Efeu - Die Kulturrundschau

Die andere Seite menschlichen Hirnlebens

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2026. Die Zeit ärgert sich über vereinfachte Literaturklassiker und Lehrämtler, die keine Lektüremotivation mitbringen. Deutschland-Kritik wird erst bei Rolf-Dieter Brinkmann schön, finden die Kritiker eines Brinkmann-Abends am Schauspiel-Köln. In Russland wird weiterhin Kunst gesammelt, aber vieles wird wegen der Zensur nicht ausgestellt, bringt die FAZ in Erfahrung. Cargo denkt über Filme nach, die die Rhetorik der Macht in Amerika offenlegen. Mahlers Achte, dirigiert von Kirill Petrenko, haut die Kritiker in der Berliner Philharmonie um. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2026 finden Sie hier

Literatur

Der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt ist im Alter von 90 Jahren gestorben. "In den Siebzigerjahren zählte er zu den Autoren der Neuen Subjektivität, die nach den Erfahrungen der Studentenrevolte eine andere, an Herbert Marcuses Schlagwort von der 'Neuen Sensibilität' orientierte Poetologie ausprobierten", schreibt Hilmar Klute in der SZ. "Piwitt hat es verstanden, das Aroma jener späten Nachkriegsjahre in seinen Erzählungen zu konservieren. ... Die Distanz zu seinem späteren Milieu, die sanfte Zurückweisung der Achtundsechziger und ihrer blechfroschhaften literarischen Ästhetik, die Hinwendung zur mit Sinnlichkeit versüßten Politik Italiens, all dies hat Piwitt schon 1976 in seiner Essaysammlung "Boccherini und andere Bürgerpflichten" gespiegelt. Es ging ihm, da war er seinem Freund Nicolas Born nicht unähnlich, um die Empfindungen hinter den Parolen, die Verletzungen hinter den politischen Kämpfen."

"Piwitt konnte alle Zustände der Menschenseele schildern", staunt Dietmar Dath in der FAZ. "Was ihn quälte, war die Außenwelt, aber auch Inneres, zu viel Mitleid mit Natur, zu wenig Geduld mit denen, die alles mitmachen, und so genau er beschreiben konnte, wie sich etwas von innen anfühlt, so transparent war ihm dann doch auch die andere Seite menschlichen Hirnlebens, das Argumentieren, Begründen, Folgern."

Etwas deutlicher schrieb Hans-Christoph Buch vor einem Jahr im Tagesspiegel zum 90. Gebuurtstag Piwitts. Er hätte zwar den ästhetischen Kahlschlag der Neodogmatiker in der 68er Zeit nicht mitgemacht, "aber er geriet in schlechte Gesellschaft in Hamburg, dessen linke Szene von der Zeitschrift konkret und der DDR-hörigen DKP dominiert wurde, während in Westberlin Maoisten die Agenda bestimmten... Auch wer sich wie Piwitt weigerte, rote Fahnen zu schwenken, zollte dem Zeitgeist Tribut. Statt sich wie sein Freund Nicolas Born frei zu machen von fremdbestimmten Ansprüchen, versuchte Piwitt, politische Einsichten zu verbinden mit avancierten Erzählformen, die Quadratur des Kreises, an der vor ihm schon andere gescheitert waren."

Literaturklassiker in einfacher Sprache als Handreichungen für Deutschlehrer und deren Schüler gibt es schon seit Jahrzehnten, von daher ist die aktuelle, kulturkämpferische Aufregung zu diesem Thema Jens Jessen in der Zeit nicht sonderlich einsichtig. Zumal das Problem doch eh schon woanders anfange, nämlich an den Universitäten: "Die Germanistikstudenten, aus denen ja größtenteils Deutschlehrer hervorgehen sollen, sind nämlich ihrerseits schon eher unwillig, sich dem Anspruchsniveau der klassischen Literatur zu stellen", was sich "schon in den Siebzigerjahren" beobachten ließ. "Wie also sollte man von Schülern verlangen, was schon den Lehrern in ihrer Jugend eine Last war? ... Es hat etwas Unredliches, den schulischen Umgang mit alten Texten zu kritisieren, ohne diese gesellschaftliche Atmosphäre mitzudenken, die dem klassischen Erbe moralisch misstraut."

Weitere Artikel: Das publizistische Nachbeben zu Peter Handkes umstrittener "winterlichen Reise" aus den Neunzigern ist komplizierter als Alexander Schimmelbusch es in der FAZ darstellt (hier unser Resümee), schreibt Mladen Gladic in der Welt. Yannic Walter resümiert in der taz einen Fitness-Abend im Literarischen Colloquium Berlin. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Julian Barnes zum 80. Geburtstag. Dessen heute erscheinendes Buch "Abschied(e)" rezensiert Judith von Sternburg in der FR.

