Efeu - Die Kulturrundschau

Der Fremde und die Frau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2019. Mit Blick auf die berühmten Verkündigungsszenen der Kunstgeschichte fragt der Tagesspiegel: Ist es Gewalt oder Liebe? Die FAZ erlebt einen peterlichten Moment am Residenztheater. Die taz besucht die Söhne Al-Ranans, die auf Sufi-Festen die Pilger in Ekstase spielen. Die SZ feiert Mati Diops Film "Atlantique", der nicht von Flüchtenden, sondern von den Dagebliebenen erzählt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2019 finden Sie hier

Kunst

Wir schaffen das: Fra Angelicos "Verkündigung", 1440, Dominikanerkloster San Marco in Florenz

Für die Tagesspiegel betrachtet Christiane Peitz die berührendsten Verkündigungsszenen der Kunstgeschichte, von Fra Angelico, Botticello und Leonardo da Vinci, bis zu Tintoretto Matthias Grünwald. Was bedeutet es eigentlich, fragt sie, wenn ein Fremder kommt und eine Frau überwältigt? Ist das Gewalt oder Liebe? Oder ein Moment von Hallo Welt? "Vor allem die Renaissancekünstler haben die Szene aus dem Lukas-Evangelium in zahlreichen Varianten gemalt. Mal mit heiligem Geistesblitz von hoch oben, mal mit Gottvater auf seinem Wolkenbalkon, mal mit Taube als 'Erzeuger', mal saust das Jesuskind persönlich vom Himmel Richtung Maria. Und deren Bauch wölbt sich gleich, als sei sie auf der Stelle hochschwanger. Hier soll es jetzt nicht um das Mysterium der Jungfrauengeburt gehen, nicht um Fragen des Glaubens, sondern um die Kollision zweier Welten. Der Fremde und die Frau, die äußere und die innere Sphäre, Angriff und Angst, Gewalt und Geheimnis, Intimität und Respekt - davon erzählt die Verkündigung."

Zum Hundertsten Geburtstag gratuliert Philipp Meier in der NZZ dem französischen Maler Pierre Soulages, dessen schwarzes Werk ganz der Feier des Lichts verschrieben war: "Dieses Licht hat Pierre Soulages allerdings aus tiefster Dunkelheit geholt. Es ist eine Dunkelheit, in die sich zurückziehen muss, wer Kunst schaffen will. So lautete frei nach Mallarmé sein persönliches Credo." In der FAZ glaubt Niklas Maak gern, dass Soulages seinen Geburtstag mit Freunden im Atelier feien wird: "Wer Soulages in den vergangenen Jahren einmal begegnet ist, war sprachlos angesichts der Energie, mit der er sämtliche Alterserscheinungen erfolgreich ausblendete und einfach weitermachte, so, als ob die schwarz schimmernden Leinwände ihn mit einer geheimnisvollen Energie versorgten."

Besprochen werden Antje Majewskis Ausstellung "How to talk with birds, trees, fish, shells, snakes, bulls, and lions" in der Galerie neugerriemschneider (taz) und die Ausstellung "Objekte der Begierde" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (Tsp).
Archiv: Kunst

Film



"Atlantique", ein Film der französisch-senegalesische Regisseurin Mati Diop, wurde in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Netflix hat ihn jetzt ohne große Ankündigung in sein Archiv versenkt, dabei hätte der Film etwas Werbung mehr als verdient, versichert Jörg Häntzschel in der SZ. Für ihn ist "Atlantique" ein ganz besonderer Flüchtlingsfilm, weil er nicht von den Flüchtenden, sondern von den Zurückgebliebenen erzählt, von Ada, die eines Tages feststellen muss, dass ihr Souleiman sich aufs Meer Richtung Europa gewagt hat. "Die Albträume, die Ada im Schlaf aufschrecken lassen, übernehmen die Tagwelt, als sei die Realität infiziert von einem Virus. Das protzige Ehebett geht in Flammen auf; ein Polizist krümmt sich unter rätselhaften Fieberattacken; und Souleiman, der Ada nachts als Leiche in einem Fischernetz erschien, soll in der Stadt gesehen worden sein. Sie weiß nicht, was schlimmer ist: dass er weg ist oder heimlich da, in Spanien angelangt, ohne sie anzurufen - oder längst ertrunken. Jeder weiß, wie es ist, wenn man buchstäblich krank ist vor Angst um einen geliebten Menschen. Diop zeigt, was passiert, wenn dieses Gefühl eine ganze Gesellschaft erfasst."

