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21.11.2025. Monopol lässt sich von Kara Walker in Berlin jenen Teil amerikanischer Geschichte servieren, der so gern verschwiegen wird. Der Tagesspiegel erinnert sich im Berliner Club Ritter Butzke wehmütig an eine untergegangene Clubkultur. SZ und Welt fragen sich mit Blick auf den Fall Konstantin Wecker, wann sich die Linke dem strukturellen Machtmissbrauch in den eigenen Reihen stellen möchte. In Eran Riklis' Film "Lolita lesen in Teheran" kämpft eine Literaturdozentin gegen das iranische Regime - die SZ feiert eine "Ode an die Freiheit", der FAZ fehlt's an Tiefe. Hat das heutige Theater ein Gewaltproblem, fragt die nachtkritik.
Angenehm ist diese Reise nicht, zu der Kara Walker in ihrer aktuellen Ausstellung in der Berliner Galerie Sprüth Magers lädt, warnt Sebastian Frenzel bei Monopol vor. Denn die amerikanische Künstlerin blickt in ihren Collagen und Gemälden auf jenen Teil amerikanischer Geschichte, der gern verschwiegen wird, etwa in ihrer Arbeit: "The Second Thanksgiving", die daran erinnert, "dass bei diesem Nationalfeiertag Ende November neben Truthahn, Mais und Süßkartoffeln immer auch eine kräftige Portion Gründungsmythos serviert wird. Als die europäischen 'Pilgerväter' im Jahr 1620 im heutigen Massachusetts landeten, hätten sie den ersten Winter ohne Hilfe der einheimischen Wampanoag nicht überlebt, die ihr Essen mit den Ankömmlingen teilten und ihnen Anbautechniken beibrachten. Aus Dankbarkeit feierte man ein gemeinsames Fest, so jedenfalls geht die Erzählung. Dass die Kolonisten keine Dankbarkeit, sondern Völkermord, Sklaverei und Landraub brachten, wird bei diesem Familienfest bis heute unter den reich gedeckten Tisch gekehrt."
Besprochen werden die Ausstellung "Impressionismus in Deutschland" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, die der FAZ-Kritikerin Alexandra Wach auch die Erinnerung an lange unbeachtete Malerinnen wie Sabine Lepsius, Maria Slavona oder Dora Hitz verdankt und die große Gerhard-Richter-Retrospektive in der Pariser Fondation Louis Vuitton (Tsp, mehr hier).
Hat das Theater ein Gewaltproblem? Das ist keine neue Frage, wie Jakob Hayner in seinem Essay bei nachtkritik selbst zugibt. Unter dem Vorzeichen aktueller Diskurse stellt sie sich aber etwas anders als vor einigen Jahren, meint Hayner, denn heute "kommen die Einschränkungstendenzen aus dem Theater selbst, angefeuert durch die Angst vor moralischen Gesichtsverlust im geschlossenen Kommunikationskreislauf der Theaterblase." Die heute oft geäußerte Kritik an der "Reproduktion von Gewaltverhältnissen" kann laut Hayner "nur ein Moment der Analyse sein, kein abschließendes Urteil. Und auch, wenn damit eher 'Reproduktion von Ideologie' gemeint ist, bleibt das Argument dasselbe. Theater bringt die Herrschaft der Ideologie über die Körper zur Erscheinung, das ist eine Form der Kritik." Es schadet in der Kunst nicht, "sich der Gewalt auszusetzen, wie Schlingensief sagte. ... Man schaut der Gewalt ins Auge und nur so kann man ihr womöglich auch entkommen."
Weitere Artikel: Die Berliner Staatsoper wollte einen Musikmanager einstellen, der in der Burschenschaft "Franco-Bavaria" aktiv ist, berichtet Konrad Litschko in der taz, machte nach Kritik jedoch einen Rückzieher. In der FRmacht sich Sylvia Staude Gedanken, wie es beim Hamburg Ballett und dem Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal weitergehen soll, deren Intendanten mit dem großen Erbe ihrer Vorgänger zu kämpfen hatten. In der NZZresümiert Ueli Bernays den Streit um Lies Pauwels "Jeanne-d'Arc"-Inszenierung in Basel - die Regisseurin hatte dezidiert nach "anorektischen Frauen" als Statistinnen gesucht. Im Tagesspiegelunterhält sich der Regisseur Falk Richter mit Tom Mustroph über sein neues Schaubühnen-Stück "Hannah Zabrisky tritt nicht auf".
