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10.07.2026. Die Literaturkritiker gratulieren dem Fabelwesen der deutschen Literaturszene Christine Wunnicke zum Büchnerpreis: taz und NZZ würdigen ihren diabolischen Humor, die FAZ lobt ihren Eigensinn. Die SZ ist empört über den Umgang der Münchner Politik mit Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel, für die sich offenbar niemand zuständig fühlt. Die Musikkritiker trauern um Bonnie Tyler: Der FR war sie ein Vorbild, wie man nach einer Niederlage sein Krönchen wieder richtet. "It's a Heartache", ruft Zeit online.
ChristineWunnicke hatte niemand so richtig auf dem Schirm für den Büchnerpreis - umso erfreuter sind die Kritiker über die Entscheidung, der Schriftstellerin diese höchsten Ehren der deutschsprachigen Literatur zukommen zu lassen. Die in eigener Sache sehr zurückhaltend auftretende Autorin ist "eine Art Fabelwesen des aufmerksamkeitsökonomisch gesteuerten Literaturbetriebs", schreibt Paul Jandl in der NZZ. In ihren "funkelnd klugen und hochkomischen Romanen und Novellen ... wird etwas verhandelt, das weder Gegenwartssucht noch Gegenwartsflucht bedient. Es ist ein Ausschreiten in die Vergangenheit, mit dem man schließlich wieder in der heutigen Welt ankommt. ... Mit leichter Hand streift sich diese Literatur Zeiten, Fachsprachen und Jargons über. Ein diabolischer Humor gehört genauso dazu wie eine exquisite Neugier auf Entlegenes."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ihre "Prosa ist fein gezeichnet und dezent coloriert, in der Sache schwebt sie keineswegs, ist geerdet und konkret und interessant, aber die Sprache dazu darf Weißraum enthalten, sie heischt Aufmerksamkeit, aber nicht mit Exaltiertem, sondern mit Ökonomischem", schreibt Judith von Sternburg in der FR. Ihr Werk ist wohl "eines der eigensinnigsten in der deutschen Literatur der Gegenwart", kommentiert Jürgen Kaube in der FAZ - nicht zuletzt, weil sie mit ihren sehr schmalen Büchern nicht nur an Seiteninflation und Wälzertum kein Interesse hat: Auch "an Nationalgeschichte ist sie so wenig interessiert wie an Protagonisten, die ein geschichtsphilosophisches Pensum haben. Wunnicke befreit den Blick auf das Vergangene aus der Herrschaft der politischen Geschichte, es gibt, sagt jede Zeile von ihr, noch so viel andere. Sie erinnert uns nicht an große Zeiten, sondern daran, wie Individuen versuchen, sich in einer Wirklichkeit, die ihnen widrig ist, durchzuschlagen."
Tazler Ulrich Rüdenauer freut sich, dass die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt endlich auch mal ein literarisches Werk auszeichnet, das sich auch durch Komik auszeichnet. "Wunnicke betreibt in ihren satirischen Vivisektionen, atmosphärischen Zeitporträts, liebevollen Charakterstudien fröhliche Wissenschaft und heitere Aufklärung. Sie decouvriert Mythen und macht das Mythische im Faktischen kenntlich, und das auf so wenig Raum und auf so kluge Weise, dass man über den Reichtum der schmalen Bücher bei jeder Lektüre staunen muss." Doch "das eigentlich Besondere ist, wie sie das macht - mit einer Sprache, die sich aller möglichen Register bedient, von historischen Fachsprachen bis zur Ironie, von der gedrechselten Wendung bis zum groben Dialog." Weitere Würdigungen in der Welt, auf Zeit Online und in der SZ.
Außerdem: Nikolai Klimeniouk berichtet in der NZZ vom ukrainischen Literaturfestival Meridian. Besprochen wird unter anderem Gerhard Henschels "Oma Jever" (FAZ).
Der Schwerpunkt des FilmfestsMünchen zum NeuenDeutschenKino war in diesem Jahr "durchwachsen", seufzt Axel Timo Purr auf Artechock. Tobias Sedlmaier blickt in der NZZ voraus aufs Filmfestival Locarno.
Besprochen werden EvaTrobischs "Etwas ganz Besonderes" (Perlentaucher), LeylaBouzids "Mit leiser Stimme" (FAZ, unsere Kritik), die Netflix-Version von "Unsere kleine Farm" (Welt) und ThomasKailsDisney-Realverfilmung "Vaiana" (SZ, NZZ).
In der SZ ist Alexander Gorkow empört über den Umgang mit Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel, mit der über eine Verlängerung ihres nächstes Jahr auslaufenden Vertrages nicht einmal gesprochen wurde, weil sich offenbar niemand dafür zuständig fühlte. Das ist symptomatisch für den Umgang mit Künstlern und Institutionen, findet Gorkow. "Mehr als über München erzählt diese kleine Episode aus dem Betrieb deshalb, weil sie über den miserablen Umgang mit einer Frau hinaus in eine deutsche Gegenwart passt, in der die Institutionen geschleift werden. ... In einer Documenta erscheinen gemalte Hakennasen, aber es ist halt der globale Süden, und das muss man verstehen. Wer ist zuständig? Das wird eine Kommission aufarbeiten. Die Intendanz eines der bedeutendsten Sprechtheater wird via Linkedin und Co. auf den Markt geworfen wie ein Job in einem Start-up. Wer ist verantwortlich? Die Intendantin, sie hätte sich mal melden können bei Bimmel oder Bommel. Wer folgt? Findungskommission."
