Efeu - Die Kulturrundschau
Ausgedachtes über Eisenbahnen und Katzen
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06.08.2025. FAZ und SZ ziehen sich in der Münchner Ausstellung "Für Kinder" in einen zeltartigen Mutterleib zurück. In der Welt erklärt der Psychologe und Schriftsteller Leon Engler, was die moderne Psychologie mit Botanik zu tun hat. Der Guardian reist in New York durch achtzig Jahre amerikanische Kunstgeschichte. Die FAZ porträtiert den Designer Rafael Horzon, der "neue Wirklichkeiten" schafft, aber anwaltlich verfügt hat, nicht Künstler genannt zu werden. Und der Filmdienst schaut Helge Schneider bestens gelaunt dabei zu, wenn er im "Klimperclown" sein geglücktes Leben dokumentiert.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
06.08.2025
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Kunst

"Für Kinder" ist die aktuelle Ausstellung im Münchner Haus der Kunst betitelt - und doch lohnt sie auch für Erwachsene, versichert Brita Sachs in der FAZ. Nicht nur, weil hier Werke von Bruce Naumann oder Ólafur Elíasson ausgestellt werden, sondern weil die Schau jene Kunst seit den späten Sechzigern beleuchtet, als "Avantgarde-Kollektive, feministische Ansätze und politische Gerechtigkeitskämpfe auch die Kunst aufwirbelten" und Künstler Kinder in ihre Arbeiten einbezogen: "Harun Farocki begann damals wunderbare 'Einschlafgeschichten' mit seinen Zwillingstöchtern zu filmen. Die Mädchen liegen im Bett und erzählen sich Beobachtungen und Ausgedachtes über Schiffe, Brücken, Eisenbahnen und Katzen, bevor zu sehen ist, dass auch die verrücktesten Kindergeschichten sich als wahr herausstellen können. Erzählt die eine, sie habe von einem Schiff geträumt, das im Aufzug fährt, was die Schwester nicht glauben mag, zeigt die nächste Einstellung ein Schiff im Hebewerk einer Schleuse."
Ganz "fulminant" findet auch Jörg Häntzschel in der SZ die Ausstellung, die auf Empfindungen und Instinkte abzielen soll, die bei Erwachsenen angeblich nicht mehr aktivierbar sind. Etwa "Ernesto Netos Installation 'Uni Verso Bébé II Lab', ein zeltartiger riesiger, weißer Mutterleib, dessen Inneres voller weicher Stoffe, Bälle und Kissen ein urvertrautes Gefühl von Geborgenheit, Intimität und Leichtigkeit vermitteln soll. Andere Künstler begeistern die Kinder durch gezielten Bruch von Konventionen. Wie Basim Magdy, der für 'Pingpinpoolpong' Tischtennisplatten um Schikanen und Hindernisse ergänzt hat. Die Besucher praktizieren dort einen Mix aus Tischtennis, Billard und Flipper, eine 'unausführbare Sportart', die scheitern und lachen lässt, wie der Wandtext wahrheitsgemäß vorhersagt."
Nicht weniger als die (Kunst-)Geschichte Amerikas von den 1900er bis in die 1980er erzählen will die Ausstellung "Untiteld" im New Yorker Whitney Museum of American Art - und das gelingt prächtig, findet Veronica Esposito, die im Guardian auch einige neue Entdeckungen in der Schau macht: "Eine der Neuerwerbungen, die in der Ausstellung im Mittelpunkt steht, ist das eindrucksvolle Werk 'Massacre at Wounded Knee II' des indianischen Künstlers Fritz Scholder aus dem Jahr 1970. Das zur Abstraktion tendierende Gemälde ist größtenteils in gebrochenem Weiß gehalten, mit einem dünnen, wellenförmigen grünen Band am oberen Rand und zwei abstrakten Figuren in kräftigem Rot, die auf die zahlreichen Morde verweisen, die das Gemälde darstellt. Der Titel bezieht sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 1890, bei dem weit über 300 Lakota-Indianer im Rahmen einer langjährigen Kampagne zur Eroberung ihres Landes durch das US-Militär getötet oder verwundet wurden."

Literatur

Weiteres: Im Tagesspiegel gratuliert Lars von Törne dem Comiczeichner Ralf König zum 65. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Isabel Allendes "Mein Name ist Emilia del Valle" (Welt, Dlf Kultur), Bernardine Evaristos "Blondes Herz" (Dlf Kultur), Sylvie Schenks "In Erwartung eines Glücks" (FR), Heinz Strunks Erzählungsband "Kein Geld Kein Glück Kein Sprit" (FAZ) und Miku Sophie Kühmels "Hannah" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film

