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18.11.2025. Der Schriftsteller Ivo Andrić wird heute von allen Seiten vereinnahmt, besonders von großserbischen Nationalisten, erzählt in der Welt der Germanistikprofessor Vahidin Preljević. In der NZZ kennt der Dichter Michael Krüger kein Pardon für Unterhaltungsliteratur. Der Tagesspiegel lässt sich bei Lydia Steiers Inszenierung der Offenbach-Oper "Hoffmanns Erzählungen" in ein funkelndes New York entführen, die FAZ versinkt hingegen im Chaos. Die Feuilletons trauern um die Kessler-Zwillinge.
Die Brücke über die Drina wird heute politisch genauso instrumentalisiert wie Ivo Andrićs gleichnamiger Roman, meint Benedikt Karl, der für die Welt in die Republika Srpska gereist ist, den serbischen Landesteil Bosnien-Herzegowina. Vereinnahmt wird Andric von allen Seiten, besonders jedoch von den großserbischen Nationalisten, erzählt ihm der Germanistikprofessor Vahidin Preljević. "'Das fängt schon damit an, dass Ivo Andrić als serbischer Autor vereinnahmt wird', sagt der Literaturwissenschaftler. 'Dabei hat er sich niemals nur als serbischen Autor ausgegeben.'" Heute setzen nationalistische Serben eben nicht das Militär für ihre Ziele ein, sondern Kultur. "Pro-serbische Politiker versuchten, 'alle abweichenden Merkmale einer bosnisch-serbischen Identität zu eliminieren'. Das fange bei der Sprache und kulturellen Gepflogenheiten an. 'Über diese kulturelle Schiene soll die Identifikation mit Bosnien gekappt und auf Serbien selbst übertragen werden', schlussfolgert der Wissenschaftler."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der NZZ kennt der Dichter und ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger, der gerade den zweiten Band seiner Memoiren veröffentlicht hat, kein Pardon für Krimis, Fantasy und alles, wo "Spiegel-Bestseller-Autor" draufklebt: "Schriftstellerisch ist das alles vollkommen belanglos. Der kulturelle Bruch ist, glaube ich, der, dass Literatur eines Tages nicht mehr als Kunst angesehen wurde, sondern als Unterhaltung für gestresste Menschen." Wer keine Lust hat, lange Romane zu lesen, soll doch einfach mal einen Gedichtband in die Hand nehmen, empfiehlt er: "Man lernt mit ihnen, sich kurz zu fassen. Man sollte in allen Institutionen, von der Bank bis zum Parlament, am Anfang von Sitzungen ein Gedicht vorlesen. Wenn Friedrich Merz vor Beginn der Haushaltsdebatte ein Gedicht von Paul Celan deklamieren würde! Oder von Arnfrid Astel: 'Ich hatte schlechte Lehrer. / Das war eine gute Schule.' Gedichte können in der kürzesten Form unendlich viele Fenster aufstoßen. Heute findet das Gedicht leider vor allem auf Traueranzeigen statt."
Besprochen werden die Schau "Les Mondes de Colette" in der französischen Nationalbibliothek in Paris (FAZ), Sibylle Bergemanns Bildband "Das Denkmal" über die Entstehung des Ostberliner Marx-Engels-Forums (taz), Roland Kaehlbrandts Liebeserklärung an die deutsche Sprache (Welt), Susanne Krings Adaption von Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel" als Hörspiel (taz), Biografie über den Diktator Franco (FR), Anna Maschiks Roman "Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten" (FR), Salman Rushdies Roman "Die elfte Stunde" (Tsp), Thomas Steinfelds "Rauschen in der Nacht" (FAZ), Rudolf Schlögls Band über "Europas Frühe Neuzeit" (FAZ) und Heinrich Meiers Biografie über Leo Strauss (FAZ).
