Efeu - Die Kulturrundschau

In listiger Schwebe

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.01.2026. Der Reggae-Schlagzeuger Sly Dunbar ist tot. Die SZ erinnert an seine lässige Eleganz, der taz werden bei der Erinnerung an Dunbars funky Doubledrumming die Knie weich. Ein niederländisches Architekturbüro denkt Asylbewerberunterkünfte neu, lernt die SZ. Die Welt freut sich angesichts von Aufführungen in Berlin und Straßburg über eine Korngold-Renaissance. Die taz schwelgt in den sinnlichen Bildern von Urška Djukićs Coming-of-Age-Films "Little Trouble Girls". KI Slob hat auch seine guten Seiten, meint die Presse.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2026 finden Sie hier

Kunst

Altenburger Altar, Thronende Muttergottes
Foto: Städel Museum - Norbert Miguletz

Von einer gut 700 Jahre alten Madonna schwärmt Stefan Trinks in der FAZ. Als Herzstück des Altenberger Altars wurde sie um 1320 in einer Kölner Werkstatt gefertigt, nun wurde die Figur vom Frankfurter Städel angekauft, um den Altar wieder zu vervollständigen. Einen hohen einstelligen Millionenbetrag lässt sich das Museum die "Familienzusammenführung" kosten. Gut angelegtes Geld, findet Trinks: "Obelix würde vermutlich etwas wie 'diese Nase!' stammeln, so kleopatrahaft fein ist das Gesicht mit dem distinguierten Lächeln und dem kleinen Grübchen im Kinn geschnitten. Von den nach der Mode der Zeit gezupften Augenbrauen ist die rechte leicht erhoben, als blicke sie selbst leicht ungläubig auf die Lilie der Jungfrauengeburt in ihrer Rechten, in die auch der auf ihrem Schoß stehende Christusknabe mit der flach ausgestreckten Hand weist und die leider im Lauf der Jahrhunderte abgebrochen ist, sodass nur noch ein kurzer grüner Stummel von ihrer fein geschnitzten Hand umgriffen wird."

Das Internet wird mit banalen KI-Bildern und anderem algorithmischem Kunstmüll überschwemmt. Ein Grund zu klagen? Ganz im Gegenteil, meint Andrey Arnold in der Presse. Denn die KI orientiert sich in ihren Kreationen stets am kleinsten gemeinsamen Nenner und ist deshalb "sehr gut darin, alles herauszufiltern, was an menschengemachter Kunst nicht kreativ, nicht geistreich, nicht clever, originell oder spannend ist. (…) Anstatt sich darüber zu ärgern, dass das Netz mit artifiziellem Unrat geflutet wird, sollten sich natürliche Intelligenzen darüber freuen: Der ganze austauschbare KI-Vollholler beschreibt anschaulich, welche Wort-, Bild- und Tongepräge wir tunlichst vermeiden sollten, wenn wir wahrhaft schöpferisch sein wollen. In dieser Hinsicht sind die Programme, die den 'Slop' hervorbringen, wirklich nützliche Tools."

Außerdem: monopol gibt durch, wer welches Land auf der 61. Kunstbiennale in Venedig vertreten wird. Besprochen werden die Bodo Kampmann gewidmete Schau "Bildhauer und Goldschmied" im Städtischen Museum Braunschweig sowie eine Kampmann gewidmete Buchpublikation (taz), die Schau "Constable & Turner: Rivals & Originals" in der Londoner Tate Britain (NZZ) und "Pierre Huyghe - Liminals" in der LAS Art Foundation, Halle am Berghain, Berlin (Welt).
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Literatur

Alexander Menden resümiert in der SZ das Kölner Lyrikfestival Poetica. Im Standard schreibt Alexandra Millner zum Tod der Lyrikerin Emily Artmann, die nur 50 Jahre alt wurde. In der FAZ kann sich Tilman Spreckelsen gut vorstellen, dass Joachim Kaufmann als neuer Leiter die zuletzt sichtlich gebeutelte Frankfurter Buchmesse wieder nach vorne bringen kann, zumal Kaufmann bereits den Carlsen Verlag durch beherzte Strukuränderungen erheblich anwachsen lassen konnte. Unter dem Insta-Hashtag #iceoutcomics dokumentieren Indie-Comickünstler Eindrücke von ICE-Übergriffen und zivilgesellschaftlicher Gegenwehr, berichtet Lars von Törne im Tagesspiegel.

