Efeu - Die Kulturrundschau

Harre bis ins Grab

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06.11.2024. Helden werden gebraucht, wenn nicht alle Menschen gut sind, lernt die FAZ in einer Berliner Ausstellung, die dem in der Sowjetunion ermordeten ukrainischen Dichter Wassyl Stus, gewidmet ist. Die Welt huldigt anlässlich einer neuen Einspielung Wilhelm Grosz, einem flamboyanten Übertalentierten der Musikgeschichte. Die SZ lässt sich in Zürich von Kirill Serebrennikows Inszenierung der Schnittke-Oper "Leben mit einem Idioten" erschüttern. Der Tagesspiegel lernt Thomas Mann in André Schäfers Doku "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" als glücklichen Oscar Wilde des 20. Jahrhunderts kennen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2024 finden Sie hier

Literatur

Offizielles KGB-Foto von Wassyl Stus nach seiner Verhaftung 1972. Foto: National Archiv der Ukraine, public domain


Eine von Eva Yakubovska kuratierte Ausstellung in Berlin erinnert an den hierzulande kaum bekannten ukrainischen Dichter Wassyl Stus, der als Dissident in der Sowjetunion so lange gequält wurde, bis er 1985 an den Folgen desaströser Haftbedingungen starb. "Das Beiheft zur Ausstellung enthält von Irina Bondas neu ins Deutsche übersetzte Gedichte, die das poetische Wort wie einen Vogel begrüßen, der das Herz erblühen lässt, von Anfang an aber auch um den Imperativ der Leidensbereitschaft kreisen", schreibt Kerstin Holm in der FAZ. "'Du lebst - so harre. Wirst geboren - harre. Harre aufs Ende. Harre bis ins Grab' heißt es in den 'Winterbäumen'. Aus dem Straflager schreibt er an den kleinen Sohn über Helden, die immer dann aufträten und gebraucht würden, wenn nicht alle Menschen gut seien. ... Seiner Frau schärft er aus der Verbannung ein, sie und er sollten das Schicksal akzeptieren, das sowohl große Freude als auch große Trauer bedeute und zugleich der 'Stratege' sei, dem Herz und Verstand sich unterzuordnen hätten."

Der belgische Verlag Dupuis hat das bereits vor einem Jahr erschienene Comic-Abenteuer "Spirou und die blaue Gorgone" vom Markt genommen, nachdem der Unmut über die aus der Zeit gefallene Darstellung von Frauen und Schwarzen darin zu laut geworden war, meldet Josef Kelnberger in der SZ: "Die schwarzen Menschen seien gezeichnet wie Affen, sagt eine Influencerin, die Frauen seien hypersexualisiert. ...  Wie mittlerweile bekannt wurde, hatte der Dupuis-Verlag den Zeichner schon kurz vor Veröffentlichung gebeten, die Lippen der schwarzen Menschen ein klein wenig zu verändern. Das wäre typisch für den belgischen Umgang mit der Kolonialgeschichte: ein bisschen Kosmetik, aber keine grundlegende Auseinandersetzung."

Weitere Artikel: Die Geschichte der Sklaverei in den USA und deren Folgen für die Gegenwart sind ein zentrales Thema in der Gegenwartsliteratur, stellt Thomas Hummitzsch auf Intellectures fest. Marie Schmidt ist gespannt auf die (auch live im Bayern2 übertragene) Verleihung des Bayerischen Buchpreises, für den erneut auch Clemens Meyer und Martina Hefter nominiert sind und bei dem vorgesehen ist, dass die Jury ihre Entscheidung live vor Publikum und den anwesenden Nominierten trifft: "Es sind schon literarische Entscheidungen unter weniger Druck getroffen worden." Julia Rothhaas unterhält sich für die SZ mit dem Schriftsteller und Schauspieler Joachim Meyerhoff.

