Efeu - Die Kulturrundschau

Futuristische Gemüsewumme auf ein unbestimmtes Ziel

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2025. Boualem Sansal gibt erste Interviews nach seiner Freilassung. Cherien Dabies' Film "Im Schatten des Orangenbaums" beeindruckt die Kritiker durch bewegende Aufnahmen von Orangenhainen und palästinensischen Familien - politisch hat er hingegen blinde Flecken. Die FAZ staunt, wie die Tokioter Art Week Natur und Kultur vereint. Evgenji Titovs "Salome"-Inszenierung gibt den Kritikern avantgardistische Rätsel auf. Der Tagesspiegel schwingt die Beine zu den jazzigen ukrainischen Schlagern, die der Lwiwer Homin-Chor performt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2025 finden Sie hier

Literatur

"Im Gefängnis ist man gezwungen, sein Leid für sich zu behalten, darüber spricht man nicht mit den anderen. Abends weint man allein in seiner Zelle." Boualem Sansal hat nun - mit ungewohnt kurzen Haaren - in mehreren Medien Interviews gegeben. Hier ein Auszug aus dem Gespräch mit France Inter.


Für Le Point spricht Géraldine Woessner mit Arnaud Benedetti, der in Frankreich das Unterstützungskomitee für Sansal organisiert hat. Nach einer Periode der Rücksicht habe man eher eine Politik der Lautstärke gewählt, so Benedetti: "Unsere algerischen Gesprächspartner haben uns alle bestätigt: Dieses Regime ist 'durchtränkt' von einer Kultur des Machtkampfs. Die algerische Regierung hoffte, dass man den Fall Sansal vergessen würde und dass diese Inhaftierung eine Botschaft an alle regimekritischen Intellektuellen und Oppositionsaktivisten sein würde, insbesondere an diejenigen, die in Europa Asyl gefunden haben. Daher entschied sich das Unterstützungskomitee für eine Politik der Mobilisierung und des Lärms - was das Ziel jedes Unterstützungskomitees ist, das mit einer solchen Situation konfrontiert ist. Ein Unterstützungskomitee, das seinen Kampf nicht öffentlich macht, ist ein Komitee, das nichts nützt."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Tobias Döring dem somalischen Schriftsteller Nuruddin Farah zum Achtzigsten. Besprochen werden u.a. Cornelia Funkes Kinderbuch "Gespensterjäger und der Weihnachtsspuk" (FAZ), Michael Stavaričs und Michèle Gansers Jugendsachbuch "Faszination Wale" (FAZ), Ali Sadrzadehs Biografie über Ali Chamenei (SZ) und András Viskys Roman "Die Aussiedlung" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Sansal, Boualem

Film

Szene aus "Im Schatten des Orangenbaums". © X-Verleih

Ein "bewegendes Familienepos" sieht Andreas Busche im Tagesspiegel in Cherien Dabis' Film "Im Schatten des Orangenbaums", der beim Sundance Film Festival begeistert aufgenommen wurde. Die amerikanisch-palästinensische Regisseurin erzählt über mehrere Generationen hinweg die Geschichte einer palästinensischen Familie, die mit der Vertreibung des Großvaters Sharif durch die israelische Armee 1948 im Jahr beginnt: "Der Verlust seines Orangenhains bedeutet für Sharif ein lebenslanges Trauma. Er wird von seinem Land verstoßen, landet in einem Arbeitslager und kehrt als gebrochener Mann zu seiner Familie nach Jaffa zurück." Der Kritiker ist eingenommen von der Geschichte, anderseits hätte er sich mehr Differenzierung gewünscht. Beispielsweise hätte man erzählen können, "dass die weltberühmte Jaffa-Orange, die Sharif in alle Welt exportiert, bis weit in die 1920er-Jahre als Symbol einer jüdisch-palästinensischen Zusammenarbeit galt. Stattdessen beginnt der Film mit Straßenschlachten und Raketenangriffen."

