Efeu - Die Kulturrundschau

Dem Risiko literarisch gewachsen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2021. In Klagenfurt ist der Bachmannwettbewerb zu Ende gegangen, gewonnen hat die Autorin Nava Ebrahimi. Die KritikerInnen in FAZ bis taz interessieren sich allerdings vor allem für die KritikerInnen in der Jury. Der Tagesspiegel resümiert die Sommer-Berlinale, mit der sich das Verhältnis von Innen und Außen verschob. Die SZ lernt von Sandra Hüller, dass Körbe und Beutel viel nützlicher sind als Werkzeug und Waffen. Die Welt ärgert sich, dass die erfolgreich  diversifizierte Oper segregiert werden soll. Und die FAZ feiert die sanften Utopien von Duplex Architekten. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2021 finden Sie hier

Literatur

In Klagenfurt ist der Bachmannwettbewerb mit der Hauptauszeichnung für Nava Ebrahimi (hier ihr Text "Der Cousin") zu Ende gegangen. Der Deutschlandfunkpreis ging an Dana Vowinckel (hier ihr Text "Gewässer im Ziplock"), den dritten und den Publikumspreis erhielt Necati Öziri für seinen Text "Morgen wache ich auf und dann beginnt das Leben".

In diesem Jahr standen allerdings vor allem die in der Jury versammelten Kritiker im Mittelpunkt, hält Oliver Jungen in der FAZ fest. Dies lag auch daran, dass "der Großteil der Texte sich als arg mittelmäßig erwies: mit Lyrismen gespickte Verzweiflungsklagen, Institutsprosa der Identitätssuche, Gesellschaftssatiren, erzähltechnisch alles in altbekannten Bahnen. Vor allem aber finden derzeit die interessanteren Umbrüche auf der Ebene der Literaturkritik statt, die sich noch nie so massiv vor die Frage gestellt sah, welche Relevanz sie noch hat, zumal, wenn sie sich nicht als Empfehlungsservice verstehen will. Das empathische Sprechen über Literatur hat jedoch immer größere Geländegewinne vorzuweisen, auch beim Bachmannpreis." Als Negativbeispiele aus der Jury nennt Jungen Vea Kaiser und Philipp Tingler.

Auch tazlerin Marlen Hobrack erwähnt die Preisträger eher aus Chronistenpflicht, wird aber bei der Rezension der Jury sehr lebhaft: "Die Rollen, die hier gespielt werden! Mara Delius zeigt sich als mit allen Mitteln der Literaturgeschichte gewaschene Kritikerin, die die eigene Kritik stilistisch pointiert vorträgt, während Insa Wilke die Ärmel hochkrempelt - buchstäblich - und zur Verteidigung von Autorinnen in den Ring springt. 'Langweilig! Proseminar!', ruft Tingler in den Raum, während Insa Wilke sich bemüht, doch noch einmal ganz grundlegend nach den Möglichkeiten der Literatur zu fragen. ... Man genießt es, der Literaturkritik live zuzuschauen, auch weil es sonst so wenig Raum gibt für den menschlich-gemeinen Austausch zwischen den Kritikern, dem in Klagenfurt offensichtlich der Vorrang vor Live-Autorenlesungen eingeräumt wird." Von Philipp Tinglers Zwischenrufen ist Marie Schmidt in der SZ allerdings extrem genervt: Der vom Schweizer Fernsehen hinzugezogene Kritiker "lähmt die Diskussionen. Seinen Mangel an Kriterien kaschiert er mit einem Kritiker-Vokabular, das er auswendig kann, dessen Bedeutung er allerdings nicht beherrscht."

Ja, aber die Preisträgerin selbst? Die hat aus gutem Grund gewonnen, meint Judith von Sternburg in der FR: Ebrahimis Geschichte ist "ein vielschichtiger Text über den Umgang mit einem familiären Trauma und über die Frage, wie sich künstlerisch damit umgehen, wie sich davon erzählen lässt. Dazu eine Autorin, die etwas riskierte und diesem Risiko literarisch gewachsen war."

Die drei Preisträger verhandeln in ihren Texten Migrationserfahrungen mit je eigenem ästhetischen Zugriff, hält Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest. Die "formal gewagtesten Texte" sind allerdings leer ausgegangen, schreibt er: "Heike Geißlers mal aus schlimmen, nur leicht veränderten Platitüden, mal aus funkelnden Satzkaskaden bestehender Wir-Ich-die-böse-Welt-Text 'Die Woche'. Und Verena Gotthardts an Peter Kurzeck gemahnendes Kurzsatzstakkato 'In Jüngster Zeit'."  David Hugendick von ZeitOnline langweilte sich weitgehend: "Aus der im Vergleich zu den Vorjahren bemerkenswert trüben Sammlung stach kaum ein Beitrag heraus." Dlf Kultur hat mit der Preisträgerin Nava Ebrahimi gesprochen.

