Efeu - Die Kulturrundschau

Die Zukunft war schon immer scheiße

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22.07.2026. Der Tip Berlin fragt, warum das mit öffentlichen Geldern geförderte Berliner Kino Babylon einen lupenreinen russischen Propagandafilm zeigt. David Schalkos Serie "Braunschlag 1986" zeigt uns laut SZ, dass früher auch nicht alles besser war. Die taz begeistert sich auf der Venedig-Biennale für Videokunst von Roman Khimei und Yarema Malashchuk, die lehrt, in kriegsversehrten ukrainischen Gesichtern zu lesen. In Serbien überlässt die Vučić-Regierung ein renommiertes Theaterfestival den Zensoren, warnt der Standard.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2026 finden Sie hier

Film

Back to the 80s: "Braunschlag 1986" von David Schalko

Mit der aktuell auf HBO Max gezeigten Serie "Braunschlag 1986" setzt der österreichische Regisseur und Schriftsteller David Schalko seine ätzende Kultserie "Braunschlag" von 2012 fort - und versetzt die gleichnamige fiktive Gemeinde ins Jahr 1986. Beziehungsweise verordnet dies deren Oberbürgermeister, nachdem der Ort nach einer nuklearen Verseuchung wieder bewohnbar ist, erklärt Moritz Baumstieger in der SZ. Die Bevölkerung feiert den Rückschritt in vermeintlich bessere, da überschaubarere Zeiten. "Ein 'Früher-war-alles-besser'-Gefühl will sich nicht so recht einstellen, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass ein gewisser Jörg Haider im vermeintlich so kuscheligen Jahr 1986 seinen politischen Aufstieg begann, FPÖ-Vorsitzender wurde und das Ergebnis der Partei bei der Nationalratswahl gleich verdoppeln konnte. Und auch dem Serienpersonal dämmert es bald, dass die Reise ins Jahr 1986 zwar Tagestouristen anlocken mag, die Urlaub von der Gegenwart nehmen wollen, die Welt aber nie eine heile war".

Mit dem Dokumentarfilm "Nord Stream - Die Sprengung" läuft im Berliner Kino Babylon seit Anfang des Monats und das auch ziemlich erfolgreich "ein lupenreiner prorussischer Propagandafilm" im Gewand eines Dokumentarfilms, in dessen Darstellung "Russland zu einem ohnmächtigen Subjekt wird, das zum Krieg gegen die Ukraine mehr oder weniger genötigt wurde", schreibt Bert Rebhandl im Tip Berlin. Pikant an der Geschichte: Das formal als "kommunale Kino" geltende Haus wird "vom Senat aktuell mit 584.000 Euro unterstützt". Das Babylon selbst verweist darauf, dass die Vorführung von einem als Mieter auftretenden Fremdveranstalter organisiert werde. "In den Aussendungen des Kinos wird der Film allerdings beworben, als gehöre er zum normalen Programm."

Weitere Artikel: Valérie Catil ärgert sich in der taz über die Frauenfiguren in Christopher Nolans "Odyssee" (unsere Kritik). Tobias Sedlmaier porträtiert für die NZZ die KI-Unternehmerin Cecilia Shen, deren Firma Utopai Studios Hollywood Millionenersparnisse durch KI in Sachen Visual Effects und Storytelling verspricht (hier unser Resümee eines früheren Gesprächs). Fritz Göttler (SZ) und Maria Wiesner (FAZ) gratulieren dem Regisseur Paul Schrader zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Michel Francos mexikanisches Beziehungsdrama "Dreams" mit Jessica Chastain (der Regisseur "erweist sich mit seiner immer etwas plakativen Effekthascherei wieder mal als versierter Manipulator, so gewieft, wie er mit den liberalen Befindlichkeiten des Publikums spielt", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel, taz), Reem Khericis französische Orgasmuskomödie "Chéri, ich komme" (Standard, SZ) und die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Widow's Bay" (FAZ).
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Kunst

Alisa Gorshenina - In Blüte. © Künstlerin

Kerstin Holm besucht für die FAZ die Pulkautal-Biennale in Niederösterreich, die sich der ökologischen Kunst verschreibt. Besonders überzeugt haben die Kritikerin Arbeiten der exilrussischen Künstlerin Alisa Gorshenina. Deren neue, auf der Schau ausgestellte Textilskulptur "In Blüte" setzt laut Holm "einen urig-existenziellen Akzent. An einer Art Astgerippe, das an eine Wirbelsäule mit Becken- und Schulterknochen gemahnt, befestigt sie ein blutrotes Herz und ebensolche, an ausgerissene Wurzeln erinnernde Aderlianen. Die darüber wie ein Lunaria-Blatt schwebende Filzmaske vervollständigt das Selbstbildnis des Heimatverlusts. Weitere während ihrer Residenz in Österreich entstandene Arbeiten sind das weißrot geäderte Filzgewächs eines halbpflanzlichen Außerirdischen mit Auge auf dem herzförmigen Kopf sowie Tränentropfen in Gestalt weiblicher Brüste."