Besprochen werden Juls und Achdés neues Lucky-Luke-Abenteuer "Letzte Runde für die Daltons" (taz), Sascha Hommers Comicadaption von Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz" (Intellectures), Christine de Pizanas "Ich, Christine" (FR), Thomas Korsgaards "Hof" (NZZ), Fabio Lanz' Kriminalroman "Ikarus" (NZZ) und Kamel Daouds eben mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman "Houris" (FAZ).
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Bühne

Opernhaus Zürich: Leben mit einem Idioten. Foto: Frol Podlesnyi

Sensationell findet SZ-Kritiker Egbert Tholl Kirill Serebrennikows Inszenierung von Alfred Schnittkes grotesker Oper "Leben mit einem Idioten" nach einer Erzählung Viktor Jerofejews am Zürcher Opernhaus. Die Hauptfigur "Ich", der mörderische Idiot, ist diesmal nicht direkt Lenin nachgebildet, wie bei der Uraufführung 1992, und auch nicht Putin. Stattdessen ist sie universeller, allgemeingültiger angelegt, so Tholl. Der Wildheit des Stücks tue das keinen Abbruch: "Die Zerrüttung ist längst im Inneren angekommen, damit wird die Oper zeitlos gültig. Vergewaltigung, vielleicht Mord, irrer Sex - all das sind 'Ichs' Fantasien. Bo Skovhus, der als 'Ich' sein spätes Debüt an der Zürcher Oper gibt, singt und spielt die Zersplitterung der Identität mit grandiosem Furor, deklamiert, haucht im Falsett, dröhnt, ist ebenso brutal wie ratlos seinem Spiegelbild gegenüber. Er findet sich nicht mehr. Susanne Elmark als 'Frau' ist furchtlos, selbstbestimmtes Opfer, zerschneidet die Musik mit extremen Sopranhöhen."

Weitere Artikel: Ist auf den Bühnen die Zeit der Postdramatik vorbei? Margarete Affenzeller schreibt im Standard über die Renaissance des Dialogstücks. Richard Wagner hingegen braucht keine Renaissance, sein Ring ist nach wie vor allgegenwärtig, meint Holger Noltze in van mit Blick auf Aufführungen in München und Mailand. Patrick Wildermann blickt im Tagesspiegel voraus auf das Festival Theater der Dinge. Robert Matthies spricht für die taz Nord mit Andreas Döring, dem Intendanten des von Kürzungen bedrohten Schlosstheaters Celle.

Besprochen werden "Der Drache" am Schlosspark-Theater Berlin (Welt) und die Antonio-Ruz-Inszenierung "Requiem" am Staatstheater Kassel (FR).
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Musik

Bei den Mendelssohn-Festtagen in Leipzig hat das Gewandhausorchester unter dem Dirigenten Marek Janowski Felix Mendelssohn Bartholdys Doppelkonzert für Violine, Klavier und Orchester d-Moll von 1823 aufgeführt. Das Stück ist auch eine Reaktion auf die Zeit der frühen Industrialisierung, "der Karbonisierung Europas", schreibt Jan Brachmann in der FAZ. "Die knisternde Exaktheit der Striche, die Janowski mit seiner enormen dirigentischen Exzellenz erzielt, nimmt die Elektrizität vorweg, die sechzig Jahre später erste Wohnungen erhellen wird. Akkuratesse ist bei Janowski nie langweilig, sondern Anspannung als besondere Ausdrucksqualität. Frank-Michael Erben an der Solovioline und Charlotte Steppes am Klavier treten in dieses Geschehen mit opferbereitem Heroismus des Gefühls. Als konzertierende Individuen von zarter Brillanz müssen sie sich behaupten zwischen historistischer Polyphonie, klassizistischen Themenfassaden und der veloziferischen Virtuosität des Mechanischen. Die Inseln des Gesanglichen bleiben darin exterritorial: Nur im Rückzug aus Technik, Gewerbe und Geschwindigkeit scheint die Seele sich ihrer selbst noch vergewissern zu können."

