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13.10.2025. Die Feuilletons trauern um Diane Keaton: Sie erinnern an eine Frau, die ihren Rollen eine völlig neue, radikale Haltung des Frau-selbst-seins verliehen hat und auch an eine Stilikone. FAZ, taz und FR treffen sich am Schauspiel Frankfurt, wo Anja Hillings Stück zu KI in der Erziehung Unbehagen erzeugt. Die NZZ porträtiert die russische Sängerin Monetotscka, die wenig Hoffnung hat, aus dem Exil zurückkehren zu können. In der FAZ singt die philippinische Senatorin Loren Legarda ein Loblied auf die Literatur ihres Landes.
Die Feuilletons trauern um DianeKeaton, die im Alter von 79 Jahren gestorben ist. International bekannt wurde sie in der Rolle der Geliebten und Ehefrau von Michael Corleone in "Der Pate", aber die Herzen (und schließlich auch den Oscar) eroberte sie als Annie Hall in Woody Allens gleichnamigem Film (hierzulande "Der Stadtneurotiker") von 1977 - acht Filme drehte sie insgesamt mit Allen, mit dem sie (wenngleich zu "Annie Hall" schon nicht mehr) auch privat liiert war. "Ihre Annie Hall zählt ohne Zweifel zu den vier, fünfprägendstenFrauenfiguren der amerikanischen Kulturproduktion des 20. Jahrhunderts", schreibt Patrick Wellinski, Filmredakteur beim Dlf Kultur, auf seiner Facebook-Seite. "Sie war ein völlig neuer Typus Frau, eine Figur, die aus dem Nichts kam und sofort alles veränderte. ... Keaton spielte nicht eine Rolle, sie ließ eine Haltung entstehen. Und diese Haltung war nichts anderes als eine Revolution: DasWeibliche, dasIntellektuelle, dasChaotische - alles durfte plötzlich gleichzeitig existieren. Annie Hall musste nicht perfekt sein, um begehrenswert zu sein. Sie musste nicht kämpferisch sein, um frei zu wirken. Sie war einfach sie selbst, und genau das war damals das Radikalste überhaupt. Diane Keaton hat in dieser Figur das Paradox der Moderne aufgelöst: dass man sich selbst finden will, ohne sich dabei zu verlieren. Ihre Gesten - das fahrige Lachen, die zu großen Anzüge, dasewige 'La-di-da' - sind Ausdruck einer neuen Haltung des Ungefähren."
"Die Möglichkeit der Liebe, des Verstehens, der Menschlichkeit, oder zumindest der Gelassenheit, eben das verkörperte Keaton", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Ihr Markenzeichen: das makellose Gesicht, der offene, unverwandte Blick, das feine Sensorium, die Natürlichkeit, die schlanke Gestalt. Und die Männerkleidung: Mit Weste, Krawatte, Bundfaltenhosen, großer Brille und Melone wurde sie seit 'Annie Hall' zur Stilikone." Und sie liebte Komödien, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, "und das gab sie unumwunden zu: 'Ich liebe es, unbeholfen zu sein oder mich zu verlieben und zu lachen oder jemandes Gesicht zu berühren und es zu genießen. Ich liebe den Spaß, den man hat, wenn man in einem Komödienfilm mitspielt.' Das hat ihr geholfen, mit über 50 im Geschäft zu bleiben, nichtnurNebenrollengroßmütter zu spielen, sondern große Parts."
Auch auf dem Regiestuhl nahm Keaton Platz, erinnert David Steinitz in der SZ. "Selten erwähnt, trotzdem wahr, zum Beispiel bei einer Episode von David Lynchs Kultserie 'Twin Peaks' (1991). Man müsse selbst Regie führen, sagte Keaton, um zu kapieren, dass all die Schauspieler, die unbedingt selbst Regie führen wollen, einem falschen Traum aufsitzen: Denn dieser Job sei schlicht und einfach jedes Mal ein Albtraum. Ebenfalls als Albtraum erlebte sie, dass Hollywood für Frauen jenseits der 40 nur noch sehr wenige Rollen zu bieten hat, wenn die Zeit vorbei ist, in der man den jungen love interest spielt. Weil Keaton aber nie jemand war, der sich allzu lange mit Meckern aufhielt, entschied sie sich eben einfach, den alten love interest zu spielen. Zum Beispiel an der Seite von Jack Nicholson in der hübschen Komödie 'Was das Herz begehrt' (2003)."
Weiteres: Bert Rebhandl sieht für den Standard auf der Viennale gezeigte Filme zum 7. Oktober und zum Gazakrieg. Das Filmteam des Standardgibt außerdem Tipps zum Festival. Jannis Holl erinnert in der FAZ an NicolasWindigRefns frühen Film "Pusher". Besprochen wird die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Remnick" (taz).