Besprochen werden unter anderem Jens Harders Comic-Epos "Gamma … visions" (taz), Harald Jähners "Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967" (NZZ) und neue Hörbücher, darunter Kai Grehn mit erheblichem Aufwand realisiertes Hörspiel "Die Causa Jeanne d'Arc" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
Archiv: Literatur

Bühne

"Die Wörter sind böse". Bild: Birgit Hupfeld.


Wolfgang Menardi inszeniert Rolf Dieter Brinkmanns Hörspiel "Die Wörter sind böse" am Schauspiel Köln, mit direkt fünf Brinkmanns, die auf Köln, auf Deutschland, auf das Leben an sich schimpfen. Nachtkritiker Martin Krumbholz hält fest: "Das Erstaunlichste an diesem Abend ist die enorme Ernsthaftigkeit, mit der er seine Agenda vorträgt, oft lippensynchron mit dem eingespielten Original-Hörspiel. Kaum einmal wird gelacht, trotz Köln-Sülz und all dem lokalmasochistischen Schabernack eines hochempfindsamen Künstlers. Formale Probleme hätten ihn nie so stark interessiert, hat Brinkmann einmal freimütig bekannt. (…) Es geht nicht um Form, es geht um die (ungebrochene) Aussage: Alles Scheiße."
 
Patrick Bahners sieht für die FAZ in Köln auch Kriegs- und Deutschlandkritik eines Unversöhnlichen: "'Hinten fährt 'ne Straßenbahn vorbei in einen Vorort. Schleppt wieder Menschen weg." Das Bild ist frappant, aber der Sache nach ist die Verschleppung als logistische Vorstufe des Völkermords hier Versatzstück einer Kulturkritik, die den Wiederaufbau als Fortsetzung der kriegerischen Vernichtung deutete. Ganz konventionell ist in diesem Zusammenhang Brinkmanns Polemik gegen die autogerechte Stadt."
 
Dass Constance Debrés Roman "Love Me Tender" auch auf der Bühne funktioniert, hätte sich SZ-Kritikerin Yvonne Poppek nicht vorstellen können, aber Regisseurin Felicitas Brucker beweist ihr in den Münchner Kammerspielen das Gegenteil. Die Protagonistin hat viel mit der Autorin gemein und steigt aus ihrem bisherigen Leben, ihrer Familie aus, von Brucker wird das Erleben auf drei Darstellerinnen verteilt: "Jede von ihnen hat ihre eigene Qualität, sodass sich ein geschickter, doppelter Effekt ergibt. Einerseits ist die Hauptfigur in viele Facetten gegliedert. Da lässt Katharina Bach einmal die Härte spüren, die Angriffslust als letzte Verteidigungsstrategie, im nächsten Moment spült Annette Paulmann Wärme und trockenen Witz auf die Bühne, schließlich vereint Jelena Kuljić so Gegensätzliches wie eine harte Panzerung und große Zerbrechlichkeit. (…) Durch dieses permanente Changieren ergibt sich ein Zweites - und das ist dann die kongeniale Bühnenübersetzung für das, was auch Debré in ihrem Roman vollzieht: Ein privates Erleben wird als gesellschaftliches Phänomen begriffen und in die Zeit übersetzt."
 
Weiteres: Sylvia Staude interviewt für die FR die israelische Choreografin Naomi Perlov, die im Tanz Zuflucht findet.

Besprochen werden:  "Ukrainomania" am Wiener Volkstheater von Jan-Christoph Gockel (taz), Christoph Marthaler inszeniert Gustav Mahlers "Die Unruhenden" an der Hamburger Oper (taz), Thorsten Lensings "Tanzende Idioten" im Haus der Berliner Festspiele (Zeit), "3 Schwestern. Eine Kosmologie" am Schauspiel Zürich, Barbi Markovićs Tschechow-Überschreibung, Regie führt Christina Tscharyiski (Nachtkritik, NZZ), "Die Wahlverwandtschaften" frei nach Goethe am Theater Basel, inszeniert von Leonie Böhm (Nachtkritik), der Ballettabend "Timeframed" am Zürcher Opernhaus (NZZ), Armin Petras' "Napoleon" am Staatstheater Saarbrücken (Nachtkritik) und "Kafkas Traum", geschrieben und inszeniert von Andreas Kriegenburg am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Kunst

Die Kunstwelt in Russland entwickelt sich gerade in zwei Richtungen, hält Kerstin Holm für die FAZ fest: Alles, was an den sowjetischen Terror erinnert, wird nicht gezeigt, aber die Museen und Sammler haben in ihren Sammlungen trotzdem Zuläufe wie selten. Gezeigt wird allerdings fast nur Historisches, das sich patriotisch vereinnahmen lässt, "aktuelle Kunst hat es schwer. Soeben wurde in einem renommierten Moskauer Museum eine schon fertig gehängte Schau zeitgenössischer Werke von den Behörden verboten. Vorigen Herbst sollen vor der Eröffnung der Kunstmesse Cosmoscow zensierte Kunstwerke lastwagenweise abtransportiert worden sein. (…) Ein anderer Freund erzählt, russische Sammler kauften derzeit viel Zeitgenössisches, zeigten es aber nicht. Von Künstlern hört man, sie hätten viele Aufträge, aber keine Ausstellungen. Stattdessen leben Wohnungsausstellungen wie in der späten Sowjetunion wieder auf. Die Zensur verschärft sich rapide. Doch sollte einst ein kulturelles Tauwetter einsetzen, wird es in Russland viel Kunst zu entdecken geben."