Das es auch anders geht, zeigt ein Interview, ebenfalls in der SZ, mit Wilfried Schulz, dem scheidenden Intendanten des Düsseldorfer Schauspielhauses, der eine insgesamt positive Bilanz zieht: "Man braucht eine gewisse Beharrlichkeit, gute Partner und eine gemeinsame Zielvorstellung. Ich habe immer den Standpunkt vertreten: Wir sind als Theater ein wichtiger Ort in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Entsprechend möchten wir auch behandelt werden. Ohne Geld nutzen die tollsten Konzepte nichts. Wir hatten in den letzten zehn Jahren in Düsseldorf die erfreuliche Situation, dass der Institution Theater eine große Wertschätzung entgegengebracht wurde, von den Zuschauern ebenso wie von der Stadt- und Landespolitik. Das hat auch das Image dieser Stadt verändert. Es ist zu hoffen, dass die Streichung des Opern-Neubaus, ein Projekt, das auch eine inhaltliche Transformation einleiten sollte, nicht auf neue schwierige Zeiten verweist. Man kann Pläne ändern, aber man sollte das - pragmatisch oder visionär - mit einer Zukunftsdiskussion verbinden."
Besprochen werden "Kassandra: coming of age at the end of the world" von Marion Hélène Weber und Azeret Koua am Theaterhaus Jena (nachtkritik) und Barrie Koskys Inszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" beim Festival in Aix (FAZ).
Lisa Berins besucht für die FR den neuen Skulpturenpark, der gerade rings um die Frankfurter Schirn entsteht. Besprochen werden eine Ausstellung des Filmkünstlers Eric Baudelaire, der im CCA Berlin auch einige Skulpturen zeigt (taz), Carlos Casas' Filminstallation über den gewaltigen Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Krakatau 1883 im Münchner Haus der Kunst (taz) und eine Ausstellung des Kollektivs "Kunzten" in der Berliner Kunstfabrik am Flutgraben (taz).
Die Feuilletons trauern um BonnieTyler, die britische Powerballaden-Powerfrau mit der Föhnwelle und der rauen Stimme, die einem operativen Eingriff in ihre Stimmbänder geschuldet ist. Mit einem vom Balkon aus lautstark in die Stadt gebrüllten "It's a Heartache" möchte Jens Balzer am liebsten seinen Gefühlen Ausdruck verleihen, zu unserem Leserglück beschränkt er sich auf eine schriftliche Würdigung auf Zeit Online: Mit dem auf Pop-Bombast spezialisierten JimSteinman fand Tyler in den Achtzigern einen kongenialen Partner im Studio: Mit dem von ihm geschriebenen "Total Eclipse of the Heart" übertraf sie "sich selbst: Aus einem pseudospinettbeklimperten Balladenanfang steigert sie das Stück zu einer mit dem gewaltigsten Gefühl herausgeschmetterten Rockopernarie, larger than life. In dem dazugehörigen Video - einem der ersten größten Erfolge auf MTV - wandelt Bonnie Tyler, nunmehr mit wehender Feder-Fönfrisur, durch ein Spukschloss und deklamiert den Refrain von einer hohen Balustrade herab, während das Treppenhaus darunter von lederbekleidetenZombie-Männern mit verspiegelten Sonnenbrillen erklommen wird. Man könnte auch sagen: Hier wird in knapp sechs Minuten die gesamte Popästhetik der Achtzigerjahre aufs Wesentliche verdichtet."
"Fast alle Songs der 1951 in Wales geborenen Sängerin scheinen schmerzerfüllt auszuatmen, was man seit einiger Zeit als Resilienz bezeichnet, eine unverwüstliche Widerstandskraft, nach Niederlagen aufzustehen und das Krönchen zu richten", schreibt Harry Nutt in der FR. Gerhard Matzig staunt in der SZ: "Dass eine Frau, die seit 1973 glücklich und skandalfrei mit der Liebe ihres Lebens Robert Sullivan verheiratet war, so wundersam authentisch und glaubhaft für unglücklich bis verzweifelt Liebende singt, ist eine der schönsten Pointen der Popgeschichte." Auch modisch war Tyler einflussreich: Mit ihrem Auftreten und ihren extravagantenOutfits prägte sie ein bestimmtes Frauenbild der Achtzigerjahre maßgeblich mit", hält Jan Wiele in der FAZ fest. Weitere Nachrufe schreiben Jan Feddersen (taz) und Manuel Brug (Welt).
Auch ihr zweiter ganz großer 80s-Hit darf nicht verschwiegen werden:
Weiteres: Johann Voigt berichtet in der taz von der grotesken Geschichte, dass der albanische Premierminister Edi Rama in seinem Land unbedingt ein nach allen Regeln der Kunst schiefzugehen drohendes Konzert des wegen seiner grob antisemitischen Tiraden seit Jahren ins Aus manövrierten KanyeWest organisieren will und damit große Teile der Bevölkerung gegen sich aufbringt, während der erhoffte touristische Zustrom sich nicht einstellt, wofür aber alles in allem ein paar Millionen Euro fällig sind. Simon Weber hat für Zeit Online das Finale der Battlerap-Liga besucht. Besprochen wird das heute erscheinende neue Album der RollingStones (taz, FR, Welt, mehr dazu bereits hier und dort).
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