Putins Krieg gegen die Ukraine geht in die vierte Woche. Am stärksten unter Beschuss ist die Hafenstadt
Mariupol. Ein Theater wurde beschossen, in dem Zivilisten Schutz suchten. Über Opfer ist noch nichts bekannt (
mehr etwa im
Guardian). Die Agentur
AP hat als
einziges westliches Medium Reporter in Mariupol. Ihr
Bericht (der noch nicht nicht auf den Beschuss des Theaters eingeht) und ihre Fotos dokumentieren das
Ausmaß der Gewalt. Kinder und Erwachsene müssen in
Massengräbern beerdigt werden, berichten Mstyslav Chernov, Evgeniy Maloletka und Lori Hinnant: "Der Tod ist überall. Lokale Beamte haben mehr als 2.500 Tote während der Belagerung gezählt, aber viele Leichen können wegen des
ständigen Beschusses nicht gezählt werden. Sie haben die Familien angewiesen, ihre Toten
draußen auf der Straße zu lassen, weil es zu gefährlich ist, Beerdigungen abzuhalten. Viele der von der
AP dokumentierten Todesfälle betrafen
Kinder und Mütter, obwohl Russland behauptet, dass keine Zivilisten angegriffen worden seien."
Die Meldungen sind widersprüchlich. Einerseits deute sich eine
Friedensformel an, berichten einige Reporter in der
Financial Times, ein Neutralitätsstatus für die Ukraine (Link über
diesen Tweet).
Andererseits hielt
Wladimir Putin gestern eine weitere seiner durchgedrehten Reden (Beobachtern fiel auf, dass er dabei den linken Arm nicht bewegt), diesmal verspricht er, mit dem "
Abschaum" im eigenen Land aufzuräumen:
Ein Übeltäter haut dir die Nase ein. Dann bietet er an, gegen 500 Euro davon abzulassen. Oder
Alice Schwarzers Idee von einem "Kompromiss"?
Angesichts
möglicher Friedensformeln (die sich schlecht als "Kompromiss" bezeichnen lassen),
schreibt der Politologe
Pierre Haski bei
France Inter: "Der Krieg geht also weiter, und er befindet sich sogar noch in der
Eskalationsphase. Der Krieg um die Städte hat gerade erst begonnen, in Mariupol, Charkiw, morgen in Odessa und, als ultimatives Ziel, in der Hauptstadt Kiew. Wladimir Putin hat
noch nicht die Trophäe gewonnen, die es ihm erlauben würde, am Verhandlungstisch versöhnlicher zu sein."
Der Krieg hat die
ukrainische Nation in noch nie gesehener Weise geeint,
schreiben die Reporter der
Financial Times: "Kriege bringen Zerstörung und Tod, aber sie können auch die
Identität eines Landes für Generationen danach prägen. Seit dem Einmarsch der Russen haben die Ukrainer zusammengehalten wie vielleicht noch nie zuvor in den drei Jahrzehnten ihrer Unabhängigkeit, und auch nur selten in einer Geschichte, die von schrecklichen Widrigkeiten und Fremdherrschaft geprägt war."
In einem
Zeit-Essay von peinlich akademischer Gewundenheit lässt der Soziologe
Andreas Reckwitz die Ukraine nebenbei fallen. Der Westen müsse einsehen, dass seine Idee von Fortschritt und Demokratie
nicht exportierbar sein, schreibt er: "Das westliche Modell lässt sich offenbar nicht ohne Weiteres in
andere soziokulturelle Kontexte exportieren, schon gar nicht mit militärischer Intervention." Für Reckwitz erweist sich der Westen ohnehin als
weitere Folklore in einer Welt, die sich seinen Begriffen nicht fügt: "Offen ist aber die Frage, ob das, was wir den Westen nennen, zu einem solchen neuen, hochgerüsteten Systemwettbewerb künftig bereit und in der Lage ist. Denn der Westen ist selbst ein
historisch spezielles Phänomen ohne Ewigkeitsgeltung."