Die Kessler-Zwillinge sind gestorben. Die beiden gehörten zu den wenigen internationalen Stars, die Deutschland in der Nachkriegszeit hervorgebracht hat. Alice und Ellen Kessler, geboren 1936 in Nerchau (Grimma), nach dem Zweiten Weltkrieg DDR, machten eine Tanzausbildung und zogen mit 18 Jahren nach Paris, wo die beiden blonden, langbeinigen, bildschönen jungen Frauen am Lido eine rauschende Karriere machten. "Von 1954 bis 1960 tanzten sie im Lido, später im Olympia, und natürlich war man auch im Wirtschaftswunderdeutschland auf den doppelten Exportschlager aufmerksam geworden", schreibt Arno Frank im Spiegel. "Die Kesslers drehten bald einen Film nach dem anderen, in Deutschland, Frankreich und Italien, durchweg Massenware à la 'Solang' es hübsche Mädchen gibt'." Sie tanzten "auf Bühnen von New York bis Las Vegas, von London bis Hongkong, von Buenos Aires bis Sydney. In der populären 'Ed Sullivan Show' waren sie 14-mal zu Gast und liefen dort Leuten wie Frank Sinatra, Harry Belafonte, Dean Martin oder Bing Crosby über den Weg. Unterdessen schrieben sie in Deutschland mal eben Fernsehgeschichte ('Klimbim', 'Dalli Dalli'), zeigten - eine Premiere für das Land - im italienischen Fernsehen ('Studio Uno') erstmals Bein." Die beiden haben nie geheiratet und nahmen offenbar gemeinsam "begleitete Sterbehilfe" in Anspruch, erzählt Elke Heidenreich, die auf Zeit online einen kurzen Nachruf schreibt. In der tazschreibt Jan Feddersen.
Hier singen sie 1968 ein kleines Gebet bei Ed Sullivan:
In der SZ berichtet Max Florian Kühlem von dem dreitägigen, internationalen "Ideenfestival zur Zukunft der Klassik", das die Kulturstiftung des Bundes veranstaltet hat. Klassik ist schwierig, weiß Kühlem, das "merkt man genau hier, an dieser Stelle: Bespricht das Feuilleton eine Opernpremiere im Münchner Raum nicht, hagelt es umgehend Protestbriefe. Gleichzeitig gehören solche Besprechungen zu den am wenigsten gelesenen Texten. Es ist also eine kleine, aber stabile Gruppe, die Klassik liebt und verteidigt - Teil der bildungsbürgerlichen Mittelschicht."
Weitere Artikel: Der Musiker Parov Stelar spricht im Interview mit dem Standard über sein Buch "Trip", das vom Leben als Künstler erzählt und die Abgründe der Musikindustrie nachzeichnet. In der SZ berichtet ein enthusiastischer Helmut Mauró über die Entdeckung zweier Orgelstücke von Johann Sebastian Bach durch den Musikwissenschaftler Peter Wollny: "Der erste Eindruck: Knapp konzentrierte, hochambitionierte kontrapunktische Figuralkunst, die zu einem 17-jährigen Hochbegabten passt. Eines ist klar: Bach hat nicht allzu klein angefangen." Auf Zeit onlineberichtet dazu Christina Rietz. In der FRschreibt Harry Nutt zum Tod des Countrymusikers Todd Snider.
Besprochen werden ein Konzert mit Beethoven, Schönberg und Schubert in der Alten Oper Frankfurt (FR) und ein Konzert der schwedischen Metalband Sabaton in der Uber Arena in Berlin ("Die Musik von Sabaton kann man sich grundsätzlich als symphonisch angedickten Metal mit pseudogregorianisch gegurgelten Chor-Einlagen vorstellen. Daneben fanden sich beim Berliner Konzert viele Stücke, die an den in Deutschland derzeit äußerst populären Shanty-Rock von Santiano erinnerten, mit gleichermaßen geschunkelt wie gestampft wirkenden Rhythmen und Männerchorgesängen; man bekam sofort Lust, dazu ein paar Taue zu straffen oder sich um eine Ankerwinde zu drehen", resümiert ein animierter Jens Balzer bei Zeit online).