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Besprochen wird unter anderem Wolfram Lotz' "Träume in Europa" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau.
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Bühne

Opéra du Rhin - Le Miracle d'Héliane, Nederlandse Reisopera
© Marco Borggreve

Allzu oft bekommt man so etwas nicht mehr zu Gesicht, meint Manuel Brug in der Welt: zweimal Erich Wolfgang Korngold in einer Woche. Zum einen an der Deutschen Oper Berlin, wo Korngolds "Violanta" auf dem Programm steht, in einer allerdings eher mäßigen Inszenierung. Zum anderen an der Opéra du Rhin in Strasbourg, wo die "Wunder der Heliane" gegeben werden. Und die haben es in sich, der "doch sehr zeitverhafteten Singhandlung" zum Trotz: "Und dann plötzlich verführt und schmeichelt diese so fein changierende Korngold-Musik doch wieder ungemein. Ist sie doch eine der schönsten und wirkungsvollsten Tondrogen, die die vierhundertjährige Operngeschichte für den willigen Hörer bereithält. Die Überfülle seines Wohllauts spürt man in jeder Note." Albrecht Selge kann, lesen wir in van, auch mit der Berliner Inszenierung einiges anfangen: "Befremdlicher Quickie, geht trotzdem steil".

Ganz bezaubert ist FR-lerin Sylvia Staude von "Embodied Dissent - Dance in Times of War", einem Tanzfestival am Staatstheater Kassel. Politische Symbolik gibt es da zwischendurch auch, viel mehr jedoch interessiert sich Staude für die vielseitigen Körpersprachen des Programms. Zum Beispiel in "Victims & Images - Vol. 2" von Roni Chadash. Die Choreografin "lässt ihre beiden Tänzerinnen, Romi Lahav und Shira Ben Uriel, Schüchternheit, Koketterie, Konkurrenz andeuten, lässt gleichzeitig in listiger Schwebe, ob sie nicht bloß mit dem Publikum spielen. Mehrfach fühlt sich dieses zum Schlussapplaus aufgefordert, mehrfach geht es weiter, auch mit dem Abba-Song 'Dancing Queen' und im Hintergrund blinkenden Lichtlein. So viel zarten Witz, so viele doppelte Böden, mit so viel Geschick eingezogen, das bekommt man im Tanz nicht oft zu sehen."

Außerdem: Markus Ehrenberg blickt im Tagesspiegel voraus auf Fabian und Anne Hinrichs' "Irgendetwas ist passiert" - am 30.1. ist Premiere an der Berliner Volksbühne. Besprochen werden "Eugen Onegin" in der Inszenierung Ralph Fiennes' an der Pariser Oper im Palais Garnier (FAZ - "auf intensiv-überwältigende Weise fein, dicht und genau"), Soe Ratsifandrihanas Tanzstück "Fampitaha, fampita, fampitàna" im Tanzquartier Wien und Maurice Béjarts "Ballet for Life" in der Wiener Stadthalle in einer Doppel-Kurzbesprechung (Standard), "La traviata", von Ute M. Engelhardt inszeniert, am Stadttheater Gießen (FR - "wirkungsvolle Auftritte"), die Neuinszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspiel Frankfurt (Welt - "wie eine in Routinen erstickte Ehe") und ein neues Buch des Dramatikers Wolfram Lotz (SZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Villa Beer © Stefan Huger

Toll, dass die Villa Beer nun Besuchern zugänglich ist, freut sich Almuth Spiegler in der Presse. In "einem der wichtigsten Architekturdenkmäler der (zweiten) Wiener Moderne" wurde nun ein Museumsbetrieb eingerichtet. In den eleganten, lichten Räumen des Baus kann man nicht zuletzt auch einer Geschichte der antisemitischen Vertreibung nachspüren: Sowohl der verantwortliche Architekt Josef Frank als auch die ursprünglichen Besitzer, die Familie Beer, mussten nach dem Anschluss Österreichs an NS-Deutschland ins Exil. Eine Tochter der Beers wurde von den Nazis getötet. "Nur wenige, nur originale Möbel hat man belassen. Dadurch fühlt es sich an, als würde man die Immobilie besichtigen. Als wäre sie frei, auch für eigene Gedanken. Wie man sich selbst hier einrichten würde. Ob man sich hier überhaupt einrichten könnte. Wer hier früher war und heute nicht mehr ist."