Weitere Artikel: In Umberto Ecos Bibliothek wird man künftig dank eines Digitalisierungsprojekts der Universität Bologna künftig auch digital stöbern können, meldet Karen Krüger in der FAZ. Hans Maier schreibt in der Dante-Reihe der FAZ über Dantes Groll wider Papst Benedikt XVI. In den "Actionszenen der Weltliteratur" schreibt Matthias Heine darüber, wie Rimbaud einmal Napoleon - oder zumindest eine Statue von ihm - zu Fall brachte. Willi Winkler (SZ) und Paul Jandl (NZZ) erinnernn an den vor 100 Jahren geborenen Dichter und Literaturredakteur Helmut Heißenbüttel. Der Schriftsteller Michael Krüger schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Münchner Buchhändlerin Inge Poppe.

Besprochen werden unter anderem Ulrike Edschmids "Levys Testament" (Jungle World), der 30. Brunetti-Fall von Donna Leon (Standard), Bettina Baltschevs Essay "Am Rande der Glückseligkeit" (Standard), Zsuzsa Bánks "Sterben im Sommer" (Standard), Katharina Hackers Kinderbuch "Alles, was passieren wird" (FR) und neue Hörbücher, darunter eine von Anette Daugardt und Uwe Neumann gelesene Aufnahme von Heinrich Heines "Matratzengruft" (FAZ).
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Architektur

Ein Versailles für die Studies: Der Innenhof des Studierendenhaus im Erlenmatt-Quartier. Foto: Duplex Architekten 


In der FAZ feiert Niklas Maak die sanften Utopien der Architekten Anne Kaestle und Dan Schürch vom Büro Duplex, die mit ihren Bauten die Unorte der Schweiz zu lebenswerten Räumen umgestalten, wie etwa mit ihrem Studierendenhaus im Baseler Erlenmattquartier, das nicht allen Wohnungen einen Balkon gönnt, sondern auch einen gemeinsamen Innenhof: "Typologisch erinnert der Hof an eine der großen Wohnutopien der Moderne, das Phalansterium von Charles Fourier, der im frühen 19. Jahrhundert ein 'Versailles für das Volk' entwarf, einen Volkswohnpalast für die Arbeiter mit würdevollen Wohnungen, Werkstätten und Kindergärten, die es Frauen erlauben würden, zu arbeiten, und einem Festsaal in der Mitte - damals, zu Beginn der Industrialisierung, eine Revolution. Im großen Wohnzimmerhof von Duplex wird diese Form für das postindustrielle, digitale Zeitalter, in dem vermehrt von zu Hause aus gearbeitet wird, wiederbelebt: Hier kann gelernt, gedöst, gefeiert werden."
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Film

Christiane Peitz resümiert im Tagesspiegel das Publikums-Sommer-Special der Berlinale, deren Filme, die zum Teil schon die Pandemie reflektierten, sie aus Corona-Perspektive in den Blick nimmt. Ihr Fazit: "Der Einzelne und die Menge, daheim und draußen, die Verhältnisse verschieben sich. Seit Beginn der Pandemie denken wir darüber nach. Das Kino, diese Membran zwischen Innen und Außen, ist dafür ein fantastischer Ort."

Besprochen werden Pedro Costas "Vitalina Vera" (Standard, unsere Kritik hier), Sandra Wollners "The Trouble with Being Born" (Standard), Jim Cummings' und PJ McCabes auf der Berlinale gezeigter "Der Betatest" (taz), Maria Schraders "Ich bin dein Mensch" (Jungle World), die Miniserie "It's a Sin" (Freitag, FAZ) und Dennis Parrots auf Arte gezeigte Video-Collage "Coming Out" (taz).
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Bühne

Sandra Hüller in "The Shape of Trouble to Come". Foto: Andreas Schlager / Schauspiel Leipzig


Die Schauspielerin Sandra Hüller kann es sich natürlich erlauben, ihr eigenen Ding zu machen, aber was sie mit ihrer Kompanie FARN.collective auf die Beine stellt, ringt SZ-Kritikerin Christine Dössel doch große Bewunderung ab. Zum Beispiel die erst in Leipzig, dann in Bochum gezeigte Performance "The Shape of Trouble to Come", eine biodiverse Utopie, die die alte Erzählung vom Jäger, der loszieht, um das Mammut zu töten, unterminieren soll: "Weshalb sich Hüller in ihrem impulsiven Eingangsreferat gleich mal über das 'lange, harte Ding' des Mannes in seiner angeblich kulturbegründenden Bedeutung als Waffe und Werkzeug mokiert (gemeint sind Speer und Keule). Ihre Patinnen im Geiste sind die feministische Naturwissenschaftshistorikerin Donna Haraway und die 2018 gestorbene Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin. Mit ihnen feiert Hüller als Werkzeug der ersten Stunde das Behältnis, den Korb, den Beutel: Da kann man etwas Nützliches und Schönes hineintun und auch wieder herausholen. Samen zum Beispiel. Etwas säen statt töten." Nachtkritiker Georg Kasch sah den Abend allerdings am Ende ein wenig zerfasern.