Weitere Artikel: Die EU macht ernst und kürzt, wie die Agenturen melden und unter anderem der Tagesspiegel durchgibt, der Venediger Kunstbiennale Gelder, weil dort dieses Jahr auch Russland geladen war. Ebenso gibt unter anderem der Standard eine Agenturmeldung durch, derzufolge die Apollo-Galerie im Louvre nach dem spektakulären jüngsten Juwelenraub wieder geöffnet ist. Katharina Schwanz berichtet in der BlZ vom Kunstfestival "Wo die Citronen glüh'n" in Weimar. In den USA, berichtet die FAZ, haben die Demokraten eine parlamentarische Initiative gestartet, um Wandgemälde in öffentlichen Gebäuden besser zu schützen - nicht zuletzt vor Abriss durch die Trump-Regierung. Lisa Maria Gasser erklärt im Tagesspiegel, warum ein von der Künstlerin Carmen Maria Alber angefertigtes Porträt der Berliner Rapperin Nura seit Kurzem im Büro des Regierungschefs von Südtirol hängt. Boris Herrmann trifft sich in New York für die SZ mit dem Künstler Andreas Schulze, dem in der dortigen Gallerie Sprüth Magers derzeit die Ausstellung "Cake" gewidmet ist.

Besprochen werden außerdem noch die Ausstellungen "The Lure of the Image - Wie Bilder im Netz verlocken" im C/O Berlin (taz) und "Still Joy", die im Rahmen der diejährigen Venedig-Biennale im Pinchuk Art Centre im Palazzo Contarini Polignac gezeigt wurde (taz).
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Literatur

Der chinesische Lu-Xun-Literaturpreis geht erstmals an einen Amateur-Autor, nämlich an den 56-jährigen Essenslieferanten Wang Jibing, der für seinen Gedichtband "Tiefflug" ausgezeichnet wird, staunt Petra Schellen in der taz. Medienberichten entnimmt sie, dass es sich dabei um "eine Graswurzelliteratur" handelt, "wie sie authentischer nicht sein kann. Zugleich ist das ein Politikum, repräsentieren diese Menschen doch die Kehrseite der Gig-Economy - der Plattform-Wirtschaft, die mit kurzfristigen Aufträgen an 'flexible' Dienstleiter arbeitet. Wobei die Stimmen dieser Marginalisierten in den letzten Jahren hörbarer werden und sich in Chinas Literatur zu behaupten beginnen, vom Publikum hoch gefeiert. Manche nennen es gar historische Transformation der literarischen Welt von den 'großen Narrativen' zu realistischen Geschichten der 'kleinen Leute'. Deren Grundhaltung ist keineswegs larmoyant; vielmehr verseht sich diese Literatur als lebensnah und dokumentarisch."

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Weiteres: In der FAZ-Reihe über die USA im Spiegel ihrer Literatur widmet sich Sandra Kegel J. D. Salingers "Fänger im Roggen".

Besprochen werden unter anderem Paul Ingendaays "Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939" (taz), Raimund Schulz' "Odysseus. Mythos und Wahrheit" (FR), David Bröderbauers "Acker, Baulücke, Deponie. Ein Brachenatlas" (FR), T. C. Boyles Erzählband "Das Ende ist nur ein Anfang" (NZZ) und Martin Piekars "Vom Fällen eines Stammbaums" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

Das renommierte Belgrade International Theatre Festival (Bitef) ist massiv in seiner Existenz gefährdet, berichtet im Standard Margarete Affenzeller. Die rechte Vučić-Regierung hat 2025 den Vertrag des künstlerischen Leiters Nikita Milivojević nicht verlängert - offensichtlich, weil Milivojević zu den Unterstützern der Studentenproteste gegen das Vučić-Regime gehört, die Serbien seit geraumer Zeit in Atem halten. Miloš Lolić, der kurzfristig als Leiter eingesetzt wurde, trat zurück, nachdem das von ihm und seinem Team erarbeitete Programm von der Politik abgelehnt wurde. Wie geht es 2026 weiter? Normalerweise sollte das Festival im September über die Bühne gehen. Aber, so Lolić: "Die diesjährige Ausgabe befindet sich in der schlimmsten Lage aller Zeiten. Die Regierung hat die Zensoren des Vorjahres im Vorstand belassen, und anstatt einen geeigneten Kurator zu finden, entscheidet sie selbst über das Festivalprogramm. Glücklicherweise wird den internationalen Künstlern und Künstlerinnen zunehmend bewusst, dass sie zu einem gekaperten Bitef eingeladen wurden - eine Falle, in der Kunstschaffende den Behörden dienen sollen, um den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten". Einige eingeladene internationale Gruppen haben ihre Teilnahme bereits abgesagt.