Neue Wege in der Asylpolitik: auch dazu kann die Architektur etwas beitragen, lernt SZler Thomas Kirchner bei einem Besuch im niederländischen Oisterwijk. Entworfen vom renommierten Architekturbüro OMA entsteht dort eine neue Unterkunft für Asylbewerber. Der Bau ist als praktischer Widerspruch gegen die im Land kursierende harsche Anti-Migrations-Parolen geplant - und lässt die Asylbewerber näher an den Rest der Gesellschaft heranrücken: "Das Asylzentrum liegt in einem Waldgebiet, etwas abseits von Oisterwijk. Es wird nun bei laufendem Betrieb umgebaut und erhält neue Wohnbereiche, eine Schule, Sporthalle, ein Mehrzweckgebäude sowie Büros und Magazine, während der alte Bestand abgerissen wird. Alle Einrichtungen und Plätze sollen auch den Stadtbewohnern zur Verfügung stehen, etwa zum gemeinsamen Kochen. Ziel ist, die Integration zu befördern. Bisher waren die Migranten unter sich, umgeben von einem Zaun, der ebenfalls weg soll."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Villa Beer, Frank, Josef

Film

Mädchenfreundschaften unter dem Blick der Nonne: "Little Trouble Girls" von Urška Djukić

Katharina Böhm ist in der taz sehr fasziniert von Urška Djukićs Debütfilm "Little Trouble Girls", der vom sexuellen Erwachen eines Mädchens unter den strengen Augen einer Nonne und unweit "schwitzender Bauarbeiter" erzählt. Was die Slowenin "daraus macht, ist dann erstaunlich frei von Nonnen- wie Bauarbeiterklischees und handelt weniger von Sex als von Sinnlichkeit." Deswegen "ist es kein Zufall, dass ihr Ohr das Erste ist, was man von ihr sieht. ... Es ist die Chorprobe, in der Lucija und Ana Maria sich das erste Mal begegnen, und Lucijas Sinne sind voll auf Empfang gestellt. Sie guckt das fremde Mädchen nicht nur an, sie studiert es. Hört nicht nur den Bibeltext, der vorgelesen wird, sondern bemerkt das Summen der Fliege auf dem Kronleuchter. Wie Haarsträhnen um Finger gewickelt und heimlich SMS getippt werden. Es passiert viel zu selten, dass die Tonebene im Film die gleiche Zuwendung erfährt wie das Bild. ... Die Szenen zwischen den Schülerinnen erzählen in jedem Fall Schönes und Schmerzhaftes davon, wie komplex Mädchenfreundschaften sein können."

Leonard Krähmer von critic.de war weniger angetan: "An botanisch-plakativer Metaphorik findet Djukić sichtlich Gefallen. Von der Nahaufnahme eines Mädchennabels schneidet sie auf eine Blüte, die von einer Biene bestäubt wird. Mehrfach zeigt 'Little Trouble Girls' mit Musik unterlegte Blumen in Nahaufnahme. ... Obwohl Djukić eine beeindruckende und taktile Sensibilität für die Erfahrungsräume weiblicher Adoleszenz beweist, laboriert 'Little Trouble Girls' am typischen Debütfilm-Syndrom, möglichst viel von dem anzudeuten, was nach Beherrschung der filmischen Form aussieht", was dazu führt, "dass sich die großen Bilder, die am Ende reihenweise aufgefahren werden (Achtung: Chornonnen am Wasserfall), in ihrem Formwillen gegenseitig abnutzen."