Ebenfalls in der
Zeit attackiert Adam Soboczynski
Karl Schlögel und andere Autoren, die eine Schließung des ukrainischen Luftraums fordern - dies käme eine Intervention der Nato gleich, warnt Soczynski und rät schon aus Verantwortungsethik zu weiterem Zusehen: "Es ist nicht auszuschließen, dass
noch massivere Bombardements folgen, dass Städte ausgehungert, dass chemische oder biologische Waffen eingesetzt werden. Das Leid vor unseren Augen würde unermesslich, das militärische Nichtstun dürfte zunehmend als Skandal gewertet werden, die Forderung, den Himmel zu schließen, könnte immer drängender werden, immer plausibler klingen, moralisch immer zwingender erscheinen. Und zwar selbst dann, wenn der Effekt eines Eingriffs noch zerstörerischer und, verantwortungsethisch besehen,
in Wahrheit unmoralischer wäre."
Thomas Gutschker kann in der
FAZ übrigens beruhigen: Nato-Chef Stoltenberg habe indirekt klargestellt, dass die Nato nicht mal bei
russischem Giftgaseinsatz intervenieren werde.
An einem
Scheitern Putins hat
Francis Fukuyama in einem von der
NZZ übernommenen Artikel aus
American Purpose keinen Zweifel. Mehr noch: Der Krieg könnte eine "
Wiedergeburt der Freiheit" bedeuten, schon jetzt habe er nicht nur den
Populisten in aller Welt von Bolsonaro bis Trump geschadet, sondern sei auch eine "
Lektion für China" mit Blick auf Taiwan. Nicht zuletzt begrüßt er die Entscheidung "der Biden-Administration,
keine Flugverbotszone auszurufen und bei der Überführung polnischer Kampfflugzeuge nicht zu helfen. … Die Regierung hat in einer Zeit der Gefühlswallungen einen kühlen Kopf bewahrt. Es ist viel besser, wenn die Ukrainer die Russen
aus eigener Kraft besiegen, wodurch Moskau die Ausrede abhandenkommt, die Nato habe sie angegriffen. Vor allem würden die polnischen MiG die ukrainische Kampfkraft nicht wesentlich erhöhen. Viel wichtiger ist ein kontinuierlicher Nachschub an Javelins, Stinger, TB2-Kampfdrohnen, medizinischer Versorgung, Kommunikationsausrüstung. Ich gehe davon aus, dass die ukrainischen Streitkräfte bereits von
Nato-
Geheimdiensten, die von außerhalb der Ukraine aus operieren, Informationen bekommen."
Die gebildete Schicht und die
machtnahe Elite haben längst begriffen, dass dieser Krieg
scheitern wird,
glaubt der Moskauer Historiker und Theologe
Andrei Subow im
Tagesspiegel: "Viele begreifen auch, dass fast die gesamte lange Regierungszeit Putins gescheitert ist. Von seiner Äußerung über den Zerfall der UdSSR als größte geopolitische Tragödie des 20. Jahrhunderts aus dem Jahre 2004 bis zum Krieg in der Ukraine im März 2022 zieht sich
ein roter Faden. Nun droht dieser Faden jeden Moment zu zerreißen. Die Politik des '
Sammelns russischer Erde' und der Wiedergeburt von 'Groß-Russland' erleidet gerade auf den Feldern der Ukraine ihren totalen Zusammenbruch, ihren
Bankrott. Nachdem Putin sowohl in diesem Moment in der Ukraine als auch in seiner langjährigen Politik eines bolschewistisch-tschekistischen Reenactments ein vollständiges Debakel erlitten hat, muss er zweifellos
zurücktreten. Russland kann nicht von einem politischen Bankrotteur regiert werden. Das Experiment der Errichtung einer 'Machtvertikalen', der Austausch der Demokratie durch eine Autokratie, endete nicht mit der Blüte des Landes, sondern in einem
schrecklichen Fiasko."
Ganz gleich, wie der Krieg ausgeht, für Putin wird er mit einer
Niederlage enden, meint auch Gustav Seibt in der
SZ. Aber was kommt dann? "Russland kennt eine
Tradition des Zarenmordes, der Palastrevolution, auf die nun einige Beobachter hoffen. Doch darauf kann sich eine Strategie nicht verlassen, zumal Kenner Russlands vor Zuversicht warnen. Dazu kommt ein Problem, das sich erst in jüngster Zeit durch ein
Völkerrecht, das sich in Gerichtshöfen und Prozessen manifestiert, dramatisiert hat: Gestürzten Tyrannen fehlt die frühere Möglichkeit eines Exils, sie müssen fürchten, vor Gericht gestellt zu werden und das Ende von Slobodan Milošević zu nehmen. Im Falle Putins hat der
Gerichtshof in Den Haag seine Ermittlungen schon begonnen. Das ist, so sehr man die Verrechtlichung internationaler Beziehungen begrüßen mag, für einen gewaltfreien Ausgang seiner Herrschaft kein gutes Omen."
