Efeu - Die Kulturrundschau
Was für ein satter, dunkler Trotz
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03.01.2026. Dass gerade kapitalismuskritische Kunst von Kapitalisten geliebt wird, ist ein Dilemma für die Künstler, erkennt die FAS. Die SZ geht vor der Cellistin Raphaela Gromes in die Knie. Der Standard besucht ein besonders schönes Exemplar der Wiener Moderne: die Villa Rezek. In der FAZ fragt sich der Literaturwissenschaftler Markus Steinmayr, warum Tolkiens "Herr der Ringe" plötzlich von den Rechten geliebt wird.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
03.01.2026
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Architektur

Literatur
Erst seit den Achtzigern gibt es in Deutschland Literaturhäuser - und auch wenn die Immobilien oft beeindruckend wirken, ist ihre finanzielle Lage derzeit alles andere als rosig, berichtet Marc Reichwein in der Literarischen Welt. In Leipzig stehe gar die Existenz auf dem Spiel. Laut Hauke Hückstädt vom Netzwerk der Literaturhäuser in Deutschland, seien die Fördermittel für viele Häuser seit teils zwanzig Jahren oder länger nicht mehr oder kaum erhöht worden. Doch "je stärker die Häuser sich selbst finanzieren müssen, desto austauschbarer werden die Programme - und gerade im populären Segment konkurrieren sie mit Veranstaltungsangeboten von Buchhandlungen, was ihre kommunale Förderung ja erst recht infrage stellen könnte."
Tolkiens "Herr der Ringe" verdankt einen Großteil seiner Popularität vornehmlich den Hippies und linken Studenten der Sechziger- und Siebzigerjahre. Wie kommt es da, dass seit geraumer Zeit neurechte Kreise die Fantasysaga propagandistisch für sich in Beschlag nehmen? "Das Heilsversprechen, das die Rechtspopulisten geben, ist die Wiederherstellung einer ursprünglichen Natur des Politischen, die durch Moderne, Fortschritt, Industrialisierung und Migration eben verschandelt oder kontaminiert ist", schreibt der Literaturwissenschaftler Markus Steinmayr im Literarischen Leben der FAZ. "Für dieses Imaginäre neurechter Politik ist Auenland das Vorbild. Die Prosa Tolkiens, die den Rückzug in die ursprüngliche Natur des Auenlands als Aufbruch in eine andere und neue Zeit inszeniert, ähnelt hier in mancherlei Hinsicht der politischen Rhetorik populärer Rechtspopulisten. ... Die neurechte Lektüre" von Tolkiens "Fantasy gibt das Versprechen einer wiederherstellbaren Heimat, die unter den Auspizien der Gegenwart verloren gegangen ist. Das ist nichts anderes als politische Fantasy ohne politische Phantasie."
Weitere Artikel: Willi Winkler erinnert in der SZ aus Anlass einer Ausstellung in Linz an die Schriftstellerin Brigitte Schwaiger, die in den Siebzigern bei Publikum und Kritik sensationelle Erfolge feierte und dann wegen einer Borderline-Störung aus der Öffentlichkeit verschwand. Ute Kröger erinnert in der NZZ an die Reise des Journalisten Richard A. Bermann 1925 auf den Spuren von Robert Louis Stevenson nach Samoa. Die Schriftstellerin Nora Gomringer schreibt in der Literarischen Welt über die Ups and Downs einer Lesereise. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Rede, die die Schriftstellerin Joy Williams zur Eröffnung der großen Rilke-Ausstellung in Marbach gehalten hat. Anne Dreesbach blickt für die FAZ auf Thomas Manns Hunde. Rüdiger Görner schreibt in der NZZ über die Jahre, die der Dichter Ferdinand Freiligrath auf der Flucht vor der Zensur in Zürich vebrachte. In der Literarischen Welt erinnert sich Herbert Wiesner an die Gründung und ersten Jahre des Literaturhauses Berlin, das er von 1986 bis 2003 leitete. In der FAZ gratuliert Paul Ingendaay dem Schreibheft-Herausgeber Norbert Wehr.