In der Welt dankt Elmar Krekeler dem Pianisten Gottlieb Wallisch, dem "Anwalt zu Unrecht vergessener Komponisten vor den Schranken der vergesslichen Musikgeschichte", dem Komponisten Wilhelm Grosz mit einer neuen Einspielung wieder ans Tageslicht geholt zu haben. Grosz war zwischen Jazz und Filmmusik zu Hause, arbeitete fürs Theater und Radio, bevor er 1939, einen Fuß bereits in der Tür von Hollywood, in New York einem Herzinfarkt erlag. Er "muss so flamboyant gewesen sein wie das musikalische Jahrzehnt, in dem er so groß wurde, dass man sich heute wundert, wie er so vollständig vergessen werden konnte. ... Wallischs erste musikalische Monografie des geradezu Übertalentierten ist eine perfekte Grand-Tour durchs Grosz'sche Klavierwerk von der 1913 entstandenen Tanzsuite bis zu den zwölf Improvisationen aus dem Todesjahr. Man wird ganz süchtig nach dieser musikalischen Feuerwerkerei, in der sich die Zwanziger bündeln. Dieser schillernden Melange aus impressionistischen Feinstaub, tänzerischer Leichtigkeit, kobolzschlagender Musikalität auf der Basis einer durchgelichteten Spätromantik." Wir hören rein:



Weiteres: Robert Mießner resümiert für die taz das Jazzfest Berlin (hier zahlreiche Konzerte zum Nachhören). Alexander Menden plaudert für die SZ mit Helge Schneider, der seine Musik vor KI gefeit sieht, weil seine "Kunst von den Zwischenräumen lebt, den Pausen, von dem Nichts". Martin Fischer besucht für den Tagesanzeiger die Schweizer Band Ikan Hyu im Proberaum. Klaus Taschwer befasst sich im Standard mit dem Phänomen des "Klub 27", also der Beobachtung, dass viele Stars aus Pop und Rock im Alter von 27 Jahren gestorben sind. Besprochen wird außerdem ein Konzert des Jazztrompeters Avishai Cohen in Mannheim (FAZ).
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Film

Schillernder Bonvivant: Sebastian Schneider in "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann"

Edo Reents ist sich in der FAZ unsicher, was er von André Schäfers "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" halten soll, der mit gespielten und historischen Aufnahmen Manns Roman mit dessen Leben und insbesondere erotischen Begehren kurzschließen will. Das Ergebnis irisiert offenbar, auch weil stellenweise wohl unklar ist, ob Sebastian Schneider nun Mann oder Krull spielt. "Man fühlt aber die Absicht des Regisseurs, immerzu eine gewisse erotische Reizbarkeit und Verführungskraft zur Schau stellen zu lassen, und ist irgendwann verstimmt. Denn die aufreizende Freizügigkeit mancher gestellter Szenen erinnert in ihrem demonstrativen Charakter an Heinrich Breloers 'Die Manns' und wirkt so erst recht verklemmt. Dabei hat Thomas Mann weder sich noch den Lesern etwas über die zumindest seinerzeit gewagte homosexuelle Grundierung des Romans vorgemacht. Trotzdem wird in dem Ineinander von gespielten und historischen Filmaufnahmen ein doppeltes Kontinuum greifbar: eines der sexuellen Sehnsüchte und Notlagen sowie ein werkgeschichtliches, das die Einheitlichkeit des Denkens und Fühlens verbürgt, welche mit dem Werk letztlich auch das Leben dieses Schriftstellers zusammenhält."

Gunda Bartels vom Tagesspiegel indessen lobt diesen "leichtfüßig erzählten Film, den man eher einen Kunstfilm, denn einen Dokumentarfilm nennen möchte. ... Schäfer lässt Thomas Mann in der Figur des Krull als den durch die Welt flanieren, der er hinter der disziplinierten Fassaden wohl auch war: ein selbstverliebter, schillernder Ironiker und Bonvivant, dem Liebschaften eine Inspiration für Kunst und Leben waren. Eine Art glücklicher Oscar Wilde des 20. Jahrhunderts, der - selbst aus gehobenen Kreisen stammend - die Borniertheit der bürgerlichen Klasse samt ihren Spielregeln bis ins Mark versteht."

