Die
AP-Journalisten Lori Hinnant, Mstyslav Chernov und Vasilisa Stepanenk legen eine große,
beeindruckend aufgemachte Recherche zur Zahl der Toten im
Theater von Mariupol vor. Das Theater diente der Stadt bekanntlich als einer der wichtigsten Schutzräume und war am 16. März von den Russen offenbar
gezielt bombardiert worden. Die ukrainischen Behörden gingen bisher von 300 Toten aus: "
AP-Journalisten kamen durch die Rekonstruktion eines 3D-Modells des Gebäudegrundrisses, das wiederholt von direkten Zeugen, die vor Ort waren, überprüft wurde, zu einer
weit höheren Zahl. Sie beschreiben detailliert, so sich die Menschen aufhielten. Alle Zeugen geben an, dass sich mindestens hundert Menschen in einer Feldküche direkt vor dem Gebäude befanden, von denen keiner überlebte. Sie sagen auch, dass die Räume und Flure im Inneren des Gebäudes überfüllt waren, mit etwa einer Person pro drei Quadratmetern freiem Raum. Viele Überlebende schätzen, dass sich zum Zeitpunkt des Luftangriffs etwa tausend Menschen innerhalb des Gebäudes befanden." Einige konnten nach der Bombardierung fliehen - die Journalisten schätzen die
Zahl der Toten auf 600.
Eine Gruppe von Intellektuellen stellt dem
Emma-Brief bei Change.org nun einen
Aufruf zur Solidarität mit der Ukraine entgegen: "Die Sache der Ukraine ist auch unsere Sache!" Initiiert wurde der Aufruf von
Ralf Fücks. Zu den Erstunterzeichnern gehören
Herta Müller und
Karl Schlögel. "Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem
deutschen '
Nie wieder' ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern."
Derweil schämt sich eine der Mit-Unterzeichnerinnen des
Emma-Briefs, die Schriftstellerin
Katja Lange-
Müller heute in der
SZ für ihre Unterschrift. Sie stehe zwar weiterhin dazu, dass sie Angst habe, aber vor allem die Passage, in der die Ukraine "
quasi zur Kapitulation" aufgefordert werde, quält ihr Gewissen: "'Wir', die Absender, geben uns da als die moralisch Überlegenen, die Vernünftigen, die Friedliebenden, diejenigen, die sich, mehr noch als unser ja tatsächlich sehr besonnener Bundeskanzler, um uns alle sorgen. Soll der
moralische Furor nur die Angst bemänteln, unsere so begründete wie vielleicht auch
selbstsüchtige Angst? Und was wären denn dann die anderen, die zweite Hälfte der deutschen Bevölkerung? Keine Friedensfreunde? Oder gar Putin-Provokateure? Nein, weder 'wir' noch ich kann mir anmaßen, zu wissen, was uns schützt und hilft und verhindert, dass wir immer tiefer in diesen Krieg hineingeraten, denn da ich nicht mehr weiß als jeder andere Mensch, der die Nachrichten verfolgt, weiß ich auch nichts besser."
Plötzlich gibt es einen neuen Initiator des
Emma-Briefs,
Peter Weibel vom ZKM Karlsruhe. Er
erklärt im
Standard, dass er Alice Schwarzer erst auf die Idee zum Aufruf gebracht habe. In einem E-Mail-Interview mit Stephan Hilpold kritisiert er vor allem auch die
ukrainische Führung: "Als 1968 eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei einmarschierte, rief
Präsident Dubček dazu auf, auf gewaltsamen Widerstand zu verzichten, da dieser von vornherein aussichtslos sei. Er hat also nicht
sein Volk geopfert. Die fünf Millionen oder mehr Menschen, welche die Ukraine verlassen, fliehen nicht allein vor dem Krieg, sondern sie fliehen auch aus der
korrupten Ukraine."