Besprochen werden Arno Schmidts "Tagebücher der Jahre 1957-1962" (taz), César Airas' "Der Hase" (LitWelt), Wolfgang Künnes Biografie über Bernard Bolzano (taz), Monika Kims Krimi "Das Beste sind die Augen" (taz), Rainer Moritz' "Das Jahr in Büchern. Literaturtipps für jeden Tag" (Standard) und Karl-Heinz Otts "Die Heilung von Luzon" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Sebastian Kleinschmidt über Adam Zagajewskis "Morandi":
"Die Gegenstände waren wachsam sogar nachts,
wenn er schlief und von Afrika träumte,
der Porzellankrug, zwei Kännchen ..."
Tolkiens "Herr der Ringe" verdankt einen Großteil seiner Popularität vornehmlich den Hippies und linken Studenten der Sechziger- und Siebzigerjahre. Wie kommt es da, dass seit geraumer Zeit neurechte Kreise die Fantasysaga propagandistisch für sich in Beschlag nehmen? "Das Heilsversprechen, das die Rechtspopulisten geben, ist die Wiederherstellung einer ursprünglichen Natur des Politischen, die durch Moderne, Fortschritt, Industrialisierung und Migration eben verschandelt oder kontaminiert ist", schreibt der Literaturwissenschaftler Markus Steinmayr im Literarischen Leben der FAZ. "Für dieses Imaginäre neurechter Politik ist Auenland das Vorbild. Die Prosa Tolkiens, die den Rückzug in die ursprüngliche Natur des Auenlands als Aufbruch in eine andere und neue Zeit inszeniert, ähnelt hier in mancherlei Hinsicht der politischen Rhetorik populärer Rechtspopulisten. ... Die neurechte Lektüre" von Tolkiens "Fantasy gibt das Versprechen einer wiederherstellbaren Heimat, die unter den Auspizien der Gegenwart verloren gegangen ist. Das ist nichts anderes als politische Fantasy ohne politische Phantasie."
Weitere Artikel: Willi Winkler erinnert in der SZ aus Anlass einer Ausstellung in Linz an die Schriftstellerin Brigitte Schwaiger, die in den Siebzigern bei Publikum und Kritik sensationelle Erfolge feierte und dann wegen einer Borderline-Störung aus der Öffentlichkeit verschwand. Ute Kröger erinnert in der NZZ an die Reise des Journalisten Richard A. Bermann 1925 auf den Spuren von Robert Louis Stevenson nach Samoa. Die Schriftstellerin Nora Gomringer schreibt in der Literarischen Welt über die Ups and Downs einer Lesereise. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Rede, die die Schriftstellerin Joy Williams zur Eröffnung der großen Rilke-Ausstellung in Marbach gehalten hat. Anne Dreesbach blickt für die FAZ auf Thomas Manns Hunde. Rüdiger Görner schreibt in der NZZ über die Jahre, die der Dichter Ferdinand Freiligrath auf der Flucht vor der Zensur in Zürich vebrachte. In der Literarischen Welt erinnert sich Herbert Wiesner an die Gründung und ersten Jahre des Literaturhauses Berlin, das er von 1986 bis 2003 leitete. In der FAZ gratuliert Paul Ingendaay dem Schreibheft-Herausgeber Norbert Wehr.
Besprochen werden Arno Schmidts "Tagebücher der Jahre 1957-1962" (taz), César Airas' "Der Hase" (LitWelt), Wolfgang Künnes Biografie über Bernard Bolzano (taz), Monika Kims Krimi "Das Beste sind die Augen" (taz), Rainer Moritz' "Das Jahr in Büchern. Literaturtipps für jeden Tag" (Standard) und Karl-Heinz Otts "Die Heilung von Luzon" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Sebastian Kleinschmidt über Adam Zagajewskis "Morandi":
"Die Gegenstände waren wachsam sogar nachts,
wenn er schlief und von Afrika träumte,
der Porzellankrug, zwei Kännchen ..."
Kunst
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Niklas Maak wirft in der FAS einen Blick auf die internationalen Künstler, die das Jahr 2026 bestimmen werden - allen voran der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama, der gerade von der Art Review zum wichtigsten lebenden Künstler der Welt gewählt wurde. Mahama wurde bekannt "mit Werken, für die er gebrauchte Jutesäcke verwendet, die in Asien hergestellt und beim globalen Transport afrikanischer Güter abgenutzt werden. In ihren Fasern speichern sie Schweißspuren und Dreck und erzählen so eine Geschichte von globalem Handel, Ausbeutung, Aufstiegshoffnungen, Waren- und Kapitalströmen." Dass diese Säcke jetzt in von der Luxusindustrie gesponserten Kunsthallen hängen, ist nicht nur für ihn ein Dilemma, sondern für alle Künstler, "die den Zusammenhang von exponentiellem Reichtum und globaler Ausbeutung zum Thema machen, dass ihr Werk ausgerechnet in den von ihnen kritisierten Gegenden und Institutionen der Welt besonders gut ankommt. Da etwa Mahama so gut wie nie Menschen darstellt, findet sein Werk auch Interessenten in Staaten, in denen man Darstellungen von Nacktheit oder direkte politische Kritik nicht akzeptiert."