Besprochen werden außerdem Tom Hoopers Filmmusical "Cats" ("Höllisch langweilig und zugleich höllisch sonderbar", staunt Julia Bähr in der FAZ ob der "technisch zusammengemorphten Katzenmenschen", Standard).
Archiv: Film
Stichwörter: Diop, Mati, Atlantique, Netflix

Bühne

Szene aus Molieres "Der eingebildete Kranke" am Residenztheater. Foto: Sandra Then


Grotesk überzeichnet, überbordend vor Geschwätzigkeit und ins Absurde getrieben, so kennt FAZ-Kritikerin Teresa Grenzmann Peter Lichts Moliere-Bearbeitungen, aber Claudia Bauers Inszenierung des "Eingebildeten Kranken" am Münchner Residenztheater hat sie dann doch überrascht: "Mit dem ungelebten Leben lässt der Kölner Musiker und Autor seinen Argi in dessen 'Sterbeshow' noch ein paar schöne Verse aushauchen. Darin trifft er im Schlaf auf Gott, den Schmerz und die Liebe. Doch niemand bemerkt ihn - bis der Tod kommt. Eine Art Requiem für Molière, der kurz nach seiner vierten Aufführung noch im Kostüm des Argan verstarb. Und ein auf der Theaterbühne ungewöhnlich leiser peterlichter Moment, der so nicht abzusehen war."


Besprochen werden außerdem Thomas Melles "Ode" am Deutschen Theater Berlin (in der SZ-Kritikerin Christine Dössel ebenso eine Kulturbetriebsbeschimpfung wie -befragung sieht, taz), Engelbert Humperdincks "Königskinder" in Graz (FAZ) und Paul Abrahams Operette "Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus" an der Komischen Oper Berlin (Tsp).
Anzeige
Archiv: Bühne

Literatur

Alex Rühle besucht für die SZ das Tagebucharchiv in Emmendingen, das knapp 16 000 Journale hütet und dabei ganz ohne staatliche Förderung auskommt. Die Menschen schreiben eher in schlechten Zeiten, findet er heraus, aber er stößt auch auf Zeilen wie diese: "Ingetraut Ruhnke ist zu dem Zeitpunkt, als sie ihr Tagebuch anfängt, 15 Jahre alt. Ihre schulischen Noten sind eher so mittel, aber wie sie selber schreibt: 'Was macht das schon? Ich kaufe mir die Bravo und als ich sie dann in der Hand halte, wird ein unterdrücktes Jaulkonzert laut. Elvis ist auf der Rückseite. Ganz toll. Uhm, sweetie, mhm sugar, mhm, kiss me ...'"

Auf ZeitOnline findet Jonathan Franzen die App "Buchclub der Milliardäre" gar nicht so doof, mit der das Startup Blinkist die Literaturlisten extrem erfolgreicher Menschen abhandelt. Warum nicht?, denkt sich Franzen, mit Kindlers Literaturlesxikon arbeiten ja auch alle: "So könnte Blinkist eine Ergänzung zum im deutschsprachigen Raum eher schwach vertretenen Sachbuchfeuilleton sein, ein Instrument, um sich Übersicht zu verschaffen und eine informierte Auswahl der Bücher zu treffen, denen man dann die Lesezeit wirklich widmen möchte."

Weiteres: Im Standard unterhält sich Günter Keil mit dem Harry-Potter-Illustrator Jim Kay. Besprochen werden Samuel Becketts "Echos Knochen" (Freitag), Nicola Pugliese "Malacqua" (Freitag) und Janes Austens "Gefühl und Verstand" als Hörbuch (FR).
Archiv: Literatur

Musik

Anna-Theresa Bachmann schickt der taz eine schöne Reportage aus Ägypten über vier Musiker-Brüder, die unter dem Namen "Die Söhne Al-Ranans" - wie schon ihr Vater vor ihnen - Sufi-Pilger in Ekstase spielen. "Moulids werden diese Sufi-Feste genannt, eine Mischung aus spiritueller Pilgerfahrt und Festivalgetümmel. Es gibt sie in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern. Aber in Ägypten hat sich daraus eine Art anarchische Parallelwelt entwickelt - verachtet von vielen Muslimen für die als unislamisch empfundenen Praktiken, argwöhnisch betrachtet vom ägyptischen Staat, der aus Angst vor der politischen Opposition öffentliche Räume streng bewacht."

Wenn Sie noch ein Last-Minute-Geschenk suchen, wäre das vielleicht was: eine Einspielung von Monteverdis "Marienvesper" des Ensemble "La Tempête". In der SZ ist Helmut Mauro völlig aus dem Häuschen: Die spielen nämlich nicht einfach nur historisch korrekt nach. "Wichtiger und spannender geworden ist inzwischen der Aufführungs-Historismus, bei dem der eigentliche kreative Akt, nämlich das Komponieren, durch neue Sichtweisen auf das Alte unterlaufen wird. Ein bisschen wie im Jazz. Die Art der Aufführung ist nun beinahe so wichtig wie das Komponierte selbst. Das momentane Verständnis der Partitur ist ebenso wichtig wie diese. So entsteht eine plausiblere Verbindung zwischen Komponist und Hörer als in der dogmatischen Originalklangphilologie, und manchmal entdeckt man dabei sogar Authentisches, wie dies 'La Tempête' gelungen ist." Viel Lob für die CD gab's auch im Dlf und auf SWR2.
Archiv: Musik