Die Segregation unter woken Vozeichen erreicht jetzt auch die Oper, stöhnt Manuel Brug in der Welt, dabei war es hier immer schon eine Errungenschaft, dass Wagner von schwarzen Sopranistinnen, Don Giovanni von fluiden Mezzos und alte Ammen von Countertenören gesungen wurden. Aber ein schottischer Chor darf nicht mehr John Adams'  "Nixon in China" singen, ärgert sich Brug, er musste sich nach dem Tweet eines Sängers - "mit 343 Followern" - für seine "Verfehlung" entschuldigen: "Dieser Julian Chou-Lambert hat für seine absurd übersteigerten Vorwürfe nun immerhin seine 15 Minuten Ruhm bekommen, aber die bedeutende Oper 'Nixon in China' wird vermutlich ab jetzt in den englischsprachigen Ländern einen schweren Stand haben. Weil man nirgends außerhalb Asiens eine weitgehend asiatische Besetzung wird zusammenstellen können. So geht es auch schon George Gershwins 'Porgy and Bess', das die Rechtinhaber schon seit Jahrzehnten nur für eine authentische Besetzung der farbigen Rollen freigeben; was in Europa eigentlich nur noch Gastspiele möglich macht. Und das ausgerechnet bei einem Werk, das von einem russischen Juden und einem Angehörigen der weißen Oberschicht von Charleston geschrieben wurde und zeittypisch ziemlich viel rassistische Stereotype aufweist, mehr zum Beispiel als Puccinis 'Turandot'."

Besprochen werden Akın Emanuel Şipals deutsch-türkische Familiengeschichte "Mutter Vater Land" in Bremen (das taz-Kritiker Benno Schirrmeister davon überzeugte, dass nicht alles ein Ziel haben muss) Thomas Melles "Stück "Ode" am Schauspiel Frankfurt (FR), Lara Foots Adaption von J.M. Coetzees Roman "Leben und Zeit des Michael K." für die Handspring Puppet Company beim Festival Theater der Welt (die Simon Strauß in der FAZ absolut formidabel findet), Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung von Shakespeares "König Lear" im Staatstheater Wiesbaden (FR), Molières "Don Juan" am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik) und Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Lohengrin" an der Wiener Staatsoper (Standard).
Archiv: Bühne

Kunst

Philipp Meier schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer Polizisten Fotografen Arnold Odermatt. Olga Kronsteiner berichtet im Standard von der Kunstmesse Vienna Contemporary. Besprochen wird eine Schau des Expressionisten Walter Gramatté in der Hamburger Kunsthalle (FAZ).
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Musik

#MeToo im Deutschrap: Die Influencerin Nika Irani hat auf Instagram (wo sie ihren Account mittlerweile auf privat gestellt hat) Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Rapper Samra geäußert. Weitere Frauen schlossen sich dem Beispiel an und berichteten von Übergriffen männlicher Rapstars, berichtet Elena Witzeck in der FAZ. Das Label Universal Music lässt die Zusammenarbeit mit Samra bis zur Klärung der Sachlage ruhen, der Rapper selbst schäumt auf Instagram derweil vor Wut.

"Das alles trifft eine Szene, die ihren Frauenhass in vielen Songs noch immer in die Auslage stellt", schreibt Jakob Biazza in der SZ. "In ihrem klugen Text 'How Hip-Hop Rewards Rappers for Abusing Women' hat die Autorin Amy Zimmerman vor ein paar Jahren für die USA zusammengetragen, dass auffallend oft die Künstler besonders erfolgreich sind, die wegen Gewaltdelikten vor Gericht standen, auch und vor allem wegen solcher gegen Frauen. Was auch deshalb so gut funktionierte, weil die Szene lange still blieb." Auch im aktuellen Fall waren "die einschlägigen Hip-Hop-Medien zunächst auffallend zurückhaltend" und "die größeren Rap-Kollegen schwiegen ohnehin."

Außerdem: Die NZZ hat Samuel Mistelis Reportage von seinem Besuch bei Fela Kutis Familie online aus der Wochenendausgabe nachgereicht. Dierk Saathoff und Vojin Saša Vukadinović hören sich für die Jungle World durch die Diskografie von Sleater-Kinney. Jonathan Fischer porträtiert für ZeitOnline den malisischen Koraspieler Ballaké Sissoko. Hier ein Beispiel seiner Kunst:



Besprochen werden das neue Album von St. Vincent (FAZ) und das Solodebüt von Fritzi Ernst (Zeit).
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