Im Interview mit der Zeit spricht Marina Abramović über das Alter, den Schmerz und die Erotik, der ihre neue Performance gewidmet ist: "Es war mir ungeheuer wichtig, mich genau jetzt, in dieser unglaublich schwierigen Phase der Menschheitsgeschichte, mit den alten Ritualen der Erotik auf dem Balkan zu beschäftigen, in die Vergangenheit zurückzuschauen. Vor Hunderten Jahren benutzten die Menschen die sexuelle Energie für alles, selbst für die Landwirtschaft, um Kartoffeln und Zwiebeln gedeihen zu lassen. Die Erotik war etwas, um sich mit dem Kosmos zu verbinden. Das hat übrigens nichts mit Pornografie zu tun. Es geht um eine neue Sicht auf unsere Körper. Es geht um unsere Energie."
Weitere Artikel: Marc Zitzmann besucht für die FAZ in Bayonne das Musée Bonnat-Helleu. Christiane Meixner besucht für den Tagesspiegel die Berliner Galerie Friedmann-Hahn, wo derzeit Jub Mönster seine mit Kugelschreiber gemalten Bilder von Paris ausstellt. In der FAZ gratuliert Monika Grütters dem Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, W. Michael Blumenthal, zum Hundertsten.
Besprochen werden eine Ausstellung der belgischen Künstlerin Ana Torf in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien (Standard), die Keramiken Lucio Fontanas in der Peggy Guggenheim Collection in Venedig (NZZ), Cauleen Smiths kapitalismuskritisches "Volcano Manifesto" in der Kestner Gesellschaft Hannover (taz) und die Gruppenausstellung "Challenge" in der Berliner Gnyp Gallery (Tsp).
Film
Stephan Klemm unterhält sich in der FR mit dem Filmemacher Lars Jessen über dessen Habeck-Porträt "Jetzt. Wohin" (mehr zum Film hier). Ute Cohen spricht für die WamS mit dem Regisseur François Ozon über dessen Camus-Verfilmung "Der Fremde" (unsere Kritik). Im Standard wirft Valerie Dirk Schlaglichter auf die Geschichte des Kinos von der Glanzzeit des Stummfilmkinos vor hundert Jahren bis zum Hollywood in der zweiten Amtszeit Trumps. Besprochen wird Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Kate Hudson und Hugh Jackman (SZ).
Musik

Bei ihrem Neujahrskonzert in der Berliner Philharmonie demonstrieren der Rias-Kammerchor, die Akademie für Alte Musik und der Dirigent Justin Doyle, "wie sich der große Saal in einen Raum spannungsvoller Intimität verwandeln lässt", schwärmt Clemens Haustein in der FAZ. "Fünf Instrumentalisten spielen, zwei Violinen, eine Viola, dazu ein Basso continuo aus Violoncello und Orgelpositiv. Sie führen eine melancholische Passacaglia des venezianischen Komponisten Biagio Marini auf." Dessen Komposition "ist von ungewöhnlicher Intensität, die drei Melodiestimmen spielen ein Spiel aus Nähe und Ferne, touchieren sich, nehmen Abstand, nähern sich von Neuem, reiben sich aneinander in der Dissonanz oder kommen sich gleich kunstvoll in die Quere. Die Wirkung ist enorm."
Weiteres: Ulrich Gutmair erinnert sich in der taz an den kurzlebigen Konzertveranstaltungsraum Bootleg in Augsburg, in dem sich Ende der Achtzigerjahre die Subkultur feierte. In der WamS sprechen Autor Frank Schätzing und Musiker Jim Kerr über David Bowie, über den beide jüngst Bücher veröffentlicht haben. Besprochen wird Gündaleins Rap-Album "Always Crazy", das laut FR-Kritiker Stefan Michalzik "rundum geglückt" ist.
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