Kamil Moll hat im Filmdienst viel Freude an "The Klimperclown", Helge Schneiders Porträt in eigener Sache: "In einem lockeren Arrangement aus dokumentarischem Material, Spielszenen und begleitetem Schaffensprozess ist dies ein in mäandernden Geschichten wunderbar verläppernder Dokumentarfilm und zugleich dessen leichthändige Parodie. Die Schwerpunkte ... sind dabei klar von Leerstellen durchsetzt: Seinem filmischen Schaffen als Regisseur und Schauspieler bei Filmemachern wie Christoph Schlingensief und Werner Nekes schenkt er kaum Beachtung, präsentiert stattdessen lieber als Weltpremiere im Film seine ersten Drehversuche aus der Jugendzeit. Wie zuletzt bei Arne Körners Porträtfilm über den modernen Renaissancemenschen Dietrich Kuhlbrodt, 'Nonkonform' (für den Schneider als Geistesverwandter nicht von ungefähr die Filmmusik einspielte), sieht man hier vor allem einem der faszinierendsten Künstler der letzten Jahrzehnte beim gegenwärtigen Ausüben eines freien, geglückten Lebens zu."
Weiteres: Die Filmgalerie 451 hat zahlreiche Arbeiten des experimentellen Filmemachers Klaus Wyborny gratis online gestellt, meldet Fabian Tietke in der taz. Urs Bühler stimmt in der NZZ auf das heute Abend beginnende Filmfestival Locarno ein. Tilman Schumacher führt in critic.de durch das unmittelbare Nachkriegskino von Harald Reinl, der später als Edgar-Wallace- und Karl-May-Routinier bekannt wurde. Tobias Obermeier erinnert in der Jungle World an den "Weißen Hai" von Steven Spielberg, der vor 50 Jahren das Blockbuster-Zeitalter einläutete.
Besprochen werden Justine Bauers Landlebenfilm "Milch ins Feuer" (taz, FD), Nisha Ganatras Komödie "Freakier Friday" mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan (Tsp, Welt), Alexis Langlois' queeres Popmusical "Drama Queens" (Tsp), die neue Staffel der auf Amazon Prime gezeigten Serie "Der Sommer, als ich schön wurde" (taz) sowie Arnaud und Jean-Marie Larrieus vorerst nur in Österreich startender Film "Die Geschichte von Jim" (Standard).
Design
In der FAZ porträtiert Niklas Maak den Designer und Unternehmer Rafael Horzon, der zwar vieles macht, was man aus der Ferne betrachtet mit Kunst oder Kunst-Pranks verwechseln könnte, nur dass er - so hat er es per Anwalt gegenüber Wikipedia durchgesetzt - nicht als Künstler bezeichnet werden darf. In Berlin hat er vor nicht allzu langer Zeit das Deutsche Design Museum gegründet und dabei fürs Erste nur sich selbst ausgestellt, ähnlich wie er zuvor die Wissenschaftsakademie Berlin gegründet hat, die im Wissenschaftsbetrieb für Irritationen sorgte, dann aber doch zum Hot Spot des Kuratorwesens avancierte. "Das ist das Interessante an der Methode Horzon: Ein Laden, ein Projekt, eine Institution wirkt zunächst wie eine Dada-Persiflage - und wird dann zu einer Realität oder einer 'Neuen Wirklichkeit'. ... Das Deutsche Design Museum ist ein ähnlicher Fall: Gestartet als Ort, um sich selbst eine Retrospektive einzurichten, wird das Museum gerade zu einer ernst zu nehmenden Adresse für die Auseinandersetzung mit der Frage, was 'Design' ist, kann und soll. "
Bühne

Bei der Uraufführung beim Festival d'Avignon hatte Marlene Monteiro Freitas' Performance "Nôt" die Kritik in zwei Lager gespalten, erinnert Benno Schirrmeister (taz), der zumindest positiv irritiert ist von dem Stück, das die kapverdische Choreografin, die ab 2026 zum künstlerischen Leitungsteam der Volksbühne gehören soll, in Anlehnung "1001 Nacht" geschaffen hat und nun auf Kampnagel in Hamburg aufführt. Zu sehen sind "fast ausschließlich robotisch-eckige Trippelbewegungen. Im herkömmlichen Sinne tanzt mit am meisten Joãozinho da Costa: Im weißen Plisseeröckchen, das er ab und an neckisch lüftet, schwingt er sich vorne links auf der Bühne ein, noch bevor es richtig losgeht, mit reduzierten Salsaschritten zu einer geloopten Musiksequenz. Seine Präsenz wirkt gelassen majestätisch: Er verkörpert mit Bestimmtheit die aus Kränkung gespeiste Grausamkeit des Sultans Schahryâr. Und noch zuverlässiger wird man in Mariana Tembe die Heldin Scheherazade erkennen: Indem sie die Bühne entschlossen durchquert, nimmt die beinlose Tänzerin den Raum in Besitz."
Besprochen werden Georg Quanders Inszenierung der Strauß-Operette "Die Fledermaus" an der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Tsp), eine Aufführung des "Lohengrin" unter dem Dirigat von Christian Thielemann bei den Bayeuther Festspielen (Welt) und Ulrich Rasches Inszenierung der Oper "Maria Stuarda" bei den Salzburger Festspielen (NZZ).
Musik
Jan Brachmann spricht in der FAZ mit Andreas Bomba, der aktuell seinen letzten Jahrgang als Leiter der Bachwoche in Ansbach bestreitet, bei der, so Brachmann, "bis heute viele Durchlauchten, Erlauchten, Exzellenzen, amtierende und ehemalige Konzernvorstände und Aufsichtsräte zusammenkommen". Oder wie Bomba es ausdrückt: "Wir haben hier ein westdeutsches Publikum." Michael Ernst spricht in der FAZ mit dem Pianisten Gerald Fauth, der eben als Leiter der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig im Amt bestätigt wurde. Außerdem meldet Jan Brachmann in der FAZ, dass das Brahms-Portal der Musikhochschule Lübeck mit zahlreichen kommentierten Digitalisaten und Archivalia online gegangen ist.
Besprochen werden aus Salzburg ein Schostakowitsch- und Brahms-Abend mit Igor Levit (Presse), ein Abend mit Georg Nigl (Standard) und ein Liederabend mit Sabine Devieilhe und Mathieu Pordoy (FAZ) sowie Leikeli47s Album "For Promotional Use Only" (FR).
Besprochen werden aus Salzburg ein Schostakowitsch- und Brahms-Abend mit Igor Levit (Presse), ein Abend mit Georg Nigl (Standard) und ein Liederabend mit Sabine Devieilhe und Mathieu Pordoy (FAZ) sowie Leikeli47s Album "For Promotional Use Only" (FR).
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