Weitere Artikel: Die Schauspieler, darunter August Diehl, eines neuen, in den USA startenden Films über den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer wehren sich gegen die Vereinnahmung des Films durch christliche US-Nationalisten, meldet Carlo Mariani in der NZZ.

Besprochen werden Pascal Plantes Gerichtsdrama "Red Rooms" (taz), Sean Bakers Cannes-Gewinner "Anora" (NZZ, unsere Kritik hier), Al Pacinos Memoiren (NZZ), Katrin Schneiders Bildband "Cinema Provinziale" über Kinos auf dem Land (FD), die BR-Doku "Ausgesetzt in der Wüste · Europas tödliche Flüchtlingspolitik" (taz) und die auf MagentaTV gezeigte Doku "Franz Beckenbauer. Der letzte Kaiser" (FR).
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Kunst

Rudolf Wacker, Naturalistisches Klebebild (Frau Klimesch), 1924 © Privatsammlung, mit freundlicher Genehmigung von Leopold Fine Arts | Foto: Leopold Museum, Wien

Vergesst, was ihr über die Neue Sachlichkeit zu wissen meintet, ruft ein begeisterter Stefan Trinks in der FAZ aus. Denn die Ausstellung "Rudolf Wacker. Magie und Abgründe der Wirklichkeit" im Wiener Leopold Museum, die 250 Werke des Künstlers präsentiert, wirbelt die Kunstgeschichte mächtig durcheinander: "Wie benommen kommt man aus der Schau, in der man unter anderem einen Saal mit vierzehn rätselhaften und bis heute nicht ausgedeuteten Puppenbildern vor rabenschwarzen Hintergrund gesehen hat, die nicht nur den Vergleich mit Bellmer und Balthus nicht scheuen müssen, vielmehr sich unauslöschlich in die Retina eingebrannt haben. Man sah Stillleben, die in ihrem sinnfreien Arrangement aus Kakteen, Schachteln und hölzernen Heiligenfiguren schlagartig Sinn ergaben - und schließlich zuvor ungesehene Zwitterbilder aus neusachlichen Dingwelten und kubistisch-spätexpressionistisch aufgesplitterten Hintergründen, was es laut Definition der Neuen Sachlichkeit so nicht geben sollte."

Picasso, The Dream and Lie of Franco, 1937, Ausschnitt

Picasso-Ausstellungen gibt es viele, aber seine Drucke werden selten gezeigt. Jonathan Jones bespricht im Guardian die Schau "Picasso: Printmaker" im British Museum, London und stößt auf Arbeiten, in denen der Künstler vor keiner Provokation zurück schreckt. Zum Beispiel der Comicstrip "The Dream and Lie of Franco", der sich den Untaten des Diktators widmet: "Eine Frau schreit in den Himmel, während ihr schwarze Tränenfalten über das Gesicht laufen. Eine Mutter rennt mit ihrem Baby im Arm aus dem Haus, und die fürchterliche Art, wie sein Kopf mit offenem Mund und leeren Augen nach unten hängt, verrät, dass das Kind tot ist. Dieses erschütternde Bild der Trauer wird in 'Guernica' auf epische Maße vergrößert. Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Picassos Grafiken und seinem Antikriegsbild: beide sind schwarz-weiß. Picasso ist im Medium der Druckgrafik in seinem Element, weil es alles auf das Wesentliche reduziert - auf schwarze Linien auf weißem Papier."

Weitere Artikel: Saskia Trebing fragt sich in monopol, warum die Kunst Donald Trump in dessen Zeit als Präsident so wenig entgegenzusetzen hatte. In den Niederlanden wurde möglicherweise ein Warhol-Dieb geschnappt, gibt der Standard durch.

Besprochen werden die Adrian-Ghenie-Schau in der Albertina (Standard), eine Olga de Amaral gewidmete Ausstellung in der Pariser Fondation Cartier pour l'art contemporain (monopol) und die Andreas-Barth-Schau "Ich ging am Tage so für mich hin ..." im Berliner Mies van der Rohe Haus (taz Berlin).
Archiv: Kunst