Lilly Schröder stellt in der taz die Dichterin und TikTokerin Clara Lösel vor. Michael Hesse besucht für die FR zwei Ausstellungen in Weimar, die sich Goethes "Faust" widmen. Einmal "Faust - Eine Ausstellung" im Schiller-Museum Weimar und "Experiment Faust" im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar. Besprochen werden der Sammelband ""Hidden Heroes". Anthology of North Korean Fiction" (FAZ), Assaf Gavrons "Everybody be cool" (FAZ), Steffen Martus' "Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute" (tsp) und Siân Hughes' Roman "Perlen" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Golshifteh Farahani in "Lolita lesen in Teheran". Foto: Filmstarts.de In Eran Riklis' "Lolita lesen in Teheran" versucht eine Literaturdozentin im Iran des Jahres 1979 dem beginnenden Totalitarismus die Lektüre verbotener Bücher entgegenzusetzen. Dabei mache Riklis in seiner Adaption von Azar Nafisis gleichnamigen Roman, die schleichende Islamisierung der Gesellschaft deutlich, meint Lena Bopp in der FAZ: "Riklis setzt den Kontrast zwischen Innen und Außen, den Sehnsüchten und Grenzen seiner meist weiblichen Figuren mit schnellen Gegenschnitten ins Bild: Dem geheimen Lesekreis, in dem immer donnerstags Austen und Nabokov gelesen wird, steht die Gefängniszelle entgegen, in der die Studentin Nassrin (Mina Kavani) wegen eines angeblich gerissenen Jungfernhäutchens nicht nur ausgepeitscht wird." Wichtige Fragen werden hier aufgeworfen, leider bleibt der Film vielerorts ein wenig zu oberflächlich, bedauert Bopp. Eine "Ode an die Freiheit" und die Literatur sieht Fritz Göttler für die SZ: "Bücher werden in diesem Film heimlich erworben (...) Das geht, weil sie mehrdeutig sind. Bücher mit klaren Botschaften, hat Nafisi in einem Interview erklärt, sind so totalitär wie das Regime."
Chris Schinke berichet in der Jüdischen Allgemeinen vom israelischen Filmfestival "Seret", das in den Hackeschen Höfen in Berlin stattfindet. Die Lage für das Festival hat sich massiv verschlechtert, erklärt die Festivaldirektorin Odelia Haroush: "'Manche Häuser sagen, sie seien ausgebucht, andere geben ehrlich zu, dass sie Angst vor BDS-Aktivisten und Demonstrationen haben', weiß Haroush zu berichten. Auch die Finanzierung sei schwieriger geworden. Zuschüsse von Städten, Kulturämtern oder Stiftungen seien in diesem Jahr ausgeblieben. 'Früher habe ich Unterstützung aus verschiedenen öffentlichen Programmen bekommen, heute gar nichts mehr.'"
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Andreas Busche zur Studie, die die Nazi-Verstrickungen des deutschen Filmverbands "Spio" aufdeckte (unser Resümee). Besprochen wird Romuald Karmakars Dokumentarfilm "Der unsichtbare Zoo" (NZZ).
Nach acht Jahren Bauzeit wird das 1968 als zentraler Ort für schwarze Kunst gegründete Studio Museum Harlem an neuem Ort wiedereröffnet - und Andreas Robertz (Monopol) ist hingerissen, erscheint das neue Studiomuseum mit Blick auf die revanchistische Kulturpolitik unter Donald Trump doch wie ein "Bollwerk der Hoffnung". Und auch "die Architektur kann nicht übersehen werden. Ein anthrazitfarbener Block aus übereinandergestapelten horizontalen und vertikalen Quadern - der minimalistische, sieben Stockwerke hohe Bau strahlt vor allem eines aus: Selbstbewusstsein. Eine grün-schwarz-rote US-Fahne des Konzeptkünstlers David Hammons weht am Eingang, eine Anspielung auf die panafrikanische Flagge der Schwarzen Nationalisten um Marcus Garvey der 1920er-Jahre." In der FAZ räumt Frauke Steffens ein, dass sich nicht alle Anwohner über den neuen Prachtbau freuen, denn die "'Gentrifizierung' von Harlem ist in vollem Gange, in manchen Ecken wohnen fast nur noch Menschen mit hohem Einkommen, und viele Weiße ziehen her..."