Bayreuth - Rheingold 1867. Urheber unbekannt. Quelle: Wikimedia Commons
Die FR beginnt eine vierteilige Artikelserie zur Geschichte der Bayreuther Festspiele, die dieses Jahr ihren 150. feiern. Wilhelm von Sternburg widmet sich zum Auftakt den ganz frühen Jahren, 1876-1882. Sternburg zeichnet nach, wie es Wagner gelang, die Stadt Bayreuth für sein Vorhaben zu gewinnen. Für viel Aufsehen und Diskussionen sorgten die Festspiele von Anfang an. Künstlerisch war dagegen zunächst nicht viel los: "Regie im heutigen Sinn gibt es nicht. Wagner greift von der Seite schreiend, gestikulierend und schimpfend in die Proben ein, bestimmt die szenischen Auftritte und besteht - angesichts des sich in dieser Zeit auf den Bühnen durchsetzenden Naturalismus ziemlich modern! - auf absolutem Realismus. Bärenfell und Siegfrieds Kampf mit dem Drachen lösen im Publikum zwar Lachsalven aus, aber die Rheintöchter 'schwimmen' immerhin im Rhein, wenn auch mit Mühe. Im Tagebuch notiert Cosima Wagner am 26. Juli: 'Immer tiefere Einsicht in der Unvollkommenheit der Darstellung.'"

Besprochen werden das vom Theaterkollektiv Pièrre im Düsseldorfer Stadtraum aufgeführte Stück "Tage aus Glas" nach dem Roman von Dorothee Krings (nachtkritik- "Die Dialoge, denen man mittels Funkkopfhörern folgt, kommen einem extrem nahe"), Robert Carsens jährlich wiederkehrende "Jedermann"-Inszenierung auf den Salzburger Festspielen (NZZ - "eine zeitlose Tour durch die Höhen und Tiefen des kapitalistischen Systems") sowie Tanzstücke des Pekinger Tao Dance Theaters, die am Wiener Burgtheater zu sehen sind (Standard - "So sieht Ambivalenz in ihrer Höchstform aus").
Archiv: Bühne

Musik

Shoko Kuroe schaltet sich auf Backstage Classical in die dort geführte Debatte um Techno in Klassikhäusern ein. Die bisher erschienenen Beiträge (siehe hier und dort) seien nur scheinbar entgegengesetzt, "tatsächlich beschreiben sie jedoch zwei Seiten derselben Medaille: Die Jugend ist keine homogene Zielgruppe. ... Grundsätzlicher ist die Frage: Warum geht man bei den Programmen für die Jugend davon aus, dass diese abgeholt werden muss? Was ist mit denjenigen, die die klassische Musik lieben, also erst gar nicht abgeholt werden müssen? Mein Eindruck ist, dass ausgerechnet diese Menschen vernachlässigt werden, weil sie zahlenmäßig in der Minderheit sind - obwohl sie eigentlich genau die Kernzielgruppe von klassischen Konzerten sind. ... Wenn sich Konzerthäuser mit ihren Jugendformaten zugleich vor allem an klassikfernes Publikum richten, fühlen sich ausgerechnet klassikaffine Jugendliche dort ebenfalls fehl am Platz."

Die Juristen Elisa Hoven und Marco Vöhringer haben für Zeit Online eine Art Gutachten zu Danger Dans in den letzten Tagen vieldiskutiertem Lied "Keine Angst" verfasst. Die Sache ist diffizil - der Vorwurf des Aufrufs zu Gewalttaten verfange juristisch bei einer großzügigen Auslegung der Kunstfreiheit weit weniger als der Vorwurf der Volksverhetzung. Und dem Künstler schreiben sie ins Gebetbuch: "Wer sich derart auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt, dass er selbst die Methoden totalitärer Bewegungen - politische Gewalt und die Delegitimierung rechtsstaatlicher Verfahren - befürwortet oder verklärt, verliert im Kampf gegen den Faschismus jede Glaubwürdigkeit. Ein öffentlich-rechtlicher Sender ist nicht gehalten, einer solchen Botschaft eine Bühne zu bieten." Claudia Reinhard resümiert im Tagesspiegel derweil den Abend im Columbia-Theater in Berlin, den Danger Dan und Igor Levit als Reaktion auf die Absage durch das ZDF spontan veranstaltet haben.

Weiteres: In der Welt freut sich Josef Engels, dass der Berliner ZigZag-Club mit einem noch bis Ende des Monats laufenden Festival an jene längst verwehte Zeiten anschließt, als der Berliner Sommer noch ein einziges Jazzfestival zu sein schien. Manuel Brug resümiert in der Welt den "Kissinger Sommer" in Unterfranken. Helene Slancar plaudert im Standard mit dem Wiener Musiker Bibiza.

Archiv: Musik