Für die FAZunterhält sich Andreas Platthaus mit der philippinischen Senatorin LorenLegarda, die als treibende politische Kraft hinter dem Gastauftritt der Philippinen bei der FrankfurterBuchmesse steht und dementsprechend ein Loblied auf die philippinische Literatur und deren Bedeutung für die "Gestaltung der nationalen Identität" singt. "Wir gehören zu den gefährlichsten Orten der Welt für Journalisten", zitiert derweil Holger Heimann in seinem Tagesspiegel-Bericht über seine Reise auf die Philippinen den Schriftsteller JoseDalisay, doch "Romanautoren und Dichter sind sicher. Denn niemand liest uns. Die Regierung ist ungebildet." Und Heimann selber weiter: "Vielen Filipinos mangelt es erwiesenermaßen an grundlegendsten Kenntnissen. Das hat im Vorjahr eine breit angelegte Studie ergeben. 19 Millionen Menschen im Land zwischen zehn und 64 Jahren sind funktionaleAnalphabeten, das sind 30 Prozent der Altersgruppe. Bücher stehen aber auch bei denen, die lesen können, nicht hoch im Kurs. Außerdem sind sie vergleichsweiseteuer. Ein Buch kostet oft so viel, wie ein Filipino an einem Tag verdient." In einer Langen Nacht für den Dlf Kulturwidmen sich Katharina Borchardt und Stephanie von Oppen der philippinischen Literatur, genau wie Cornelia Zetzsche im Literatur-Feature.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Iris Mayer und Ulrike Nimz sprechen für die SZ mit KalebErdmann, der den ErfurterAmoklauf an einem Gymnasium 2002 überlebt hat und in seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten (und in Standard und FR besprochenen) Roman "Die Ausweichschule" verarbeitet. Für den Tagesspiegel spricht Gerrit Bartels mit ThomasMelle, der in "Haus zur Sonne" erneut seine manischeDepression verarbeitet. Der SchriftstellerHansZippert macht sich in der FAZ Gedanken dazu, wie es den Vertretern seiner Zunft gelingen kann, unsterblichen Ruhm zu erlangen.
Besprochen werden unter anderem FionaSironics "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" (taz), MilenaMichikoFlašars Erzählungsband "Der Hase im Mond" (NZZ), JasmilaŽbanićs "Blum" (Standard) und MarinaChernivskys "Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober" (Jungle World). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Am Schauspiel Frankfurt hat Christina Tscharyiski Anja Hillings "Spiel des Schwebens" uraufgeführt: Das Stück basiert auf Jean-Jacques Rousseaus pädagogischem Roman "Émile", weiß Tilman Spreckelsen in der FAZ. Die Protagonistin Miko soll von allen schlechten Einflüssen ihrer Eltern Vesna und Nils beschützt werden, die sich als Erziehungsberaterin die KI Kali ins Haus holen, eine körperlose Macht: "Was man einem Wesen antut, das man mit den besten Absichten von seinen Wurzeln fernhält, wird hier sehr deutlich. Freilich auch, dass dieses Stück in seinem Kern nicht auf ein Bühnengeschehen angelegt ist, sondern seinen Inhalt vor allem in diesem Teil über Sprache vermitteln möchte. Das ändert sich im Epilog, der dann auch noch den hintersten Bereich der Bühne nutzt und auf eine transparente Leinwand die Silhouetten von Vesna und Nils projiziert, in wechselnden Größen, und virtuos das Beziehungsgeflecht zwischen Mikos Eltern beleuchtet... Dieser letzte Teil gleicht mit seinen grandiosen Bildern vieles aus, was man an Sinnlichkeit in den vorigen Abschnitten vermissen konnte."
In der FR erkennt Judith von Sternburg zwar die Schwächen des Stücks, aber auch die schöne künstlerische Skurrilität: "Das Unbehagen des Vermutlich-Misslingens liegt über dem Text. Miko treibt es fort von dort und zwischenzeitlich in einen seltsamen, einsamen Selbstfindungsraum hinein (das scheint Kalis Idee gewesen zu sein, schwer zu sagen, ob man wirklich auf eine KI hören soll, wenn es um pädagogische Fragen und Kindeswohl geht). Die Eltern werden ebenfalls auseinandergehen, bevor sie sich vorm Tod wiederbegegnen. So läuft das auf eine etwas mühselig komplex gebaute Situation hinaus. Aber Tscharyiski sorgt zumindest dafür, dass das Künstliche und Konstruierte daran nicht geglättet, sondern mit den Mitteln des Theaters reizvoll ausgestellt wird." Auch taz-Kritikerin Shirin Sojitrawalla schwankt etwas zwischen Interesse und Verwirrung: "Zeiten, Maßstäbe, Realitäten purzeln in dem mit vielen Zeitsprüngen operierenden Stück durcheinander. Man kann es als Plädoyer für die Fehlerhaftigkeit der Welt lesen. So ganz klar ist das allerdings an diesem Abend nicht."
Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Rainald Goetz' "Lapidarium" am Residenztheater München, inszeniert von Elsa-Sophie Jach (FAZ), die Kinderoper "Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse", die Samuel Penderbayne an der Komischen Oper basierend auf einem Buch von Christine Nöstlinger inszeniert (FAZ, Tagesspiegel), Klaus Manns Roman "Mephisto" wird von Luk Perceval am Staatstheater Wiesbaden inszeniert (FR, Nachtkritik), Tom Kühnel inszeniert Rhea Lemans Stück "Arendt. Denken in finsteren Zeiten" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik, Spiegel Online), Emre Akal inszeniert "Die Tragödie von Romeo und Julia" frei nach Shakespeare am Schauspielhaus Graz (Nachtkritik), Itay Tiran inszeniert "Onkel Wanja" von Tschechow am Schauspiel Köln (Nachtkritik) und Detlev Glanerts Oper "Die drei Rätsel", Regie führt Brigitte Dethier an der Deutschen Oper (Tagesspiegel).
Ueli Bernays porträtiert in der NZZ die russische Sängerin Monetotschka, die wegen ihrer Kritik am Ukrainekrieg 2022 vom Putin-Regime als "ausländischeAgentin" gebrandmarkt wurde und ins Exil nach Litauen auswandern musste. Von dort aus singt sie nun für die russische Diaspora. "Monetotschka sät Frieden unter ihren jungen Zuhörerinnen und Zuhörern. Aber wird die Saat jemals aufgehen? Werden ihre Fans dereinst in die Politik eingreifen und Russland Frieden und Demokratie zurückbringen können? 'Vielleichtinzwanzig, dreißigJahren', sagt sie ohne falsche Hoffnungen. ... Weil sie nicht nur in ihrer Heimat als Kriminelle ausgeschrieben sei, sondern auch in Staaten, die enge Beziehungen mit Russland unterhielten, könne sie heute beispielsweise in Kasachstan nicht mehr vor ihren Fans auftreten. Als Russin kann sie zwar auch in der Ukraine keine Konzerte geben, bei Auftritten in Westeuropa fänden sich im Publikum jedoch immer auch ukrainische Fans. Sie träume von einer Tournee, die von Kiew nach Moskau führe. Aber um den Traum realisieren zu können, 'müsste sich die Gesundheit eines bestimmten Mannes erheblich verschlechtert haben'."
Außerdem: Lennart Sämann porträtiert in der taz die Metal-Shouterin BrittaGörtz. Stefan Michalzik berichtet in der FR vom Urban Vibes Festival in Frankfurt. Besprochen werden AnNaR.s postumes Album "Mut zur Liebe" (Welt), ein Konzert der K-Pop-Band XLOV in Berlin (taz), The Divine Comedys Album "Rainy Sunday Afternoon" (FAZ), FrancescoPiemontesis Aufnahme von Brahms' zweitem Klavierkonzert (FAZ) und eine Aufnahme der Uraufführung von CharlesTournemires Oper "La légende de Tristan" (FAZ).
Gertrud von Kunowski: Die Malschule. Credit: Bauhaus-Archiv Berlin, Gerrud von Kunowski Dank der Kuratorin Kathrin DuBoiskann Jörg Restorff (Monopol) in der Ausstellung "Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter" im Kunstpalast Düsseldorf so einige interessante Kunstwerke entdecken. Die Ausstellung lenkt den Blick auf Künstlerinnen, die zwischen 1819 und 1919 in Düsseldorf gearbeitet haben, letzteres Datum markiert die "schrittweise Öffnung der Kunsthochschule für Frauen". Hier werden anhand von 31 Künstlerinnen die zahlreichen Facetten ihres Könnens gezeigt: "Ihre Selbstporträts scheinen uns in direkte Tuchfühlung mit ihnen zu bringen. Diese Nähe über eine Distanz von mehr als 150 Jahren hinweg vermittelt am eindrücklichsten das vitale Selbstbildnis, das Mathilde Dietrichson 1865 anfertigte. Nicht von ungefähr wurde es als Cover-Motiv des Katalogs ausgewählt. Die norwegische Künstlerin, damals 28 Jahre alt, wendet den Kopf nach rechts, um uns geradewegs ins Gesicht zu blicken - so, als wolle sie Kontakt zum Betrachter aufnehmen. Sie hatte ihre Ausbildung in Düsseldorf 1857 begonnen. (…) Obwohl Mathilde Dietrichsons Bilder international präsent waren - unter anderem auf der Weltausstellung 1878 in Paris -, verblasste ihr Ruhm schon zu Lebzeiten."
Besprochen werden außerdem die Installation "Steve McQueen: Occupied City" im Rijksmuseum Amsterdam (NZZ) und Asta Grötings Ausstellung "Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve" im Frankfurter Städel (taz).
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