Besprochen wird: Die Ausstellung "Möglichkeiten einer Insel. Denken in Bildern von Gerstenberg bis Scharf" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kunst in Russland

Film

Noch bis zum 25. Januar läuft im Berliner Zeughauskino das Nachspiel einiger Filme der von Tilman Schumacher (der auch für den Perlentaucher als Kritiker tätig ist) ursprünglich für DOK Leipzig kuratierten Reihe "Un-American Activities" (unser Resümee) mit us-amerikanischen Filmen, die zur Zeit der DDR bei DOK Leipzig im Programm liefen. Aus diesem Anlass hat Cargo Schumachers großen Essay zur Reihe online freigeschaltet. "Was ist es, was die Filme enthüllen? Ich denke, sie treibt vor allem die Offenlegung einer sehr amerikanischen Rhetorik der Macht um. De Antonios Filme kreisen um medial vermittelte Mechanismen des Machterhalts und -missbrauchs. Dialog- und Monologexzesse wie 'Point of Order' (1964) und 'Milhouse - A White Comedy' (1971) sind Found-Footage-Montagen, die nicht weniger als eine Demontage der schillernden Führungsfiguren des ultrakonservativen Amerikas zum Ziel haben. De Antonios Filme sind scharf, kantig, ätzend; es sind persönliche Feldzüge, ohne Rücksicht auf Verluste." Doch "handelsübliche Agitprop war ... eher die Ausnahme als die Regel." Diese Filme "gehen in Konfrontation mit dem eigenen Land, dessen Versprechen sie nicht eingelöst sehen. Sie haben die Hoffnung auf die USA - trotz allem - noch nicht aufgegeben."

Weitere Artikel: Mit Ausnahme von Jafar Panahis Rede und eines Seitenhiebs Richtung Donald Trump war die Verleihung des Eurpäischen Filmpreises, bei der Joachim Triers "Sentimental Value" als bester Film ausgezeichnet wurde, ein "eher unpolitischer Abend", berichtet Jenni Zylka in der taz. Für den Standard resümiert Valerie Dirk den Abend. Denis Sasse widmet sich im Filmdienst Patchwork-Family-Filmen. Besprochen werden Chloé Zhaos Shakespeare-Drama "Hamnet" (Tsp, mehr dazu bereits hier) und Wilfried Haukes mit Spielszenen angereicherte Kinodoku "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren" (SZ).
Archiv: Film

Musik

Die Berliner Philharmoniker haben unter Kirill Petrenko Mahlers Achte gespielt - Publikum und Kritiker waren begeistert. In Sachen Bombast ist diese Sinfonie eine geradezu legendäre Herausforderung, schreibt Alexander Cammann in der Zeit. Doch der Dirigent "stürmt hinauf auf diesen sinfonischen Gipfel. Und er macht den Hymnus Veni, creator spiritus ('Komm, Schöpfer Geist') weniger zu einer Feier des Schöpferischen, wie es sich der Komponist vorgestellt hatte, sondern zu einem umkämpften Inferno, was zu Mahler wiederum traditionell außerordentlich gut passt, der auch in dieser Sinfonie seine Musik nach grell strahlenden Tönen gerne in den Abgründen danach erschüttert zerfallen lässt. Der Hymnus wird so in der Philharmonie zur Zukunftsmusik des 20. Jahrhunderts, in dem bereits Schönberg, Britten und Schostakowitsch mitklingen. ... Ein Innehalten gibt's hier selten, schnell ist man außer Atem." Tagesspiegel-Kritiker Thomas Wochnik erlebte in dieser "spektakulären Aufführung" die "Beschwörung einer Menschenzukunft, die dank Vernunft und dem Bekenntnis zur Liebe eine immer bessere wird".

Außerdem: Rahel Zingg (NZZ), Christiane Lutz (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren der unvergleichlichen Dolly Parton zum 80. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Daniel Haaksman über den Bossanova-Klassiker "Chega De Saudade", mit dem João Gilberto 1958 "ein musikalisches Erdbeben" gelang - "zwar von der sanften Sorte, aber immerhin eines, das von Rio De Janeiro bis Paris und weiter bis in die akustisch gedämpften Flure der deutschen Jazzseminare vibrierte".



Besprochen werden ein Messiaen-Abend mit dem Klangforum Wien (Standard), ein Live-Album von Die Nerven (Jungle World), der Auftakt der Frankfurter Reihe "Jazz im Depot" (FR) und Oneohtrix Point Nevers Album "Tranquilizer" (FR).

Archiv: Musik