viel mehr Geld, als ich jemals zuvor im Journalismus verdient habe.'" Prominente Substack-Newsletter-Autoren sind heute etwa auch Andrew Sullivan oder Bari Weiss. Auch Yascha Mounks Magazin Persuasion läuft über Substack.

Außerdem: Die Welt beschenkt sich zum 75. Geburtstag mit einer kleinen Serie. Thomas Schmid erinnert an die Anfänge der Zeitung, in deren Untertitel einst noch "Überparteiliche Zeitung für die gesamte britische Zone. Veröffentlicht unter Zulassung durch die britischen Behörden" stand. Ebenfalls in der Welt wirft Ulf Poschardt vor allem den Öffentlich-Rechtlichen vor, zu populären "moralischen Lehranstalten" geworden zu sein, und konstatiert: "Der Vertrauensverlust der Medien in den vergangenen Jahren hat große Kollateralschäden in der Debattenkultur angerichtet. Es ist eine schlechte Entwicklung, die am Ende zu amerikanischen Verhältnissen führen könnte: einer gespaltenen Gesellschaft, in der eine Seite der anderen misstraut und es keine gemeinsame Sprache mehr über die Wirklichkeit gibt. Das sind Vorzeichen eines kulturellen Bürgerkriegs."

Julia Jäkel hört als Chefin von Gruner + Jahr auf - und zwar ganz freiwillig, melden Claudia Tieschky und Caspar Busse erstaunt in der SZ. Ist es bei Bertelsmann doch sonst eher üblich, "Führungskräfte gegen großzügige Abfindungen zu feuern", schreiben sie. Mehr bei Spiegel online.
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Kulturpolitik

Der nigerianische Botschafter Yusuf M. Tuggar appelliert in der FAZ an das "Anstandsgefühl Deutschlands, ja der Menschheit" und fordert ein weiteres Mal in einer langen Geschichte der Forderungen die Rückgabe geraubter afrikanischer Kunst: "Die nigerianische Restitutionsforderung beschränkt sich außerdem nicht auf die Benin-Bronzen, sondern umfasst unter anderem auch Ife-Bronzen und Nok-Terrakotten, die zum Teil noch nach der Unabhängigkeit Nigerias gestohlen wurden. Es ist wichtig, dass die afrikanischen Länder Raubgut zurückerhalten, um die Prinzipien der Gesetzestreue, der Rechtsstaatlichkeit und der auf Regeln basierenden internationalen Ordnung gleichsam im Körpergedächtnis zu verankern."

Urheberrecht

Die Umsetzung der EU-Urheberrechtsreform in deutsches Recht stößt weiter auf Proteste. Heute beschwert sich Peter Maffay in der SZ: "15 Sekunden eines Songs sollen von jedem Nutzer, der Clips produziert, für jeden Zweck und in jedem Kontext kostenfrei verwendet und sogar bearbeitet, also verändert werden dürfen. Was unter dem schön klingenden Begriff der Demokratisierung des Internets vorbereitet wird, ist die Teilenteignung einer Berufsgruppe, die es in keinem anderen EU-Land gibt." (Vielleicht hat das ja mit dem exzessiv ausgeweiteten Zeitraum für Urheberrechte zu tun?)
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