Weitere Artikel: Wolfgang Hamdorf resümiert im Filmdienst das Filmfestival Max Ophüls Preis, wo der deutsche Filmnachwuchs vor allem seine Sorgen zum Ausdruck brachte: "Der satirisch-poetische Blick auf die Gesellschaft der Zukunft korrespondierte in Saarbrücken mit dem düsteren Blick junger Filmemacher auf die Gegenwart." Ulf Lippitz spricht im Tagesspiegel mit Simon Verhoeven, der in seinem neuen, auf Zeit Online besprochenen Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (nach dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff) seine Mutter Senta Berger inszeniert hat.

Besprochen werden Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snails" (critic.de, mehr dazu bereits hier), Koya Kamuras "Winter in Sokcho" (critic.de) und Sam Raimis Survivalthriller "Send Help" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Die Popkritiker trauern um den jamaikanischen Reggae-Schlagzeuger Sly Dunbar. Gemeinsam mit dem Bassisten Robbie Shakespeare hatte er insbesondere in den Achtzigern zahlreichen internationalen Pop-Acts - darunter die Dire Straits, Joe Cocker, Mick Jagger, Bob Dylan, Serge Gainsbourg und viele weitere - ein Reggae- und Dub-Gepräge mit auf den Weg gegeben. Mit ihrer "Lässigkeit und Eleganz" konnten "Sly & Robbie jeden noch so banalen Popsong mit einem untergründigen Rhythmus zu einer Hymne aufladen", schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Dunbar zerlegte jeden Groove in unzählige Arabesken. Die Snare setzte er oft unerwartet zwischen Wirbel und Fills, die sich um die Basslinien seines Weggefährten legten. ... Beide beherrschten es in Perfektion, ihre Schläge und Töne um Sekundenbruchteile zu verschleppen oder auch einfach mal eine Pause stehen zu lassen. Das hat auf der Tanzfläche den Effekt, dass der Leib in einen untergründigen Alarmzustand versetzt wird. Wo isser denn, der Beat?"



Auch in den Siebzigern war Dunbar bereits umtriebig. Er "perfektionierte das sogenannte 'Double Drumming', er behielt das Phillysoul-Tempo, aber spielte es mit doppelten Rimshots (Schlägen auf den Blechrahmen der Snare)", schreibt Julian Weber in der taz. "Der Song 'Right Time' von den Mighty Diamonds (1972) highlightet seinen Stil. Dunbar ist der pfeilgerade Antreiber, dessen funky Doubledrumming die Knie stante pede erweicht." Und "wer jemals die Hüften zu 'Padlock' von Gwen Guthrie geschwungen hat, weiß, dass Disco erst durch Dub alle Facetten seiner flamboyanten Persönlichkeit kennenlernen konnte. Auch hier sind Sly und Robbie federführend am Werk." Weitere Nachrufe schreiben Harry Nutt (FR) und Edo Reents (FAZ).



Weitere Artikel: "Man darf nicht mitmachen, muss den Anfängen wehren", schreibt Axel Brüggemann auf Backstage Classical und freut sich über die Konsequenz, mit der Philipp Glass aus Protest gegen Trump die Uraufführung seiner neuen Sinfonie im Kennedy Center abgesagt hat. Jakob Biazza hat für die SZ DJ Hell getroffen, der nicht nur gerade ein neues Album veröffentlicht, sondern aktuell auch an der Musik für ein demnächst in München aufgeführtes, ziemlich abenteuerlich klingendes Theaterstück über Klaus Lemke arbeitet. Christian Wildhagen blickt in der NZZ aufs erste Programm, das der neue Intendant Sebastian Nordmann für das Lucerne Festival zusammengestellt hat: "Zentrale Sparten und Grundstrukturen des Festivals bleiben erhalten", wiewohl sich im Detail "veränderte Akzente" zeigen. Neil Young hat aus Protest gegen die Küngelei zwischen Donald Trump und Jeff Bezos seinen Musikkatalog von Amazon Music abgezogen und außerdem seine Neil Young Archives allen Menschen in Grönland kostenfrei zur Verfügung gestellt, melden Gerrit Bartels (Tsp) und Margarete Affenzeller (Standard).

Besprochen werden eine Netflix-Dokuserie über die Boyband Take That (Welt) sowie neue Alben von A$AP Rocky (taz), Robbie Williams (NZZ) und der Sleaford Mods (Standard).
Archiv: Musik
Stichwörter: Dub, Reggae, Dub-Reggae, Dunbar, Sly