Die Ukraine schuldet Putin schon um der zu vermeidenden ukrainischen Opfer willen
die Kapitulation, findet auch der Strafrechtler
Reinhard Merkel, ein weiterer Unterzeichner des
Emma-Briefs im
Gespräch mit Patrick Bahners und Andreas Kilb von der
FAZ: "Die ukrainische Regierung ist in einer
Verantwortung für diese Menschen und deshalb zuständig für deren Wohl und Weh. Selbstverständlich ist der Primärzuständige hier der schurkische Aggressor. Mitzuständig wird eine verantwortliche Regierung aber, wenn sie entscheidet: Der verheerende Vorgang der Aggression wird
verlängert durch unseren Widerstand."
In der
NZZ knöpft sich Thomas Ribi indes noch einmal den
Habermas-
Text vor, den er in seine Einzelteile zerlegt. Vor allem jene Passage, in der Habermas die Zeitenwende als "
Eskapade einer jungen Generation" abtut, "die unbelastet von eigener Kriegserfahrung auf die Bedrohung in erster Linie emotional reagiere und damit empfänglich werde für das 'moralisierende Drängen der zum Sieg entschlossenen ukrainischen Führung'", ärgert ihn: "Das klingt nicht mehr gelassen, sondern gereizt. Aus der
perfiden Formulierung spricht die Verärgerung eines Altlinken über eine ukrainische Regierung, der er vorwirft, einer jungen Generation politisch unzuverlässiger Deutscher den Kopf zu verdrehen und den während Jahrzehnten gültigen
linksliberalen Konsens zu stören. Entscheidend ist anscheinend nicht die Zukunft der Ukraine, sondern dass sich die deutsche Innenpolitik in den gewohnten Bahnen bewegen kann.
Hauptsache,
die eigene Weste bleibt sauber."
Die SPD wird sich bedanken - und manche Unterzeichnerin des
Emma-Briefs frohlocken: Malte Lehming hat im
Tagesspiegel (hinter Paywall) ein
Interview ausgegraben, das
Helmut Schmidt der
Zeit im Jahr 2014 nach der
Annexion der Krim gab. Putins Vorgehen nannte er "
verständlich": "Gleich zu Beginn sagt Schmidt, die
Ukraine sei '
kein Nationalstaat', zwischen Historikern sei umstritten, 'ob es überhaupt eine ukrainische Nation gibt'. Die Annexion der Krim sei zwar ein Bruch des Völkerrechts, aber nur 'gegenüber einem Staat, der vorübergehend durch die Revolution auf dem Maidan in Kiew nicht existierte und
nicht funktionstüchtig gewesen' sei. (…) Halte er die Sanktionen für sinnvoll? 'Ich halte diese
Sanktionen für
dummes Zeug.' - Sollten sich Deutschland und Europa von russischer Energie unabhängiger machen? 'Das kann dabei herauskommen. Klug ist es nicht.' - Was treibt Putin an? 'Es ist kein Größenwahn. Wenn Sie sich an die Stelle von Putin denken, dann würden Sie wahrscheinlich ähnlich in Sachen Krim reagieren, wie er reagiert hat.'"
"
Wir prostituierten uns als Nation", sagte der Labour-Politiker
Chris Bryant in einem
BBC-Film über den Einfluss der Oligarchen in Großbritannien (
hier der Link). In Deutschland ist noch nicht ansatzweise eine Aufarbeitung der
eigenen Verantwortung für die Stärkung des Putinismus zu konstatieren, schon gar nicht von
selbstkritischen Politikern. Wahrscheinlich ist die
deutsch-russische Symbiose wirtschaftlich gesehen noch viel inniger als die Liebe der Briten zum Geld der Oligarchen. Bei der Aufarbeitung mögen auch ein paar eher
grobe Klötze wie Matthew Karnitschnigs
unterhaltsame Liste der "
12 Germans who got played by Putin" in
politico.eu helfen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Angela Merkel, Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier nennt Karnitschnig
Joe Kaeser,
Wolfgang Reitzle, die
Münchner Sicherheitskonferenz, den
Ost-Ausschuss,
Matthias Platzeck,
Georg Restle,
Friedrich Merz,
Jürgen Habermas,
Manuela Schwesig.