Die Euphorie über die geplante neue Oper in Hamburg wird gedämpft, berichtet Gernot Knödler in der taz Nord, bemerkte man doch jetzt, dass der Entwurf der Bjarke Ingels Group jenem ähnelt, den sie vergangenes Jahr für die Philharmonie in Prag vorgestellt hatten: "Ein Kern von zu einem Hügel gestapelten Funktionsräumen wird mit gläsernen Fassaden umgeben und von einer Spirale weit auskragender, begehbarer Dächer umspielt. Allerdings wirkt der Entwurf für Prag weniger organisch, weniger verspielt, dafür urbaner." Knödler wendet gegen denn Neubau auch ein, "dass die heutige Staatsoper in der Nähe des Gänsemarkts als ältestes von Bürgern gegründetes Opernhaus des Kontinents eine große Tradition hat und das aktuelle Gebäude unter Denkmalschutz steht. Die Stadt müsste es also eigentlich erhalten."
Weitere Artikel: Matthias Alexander atmet in der FAZ auf, dass nun zumindest der Architektenwettbewerb für die ersten drei Baufelder des sogenannten Block B am Berliner Molkenmarkt entschieden worden ist.
Thomas Wochnik (Tsp) erinnert sich in der Ausstellung "Elegantly Wasted" im Urban Spree wehmütig an eine Clubkultur vor Corona und vor dem 7. Oktober, der die Gesellschaft wohl "unwiederbringlich" gespalten habe, wie Kurator Max Dax ihm gegenüber äußert. So unbeschwert wie auf den Fotos, die Ben de Biel zwischen 2006 und 2019 im Ritter Butzke geschossen hat, wird es vermutlich nicht mehr, glaubt auch Wochnik: "Vieles von dem, was die Kamera festhielt, hat man längst wieder vergessen. Wer erinnert sich nach einer langen Clubnacht schon speziell an die Garderoben-Boys - und auch das ist einer der Gründe, aus denen sich das Fotografieren in Clubs grundsätzlich verbietet - in einer durch und durch auf den ausgelassenen, ungezwungenen Glücksmoment und seine unbedingte, von allen Konsequenzen freie Flüchtigkeit zugeschnittenen Welt."
In der SZ ist Joachim Hentschel mit Blick auf den Fall Konstantin Wecker gar nicht ganz so überrascht, ist in den Songs deutscher Liedermacher doch rückblickend eines augenfällig: "Wie oft die Frauenrollen in diesen Liedern nicht von Frauen, sondern von Mädchen gespielt werden - von Minderjährigen. Über Udo Lindenbergs 'Ob du 14 oder 40 bist, ist dann alles total egal' über '17 Jahr, blondes Haar', das Udo Jürgens mit 30 zum ersten Mal sang und später immer wieder. Wie manche Protagonisten im links-alternativen Lager zu der Zeit über Sexualität mit minderjährigen Menschen dachten, auch darüber gibt es bis heute eine nicht zufriedenstellend abgeschlossene Debatte." In der Welt fragt sich auch Hannah Bethke, wann die Linke beginnt, strukturellen Machtmissbrauch und Gewalt in den eigenen Reihen aufzuklären.
Weitere Artikel: Für die FR spricht Arne Löffel mit der Singer-Songwriterin Tuva Hellum Marschhäuser alias Tuvaband, deren neues Album "Seven Ways Of Floating" gerade erschienen ist. Für die tazporträtiert Yelizaveta Landenberger die russische Popsängerin Monetochka, die seit 2022 im litauischen Exil lebt, sich gegen den Krieg und für ukrainische Geflüchtete einsetzt und nun für drei Konzerte nach Deutschland kommt. Jonathan Fischer reist für die Welt nach Lagos, um den Erfolg von Afrobeats zu ergründen. In der NZZ freut sich Corina Kolbe, dass die russische Cellistin Anastasia Kobekina, die 2022 allein aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit von der Kartause Ittingen ausgeladen wurde, nun beim Lucerne Festival debütiert.
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