In der NZZerinnert sich Urs Bühler an Emmi Creola-Maag aka Betty Bossi, Ratgeberin und Influencerin avant la lettre, der Regisseur Pierre Monnard gerade ein Biopic gewidmet hat. Besprochen wird Ari Asters Western "Eddington" mit Joaquin Phoenix, Emma Stone und Pedro Pascal (SZ, Tsp.).
Szene aus "Les Contes d'Hoffmann" an der Staasoper Berlin. Foto: Bernd Uhlig Tagesspiegel-Kritiker Frederik Hanssen bekommt bei der Premiere von Lydia Steiers Inszenierung der Offenbach-Oper "Les Contes d'Hoffmann" glänzende Augen. Steier bringt das Stück an der Staatsoper Berlin als "magisches Zaubertheater-Spektakel" auf die Bühne, "dessen Rahmenhandlung nicht, wie im 1881 uraufgeführten französischen Original am Berliner Gendarmenmarkt angesiedelt ist, sondern in New York. Im Vorspiel funkelt die Brooklyn Bridge in der Ferne, der Olympia-Akt spielt zur Vorweihnachtszeit in einem verschwenderisch geschmückten Kaufhaus. Schwindelerregend fantasievoll." Offenbachs "Episoden-Musiktheater über das Liebesleben und -leiden E.T.A. Hoffmanns ist schon bei der Libretto-Lektüre verwirrend, Steier fügt der Story weitere Bedeutungsebenen und Erzählstränge hinzu - trotzdem geht ihr Konzept auf: Bereitwillig lässt man sich durch dieses dreieinhalbstündige Phantasmagorie-Panoptikum treiben, weil die Regisseurin nie gegen die Musik inszeniert."
Weniger begeistert ist Jürgen Kaube in der FAZ. Es gibt ihm hier zu viele willkürliche Einfälle, "einen durchgängigen Sinn von Offenbachs Bilderfolge" zu finden, gelinge Steier nicht, "stattdessen inszeniert sie 'Hoffmanns Erzählungen' als den Kampf zwischen Engel und Teufel um die Seele des verstorbenen Dichters. Dass der Teufel im Fegefeuer nichts zu suchen hat, ficht sie dabei so wenig an wie die Tatsache, dass Hoffmann gar nicht nach Läuterung strebt. Ach, Religion, da muss man es nicht so genau nehmen. Einen Streit um die Dichterseele sieht man überdies nicht, er bleibt bloße Behauptung. Die Muse ist kein Engel. Engel, die den Alkohol loben, sind eh selten."
Weiteres: Das Dresdner Fast-Forward-Festival für junge europäische Regie wird nächstes Jahr wegen Sparmaßnahmen nicht mehr stattfinden, berichtet Michael Bartsch in der taz. Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" an der Oper Bonn (FR), Karin Henkels Adaption von Ágota Kristófs "Das große Heft" am Schauspielhaus Hamburg (SZ) und zwei Inszenierungen von Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel", einmal am Opernhaus Zürich (Thom Luz), einmal an den Bühnen Bern (Raimund Orfeo Voigt) (NZZ).
"Heuchlerisch" findet Isabel Heusser in der NZZ die Debatte um die Sammlung des Waffenfabrikanten Bührle und der fraglichen Provenienz der gesammelten Kunstwerke (unsere Resümees): "Selbstverständlich ist es wichtig, die Herkunft der Werke sauber abzuklären. Wie groß der Nutzen dieser weiteren Untersuchung ist, ist allerdings fraglich. Die Kritik an der Bührle-Sammlung dürfte kaum abreißen. Denn im rot-grünen Zürich ist allein der Umstand eine Ungeheuerlichkeit, dass im Kunsthaus das Erbe eines Waffenhändlers gezeigt wird. Schon vor fast zehn Jahren schlugen zwei Stadtparlamentarier der Grünen vor, eine Flugabwehrkanone aus Bührles Fabrik vor dem Chipperfield-Bau aufzustellen, um ein 'Ausrufezeichen' zu setzen. Jahre später brachte der damalige Stadtrat der Alternativen Liste, Richard Wolff, diese Idee wieder auf. Seine Partei verlangte von der Stiftung, die Werke dem Museum als Schenkung zu überlassen."
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