Viel "heiße Luft" erlebt Alexander Menden bei einem
Soli-
Abend für die Ukraine mit dem Motto "Nein zum Krieg!" auf der
Lit.Cologne, bei dem unter anderem
Deniz Yücel,
Sasha Filipenko und
Sasha Marianna Salzmann eine
Flugverbotszone über der Ukraine forderten: "Es ist fast, als sei im Laufe der Debatte aus dem 'Nein zum Krieg' ein '
Rein in den Krieg' geworden. Und es bleibt
Navid Kermani überlassen, auf das hinzuweisen, was im Vergleich überaus gemäßigt klingende Militär-Pensionäre in deutschen Talkshows seit Wochen sagen: dass die Risiken einer von der Nato implementierten Flugverbotszone auch die Bombardierung russischer Flugabwehrpositionen einschließen könnte und die
mögliche Eskalation, selbst die konventionelle, unkalkulierbar wäre. Das
Lehnstuhlheldentum, das sich in emotionalen und undurchdachten Forderungen nach einem Eintritt der Nato in den Krieg Bahn bricht, steht seltsam quer zur eigentlichen Intention des Abends."
In einem
offenen Brief forderten ukrainische Intellektuelle Deutschland dazu auf, sich dem
Energie-
Embargo gegen Russland anzuschließen - mit dem Verweis auf die Verbrechen von Wehrmacht und SS an der slawischen und jüdischen Bevölkerung im
Zweiten Weltkrieg in der Ukraine. Eine "historisch-moralische Aufladung der Debatte" bringt aber niemanden weiter,
meint Malte Lehming im
Tagesspiegel - auch Russen fielen deutschen Verbrechen zum Opfer, erinnert er: "Fast jede Familie in den baltischen Staaten, der Ukraine, Russland und Belarus wurde vom Krieg berührt. Insgesamt kamen dort 27 Millionen Menschen ums Leben, etwa 7,4 Millionen Zivilisten wurden umgebracht. In Stalingrad wurde bei minus 40 Grad zum Teil mit Spaten und Messern gekämpft. Und nur der Vollständigkeit halber: Bei Leningrad wurde der
Vater von Wladimir Putin durch eine deutsche Handgranate schwer verwundet,
Putins Mutter verhungerte fast während der Belagerung, sein Bruder starb an Diphterie."
In seinem Kriegstagebuch aus Charkiw in der
NZZ schreibt der ukrainische Schriftsteller
Sergej Gerassimow über die Angst vor Angriffen auf
ukrainische Kernkraftwerke und den Beschuss ziviler Einrichtungen: "Eine russische Frau erklärt in ihren Kommentaren zu einem Youtube-Video, warum russische Raketen und Flugkörper Kindergärten, Krankenhäuser und Wohngebäude treffen. 'Was wollt ihr?', schreibt sie. 'Es ist schließlich ein Krieg. Raketen können
nicht mit absoluter Präzision treffen.'" In ihrem ukrainischen Tagebuch in der SZ schreibt
Oxana Matiychuk indes von der Wiederaufnahme des Online-Unterrichts,
Medikamenten-
Knappheit und positiven Corona-Tests: "So was Unpassendes, denke ich,
Corona in der Kriegszeit."
Außerdem: Dass die
Leipziger Buchmesse ausgerechnet jetzt ausfällt, ist im Zeichen des Ukraine-Kriegs ein bitterer Verlust, schreibt Andreas Platthaus im Leitartikel der
FAZ: "Denn die Leipziger Buchmesse hatte sich seit ihrer Rettung vor dem drohenden Untergang nach der deutschen Wiedervereinigung als
intellektuelles Tor nach Osteuropa etabliert - gerade auch in Abgrenzung zur viel größeren Konkurrenz in Frankfurt."