In Frankreich kommt nächste Woche der Film "Tranchées" (Schützengräben) des Dokumentarfilmers
Loup Bureau in die Kinos, der über Jahre ukrainische Soldaten in
Schützengräben im Donbass porträtierte. "Wenn du überleben willst, grabe", sagt einer der Soldaten. Hier der Trailer:
Robert Habeck erweist sich in der Krise als ein Politiker, der das Talent hat,
klar zu sprechen. Im Gespräch mit Jana Hensel und Martin Machowecz von der
Zeit begründet er, warum er sich nicht von Putins Drohungen, sondern
vom Recht leiten lässt: "Wenn man nicht aufpasst, betreibt man das Geschäft von Putin - indem man die Grenzen dessen, was Recht und was Unrecht ist, verwischt. Wenn jemand ein Recht hat,
muss das etwas bedeuten in unserer Welt. Angst ist der falsche Ratgeber. Bedachtsamkeit, Konzentration: Das ist wichtig."
Navid Kermani schickt der
Zeit einen langen Bericht von seiner Reise in die Ukraine. Er besucht Butscha und spricht mit einigen Intellektuellen (und natürlich Priestern). Unter anderem trifft er den Philosophen
Ihor Koslowski, den er nach der Nähe zwischen Russland und der Ukraine fragt: "Nähe sei relativ, antwortete Koslowski: Je näher man trete, desto mehr Unterschiede fielen einem auf... Jetzt sei eben die Zeit, sich
des Eigenen bewusst zu werden, die Zeit der Unterscheidung und Abgrenzung. Immer mehr Menschen begönnen, im Alltag Ukrainisch zu sprechen statt Russisch, und selbst die Russisch-Orthodoxe Kirche in der Ukraine schließe den Moskauer Patriarchen nach über tausend Jahren nicht mehr ins Gebet ein... Wladimir Putin habe die Ukraine auslöschen wollen; stattdessen habe er, überspitzt gesagt, die Ukraine erst erschaffen. Kein anderes Ereignis habe
so sehr zur Nationsbildung beigetragen wie dieser Krieg."
Die
Türkei liegt in Nachbarschaft sowohl zu
Syrien als auch zur
Ukraine. Die offizielle Zahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei liegt bei vier Millionen, so
FAZ-Kolumnist Bülent Mumay. Durch illegal Eingewanderte, auch aus Iran und Afghanistan, erhöht sie sich auf
zehn Millionen bei 82 Millionen Bürgern. "Zu den Eingewanderten kommen nun Menschen aus
Russland und der Ukraine hinzu. Der Bedarf an Wohnraum ist nicht mehr zu decken. Auf den Websites der Makler finden sich mittlerweile hauptsächlich Anzeigen auf
Arabisch und Russisch. Daran lässt sich ablesen, wie es um die Nachfrage bestellt ist. Die Nachfrage stieg extrem, der Bestand an Wohnraum aber blieb stabil, sodass die Mieten durch die Decke gingen."
Außerdem: Auch
Angela Merkel wird sich mit ihrer Rolle in der deutschen Russland-Politik noch auseinandersetzen müssen,
sagt der ehemalige Bundestagspräsident
Norbert Lammert im Gespräch mit Sabine am Orde und Stefan Reinecke von der
taz: "Angela Merkel war weit über die Parteipräferenzen hinaus so etwas wie die Personalisierung eines Zeitgeistes, zu dem auch das Festhalten an Errungenschaften und die
Vermeidung unnötiger Auseinandersetzungen gehörte." Ebenfalls in der
taz fordert der Politologe und SPD-Politiker Ulrich Bausch einen
Deal mit Putin. Seit
Schweden offenbar kurz davor steht, der Nato beizutreten, tauchen
in Moskau Plakate auf, die Schweden wie
Astrid Lindgren,
Ingmar Bergman oder Ikea-Gründer
Ingvar Kamprad als Nazis oder
Nazi-
Ikonen diffamieren, meldet Kai Strittmatter in der
SZ: "Die Plakate wurden gedruckt von der Organisation 'Unser Sieg', hinter der Beobachter Kreml-Propagandisten vermuten."