"Gut gespielt, auf konventionelle Art wirkungsvoll inszeniert, in vielen intimen Alltagsszenen durchaus glaubwürdig und bewegend", findet auch Sabine Horst bei epd Film, äußert aber auch deutliche Kritik: "Der Versuch, die Erzählung über mehr als ein halbes Jahrhundert schrecklicher Kämpfe hinweg zu spannen, ohne die Opferperspektive aufzugeben, ist erkauft mit einem toten Winkel im Sichtfeld. Sonnendurchglühte Aufnahmen des Orangenhains, der Strände, der Altstadt Jaffas suggerieren eine natürliche Beziehung zwischen den Palästinensern und dem Land. Politische Begriffe wie 'Intifada' werden dagegen vermieden, und die historischen Konflikte erscheinen verunklärt; nichts konterkariert die gelegentlich eingeblendeten arabischen Nachrichten."

Weiteres: Stella Schalamon unterhält sich für Zeit Online mit den Schauspielern Finn Wolfhard und Gaten Matarazzo aus der Serie "Stranger Things", deren letzte Staffel diese Woche auf Netflix startet. In der taz resümiert Luca Klander die 25. Französische Filmwoche in Berlin. Besprochen werden Guillermo des Toros "Frankenstein" (Zeit O) und Osgood Perkins Horrorfilm "Keeper" (SZ).
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Kunst

Yanobe Kenji, Atom Suit Project: Nursery School 1, Chernobyl 1997. Courtesy & Collection of Hiroshima City Museum of Contemporary Art. © Yanobe Kenji


Stefan Trinks, für die FAZ auf der Art Week Tokyo, staunt, wie die japanische Kunstwelt es schafft, Natur und Kultur zukunftsweisend miteinander zu verbinden: "Kenji Yanobes 'Atom Suit Project: Nursery School 1, Chernobyl' von 1997 spricht Bände. Im abermals grellgelben Tiefseetaucheranzug sitzt der Künstler lange elf Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in einem in panischer Hast verlassenen Kindergarten der benachbarten Stadt vor einer zerrupften Spielpuppe und macht damit zweierlei deutlich: Die Natur in Form von Schimmel an den Wänden und durch die Scheiben eindringender Gewächse braucht den Menschen nicht und wird ihn mühelos überleben. (…) Wenn dann noch die junge Künstlerin Tsuyoshi Ozawa wie Arcimboldo in der Renaissance eine 'Vegetable Weapon' aus Lauch und Salat bastelt, um die futuristische Gemüsewumme auf ein unsichtbares Ziel zu richten, verstärkt das den Eindruck dieses Grundzugs aktueller japanischen Kunst nur noch weiter: Natur plus Künstlichkeit ist gleich - Zukunft."

Weiteres: Jens Hinrichsen berichtet für Monopol vom Videokunst-Festival Loop in Barcelona, das dazu auffordert, ganz genau hinzusehen. Philipp Meier interviewt für die NZZ den Schweizer Künstler Luciano Castelli, der einst zu den Berliner Neuen Wilden gehörte.

Besprochen werden: Die Arbeiten von Kara Walker, die unter dem Titel "Dispatches from A- and the Museum of Half-remembered Histories" in der Galerie Sprüth Magers ausgestellt werden (Tagesspiegel) und die Yayoi Kusama-Retrospektive in der Fondation Beyeler in Basel (Welt).
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Stichwörter: Art Week Tokyo

Bühne

"Salome". Bild: Jan Windszus Photography.


In Evgenji Titovs Inszenierung von Oscar Wildes und Richard Strauss' "Salome" an der Komischen Oper Berlin ist der für die Geschichte eigentlich so zentrale Mond eine "wenig vom Platz bewegte Kugelleuchte: massiv, geheimnislos und als Stimmungsträger ziemlich fade", seufzt Gerald Felber in der FAZ. Der Kritiker sieht eine Aufführung, "die sich den atmosphärischen Verlockungen der flirrenden und schillernden Klänge spröd verschließt und stattdessen, kammerspielartig verdichtet, weitgehend auf das Agieren und Zusammenwirken der Solisten setzt."

Frederik Hanssen ist im Tagesspiegel hingegen ganz angetan: "Rätselhaft ist dieser Abend, nichts von dem Geraune des Regisseurs, das sich im Programmheft nachlesen lässt, hilft, um die verstörenden Bilder zu entschlüsseln, die er auf die Bühne bringt. Dabei ist Titovs Personenführung brillant: Weil sie sich im Klangfluss der Partitur bewegen dürfen, weil jede Geste aus dem musikalischen Impuls entwickelt wird, können die Sänger zu Schauspielern werden, auf eine Art, wie man es selten sieht." Selten hat er die Oper "so hart und kantig, so radikal avantgardistisch, brutal, archaisch, unerhört modern für das Kompositionsjahr 1905" gehört.

Kulturkampf wird wieder klassisch, mit Demos und so, meint Simon Strauß in der Leitglosse des FAZ Feuilletons. Beispiel Magdeburg, wo ein Stück über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt 2024 auf die Bühne gebracht werden soll - was nicht allen gefällt. So "versammelten sich unlängst Menschen aus Magdeburg, darunter der Vater eines beim Anschlag getöteten Neunjährigen, und Anhänger rechtsradikaler Gruppierungen, um gegen die 'pietätlose Vermarktung' des Attentats zum 'Bühnenspektakel' zu demonstrieren. Die Leitung des soeben zum Theater des Jahres gekürten Hauses hat sich inzwischen zu Wort gemeldet und von einem 'Angriff auf einen Grundpfeiler unserer Demokratie' gesprochen. Ob jede Demonstration rechtsradikaler Gesinnungsträger gleich ein Angriff auf die Kunstfreiheit ist?" Vielleicht hätte man sein Vorhaben auch einfach etwas weniger schwammig beschreiben können, als es das Theater tat, denkt sich Strauß.

Besprochen werden das Musical "Gullivers Reisen" am Wiener Burgtheater von Nils Strunk und Lukas Schrenk (Welt), Wolfgang Menardi inszeniert Shakespeares "Richard III." am Wiener Akademietheater (FAZ, SZ), Lucy Kirkwoods "Entrückt" in einer Inszenierung von Jan Bosse am Staatstheater Wiesbaden (FR, Nachtkritik), "Hannah Zabrisky tritt nicht auf", geschrieben und inszeniert von Falk Richter an der Berliner Schaubühne (Nachtkritik, Tagesspiegel, SZ), Tolstois "Krieg und Frieden" in einer Inszenierung von Calle Fuhr am Schauspiel Köln (Nachtkritik), Mathias Spaans Inszenierung von Max Porters Roman "Trauer ist das Ding mit Federn" am Münchner Volkstheater (Nachtkritik), Sidi Larbi Cherkaouis "Bal impérial" am Grand Théâtre Genf (NZZ) und "2x241 Titel besser als Martin Kippenberger" vom Kollektiv Frankfurter Hauptschule an den Münchner Kammerspielen (taz).
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Musik

Valeriia Semeniuk stellt im Tagesspiegel den ukrainischen Chor "Homin" aus Lwiw vor. Nachdem dieser mit einem kurzen TikTok-Clip viral ging, tourt er nun durch ganz Europa und wird auch in Berlin auftreten: "Im Mittelpunkt des Programms stehen ukrainische Schlagermelodien des 20. Jahrhunderts - einige fast vergessen, andere Evergreens, die vor dem Krieg auf keinem Fest fehlten. Viele kennen diese Lieder auswendig. In den neuen Arrangements klingen sie überraschend frisch: hier ein Hauch Jazz, dort ein verschobener Rhythmus. Es bleibt Retro - aber ohne eine Spur Staub. Auch wenn auf der Bühne ein Teppich mit traditionellem ukrainischen Muster liegt, der als eine Art Talisman mitreist und scherzhaft als 25. Mitglied des Ensembles bezeichnet wird." Ein "weiteres Feld sind die Partes-Konzerte des 17. Jahrhunderts, ein einzigartiges ukrainisches Genre des vielstimmigen liturgischen Gesangs."




Weitere Artikel: Frank Keyl besucht für die taz das "Heintje"- Archiv des Künstlers Dieter Glasmacher. Ueli Bernays war für die NZZ beim Jazzfestival "Unerhört" in Zürich. In der FR ist Stefan Michalzik begeistert von einem Auftritt des Jazz-Musikers Jakob Manz im Mozartsaal in Frankfurt.
Archiv: Musik
Stichwörter: Ukrainische Musik